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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 3
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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III.

So ging es einige Tage fort. Er saß in ihrer Nähe, empfand stark ihre sinnige Gegenwart, umfaßte sie mit scheu mitfühlenden Blicken und bildete sich ein, daß ein weicher Schleier gegenseitigen Verstehens und heimlichen Zueinandergehörens sie beide umfasse und absondere von der übrigen gleichgültigen Bewohnerschaft des Hotels.

Und dann schlossen sie eines Tages Freundschaft. Der Annäherung gebrach jede Eigenart.

Sie lag auf ihrem Stuhle im Garten und las. Er kauerte in ihrer Nähe und haspelte in Gedanken an seinem Werke. Irene Hey legte das Buch in den Schoß und tastete mit den Händen an das Haar, eine Spange, die sich gelöst hatte, zu befestigen. Da glitt durch eine Bewegung der Knie – sie wußte später selbst nicht recht, ob sie beabsichtigt war – das Buch zu Boden. Sie haschte danach, er sprang auf und reichte es ihr. Dabei fiel sein Blick auf ihren Namen, der auf dem Einband stand.

»Danke sehr,« sagte sie.

»Welch schönen Namen Sie haben,« bewunderte er.

Sie blickte ein wenig erstaunt zu ihm auf. »Finden Sie?« fragte sie und lächelte ihm freundlich zu. »Ich habe ihn auch gern. Sie meinen doch den Vornamen?«

»Ja.«

»Aber er paßt nicht recht zu mir.«

»Nein.« entschied er prompt.

»Woher wissen Sie das?« rief sie da überrascht. Sie hatte gemeint, der Name Irene sei zu lauter und rein und passe nicht zu einer Kranken. Aber er? Das konnte er doch nicht meinen.

»Ich darf doch?« bat er und zog einen Stuhl heran.

»Bitte sehr.«

»Wissen Sie, was der Name bedeutet?« fragte er.

»Ja – Frieden.«

»Und deswegen paßt er nicht zu Ihnen.«

Sie zog die dichten, pikanten Brauen eng zusammen, lächelte aber liebenswürdig: »Worauf gründen Sie Ihre Behauptung?«

»Auf meine Beobachtung,« scherzte er.

»Die haben Sie allerdings ziemlich verwegen betrieben,« lachte sie, daß die prachtvollen Zähne schimmerten, »am Ende täuschen Sie sich aber.«

»Kaum.«

»Sind Sie solch tiefgründiger Psychologe?«

»Vielleicht. Uebrigens – gestatten Sie, Oskar Wilm ist mein Name.«

Sie nickte nur.

Ein wenig verletzt fügte er daher hinzu: »Ich bin Schriftsteller.«

»Ach so,« sagte sie ohne sichtbare Erregung.

»Nanu, die tut aber abgebrüht,« ärgerte er sich. Dann aber fiel ihm tröstend ein, daß einer Frau, die Sophokles als Abendlektüre las, Oskar Wilm keine Offenbarung sein konnte. Und als er in ihre klaren, lächelnden Augen blickte, verflog aller Verdruß.

»Dann leiden Sie ja freilich schon von Berufswegen an einer gewissen Beobachtungsmanie,« fuhr sie fort. »Die hat Ihnen also verraten, daß ich nicht friedlich bin?«

»Die hat mir verraten, daß Sie –« er brach ab. Plötzlich merkte er, daß er eine Taktlosigkeit begehen wollte. Sie ahnte es, errötete leicht und sagte, indem sie an ihm vorbeiblickte: »Herr –« sie suchte den Namen. »Wilm,« ergänzte er.

»Ja – Herr Wilm, sprechen Sie immer ruhig Ihre Gedanken aus. Dinge, die meine Krankheit berühren, verletzen mich nicht mehr.«

Sie sagte das so schlicht und selbstverständlich, daß ihm ganz traurig ums Herz wurde. Wieder packte ihn diese warme, fast väterliche Zärtlichkeit ihr gegenüber. Die Augen wurden ihm wider Willen feucht. Sie bemerkte es, ein Zucken huschte um ihre blassen Lippen, doch gleich darauf lächelte sie: »Die Aufklärung sind Sie mir immer noch schuldig.«

Er schluckte etwas Hartes, das ihm den Schlund sperrte, hinunter und sagte ohne Umschweife:

»In Ihnen ist kein Friede. Was Sie uns und Ihrer Wärterin zeigen, ist Maske. Es wäre wohl auch zuviel, wenn Sie sich bei Ihren jungen Jahren abgefunden hätten.«

Sie blickte an ihm vorbei auf den See hinaus und erwiderte nichts. Er glaubte, er habe ihr weh getan. Daher fügte er leise hinzu: »Verzeihen Sie, wenn ich unzart war. Es entfuhr mir nur vorhin, als Sie sagten, Ihr Name passe nicht zu Ihnen. Und nachher wollte ich Ihnen Wahrheit geben.«

Sie antwortete noch immer nichts, starrte nur mit umschatteten Augen in die Weite. Auch er schwieg beklommen. Endlich begann sie: »Unzart war es nicht. Im Gegenteil. Vielleicht haben Sie aber doch nicht ganz recht. Ich weiß es selbst nicht. Es ist so töricht, sich gegen sein Los aufzubäumen. Ich trage es ja auch. Nur manchmal –« Sie preßte die Lippen fest aufeinander.

»Sie sehen wohl zu düster,« tröstete er. »Sie werden genesen und –«

Sie schüttelte die zitternde Hand in der Luft. »Lassen Sie, ich weiß, wie es mit mir steht. Manche werden alt damit. Desto schlimmer. Ich werde jung sterben. Und was mir als Leben beschieden ist, das ist dieses.«

Sie wies mit ihrer Hand an ihrem Körper entlang und zeigte ihr erloschenes Totenmaskengesicht. Gleich darauf aber kam wieder Helle in ihre wandlungsfähigen Züge. »Unsinn,« lachte sie schmerzlich auf, »ich will Sie nicht quälen und mich nicht interessant machen.«

Er machte eine abwehrende Bewegung.

»Und damit wir das Thema meiner Krankheit, das sonst doch immer zwischen uns stände, ein für allemal abtun, will ich Ihnen lieber gleich alles sagen. Staunen Sie mich gefälligst an. Ich bin ein Wundertier. Mein alter Geheimrat in Berlin wollte mich durchaus seinen Studenten vorstellen. Ich bin nämlich ein Unikum. Bin ein noch nie beobachteter Fall von Huntingtonscher Chorea. Ich bitte also um Ihren bewundernden Respekt.« Das sprudelte sie in leichtem, fast übermütigem Tone hervor. Wilm starrte sie an. Nur, um überhaupt etwas zu sagen, wiederholte er: »Chorea?«

»Ja.« nickte sie munter, das Zittern ihres Kopfes sah dabei fast scherzhaft aus, »Chorea, vom griechischen Choros = Reigen. Es ist eine milde Art Veitstanz.«

Wilm umfaßte mit den Fingern beider Hände krampfhaft die Rohrlehne des Gartenstuhls, um nicht zurückzuprallen und seine Haltung zu bewahren. Ein eisiges Entsetzen fuhr ihm über den Schädel. Er sah plötzlich eine schauerliche Szene vor sich, die ihn einst in Neapel in Grauen davongehetzt hatte. In einem kleinen zerbrochenen Kinderwagen ein etwa vierzigjähriger Mann mit verwüstetem Gesicht, kahlem, zerschundenem Schädel, halb nacktem, schmierig-dürrem Körper, der sich in gräßlichen Zuckungen wand, und ringsherum ein Rudel johlender, höhnender Kinder. Das war das Bild des Veitstanzes, das Wilm in sich trug. Und dieses schöne, junge Weib?

Mit erstaunlichem Feingefühl begriff sie, was in ihm vorging. »Jetzt hat Sie ein Grauen gefaßt,« sagt sie leise und lächelte ihr schmerzensreiches Lächeln, »aber ich mußte es Ihnen sagen. Es wäre mir sonst wie Betrug erschienen.«

»Aber nein,« log er und suchte seines Abscheus Herr zu werden, »ich meinte nur – es wäre etwas mit dem Rückenmark.«

Sie machte eine wegwerfende Geste mit der linken Hand.

»Was es eigentlich ist, wissen die Aerzte ja selbst nicht. Das mit der Chorea sagen sie wohl auch nur um dem Kind einen Namen zu geben. Das Unheimliche ist, daß ich im übrigen völlig gesund bin.«

»Das schien mir auch,« nickte er.

»Völlig. Alle Organe sind prachtvoll intakt. Da ist ja gerade das Traurige.«

»Aber Fräulein Hey!«

Sie beachtete nicht, daß er sich auch ihren Zunamen gemerkt hatte. »Ja, das ist das Traurige,« beharrte sie. »Nicht das –« sie zögerte, suchte nach einem Ausdruck und sagte dann »– Unschöne meiner Krankheit ist das Unerträgliche. Nein. Aber daß ich mich so gesund fühle, die Lebenskraft mir strotzend in allen Gliedern pulsiert und ich doch ein Krüppel bin.«

Sie schwieg wieder und er wagte nicht, dem Gedanken Worte zu geben, daß dieses Kraftgefühl doch im Grunde ein Glück für sie sei.

Jetzt fuhr sie mit tastender Hand über die rechte Seite ihres welligen Scheitels und lächelte:

»Nun haben wir aber über mich genug geredet und jetzt erzählen Sie mir lieber etwas von Ihrem Leben. Sie müssen ja so viel zu erzählen haben. Als Mann und gesunder Mensch!«

Jetzt lächelte er. »Liebes Fräulein.« hob er nachdenklich an, »da ist nicht viel Erzählenswertes. Ich bin hier, ein neues Leben zu beginnen.«

»Ein neues Leben? War das alte – ?«

»Nichts wert war es. Jetzt soll es anders werden. Und ein Buch will ich hier schreiben, ein starkes.«

»Ah,« machte sie interessiert, »kann man von dem Inhalt etwas erfahren?«

»Man kann,« neckte er, »denn es handelt von Ihnen.«

»Von mir?« rief sie lebhaft und setzte sich in dem Stuhl aufrecht, »von mir? Wie kommen Sie gerade auf mich?«

»Weil Sie mich vom ersten Augenblick an interessiert haben.«

»Das habe ich bemerkt,« sie sah allerliebst schalkhaft aus, »ich glaubte aber, Sie wären Arzt und – daher –«

»Nein, rein menschlich war meine Teilnahme.«

»Oder literarisch,« scherzte, sie. »Aber erzählen Sie von dem Buch.«

»Erzählen kann ich Ihnen leider noch nichts davon. Fabel habe ich noch kaum. Nur so die Idee. Aber über die kann ich noch nicht reden. Doch ich will es Ihnen vorlesen, kapitelweise, wie es entsteht. Und Sie sollen mir beratende Kritik beim Werden sein.«

»Ob Sie meine Urteilskraft da nicht überschätzen?«

»Nein, wer den Sophokles liest –«

»O,« meinte sie geringschätzig, »Sie wissen ja, Frauen treiben alles von solch beschränktem persönlichen Standpunkte aus. Ich lese die griechischen Tragödien, weil –«

»Sie sich dann finden,« ergänzte er bestimmt. Sie sah ihn überrascht an. »Sie sind ein feiner Psychologe,« sagte sie langsam. »Sie haben recht. Ja – es beruhigt mich, macht mich auch meinem Schicksal gefügiger, wenn ich diese wuchtigen Geschicke auf mich wirken lasse.«

»Ich verstehe sehr wohl,« sann er, »wenn Sie sehen, daß aller guter Wille, alles Streben, und Wohltun einen Oedipus seinem vorbestimmten grausigen Los doch nicht entreißt –«

Sie nickte. »Dann ergebe ich mich still in mein schweres, kleines Geschick.«

Wieder entstand eine Pause. Im Musikzimmer klimperte jemand die Cabanera aus Carmen. Drüben puffte tutend ein Dampfer und zog seinen langen fahrigen Rauchwimpel wie eine Last hinter sich her.

»Ich lese zwar auch sonst viel,« nahm sie den früheren Gedanken wieder auf, »auch Modernes. Ob ich aber Ihnen bei Ihrer Arbeit irgend etwas sagen kann? Ich kenne das Leben ja gar nicht.«

»Sie reisen doch,« erwog er.

»Sie sind der erste Fremde, mit dem ich jemals gesprochen habe,« sagte sie ernst.

Er blickte ihr ungläubig in die Augen.

»Ja, ja,« nickte sie, »Die Menschen haben ja solchen – Abscheu vor Krankheiten.«

»Oh,« machte er.

»Doch. Nie hat sich mir jemand genähert. Auch Frauen nicht. Ich spreche monatelang zu niemandem außer meiner Wärterin. Die ist zwar sehr tüchtig, aber –« Sie ließ die zitternden Hände in den Schoß fallen.

»Ich will nicht neugierig sein,« wagte Wilm, »aber es interessiert mich. Haben Sie keine Angehörigen! –«

Eine bleiche Härte preßte ihr den Mund zusammen. Dann feuchtete die Zunge leicht die Lippen und sie sagte: »Eine Mutter habe ich. Mein Vater ist lange tot. Die einzige Erinnerung, die ich an ihn habe, ist meine Krankheit. Und Mutter – sie ist noch jung und sehr schön. Ich habe das Gefühl, ihr lästig zu fallen. So reise ich. Im Mai bin ich hier, im Juni in Zermatt, im Hochsommer in Scheveningen, im Herbst im Harz, im Winter in Florenz. Zuhause in unserer Villa in Köln wartet mein Zimmer immer auf mich. Aber ich halte es nur wenige Tage dort aus, wenn ich einmal hinkomme.«

»Und bei diesem Umherwandern fühlen Sie sich wohl?« staunte er.

»Wohl?« Ihre Augen öffneten sich weit. »Lieber Herr Wilm! Was heißt für unsereinen »wohl!« Aber es wäre erträglich, wenn dieses brutale Anstarren der Leute nicht wäre!«

»Ja – weshalb gehen Sie dann nicht in kleine private Pensionen?« rief er verwundert. »Die gibt es doch überall!«

Da blickte sie ihn aus dunklen, feuchten Augen an und sagte sehr leise: »Weil ich dann gar nichts vom Leben sähe. Sie Psychologe!«

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