Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Schirokauer >

Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/schiroka/irrwege/irrwege.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090102
projectidf40df908
Schließen

Navigation:

II.

Wilm saß lange gedankenverloren und malte wirre Kringel mit dem Zeigefinger auf das weiße, gasthausfeuchte Tischtuch. Die kindlich frivole Tändelei war einem schmerzlichen, mitleidenden Bedauern mit der Fremden gewichen. In dem kurzen Augenblick, in dem er ihr ins Gesicht sah, als sie sich von ihrem Sessel emporraffte, hatte er gesehen, daß sie kaum über zwanzig war. So jung war sie und schon so fraulich still ergeben! Schüchtern, mit einem Zucken um den bleichen Mund, als bäte sie um Vergebung für ihre Schwäche, hatte sie die zarte, blaugeäderte Hand unter den Arm der Wärterin geschoben und war davongewankt. Ein seltsames Zittern schüttelte den jungen Körper, der Kopf mit der hübschen, fast koketten Frisur bebte hin und her, die Hände fingerten in der Luft, und mit unsicher tastenden Füßen schwankte sie an dem starken Arm der Begleiterin durch die brutal neugierig gaffenden Schmauser.

Eine stille Wandlung vollzog sich in des Schriftstellers empfänglichem Gemüt, während er auf den Tisch niederstarrte. Dieses bedauernswerte junge Geschöpf, dem eine bösartige Krankheit am Lebensmark zehrte! Das arme junge Mädel! Was mochte es durchgerungen haben, bis dieser abgeklärte Glanz sich um seine reine Stirn gewunden hatte! Welche zähneknirschenden Kämpfe mochten hinter dieser scheulächelnden Ruhe liegen, welche ohnmächtige, wütende Auflehnung gegen das unentrinnbare, grausame Geschick!

Ihm wurde sehr ernst und herb zu Sinn. Es war ihm, als habe ein großes Schicksal ihn gestreift. Er schämte sich der wägenden Blicke, mit denen er sie abgeschätzt hatte. Eine Entweihung ihrer grausamen Tragik dünkte es ihm. Welch starke Seele mußte in diesem kranken Körper leben, daß dieses junge Weib es über sich gewann, sein Gebrechen mutig und unantastbar erhaben durch diese starrende Schar der Gaffer zu tragen.

Er blickte grübelnd zum Fenster hinaus, das sich dicht neben seinem Platze öffnete. Da gewahrte er sie unten im Garten. Sie lag auf einem Liegesessel, die Wärterin breitete gerade eine Decke unter ihre Knie. Sie streckte sich in der Sonne und lächelte dankbar und schüchtern zu der Frau auf.

Warum reist sie allein? schoß es Wilm durch den Kopf. Hat sie keine Verwandten, nicht Eltern, nicht Geschwister, daß sie ihre Fürsorge dieser bezahlten fremden Person anvertrauen muß?

Jetzt entfernte sich die Pflegerin.

Die Kranke dehnte sich in den warmen Fluten, verkettete mit Anstrengung die zitternden Hände unter dem Hinterkopf und hob das Gesicht dem sonnenflimmernden Himmel entgegen. Eine wundersam verklärte Befriedigung strahlte über das bleiche Gesicht. Plötzlich blickte Wilm zur Sonne empor. Es war ihm, als wäre ein jäher Schatten über sie hingezogen und die Welt trübe und düster geworden. Doch wie eine weißgleißende Dolchspitze durchbohrte die Sonne das stählerne Blau und zwang jedes empordringende Auge nieder mit blendender Gewalt. Nein, es war Täuschung. Nur in den Zügen der Kranken war plötzlich aller Glanz erloschen. Die Augen zogen sich zusammen und bildeten tiefe, dunkle Falten um die Nasenwurzel. Der Mund hatte sich bitter tief in das Kinn mit schneidenden Schmerzenslinien hinabgegraben. Wilm starrte bewegt drein. »Also das ist dein wahres Gesicht,« durchleuchtete ihn eine traurige Erkenntnis. »Und das ergebene, scheue, das du uns und deiner Wärterin bietest, ist Maske.«

Die Kranke hatte die Augen geschlossen. Wilm sah, daß es zuckende Lider waren, mit seinen violetten Aederchen auf dunklem, fast schwarzem Grunde. Wie die Maske einer Toten, die sich in qualvollem Ringen die große Ruhe erkämpft hat, leuchtete mit stumpfwächsernem Glänze ihr Gesicht, Jetzt schlug sie die Augen auf und Wilm blickte in ihre feucht schimmernden Augensterne, wie in einen tiefen See des Weh's.

Sie hatte offenbar seinen Blick gefühlt, denn plötzlich ebbte die Trauer aus den Zügen und wie eine friedliche, stille Landschaft ruhte ihr Gesicht in dem weichen, weißen Kissen.

Da erhob sich der Mann und ging hinaus. Eine seit den jungen Tagen nicht mehr empfundene Traurigkeit preßte ihm die Brust. Er fühlte einen seltsamen Zwang, zu ihr zu treten und sie ohne Worte, ohne Erklärung zu streicheln. Doch als er an ihr vorbeikam, blickte er scheu nach der anderen Seite. Er öffnete das eiserne Gittertor und trat auf den Kai. Am Ufer schlenderte er entlang, mietete dann ein Boot und ruderte in den See hinaus.

Bald zog er die Riemen ein, von denen das Wasser in regenbogenfarbenen Tropfen herabträufelte, umfaßte die Knie mit den Armen, beugte die Stirn tief herab und ließ sich von den sacht wippenden Wellen tragen.

Und plötzlich hatte er den Sinn für Zeit und Maß verloren. Nein, nein, er war nicht vor drei Tagen noch in Berlin einhergegangen. Und Melanie, die hübsche Frau des Komponisten, hatte ihn nicht zur Bahn geleitet und mit tränenfeuchter Stimme gerufen: »Komm bald zurück, mein Alles. Wie soll ich die Wochen ohne dich leben?« Das alles war Traum, war Leben, das früher einmal, vor langen, langen Jahren, in einer anderen Gestalt gelebt hatte. Das konnte nicht vorgestrige Wahrheit sein.

Er lauschte auf das Wasser, das gurgelnd an den Bootsplanken raunte.

Wie war die Welt doch still und groß. Ein weiter, heller Raum, schien sie ihm, ohne Luftdruck, ohne Erdenschwere. Und so leicht deuchte es ihn, sich hinauf zu schwingen in die lichtgetränkte Höhe.

Als er in den Garten zurückkehrte, lag die Kranke noch in ihrem Stuhle und blickte gedankenvoll auf zu dem weiß-glitzernden Himmel. Er ging an ihr vorüber und wählte seinen Platz in ihrer Nähe. Er tat es fast instinktiv. Jeder Wunsch, sich ihr zu nähern, lag ihm fern. Er fühlte dunkel, daß es gut sein müsse, ganz still im Bannkreise ihres Wesens zu liegen und ihr leises Atmen zu ahnen.

So lagen sie lange nebeneinander und dem Manne war, als schlage sich von ihr zu ihm eine Brücke warmer Luftperlen. Dieses Beisammensein in der schwebenden Wärme hatte etwas Gemeinsames, Verbindendes, schien ihm. Er konnte nur einen Schimmer ihres Busens sehen und die Knie, die sich unter dem dünnen Tuche scharf abzeichneten. Und doch war ihm, als hülle die gleiche Decke sie beide ein. Gut war das und traut, ohne jede Spur verletzender Sinnlichkeit.

Nebenan im Garten des Kurhauses spielte die Kapelle ihr Nachmittagskonzert. Ein sanfter Lufthauch wehte die Klänge mild herüber. Auf der anderen Seite des Gartens spielten drei kleine Mädchen. Wie eine Leuchtkugel flog der Gummiball durch die lichtgesättigte Luft. Die Blätter an den Akazien über ihnen bewegten sich leise und fächelten mit ihren vergrößerten, seltsam fingernden Schatten über den Kies des Gartens. In den duftenden Blumenbeeten, die das dunkle Grün der Rasenfläche farbenfreudig durchbrachen, summte eintönig aufdringlich eine Biene. Und wenn sich ihre Knie unter der Decke bewegten, war es ihm wie ein leises Berühren.

Da flog der Ball der Kinder auf seine Brust, prallte auf und kegelte unter den Stuhl der Kranken. Wilm richtete sich auf und lachte die Mädel an. Diese Bälger! Das sah sehr nach Absicht aus.

Die jungen Schweizerinnen aber standen mit wichtigen Mienen in der Nähe und hielten offenbar ernsten Kriegsrat. Mit ängstlichen Augen sahen sie zu der Fremden hinüber, unter deren Stuhl der geliebte Spielgeselle ganz traurig und blaß kauerte. Jetzt richtete sich die Kranke auf, lächelte die Kinder herzig an und versuchte den Ball unter ihrem Stuhle zu fassen. Ihr Körper zuckte heftig. Die Finger scharrten irre auf dem Kies. Da schrie das Kleinste der Mädchen: »Sie wackelt wieder! Sie wackelt wieder!!« Und mit entsetztem Gekreisch ergriffen alle drei die Flucht.

Eine grauenvolle Stille hing' unter den Bäumen. Wilm lag reglos in seinem Sessel und wagte kaum Atem zu holen. Er hielt die Augen fest geschlossen, in törichter Feigheit. Jetzt liegt sie drüben, dachte er, Seele und Körper zusammengekrampft. Zäh tauchte die Sage vom armen Heinrich in ihm auf, dem unglücklichen Kranken, vor dem Alt und Jung schreckensbleich entflieht. Die Stille wurde immer erdrückender. Er empfand, er müßte irgend etwas tun, sie zu bannen. Irgend etwas Feinfühliges. Diese Last mußte sie ersticken. Ihr die Kehle würgen.

Er öffnete die Augen. Die Kranke lag langgestreckt, die bleichen Hände hingen schlaff an den Seiten des Stuhles herab. Ein leises, kaum wahrnehmbares Zittern bewegte die Finger.

Die Kleinen waren wieder näher gekommen und steckten flüsternd die blonden Locken zusammen. Es war ein Bild holdester Kindlichkeit.

Da stand Wilm auf, ging hinüber, holte den Ball und warf ihn den Kindern zu. »So,« rief er, »und nun spielt dort drüben weiter und stört hier nicht mehr.« Mit einem fröhlichen »Dank schön« trollte das grüne Kleeblatt von hinnen.

»Danke vielmals,« sagte die Kranke leise und hob kaum merklich die schweren Lider. »O bitte,« stammelte Wilm. Er stand da und wollte noch etwas sagen. Aber nichts Passendes fiel ihm ein. Nicht das Unbedeutendste fiel dem salongewandten, witzigen Oskar Wilm ein. Da ging er sinnend aus dem Garten und wanderte sinnend einsame Pfade hinauf nach Glion ins Gebirge. –

Am Abend, als er zum Essen kam, saß sie schon am Tische. Sie war einsilbig und ließ die Gefährtin plaudern. Ihr Haar war jetzt noch kunstreicher geflochten als am Mittag. Kleine braune, moderne Locken umkräuselten das dichte Geflecht am Hinterkopf. Sie trug ein duftiges weißes Seidenkleid. Um Schulter und Busen floß wie ein verwehender Hauch ein Schal aus zartem rosa Batist, so weich und duftig, daß es Wilm schien, der Widerschein des Firnenleuchtens spiele kosend um ihre volle, warme Brust, als die Sonne feuergarbensprühend über Genf in den See tauchte und den Gletscher des Dent du Midi purpurn umlohte.

»Wie schön ist das,« dachte Wilm, »und wie symbolisch. Die Menschen fürchten sie und laufen vor ihr davon, aber die reinen Höhen dort drüben umarmen sie liebreich.«

Obwohl er hinter ihr saß, wagte er aus Furcht, ihr lästig zu fallen, nicht recht, sie anzublicken. Doch wieder wirkte stark auf ihn die Ausstrahlung ihrer Nähe. Auch Einzelheiten sah er, wenn seine Blicke zufällig sie streiften. Die schöne Halslinie, das kleine rosa-zarte Ohr, die mit bewußter Sorgfalt gepflegten Nägel. »O, sie ist Weib.« lächelte er, »sie will gefallen, trotz ihrer Gebrechlichkeit. Wie seltsam solch Weibespsyche ist!«

Später am Abend saß Wilm in der Halle des Hotels und las. Da kam sie herein und ließ sich neben ihm nieder. Auch sie hatte ein Buch. Wilm erkannte es am Einband. Die griechischen Tragödien in der Uebersetzung von Wilamowitz-Moellendorff waren es.

»Also das ist ihr Geschmack,« dachte er. Er wußte selbst nicht, weshalb er sich darüber freute. Was ging es ihn im Grunde an, was sie las? Und doch lächelte er still vor sich hin. Ja, so mußte ihr Geschmack sein. Gerade diese schicksalsschweren Tragödien des Sophokles paßten gut zu ihr. Ein moderner Roman in diesen Händen dünkte ihn ein peinlicher Widerspruch. Sie mußte seinen Blick gefühlt haben. Denn jäh wandte sie sich zu ihm und sah ihm voll ins Gesicht. Er ließ die Augen sinken. Als er aufblickte, las sie wieder.

»Wie sensitiv sie ist,« grübelte er und sann über ihr Lächeln. Warum sah sie mich so an? So ernst und so gut? Weil sie empfindet, daß unter all diesen schwatzenden, kartenspielenden Leuten ich der Einzige bin, der mit ihrem Schmerze fühlt? Und mehr lag in dem Blick, redete er sich ein. Ein Schrei um Hilfe, Sehnsucht nach Trost. Ein weißer Stern funkelte im Schwarz der Pupille: »Komm zu mir. Hier stehe ich in dunkler, eisiger Einsamkeit. Bring' mir Wärme und Helle.« Er blickte zu ihr hinüber. Mit bebenden Fingern wandte sie die Seite. Da lachte es in ihm auf. »Dichter, du, was du immer in die Menschen und Dinge hineinschaust! Zufällig hat sie dich gesehen, vielleicht nur optisch. Am Ende hat sie dich gar nicht bemerkt. Ihre Seele war vielleicht bei den mykänischen Greueln des Aeschylos.«

Ein wenig enttäuscht wandte er sich seinem Rousseau zu. In dieser Umgebung, in der sie handelte, wollte er die Heloise wieder lesen. Es war lange her, daß er ernste, starke Lektüre getrieben. Doch jetzt – jetzt – Da hörte er, wie die Kranke zu der Wärterin auf englisch sagte, sie sei müde. Er ließ das Buch sinken und wollte weiter dieser klingenden Altstimme lauschen. Da – ja – sie hatte ihn doch angeblickt. Wieder so ernst und gut. Und weich. Wie ein Gruß zur Nacht war es. Nein, nein, er redete sich nichts ein. Und dann geschah etwas Seltsames.

*

Das Mädchen richtete sich ohne Stütze fest auf, die Wärterin bot ihr den Arm, sie wehrte ihn sanft lächelnd ab. Und dann ging sie straff aufgerichtet, mit kaum erkennbar schwankenden Schritten, fast ohne Zittern des Kopfes durch die dichtbesetzten Reihen der Stühle und Tische. Nur den gespreizten Fingern sah er die eiserne Anspannung der Kräfte an. Die Wärterin ging mit weit aufgerissenen Augen dicht neben ihr. Die Kranke schritt ohne Schwanken, ruhig und sicher, geraden Wegs auf den Fahrstuhl zu. Kein Unbeteiligter hätte ihr Gebrechen bemerkt. Wilm aber schien es, als schreite sie auf einem dünnen, leis bebenden Seile. Erst wenige Schritte von dem Gehäuse des Aufzuges griff sie jäh nach dem Arm der Begleiterin. Schnell faßte die starke Frau zu und bewahrte sie vor dem Sturze. Matt stolperte die Kranke in die klirrende Tür des Fahrstuhls.

Ein tiefes Schweigen weitete Wilm die Brust. »Das galt dir, das galt dir.« rief es jubelnd in ihm. »Nur dir.« Plötzlich hielt er es in diesem dunstigen Stimmengewirr nicht mehr aus. Er eilte hinaus an den See.

Die halbe Scheibe des Mondes zog ihren Lichterschweif durch das Wasser. Kleine übermütige Wellen schlugen gegen die Seitenwand des Kais. Wilm setzte sich auf eine Bank und träumte in die gurgelnde Stille. Und plötzlich wußte er, was er schreiben würde. Ja, so etwas mußte es werden. Die Geschichte eines Mannes, der mit dreißig Jahren äußerlich das erreicht hat, was ein Mensch erlangen kann: Ruf, Stellung, Reichtum. Der von den Fachgenossen beneidet, von den Frauen umworben und verwöhnt wird. Und der innerlich so leer und arm und verzweifelt müde ist. Und dann tritt ein Weib in sein Leben. Ein Weib, das nichts von dem geben kann, was ihm bisher an Frauen das Wertvollste schien. Denn es mußte ein Mann sein mit starker Begabung, der das Denken und Grübeln des Weiberhirns als nichtiges Getändel hingenommen, den Beruf des Weibes aber in seiner Liebesfähigkeit gesehen hatte. Diesem Mann begegnet jetzt das kranke Weib. Und zum ersten Male steht die Größe eines Frauengemütes vor ihm auf in seiner Stärke und seiner Innigkeit, in seiner stolzen Beherrschung und hingebenden Weichheit. Solch ein Weib wollte er schildern.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.