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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 12
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
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XII.

Es vergingen einige Tage, an denen Wilm sich spendend zwischen der kranken Freundin und der schönen Frau teilte. Frau Weigand beteuerte immer noch, daß sie ewig ihrem Manne, Wilm, daß er unentwegt seinen lockeren Anschauungen treu bleiben werde. Irene Heys eifersüchtig-scharfe Augen sahen, daß bei diesem Wettstreite der Treue diejenige des Mannes die zuverlässigere war.

Ja, Irene Hey war eifersüchtig. Sie war schmal und bleich in diesen Tagen geworden. Es half ihr nichts, daß sie sich immer wieder vorredete, er gebe ihr alles, was sie von ihm verlange. Sie wolle nur seine mitteilende Freundschaft. Das half ihr gar nichts. Was konnte ihrer armen Liebe auch alle Vernunft helfen. Da brach der Stab der Klugheit, auf den sie ihre zitternden Hände stützen wollte. Sie liebte Wilm mit dem Unverstand und der vernunftlosen Zähigkeit der ersten hoffnungslosen Liebe.

Und wenn der Mann abends mit Frau Weigand in den Kursaal gegangen war und sie einsam auf ihrem Balkon saß und in die weißlich-blaue Sternennacht emporgrübelte, schmiedete sie krause Mordpläne gegen den verhaßten Rotkopf. Vergiften wollte sie dieses Weib oder in den See stoßen oder es an diesem herausfordernd funkelnden Haarschopf packen und mit der Stirn gegen die Steinmauer schmettern, daß die Knochen splitterten – ja – ja. Oh, sie würde Kraft haben. Berserkerkraft.

Sie badete ihren Haß in diesen bluttriefenden Plänen und kühlte ihre rauchende Wut am Todeszucken und röchelnden Stöhnen der Feindin, bis sie zur Besinnung kam und begriff, daß alles eitel Phantasie sei und daß die andere jetzt bei ihm saß. im Varieté des Kursaals, und ihm zulächelte – mit diesen kokett glitzernden Perlmutterzähnchen, – und daß sie hier hocke, ganz allein – ganz allein in dieser flüsternden, weiten, ahnungsvollen Nachtwelt. Dann legte sie die mordlüsterne, fiebernde Stirn auf die kalte Platte des Eisentischchens und weinte hilflos wie ein verlassenes Kind.

Heut Nacht hatte Irene Hey gerast wie niemals zuvor. Sie war aufgestanden und ins Zimmer geschlichen, hatte mit irrenden Fingern nach dem Fläschchen mit dem Morphium gegriffen, das sie sich im Laufe ihrer langen Krankheit heimlich zusammengespart hatte, für alle Fälle, wenn sie doch einmal ihres elenden Kummerdaseins unüberwindlich müde sein sollte. Ihre Hand hielt zitternd die Flasche, in der die helle Flüssigkeit im Lichte der Glühbirne fluoreszierte. Wenn sie sich ins Zimmer der anderen schlich, ganz leise, keiner würde sie hören – und es dem Weibe ins Glas goß?

Vielleicht half ein Zufall, sie trank und – – Doch das Fläschchen stand unschädlich auf dem Nachttisch und Irene Heys Gesicht preßte sich schmerzend auf die Tischplatte. Dumpf brach sich ihr Stöhnen an dem kalten Eisen.

Heute war der böseste Tag gewesen, sie war am Nachmittag zu schwach, mit Wilm den gewohnten Gang zu tun. Da hatte die andere ihn begleitet. Und als sie vor dem Essen heimkehrten, rot und erhitzt vom Marsche, hatte er die beiden Frauen in der Halle endlich miteinander bekannt gemacht und war ins Schreibzimmer gegangen, seine Briefschaften zu erledigen.

Da hatte Frau Weigand der neuen Bekannten von ihrem Spaziergange erzählt, und fast hinter jedem Wort lauerte eine Bosheit und sprang hervor und stieß der armen Irene Hey ihren spitzen, giftgetränkten Dolch in die bebende Brust. Denn auch die schöne Frau haßte das junge Weib, in dem sie die geistig überlegene Rivalin witterte.

»Oh, es war herrlich,« rief die Gute begeistert, »und Doktor Wilm war ganz aus dem Häuschen. Er sagte, es sei ganz etwas anderes, als diese gewohnte Trottelei auf den ebenen Wegen. Ja, Fräulein Hey, schon als Kind hatte ich immer solche Sehnsucht nach unbetretenen Wegen.«

»Verbotenen Wegen?« warf Irene fragend ein. Die andere lachte, aber ihr Auge funkelte.

»Ja, nennen wir es so, liebes Fräulein. Ich war immer ein eigenartiges Kind. Das schönste meiner Kindertage war, mit meiner Bonne an einem fremden Ort neue Wege auszutüfteln. »Auf Kolumbusfahrt gehen« nannten wir das. Das habe ich heute zusammen mit Dr. Wilm getan. Oh, es war herrlich.« Sie reckte ihre Glieder, als durchströme sie eine beseligende Erinnerung. »Wir gingen hinter der Kirche in die Gorge de Chauderon. Ach, ich liebe diese Schlucht so! Sie ist so wildromantisch, nicht wahr? Waren Sie schon dort?«

Irene Hey nickte.

»Nun ja – und dann stiegen wir in den Wald weglos hinein, immer hinan an den Berglehnen. Ein bißchen beschwerlich war es ja, aber ich bin sehr gut zu Fuß. Und dann ist Dr. Wilm ein solch aufmerksamer und« – sie lächelte erinnerungsschwelgend – »so starker Kavalier. Ueber ein Rinnsal hat er mich einfach hinübergetragen. Hätte ganz gut hinüberspringen können – Körpergewandtheit war immer meine starke Seite, das sagte ich ihm auch. Aber, schwupp, faßte er mich um die Röcke, hob mich hoch und trug mich hinüber.«

Irene Hey sank trotz aller Beherrschung ein wenig zusammen. Da rief die andere tröstend: »Gott, es mag nicht ganz salonfähig ausgesehen haben, trotzdem er wirklich furchtbar dezent war. Wirklich. Aber hier im Bade, nicht wahr? Und dann, Fräulein Hey, wenn man so allein in Gottes schöner Natur unbegangene Pfade wandert, mit diesem Entdeckungseifer im Herzen, da kommt man sich so unmenschlich nahe. Da gibt es einfach keine Konvention, Dr. Wilm sagte, Sie wären so intelligent. Darum getraue ich mich, Ihnen alles dies zu erzählen. Ich weiß, Sie werden es verstehen.«

»Ich verstehe es,« sagte Irene Hey mit seltsamer Betonung.

Frau Weigand erzählte unentwegt weiter: »Und plötzlich standen wir hoch oben auf einem Weinberge. Ganz oben. Tief unten lag klein und unansehnlich der See. Oh, es war wundervoll. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Die Natur, die sich da offenbarte. Und vor allem zu sehen, wie es aus diesem Manne hervorbrach – der Dichter, wissen Sie. Elementar – eruptiv – die Begeisterung, als er die weite Runde sah. So etwas habe ich denn doch noch nicht gesehen. Gott, er ist nicht der erste Künstler, der mir begegnet. Wir führen ein großes Haus in Berlin. Aber hier, so in der freien Natur. Wunderbare Dinge hat er gesagt.«

Irene Hey bewegte kein Glied. Scharf, wie aus Stein gehauen, stand ihre Nase in der Luft. Sie hatte sekundenlang Mitleid mit Oskar Wilm und seiner Profanierung.

»Und dann gingen wir die gewundenen Pfade des Weinbergs. Sie werden ja auf solchen Bergen gewesen sein. Zwischen hohen, engen Steinmauern ging's dahin. Wie in Italien war's. Die brütende Sonne über uns und die weißen Wände, die die Glut zurückwarfen. Und alles so grell, daß es den Augen wehe tat. Und possierlich hüpften aufgescheuchte Eidechsen in die Mauerritzen, und überall lagen diese ekligen, klebrigen Wegschnecken. Eh! Aber es gehört dazu. Diese Stimmung läßt sich nicht schildern, Fräulein Hey. Das heißt von mir nicht. Dr. Wilm sagte, er würde es in seinem neuen Roman tun, der hier herum spielt. Man dringt dort oben ganz anders in den Charakter des Landes ein. Wie im Herzen der Gegend ist es.«

»Ja, Wilm hat schöne Bilder,« mußte Irene Hey da sagen.

Ein sengender Blick aus den braunen Augen traf sie. »Ja – die hat er,« bestätigte sie, rote Streifen des Ingrimms auf ihrer leuchtend hellen Haut. »Auf solcher Höhe kommen die Höhengedanken von selbst. Die Erdenlast bleibt unten im Tal. Auch das hat Dr. Wilm gesagt, da Sie ja auf jedes seiner Worte solchen Wert legen. Aber« – sie beugte ihr Gesicht zu Irene vor, ein feiner Parfümhauch koste die Kranke – »unter uns Frauen gesagt, seine Worte waren dort oben das geringste. Glauben Sie nicht, Fräulein Hey, ich sei nicht für das Geistige. Oh – sehr. Aber es war wohl das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe: in dieser vor Hitze glitzernden Luft diesen Mann in seinem leuchtenden, weißen Anzuge mit dem hübschen, gebräunten, männlichen Gesicht und diesem schlanken, eleganten, elastischen Körper – der Mann hat ja eine Figur! – Wie ein Urbild der Kraft und Männlichkeit erschien er mir. Doch« sie lachte auf – »was fabele ich Ihnen da vor. Sie haben ja genug Spaziergänge mit ihm gemacht.«

»Ich habe immer mehr an seinem Munde als an seiner Figur gehangen,« bemerkte Irene.

Da hieb die schöne Frau eine feste Parade: »Ja, das müssen Sie ja leider. Armes Kind. Aber es ist nur gut für Sie, daß Sie soviel Interesse am Geistigen haben.«

Ehe Irene noch etwas zur Wehr entgegnen konnte, kam Wilm zurück und das Gespräch brach ab. – –

»Ach – Wehr.« dachte sie jetzt – »sich wehren!«

Sie fühlte sich plötzlich so matt in ihrer Hilflosigkeit, so matt und schwach und wehrlos. Nein, eine Kämpferin war sie nicht. Nein, nein. Doch ihre Liebe schrie in ihr auf und rang verzweifelt die Hände. Dieses Weib zog er ihr vor, dieses hohle, nichtige Geschöpf. Ja – ja – sie war sehr schön. Das war sie. Und fein und rosig und appetitlich – ja – ja –! Sie konnte die Sinne eines Mannes wohl berauschen. Die ja. Aber – nein – nein – –, sie weinte in ohnmächtiger Wut auf – sie ließ ihn sich nicht nehmen. Er gehörte doch ihr – sie hatte ihn doch zuerst besessen – ehe dieses Weib gekommen war. Sie ließ ihn sich nicht von der Seite reißen. Von der nicht, nicht von dieser eitlen Larve. Etwas tun mußte sie. Nicht so untätig zusehen, wie sie den Ahnungslosen umgarnte, diese Circe. Sie mußte doch kämpfen. Ja – natürlich. – – – –

Ertrotzt mußte es werden.

Sie richtete sich auf und starrte in die helle Nacht. Um ihn ringen. Ohne Kampf war kein Erfolg. Wußte sie das denn nicht? Hatte sie es nicht hundertmal gelesen? Sah sie es nicht mit eigenen Augen rings umher, selbst in dieser scheinbar ruhenden Natur? War nicht überall Kampf und Ringen um das Leben, um alles Lebenswerte? Gab das Leben milde Gaben? Half da ein totwundes Niederlegen? Nein, nein, nein. So kam das Glück nicht. –

Sie sann. Ja was? Was denn? Wie sollte sie mit ihren zitternden Armen kämpfen gegen dieses große, kraftstrotzende Weib? Wie –? Wie denn? Sie dachte nach, daß die Adern an den Schläfen bläulich hervortraten. Flüchtig streifte sie wieder der Mordgedanke.

– Unsinn. – Und dann straffte sie den Oberkörper steil im Stuhle und starrte grübelnd auf das schwarzsilbrig blinkende Wasser. Das ja – sprechen – ja – zu ihm reden – wie nie ein Mensch zu ihm gesprochen hatte – ihm das Letzte sagen – das Innerste – ohne Scheu sich ihm seelennackt zeigen – alle Hüllen herabreißen – ihr Gemüt, ja, das war ihre Waffe – die Seele siegen lassen über den lockenden Leib dieser Frau

– ihm schreiben all ihre Liebe – all ihren Jammer

– nein, nicht Jammer – groß und schlicht schreiben

– als Weib – das ja.

Sie tastete an ihren Stöcken zum Schreibtisch. Und ohne Ueberlegung schrieb sie:

»Komm zu mir. Komm sofort, wenn du dies gelesen hast. Ich weiß, du wirst nicht staunen und dich nicht wundern. Du wirst nicht lachen und nicht denken: also doch. Ich, weiß, das wirst du nicht. Du bist ja so viel tiefer und größer als du vielleicht selbst weißt. Ich habe es oft, wenn du mit mir sprachst, empfunden, oft, wenn du so zart und feinfühlig zu mir warst. Alle diese Zeit hier habe ich gefühlt, ein wie guter und kluger, schöner Mensch du bist. Wie hättest du sonst zu mir so rührend gut sein können? So sind nur wahrhaft große Menschen. Du bist ein wenig verdorben, mein lieber Bub, von diesen Berliner Frauen, die dich verzogen und das Kindlich-Reine in dir ein wenig geschändet haben. Glaube es meiner Liebe. Es schmeichelte dir und hatte für deinen jungen Sinn seinen Reiz. Ich begreife es so gut, mein lieber Junge. Aber glaubst du, sie hätten dich geliebt, dich, den reinen, guten Menschen, der unter all diesem Zynismus tief in dir verborgen liegt? Glaubt dein hellseherischer Verstand das? Aus Spielerei haben sie sich dir gegeben, aus Sensationslust, um den Kitzel zu befriedigen, den »gefährlichen Weiberverführer« und bekannten Schriftsteller zum Geliebten zu haben, glaube es, mein Geliebter. Wirf dich nicht fort, mein Junge. Du bist dazu wahrhaftig zu schade. Du sagtest es selbst neulich, und ich weiß, es ist wahr: deine Entwicklung wäre eine ändere geworden, wenn du an ein dir ebenbürtiges Weib gekommen wärst. Und nun, Geliebter, ich sehe sehr wohl, nach dieser Einleitung klingt es, als hätte ich nur für mich gesprochen: Ich schwöre dir, bei meiner Liebe schwöre ich es dir, ich habe es nicht. Du wirst das auch verstehen. Ja – ja – ja – ich liebe dich. Habe dich geliebt, ehe du mich noch angesprochen hattest – so scheint es mir jetzt. – Wer weiß das? Die letzten Wochen verschwimmen mir in einem Strom von Glück und bitterem Schmerz. Ich habe mir hundertmal vorgeredet, ich will nur deine Freundin sein. Jetzt kann ich nicht weiter. Ich will mich in dir auflösen, du Geliebter, vergehen will ich in dir. Oel will ich sein in der kostbaren Lampe deines Lebens. Vielleicht nur ein Tropfen, der schnell verschwelt. Aber aufleuchten davon soll einmal die Flamme deines Lebens, hellblau sprühend, und strahlen der Menschheit. Und wenn ich längst verknistert bin, leuchtet dir am Ende, in späten Tagen, wenn es vielleicht nicht mehr so hell um dich ist, noch einmal die alte junge Flamme dankbar hervor aus dem Dunkel. O komm, wenn du dies gelesen hast. Ich harre dein die ganze Nacht.

Irene Hey.

Während des Schreibens war es seltsam still und zuversichtlich in ihr geworden. Eine freudige Erregung läutete hell durch ihre Glücksgewißheit. Sie steckte den Bogen in einen Umschlag, schrieb mit festen Zügen darauf: »Herrn Dr. Oskar Wilm, bitte sofort lesen,« und schleppte sich durch die Gänge des Hotels hinunter, in sein Zimmer. Mt einer selbstverständlichen Unbefangenheit drehte sie das Licht an und blickte sich um. Nicht eine Sekunde lang kam ihr der Gedanke, das Stubenmädchen könne kommen und allerhand krause Vermutungen anstellen über ihre nächtliche Anwesenheit in diesem fremden Zimmer.

Hier also arbeitete er. Mit verständnisinnigem, nachsichtigem Lächeln betrachtete sie die Batterie von Flaschen, Parfüms, Essenzen und allem möglichen Kram auf dem Waschtisch. Ja. ein bißchen eitel war er, der Liebe. Aber das war sie ja auch. Und es gehörte auch zu seinem wohlgepflegten Körper. Dort hing sein weißer Tennisanzug. Sie streichelte mit zärtlichen Fingern die starre Bügelfalte der Hose. Wie komisch solch hängendes leeres Hosenbein doch aussah. Und dort lag der Rousseau, in dem er so oft gelesen hatte in den Tagen des holden Zusammengleitens, vor ihrer Bekanntschaft.

Mit einem schwellenden Frohgefühl hatte sie den weinroten Einband immer in der Gartensonne aufleuchten gesehen. Sie preßte den biegsamen, kosigen Ledereinband an die Brust. Und dann sank sie auf einen Stuhl nieder, den Brief noch immer in der Hand, und fühlte sich friedvoll und wunschlos glücklich. Ihre Anwesenheit hier schien ihr so natürlich und das bloße Hiersein war so gut und eine begnadete Erfüllung.

So saß sie lange Zeit und liebkoste jeden Gegenstand im Zimmer mit den Blicken. Da nahten draußen Schritte – sie fuhr empor. Jemand ging vorüber. Sie kam zum Bewußtsein ihrer Lage. Nein, hier sollte er sie nicht treffen. Wie ein Auflauern hätte das ausgesehen. Nein. Zu ihr sollte er kommen.

Sie legte den Brief auf den Nachttisch. Dort würde er ihn sicher sofort bemerken – und lesen und – die Treppen hinaufspringen – sehnsuchtsbeflügelt – und an ihre Türe klopfen – nein, vielleicht auch nicht klopfen – doch, klopfen würde er wohl, und sie würde mitten im Zimmer stehen und »Herein« rufen. Die Stimme wird versagen, aber er wird doch hören. »Herein,« würde es in ihr jubeln, »Leben, du reiches, gesegnetes, komm herein.«

Sie warf einen dankbaren, abschiednehmenden Blick auf das Zimmer und gelangte ungesehen zurück in ihre Stube. Umsichtig verriegelte sie die Tür, die zum Zimmer der Wärterin führte. Dann setzte sie sich wieder auf den Balkon und wartete, ohne Zagen, ohne Erregung, ohne Ungeduld. Sie wußte, er würde kommen. Auf das Glück war gut warten. Die Balkontür seines Zimmers stand offen, sie mußte jeden Laut von dort unten vernehmen. Sie würde hören, wie er ins Zimmer trat, rasch und energisch, nach seiner Art, wie er Licht anzündete, den Brief sah, stutzte, jetzt fetzte das Papier des Umschlags – er las – es dauerte Sekunden – dann ging jäh die Tür – sie eilte ins Zimmer – wartete – lauschte – leise sein Schritt auf dem Teppich im Gang – Klopfen – herein! – Sie lag an seiner Brust – fühlte seine zarte, tastende Hand auf ihrem Haar – und still war es und warm und licht. – –

Eine Uhr schlug zehn. Sie fuhr aus ihren Träumen auf. Sie fröstelte ein wenig. Und preßte sich fester in den Armsessel. Fenster nach Fenster in der weiten Hotelfassade erlosch. Sie saß und wartete. Es schlug halb elf. Die Sterne blinkten heut Nacht so unruhig. Und die Platanen unten im Garten wiegten grüblerisch ihre Wipfel im Nachtwind. Und gerade, als sie es gar nicht erwartete, knirschte unten die Tür. Da hämmerte ihr das Herz doch so laut, daß sie meinte, man müsse es durch die Stille pochen hören. Jetzt schloß sich die Tür. Tastende Stille. Irene Hey atmete nicht. Das Viereck der Balkontür leuchtete gelblich auf. Tiefes Schweigen. Irene Hey beugte sich über die Brüstung. Jetzt sieht er den Brief – jetzt liest er die Aufschrift! –

Da war es Irene Hey, als höre sie eine weibliche Stimme flüstern. Sie umkrallte das Geländer und beugte sich hinab, daß sie sich fast überstürzte.

Jetzt hörte sie wispern: »Nanu – sei doch nicht so kindisch.« Und jemand zischelte zurück: »Laß mich. Du hast mir doch versprochen –«

Jetzt sagte er lauter: »Ablegen kannst du doch wohl.«

»Nur wenn du mir schwörst, daß du mir nichts tust.«

Sein helles Lachen schlitterte durch die Stille. »Legst du den Hut ab, lege ich den Eid ab.«

»Du tust mir nichts?«

»Nein doch!«

»Geh fort, ich mach's allein.«

Irene Hey sah seinen Schatten am Fenster und hörte den unverfrorenen Ton seines Spruches: »Merkwürdig, daß die Weiber den Mann erst immer zum Meineid erniedrigen, ehe sie sich seiner würdig dünken.«

Er pfiff vor sich hin. Da rief die schöne Frau: »Hier liegt ja ein Brief!«

»Ein Brief?« Er ging ins Zimmer. Irene Hey sank in die Knie. Sie sah den Vorgang dort unten in ihrer Einbildung grell vor Augen. Er las – die Frau schlich sich neugierig eifersüchtig hinterrücks an ihn heran, legte die weichen Arme um seinen Nacken und blickte über seine Schultern auf ihren Brief. Ihre Stirn schlug klirrend auf das Geländer des Balkons.

Da schrillte ein gelles Lachen durch die Nacht.

Irene Heys Gehirn fiel dumpf durcheinander. Sie hörte aus weiter Ferne noch, wie er sagte: »Lach nicht so häßlich. Das arme Ding.«

Da war sie schon im Zimmer. Kalkig grün schimmerte ihr Gesicht. Würgende Scham hielt ihr die blutige Fackel und warf kaltes, erbarmungsloses Licht auf das Absurde ihres Tuns. Grell erleuchtet lag vor ihr der ganze Weg ihrer »Freundschaft« mit all dem Lächerlichen, das sie gedacht und getan. »Krüppel –« schrie etwas in ihrem wirren Kopf – »wahnwitziger, bettelnder Krüppel!«

Und die bebende Hand preßte den Mund der kleinen Flasche fest gegen die blutleeren Lippen.

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