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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 6
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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Vl.

So vergingen weiche, lichtgesättigte Tage. Der Ton zwischen ihnen wurde immer vertrauter und inniger. In der heißen Tageszeit lagen sie Seite an Seite im Garten und plauderten, und in der Kühle des Morgens und der fallenden Nacht wanderten sie hinaus. Und wenn auf ihren Wegen die Leute stehen blieben und starrten, oder im Hotel über ihren Verkehr gewispert und gewitzelt wurde, lächelten sie sich stumm und verstehend an. Jetzt, da sie wußte, daß er sich ihres Gebrechens nicht schämte, richtete ein nie gekanntes Selbstbewußtsein sie stolz empor. Sie wußte sehr wohl, daß sie es an Klugheit, an Kenntnissen und Gedankenreichtum mit anderen Frauen aufnehmen konnte. Und an weicher, zarter Fraulichkeit, das wußte sie auch. Oft hatte sie in ihrer Einsamkeit schmerzlich darüber getrauert, daß all diese Gaben segenlos in ihr verkümmern sollten. Freudig öffneten sich jetzt alle Schleusen ihres Denkens und Fühlens und strömten ihre reiche Flut hinüber zu dem Manne, der ihr dankbar und froh empfangend entgegenkam. Und eine nie geahnte Lebensfreude leuchtete in ihren großen braunen Augen. Oft saßen sie, über liebe Nichtigkeiten scherzend, beieinander. Oft aber grübelten sie auch gemeinsam über Welt und Schicksal, Weib und Mann, Gott und Natur und all die unergründlichen lockenden letzten Fragen der Menschheit. So ernsthaft sinnend hatte er sie am liebsten. Dann legte sie allerliebst kindlich den Zeigefinger der linken Hand grüblerisch an die Lippen, zog die Augen eng zusammen, schürzte die gerade, starke Nase und sah sehr wichtig und denkerisch aus. Das sagte er ihr und neckte sie auch oft und überflog mit stillem wohlgefälligen Lächeln ihre abwechslungsvollen Abendkleider. Sechs verschiedene Gesellschaftskleider hatte er nun schon gezählt. Und die Schleifchen und Bänder am Hals und an den Aermeln und in dem schweren, welligen Haar verrieten Kultur und viel zärtliche, sinnige Eitelkeit.

Warm und zart ward der Ton zwischen ihnen.

Eines Nachmittags, als der Himmel bedeckt war, lockte er sie sogar in ein Ruderboot. Mit kindlich-frohem Lächeln saß sie am Steuer, während er geschmeidig die Riemen zog.

»Wie ein Bild von Reynolds sitzen Sie da,« rief er. Sie lachte leise auf und blickte lieb in den Schoß. Sie trug ein faltiges rosa Musselinkleid, das Gesicht beschattete ein großer, strahlenförmig gebogener Panamahut mit lila flatterndem Schleier. Das biegsame, feine Geflecht wippte im Winde leise auf und nieder und warf tanzende Schatten über ihre schon gebräunten, wie von innerer Glut durchleuchteten Wangen. Wenn der Rand des Hutes aufwiegte, glänzten die feinen Härchen auf ihrer warmen Haut goldig auf. Wortlos glitten sie eine Weile dahin.

Dieser Umgang mit dem kranken Mädchen bot dem Manne einen neuen, nie empfundenen Reiz. Er war für ihre Schönheit keineswegs blind. Nein, gerade die Anmut ihres Menschen erhöhte das eigenartige Glück dieser Freundschaft. Es war alles so ganz anders als bei allen seinen früheren Bekanntschaften. Früher, ja, da hatte das Körperliche überragend im Vordergrunde seines Interesses gestanden. Bei Irene Hey trat das Sinnliche, doch nicht das Weib, völlig zurück. Gerade das zart Frauenhafte in ihrem Wesen stimmte ihren Verkehr auf diesen vertrauten Moll-Akkord. Doch das Lockende lag auf rein geistigem Gebiet. Hier brauchte er nicht mit seinem Geist zu feuerwerken. Ihr gegenüber verfiel er nie in seinen alten Berliner witzelnden Jargon. Er fühlte unbewußt, daß dieser Ton in ihren Gesprächen einen schmerzenden Mißklang gegeben hätte. Es war wie das trauliche Plaudern mit einem guten Kameraden, doch viel inniger und zarter.

Denn bei Irene Hey fehlte die geschlechtliche Note nicht ganz, zitterte aber doch nur durch ihre Worte hindurch wie ein leise begleitend verklingender Harfenton.

Während sie jetzt vor ihm saß, dachte er: »Wie ist das lieb.« Es wäre ihm aber niemals der Gedanke gekommen, diese Lippen, die der Seewind feuchtete, zu küssen. Nicht durchbebte ihn die atemraubende Ahnung, in diesem reifen, jungen Busen dort vor ihm könnte das Begehren träumen, sich an seine Brust zu drängen. Daran dachte er nie. Ihre Krankheit bannte jede körperliche Vertraulichkeit. Sie wäre ihm wie eine abgeschmackte Widernatürlichkeit, ein unästhetischer Greuel erschienen.

Sie hatte die linke Hand im Wasser spielen lassen. »Wie schön solche Bootfahrt ist,« schwelgte sie. »Ich bin das erste Mal in meinem Leben auf dem Wasser.«

»Der See ist auch viel schöner hier unten. Das Auge gleitet so weit und eben über die Fläche.«

Sie nickte. »Zu denken,« sann sie, »daß schon vor Tausenden von Jahren Menschen in ihren Barken über dieses selbe Wasser glitten und zu diesen Bergen in Entzücken aufblickten!«

»Das ist wohl nicht ganz richtig,« meinte er. »Die Antike hatte ja kein Auge für Gebirgslandschaft, Bei Homer findet sich keine begeisterte Schilderung der Höhen, trotz dieses unerschöpflichen Reichtums an Naturschilderungen. Die Tiefebene hat ihre Bewunderer gefunden, schon Homer besingt die Ebene des Skamander, das Idagebirge wird nur erwähnt.«

»Sie haben recht,« sagte sie überlegend.

»Ist Ihnen überhaupt jemand bekannt, der vor Rousseau die Schönheit des Gebirges geschildert hat?« fragte er. »Mir nicht.«

»Ja, Giordano Bruno,« erwiderte sie.

»So,« lachte er, »da habe ich wieder etwas gelernt.« Er wußte längst, daß ihre Belesenheit unergründlich war. »Wissen Sie, was mich in Erstaunen setzt?«

Sie blickte fragend auf.

»Wie lebendig all diese Weisheit in Ihnen pulsiert. Zumal es doch so sehr Stubenlektüre bei Ihnen war.«

Sie lächelte. »Es ist, als hätte ich alle Zeit die Ahnung in mir getragen, es werde einmal der Tag kommen, an dem diese tote Gelehrsamkeit zu blühendem Leben auferstehen würde.«

Und hell und dankbar strahlte sie ihn an.

»Halten Sie gerade auf Chillon zu,« rief er plötzlich, »mehr nach links, bitte. So. Hinter dem Schloß ist ein kleiner Hafen. Dort fahren wir ein. Dann will ich mal zusehen, daß wir die alte Burg ohne Begleitung besichtigen dürfen. Neulich, als ich dort war, rannte der Führer immer vor mir her und leierte, obwohl ich ganz allein war, mit lauter Stimme seine Erklärungen her, als spräche er zu einer festlichen Volksversammlung. Das hat mich sehr gestört. Zumal ich in solch altem Gemäuer immer in eine prachtvolle, fruchtbare Schöpferstimmung gerate.«

»Ich verstehe das sehr gut,« sagte sie, »wenn ich ja auch noch niemals in einer Ruine gewesen bin. Ueberhaupt nie auf solch laut redendem historischen Boden gestanden habe.«

»Ich bin so glücklich,« rief er da in warmer, ehrlicher Freude. »daß ich vom Schicksal auserkoren wurde, Ihnen all dieses Neue zu bringen.«

Als sie an den Mauern des Schlosses herumglitten, lobte er: »Jetzt kommt Ihr Meisterstück. Bisher haben Sie wie ein alter Seebär diese erste Steuerfahrt vollführt. Nun zeigen Sie mal, ob Sie uns auch durch das enge Hafentor bugsieren können.«

Sie biß die weißen Zähne auf die Lippen, blickte angestrengt scharf geradeaus und zwang die zitternden Arme zu eherner Ruhe. Glatt und leicht schoß das schmale Fahrzeug in die stille Umfriedung.

»Bravo,« klatschte er in die Hände, sprang auf die Mole und befestigte das Boot. Mutig folgten ihre tastenden, unsicheren Füße.

Vor dem Eingang des Kastells mußten sie einige Zeit warten, ehe man ihnen öffnete. Sie setzten sich auf die Bank am Tore und betrachteten die hohen, starken Mauern.

»Vergangenheit und Gegenwart,« lachte sie plötzlich und zeigte auf zwei kleine Mädchen, die auf bei Torbrücke sich wichtig mit einer Puppe mühten.

»Hold ist es.« nickte er. »Ein Sinnbild des Lebens. Dort die kalten Steine, die von Blut und Gewalttat und dem grimmigen Kampfe der Menschheit grollen, und hier warme, unschuldsfrohe, ahnungslose Kindheit.«

»Sehen Sie nur,« rief sie lebhaft, »wie schön die Kleinere ist, der braune Lockenkopf.«

Während sie noch sprach, blickte das Kind auf, nahm die Puppe beim Arm und kam mit trippelnden Schritten lächelnd auf Irene Hey zu. Triumphierend hielt es ihr den schon arg zerzausten Gliedermann entgegen.

»C'est très joli« lobte das junge Weib und strich dem Kinde mit beiden Händen über das weiche Gelock. Da ließ die Kleine ihr Spielzeug fahren und schmiegte ihr Gesichtchen an die Brust der Fremden. In jäher Aufwallung legte Irene Hey die Arme um den kleinen Nacken und preßte den warmen Kinderkopf inbrünstig gegen ihren Busen. Das Mädchen brummelte vergnügt vor sich hin in die Musselinbluse, die sein Näschen kitzelte.

Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann gab Irene Hey die Kleine frei, die übermütig wie ein kleines Füllen, den Puppenkörper an einem Arm hinter sich herschleppend, zu der Spielgefährtin zurückhüpfte. Scheu und altklug spähte die aus großen, schwarzen Augen auf die Fremden.

Wilm blickte vor sich nieder und malte mit dem Spazierstock Kreise in den Sand. Er wagte nicht, sie anzublicken, aus Scheu vor der armen Weibeszärtlichkeit, die nackt und hüllenlos in ihr aufgeschluchzt hatte.

Doch ein stilles Weben zog harte Fäden zwischen ihnen. Er fühlte deutlich, fühlte es körperlich, daß zwei sehnsuchtsschwere, perlende Tropfen über ihre Wangen rannen. Da wischte sie mit dem Taschentuche über die Augen und sagte mit einem rührend tränenfeuchten Lächeln: »Es ist ein Tag der Wunder. Heute komme ich zum ersten Male zu kalten, altersgrauen Ruinen und warmen, jungbraunen Kinderköpfen.« Und in. sein stilles Lächeln fügte sie hinein: »Und ich bin doch schon solch altes Mädchen von fast vierundzwanzig.« – –

Da erschien der Torwart. Nach einigem Verhandeln wurde ihnen gestattet, sich auf eigene Faust in dem Gemäuer zu tummeln. Ueber den geräumigen Hof hinweg geleitete sie Wilm fürsorglich in die dumpfkühlen Kellerräume. Unter den hallenden Deckenwölbungen schritten sie auf dem nackten Gestein dahin, auf dem die Burg ruht. Felsblöcke ragten an allen Ecken aus dem Boden hervor.

»Dort,« wies er auf einen spitzigen Längsblock, »mußten die Verurteilten die letzte Nacht vor dem Tode verbringen. Vielleicht fürchtete man, sie könnten sonst zu friedlich schlummern.«

Ihr schauderte.

Er blieb sinnend stehen. »Ich habe oft versucht, mir solche Nacht vor dem gewaltsamen Tode vorzustellen, ihn bis ins Letzte in meiner Phantasie zu durchleben. Es ist sehr schwer.«

»Doch auch ganz individuell,« rief sie eifrig, »je nachdem das Leben war. Ich kann mir vorstellen, daß der eine dort ganz sanft und ergeben geschlummert und ein anderer sich den Rücken an den spitzen Kanten blutig geschlagen hat in ohnmächtigem Aufbäumen gegen sein Geschick.«

»Gewiß.« meinte er, »Gemütsverfassung und –«

»Vor allem,« ereiferte sie sich, »kommt es doch darauf an: was hat einem das Leben gebracht und was kann es noch bringen. Wird man herausgezerrt aus glücklichem Genießen und wird der volle schäumende Becher einem vom Munde gerissen, dann – oh, dann muß das jähe, bewußte Endenmüssen furchtbar sein. Aber lebt man nur, weil man eben atmet – was ist einem dann der Tod! Ein Nichts, ein blasser Uebergang, wenn nicht eine ersehnte Erlösung. Der kurze Schmerz« – sie machte eine weite Geste – »was ist der gegen diese langsam zehrende, bleiche Verzweiflung!«

In ihren Worten rang eine bittere Erfahrung nach Worten. Er verstand, nahm sanft ihren Arm und führte sie weiter. Sie kamen jetzt in einen schmalen Raum. In einiger Höhe kreuzte ihn ein altersschwarzer Balken. Ihm gegenüber war eine geräumige Luke in der Wand, durch die man hindurchblicken konnte weit über den See.

»Das war der Galgen,« erläuterte er. »Ueber den Balken schlang man ein Seil mit einer Schlinge. Und dann zogen zwei handfeste Gesellen den armen Teufel zur Höhe, und die Leiche wurde, kaum erkaltet, da hinunterexpediert.« Er deutete auf das Wasser.

Sie deckte die Hand über die Augen. »Grauenhaft,« schüttelte sie sich und lehnte sich gegen die Steinpilaster der Oeffnung. »Sehen Sie lieber das dort draußen,« lenkte sie ab.

Die Sonne war im Untergehen siegreich durch die rieselnden Nebel gedrungen. Purpurstreifen zogen sich wie leuchtende Korallenriffe durch das bleigraue Wasser. Hoch in der Luft schwamm mit weitgespannter Gabel ein Raubvogel. In gebietender Ruhe zog er seine stillen, weitschweifenden Kreise.

Sie wies mit den Augen fragend hinauf.

»Es wird ein Adler sein,« sagte er prüfend, »der drüben in den Savoyer Klüften horstet.«

Jetzt stand der Räuber wie ein Punkt in der Luft. Dann glitt er jäh zur Tiefe mit breiten, sonnendurchgluteten Schwungfedern wie ein fallender, schwerer Blutstropfen. Und dann schwebte er wieder dahin, machte nur dann und wann einige mühelose Schläge mit den Schwingen, bis er mit einer seltsam torkelnden Wendung noch tiefer schoß, dicht über das Wasser hinschaukelte, um dann in wuchtig geschäftigen Rudern wieder zur rosig verschwimmenden Höhe zu steigen.

»Das sah der Sterbende,« trauerte sie leise, »dieses Weite und Lichte und den stolzen Freiheitsvogel dort draußen. Das sah er, den Kopf in der würgenden Schlinge.«

»Wissen Sie,« rief er, »was das Furchtbarste dabei gewesen sein muß: hier in der Stille zu verrecken wie eine ersäufte Katze. Vor einer Menge zu sterben scheint mir nicht so schwer. Teilnahme ober auch Abscheu der Mitwelt hilft hinüber. Aber zwecklos in dieser Höhle abgewürgt zu werden, ohne daß ein Hahn nach einem kräht. Pfui Teufel!«

Sie wiegte nachdenklich mit dem Kopf. »Ja, das ist das Traurigste. Diese verborgenen, stummen Schmerzen, die man ungehört hinausschreit. Die kein teilnehmendes Ohr erreichen. Als Held – auch als betüchtigster – zu leiden, scheint mir nicht bitter. Aber so ganz in der Stille zu verröcheln –«

Sie brach ab.

»Kommen Sie weiter,« drängte er. Er fühlte durch alle ihre Worte das Erlebnis.

Sie gelangten in einen langen Saal, dessen gewölbte Decke von sechs steinernen Säulen getragen wurde.

»Hier an die Ringe in diesen Pilastern wurden die Gefangenen angeschmiedet – jahrelang. Der Gefangene von Chillon, den Byron besingt – der gute Bonivard aus Genf, hat an der Säule dort sechs Jahre gekauert, ehe man ihn laufen ließ. Aber manche wanden sich in ihren Eisen, bis sie in todesmatten Zuckungen an ihrem Marterpfahle zusammenbrachen.«

Sie schwiegen.

»Wie seltsam der Mensch ist,« sagte sie dann.

Er verstand. »Ja,« nahm er den Gedanken auf. »Man möchte glauben, er würde ein kurzes Ende machen. Tagelang die Nahrung verweigern. Niemand hätte sie ihm hinabgezwungen. Aber nein. Da steht der Mensch Stunde um Stunde in dieser blutleeren Dämmerung des Tages und dem schwarzen Nichts der Nacht, bebt vor Kälte und Fieber und lebt und lebt. Weil vielleicht doch einmal die Freiheit kommt.«

»Ja,« nickte sie, »so ist der Mensch. Er weiß: du bleibst hier in Nacht und Grauen angeschmiedet bis zu deiner letzten Stunde. Nur ein Wunder kann dich erlösen. Und er steht und steht und starrt mit brennenden Augen in das Dunkel, ob das Wunder noch immer nicht kommt.« Und dann hob sie die Augen leuchtend zu ihm empor und lächelte: »Und der Mensch hat recht. Denn bisweilen kommt das Wunder.«

Da nahm er fest ihren Arm und rief: »Und dann führt es den armen Gefangenen hinaus ins warme Licht.«

Wie zwei Kinder gingen sie zurück in den Hof. Wohlig umfing sie die Wärme des Tages nach der Moderkälte des Kellergewölbes. Jetzt stiegen sie in die oberen Räume hinauf und freuten sich an der großzügigen Weite des Gerichtssaales.

In der engen Folterstube daneben aber wurde ihnen wieder bedrückt zumute. »Sehen Sie den Holzpfeiler an, der die Decke trägt,« zeigte er. »Er ist zerschunden von den wühlenden Nägeln der Gemarterten. Es war eine Spezialität von Chillon, den Leuten mit glühenden Eisen die Fußsohlen zu kitzeln.«

»Schweigen Sie,« rief sie entsetzt.

»Wir wollen uns auf die Bank dort setzen,« schlug er vor, »wenn es Ihnen nicht zuwider ist. Es ist mir, als müßte ich einige stille Minuten dem ohnmächtigen Schmerze weihen, der hier verblutet ist.«

Stumm setzte sie sich.

Nach einer kurzen Weile aber sprang sie auf, faßte seine beiden Hände, preßte sie leidenschaftlich und rief, daß ihre purpurwarme Stimme von der Decke widerhallte:

»Nein, nein. Nicht den verklungenen Schmerzensschreien nachlauschen! In diesen Wänden, an denen nie etwas anderes als jammerndes Wehklagen zerschellt ist, will ich es Ihnen sagen. Gerade hier. Sie haben mich von der Säule gelöst. Sie! Die Freiheit und das Leben haben Sie mir gegeben. Ich will nicht daran denken, daß es einmal ein Ende haben wird. Muß. Bald. Daß ich dann wieder an meinen Ring geschmiedet stehe und in das Dunkel starre und auf meine einsamen Qualen lausche. Ich will daran nicht denken. Jetzt ist Freiheit und Leben. Daran allein will ich denken und jeden Augenblick in mich einschlürfen – Dank – Dank – –« Und plötzlich lag sie vor ihm auf den Knien und küßte in ungestümer Heftigkeit seine Hände.

Erschreckt richtete er sich auf. »Aber – Fräulein Hey – liebes Fräulein Irene –« stammelte er verdutzt. Dann hob er sie mit Anstrengung empor.

Gesenkten Blickes, heftig zuckend und bebend, stand sie vor ihm. Aber dann hob sie die feuchten Augen und sagte leise: »Nun habe ich es Ihnen gesagt. Und nun werde ich Sie nie wieder mit solchen Ausbrüchen belästigen. Wenn es Ihnen recht ist, rudern wir jetzt zurück. Ich bin sehr müde.«

Wortlos gingen sie hinaus. Sie hing schwer an seinem Arm. »Lieb,« sagte er nur einmal ganz leise und kosend.

Als ihnen draußen vor dem Tore ein Händler Ansichtskarten des Schlosses anbot und anpreisend rief: »Das Schloß Chillon, die Marterstätte der Gefangenen!« lächelten sie sich heimlich zu. Sie beide wußten es anders und besser.

Wortlos fuhren sie in den See hinaus, dem flammenden Westhimmel entgegen, und als die weißen Mauern der Burg wie ein zarter rosa Hauch in der Dämmerung zerrannen, zog sie plötzlich ihr Tuch und winkte mit einem träumerisch-seligen Zug um den Mund liebkosend grüßend zurück.

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