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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 4
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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IV.

So begann es. Und die Stimmung der beiden Menschen und der Ort mit seinen weichen Farben gab ihrer Bekanntschaft sehr bald einen ungewohnt trauten Ton.

Noch bei dieser ersten Begegnung saßen sie lange beisammen und sprachen über ihr Leben, ihre Reisen und die Bücher, die sie kannten und liebten. Es zeigte sich, daß ihr Geschmack sich begegnete. Und sie lag vor ihm, schick und taufrisch, ganz Weltdame und ganz Kind. Das machte ihre arme Hilflosigkeit. Als es dann später wurde und der kühle Frühlingsabend fröstelnd durch die Blätter schauerte, nahm er wortlos die Decke, die zu ihren Füßen lag, breitete sie über sie und hüllte sie vorsorglich hinein. Mütterlich wichtig stopfte er die Kanten des Tuches unter ihrem Körper fest.

»Wie gut Sie sind,« dankte sie ihm leise.

Da ward ihm bewußt, daß er seit langen Jahren zum ersten Mal einen Frauenkörper ohne sinnliche Empfindung berühre.

»Oh,« wehrte er, »ich und gut. Liebes Fräulein! Nein, das bin ich wahrhaftig nicht. Nur – es ist so eigen mit Ihnen.« Und da er bemerkte, daß die blauen Schatten unter ihren Augen dunkler wurden, fügte er hinzu: »Nein – Mitleid ist es auch nicht. Ich – ja offen heraus, weiß ich selbst nicht, was mich Ihnen gegenüber so weich stimmt. Es geht wohl von Ihrem Wesen aus und von dieser rührenden Reinheit Ihrer Stirn.«

Sie schmiegte den Kopf tief in das Kissen zurück, daß die braunen Flechten sich am Hinterhaupt breit drückten, sah zwischen den Bäumen zu dem abendlich grünen Himmel auf und sprach vor sich hin: »Ich weiß nur, daß es sehr gut ist.«

»Ja,« nickte er lebhaft. »Ich freue mich, daß wir uns getroffen haben. Ich ahne eine schöne Zeit mit Ihnen. So etwas fühlt man in der ersten Stunde des Begegnens. Ich weiß, in Ihrer Nähe wird meine –« er lächelte schüchtern, wie ein Junge – »Wiedergeburt leicht werden. Sie ziehen alles, was gut in mir ist, aus dem Schutt meiner Brust hervor.«

»Sie sind ein Dichter.« lächelte sie. »Und ich glaube, ein guter. Sie haben etwas, was auf den großen Künstler hindeutet: Sie haben sich Ihr kindliches Gemüt bewahrt.«

Er lachte hell auf.

»Doch,« beharrte sie. »Sie haben die unbewußte Güte des Kindes. Vielleicht lag sie bisher in Ihnen brach. Wenn ich sie geweckt haben sollte und damit beitragen würde, Ihr Künstlertum zu erhöhen – dann« – Sie richtete sich auf und brach leidenschaftlich aus: »Dann würde ich mein Treffen mit Ihnen segnen. Denken Sie, dann würde ich etwas nützen, etwas fördern, etwas tun – tun – nicht immer nur lästige Drohne sein.«

Sie fiel erschöpft zurück.

»Mir werden Sie helfen,« tröstete er zuversichtlich. »Sie werden ja sehen. Und es ist so gut, daß wir soviel Zeit für einander haben.«

»Nein,« entschied sie, »Sie dürfen sich Ihrer Arbeit nicht entziehen. Sie sollen schreiben.«

»Das tue ich nachts. Damit hat es aber noch gute Wege. Zum Schreibtisch komme ich vorläufig nicht. Es muß erst in mir wachsen. Und das geschieht am besten, wenn ich mit Ihnen plaudere.«

»Ich verstehe nicht,« blinzelte sie, »das wächst still von selbst in Ihnen heran?«

Er nickte.

»Wie töricht man ist,« sann sie. »Da genießt man Kunstwerk auf Kunstwerk, ohne sich ein einziges Mal zu fragen, wie das in seinem Schöpfer wohl entstanden ist.« Sie hüllte sich schmiegsam in ihre Decke und rückte sich behaglich zurecht. »Erzählen Sie bitte, wie solch ein Buch in Ihnen entsteht.«

»Hm,« machte er. »Ich sagte Ihnen ja, ein Buch habe ich noch nicht geschrieben. Aber mit solchen kleinen Novellen ist es wohl ähnlich. Jeder schaffende Mensch arbeitet nach seiner eigenen Weise. Man kann darüber nur ganz Persönliches sagen.«

»Mehr kann man wohl nie sagen über die wertvollsten psychischen Dinge,« warf sie ein. »Und doch hat es immer etwas allgemein Gültiges.«

»Ja – gewiß. Also ich habe zuerst meist die Idee, die ich behandeln will. Sie stammt aus meinen persönlichsten Erlebnissen. Dann gehe ich umher, und die Menschen, die durch ihr Leben und Tun diese Idee verwirklichen sollen, werden in mir lebendig. Meist sind es Personen meiner Bekanntschaft.« Er machte eine Pause und sagte dann plötzlich: »Ich bin davon durchdrungen, alles künstlerische Schaffen ist Zeugung und Geburt auf geistigem Gebiet.«

Sie blickte ihn fragend cm.

»Es lassen sich für jeden Vorgang Parallelen ziehen, keine äußerlichen. Das Aufblitzen der ersten Idee ist die Empfängnis. Bezeichnenderweise nennt man diesen Vorgang auch Konzeption. Ich habe mit anderen Künstlern darüber gesprochen. Sie alle gestanden mir, sie würden bei diesem ersten Aufzucken des Gedankens von einem Rausche geschüttelt, dem nur der Taumel der höchsten Wollust ebenbürtig sei.« »Wie seltsam.« flüsterte sie.

»Ja, und dann beginnt die Zeit des Austragens. Man geht umher, denkt an die Frucht in seinem Hirn, sinnt und grübelt darüber, und es wächst, geheimnisvoll und unbegreiflich, wie die Frucht im Mutterleibe. Und wenn die Zeit sich erfüllt hat, wenn alles lebendig pulsend in einem webt, beginnt die qualvolle Zeit des Austreibens, des Niederschreibens, die fast jedem Schaffenden der Feder ein Grauen ist und ein physisches Unbehagen.« Er schwieg. Und da sie nichts entgegnete, schloß er lächelnd: »Daher auch später diese mütterliche Liebe zu solchem Werke.«

Jetzt sagte sie: »Das alles geht wohl nur in großen Künstlern vor. Heute begreife ich, daß sie heilig sind wie Mütter.«

Dann blickten sie stumm hinüber zu den Bergen. Drüben die schneeigen Rippen der Savoyer Alpen leuchteten in der sinkenden Sonne wie reiche Goldadern. Der junge Schnee an dem seinen Halse des Dent du Midi glühte wie ein Geschmeide kostbarer Rubinen. Zarte weiße, durchsichtige Wolken senkten sich von dem Gipfel des Gletschers hernieder und legten sich weich und kosend über die sanft strahlenden Kleinodien.

Lange staunten sie in dieses geheimnisvolle Abendweben. Endlich sagte sie: »Ist es Ihnen auch aufgefallen, wie weiblich dieser Dent du Midi ist?«

»Nein,« gestand er lächelnd, »aber jetzt –«

»Sehen Sie,« rief sie lebhaft, »nun legt sie eine flaumige Boa um den weißen, schimmernden Hals. Denn es weht kühl dort oben. Aber kokett läßt sie ihr Geschmeide hindurchgluten. Man möchte glauben, sie schmücke sich für den finsteren, starken Gesellen dort.« Sie zeigte auf den dunklen, ernsten Bergrücken über Territet. »Ich, die ist eine Arge!«

Sie lachte schalkhaft. Er stimmte fröhlich ein. Da verdichteten sich jäh die Nebel und verhüllten die Berge und die Firnen des Dent du Midi hinter undurchdringlichen Vorhängen.

»Schämen Sie sich,« schalt sie lächelnd, »dringen Sie nicht ein mit schlimmen Gedanken in die Geheimnisse der großen Natur, Denn sie war in all diesen Jahren des Leids meine einzige Freundin. Und gerade die Berge dort, die liebe ich so sehr.«

»Sie müßten die Landschaft erst einmal von den Höhen aus sehen!« rief er begeistert. »Hineinklimmen in die Berge und auf dieses Seetal hinabstaunen. Ich bin oft hinaufgestiegen. Man möchte schreien vor berauschtem Entzücken, wenn die Sonne sinkt und mit flammender Rute über See und Himmel fegt.«

»Ich möchte schon hinauf,« sagte sie leise.

Er blickte sie an.

»Ich soll sogar gehen und mir möglichst viel Bewegung machen. Nur – die Lust dazu fehlt mir. Ich ermüde auch leicht am Arm meiner Begleiterin. Da bleibe ich lieber still liegen und ersteige in meinen Träumen die weitschauendsten Höhen.«

»Oh,« drohte er, »so befolgen Sie die Anordnungen Ihrer Aerzte! Und da wollen Sie gesund werden? Aber nun hat die Trägheit ein Ende, verstanden! Jetzt wird marschiert – an meinem Arm. Wenn Sie wollen, natürlich.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Das tue ich nicht. Das sagen Sie jetzt auch nur in Ihrer liebenswürdigen Güte, weil Sie nicht wissen, was es bedeutet, einen strauchelnden Menschen durch diese schöne Welt zu schleppen.«

»Aber liebes Fräulein!«

»Lassen Sie nur,« wehrte sie mit der ihr eigenen Handbewegung. »Ich weiß das besser. Und schämen würden Sie sich auch, wenn die Leute sich nach Ihnen umsehen.«

»Was gehen mich die Leute an!« rief er fast ärgerlich.

Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und dehnte die Glieder. »Ich danke Ihnen,« sagte sie leise, »sprechen wir nicht mehr davon.«

Da fragte er: »Würde es Ihnen peinlich sein?«

»Mir? – nein.« Sie sah ihm prüfend in die Augen.

»Dann wandern wir in Zukunft zusammen.« entschied er. »Basta. Das wäre ja noch schöner.«

Und als sie noch etwas entgegnen wollte, sprach er wie zu einem Kinde: »Ganz still sind wir. Kein Wort haben wir dawider zu reden! Das wäre mir ja eine schöne Freundschaft.« Und ernsthaft fuhr er fort: »Fräulein Hey, es wird mir selbst eine große, stille Freude sein, Ihnen die Welt hier herum zu zeigen. Und dann – es wird noch mehr sein. Ich werde vielleicht zum ersten Male in meinem Leben gut sein zu einem Weibe.« Und um jede Erwiderung abzuschneiden, zog er die Uhr und sagte: »So, und nun ist bald Essenszeit. Wenn Sie sich noch umziehen wollen, müssen Sie sich beeilen.« Damit half er ihr aus dem Stuhle und führte sie durch den Garten und in die Halle zum Fahrstuhl.

Doch an demselben Tische mit ihm wollte sie nicht speisen. »Nein,« blieb sie fest, »ich bin eitel.«

Er nickte scherzhaft. Das wußte er bereits.

»Es sieht sehr häßlich aus, wenn ich esse. Weil der rechte Arm doch fast unbrauchbar ist. Man muß mir alles zerkleinern wie einem Wickelkinde. Das sollen Sie in der Nähe nicht sehen.«

So blieb er denn hinter ihr an seinem Tische. Doch warme Ströme innigen Teilnehmens fluteten hinüber von ihm zu ihr. Bisweilen wandte sie sich ihm zu mit einem raschen, drolligen Scherzwort. Oder deutete stumm mit widerleuchtenden Augen hinaus auf den Feuerzauber des Alpenglühens. Und er saß und sah ihren weißen Hals und ihre sanft abfallenden jungen Schultern und das neue blaue Seidenkleid, das sie heute zum ersten Male trug, und die hübsche, kokette rosa Schleife in dem prachtvollen weich-glänzenden Haar.

Und das feine Oval des Gesichtes sah er und die seidig-schimmemde Haut der Wangen. Und wurde sehr, sehr traurig.

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