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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 11
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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XI.

Irene Hey lag zusammengekrampft auf dem Bett, die Lider blauschwarz vor Ermattung. Es war ihr, als brenne ein Wundmal in ihrem Rücken. Sie fühlte dort noch immer den Druck seines führenden Armes und empfand, wie er zitterte in erbärmlicher Scham. »Er schämt sich meiner,« keuchte sie in die Kissen. »Er hat sich meiner geschämt. Vor dieser hübschen Larve hat seine Männlichkeit sich in Scham gekrümmt!«

Sie schluchzte auf und verbiß sich fester in das Linnen, daß die Wärterin sie nicht hörte. So feig war er, daß ihre Schwäche ihn bedrückte, wenn die Andere mit ihren lüsternen Blicken zu ihm hinüber äugelte. Sie schluchzte, daß es dumpf in den Spiralen des Bettes nachtönte.

Alles hatte er vergessen: Ihre reichen Stunden, ihre atemraubenden, tastenden Ergründungen, die stille Feier ihrer schönheitsbegeisterten Seelen draußen auf dem See, wenn ringsum die Fanale der Nacht auflohten auf den Firnen. Und auch das war in ihm verweht, was gestern um die alten Mauern von Chillon sein feines, ihr unzerreißbar dünkendes Gespinst gezaubert hatte. Und das alles verging, weil eine hübsche Maske in seinen Bannkreis getreten war. In Haß und Wut zerfetzte sie zwischen den Zähnen das starre Leinen des Kissens. Aeußerlich und brutal war er wie alle Männer. Und sie hatte ihm vertraut und hatte ihm ihr Bestes dargebracht, sie, die in scheuer Zurückhaltung ihr junges Leben vertrauert hatte, sie, die – ja, jetzt schien es ihr, als habe sie all die Jahre nur für ihn gespart, jeden weitspannenden spähenden Gedanken, jedes reiche Gefühl, jede zarte, goldumsponnene Träumerei. Alle ihre aufgespeicherten, behüteten Kostbarkeiten hatte sie zu seinen Füßen ausgebreitet – freudig – besitzstolz – und er hatte mit ihrem Schatz gespielt und ihn durch die Finger gleiten lassen, so lange keine buntere Zerstreuung ihm winkte. Aber bei der ersten Lockung ließ er achtlos ihre Kleinodien am Boden liegen und folgte blind dem trügerischen Schimmer des ersten besten Talmiglitzersteines. Ach, er war ein kleines Herdenmännchen, wie alle anderen, und sprang dem ersten Weibchen nach, das sein Girren an ihm probte. Nein, er war nicht einer von den Wenigen, und alles Große, das sie an ihm gesehen hatte, war Widerschein ihrer Sehnsucht nach einem überragenden Menschen.

Die Enttäuschung hing wie ein schweres Steingewicht in ihrer Brust und zerrte und riß an den Geweben, daß sie sich in körperlichen Schmerzen wand. Und dann streckte sie sich lang aus und lag da und schluchzte wie ein Kind. Und es war ihr, als treibe sie in einem ruhelosen, weiten, wallenden Meere der Verlassenheit. Dann und wann rollte eine berghohe Welle dräuend auf sie zu, brach krachend über ihr zusammen und schlug ihr den Gischt peitschend ins zuckende Gesicht. Und sie lag und konnte kein Glied zur Abwehr rühren und fühlte im Gehirn bohrend das Bewußtsein, daß nun das Leben zu Ende sei: daß sie nun ihren kranken Leib nicht weiter schleppen könne und nicht ihre müde abgehärmte Seele: daß sie nun versinken müsse ins schwarze, bodenlose Mißgeschick. Nie in ihrem glücksarmen Leben hatte sie sich so verlassen und vom Schicksal mißhandelt und getreten gefühlt, als an diesem unglückseligen, hoffenstoten Nachmittage. Sie trieb dahin in dunklen Qualen, matt und sterbenswund, und fürchtete und wünschte es doch, ein schwarzes Tor möge sich öffnen und der Strom, der sie dahinriß, möchte sie hinabschleudern in kalte Finsternis. Und purpurn-schwarz würde es sein, wie wenn man plötzlich die Augen schloß – Dunkelheit ohne Laut und fühlbare Stille. Regungslos lag sie und lauschte auf das Ende, das jetzt kommen mußte. Und immer ruhiger wurde es in ihr. Es war, als schlage das Herz immer leerer und matter. Aber plötzlich schrie sie grell auf. Wie gegen ein scharfkantiges Riff hatte ihre Stirn sich weh an dem Gedanken gestoßen, daß er jetzt dort bei der anderen saß und ihr zulächelte und auch nicht einen Herzschlag lang an sie dachte. Und wieder ächzte sie in ohnmächtig wütender Eifersucht und biß in die Kissen ihren hilflosen Haß.

Und sank wieder zurück in die Schwäche ihrer einsamen Unseligkeit.

Zur offenen Tür herein drang ein brausendes Rauschen. Ein Unwetter zog den See herauf und nistete sich ein in den Schluchten der Berge. Klirrend ratterte die Glastür ins Schloß.

Irene Hey setzte sich im Bette auf. Weiße Wolken hetzten drüben dahin am Hang der Savoyer Alpen. Wirr, taumelig, stieg sie aus dem Bett, schleppte sich zum Fenster und preßte die Stirn an die sturmkalten Scheiben. Die brausende Wildheit draußen tat ihr wohl. Sie sog die Erregung der Natur in langen Atemzügen in sich ein. Die Bergwand dort drüben hatte eine stumpfe, schieferblaue Färbung, die Wolken hingen tief und schwer. Der Sturm bog die Bäume im Garten. Der See war hellgrün und stieg wie ein Meer in kurzen überstürzenden Wogen mit tückischen Gischtkämmen.

Irene Hey staunte nicht ob dieser jähen Wandlung des sanftmütigen blauen Wassers. Ihr war, als müsse Aufruhr und Sturm sein, allüberall. Hoch auf spritzten die Wellen, gelblich brandend gegen den Kai. Draußen, unfern dem Ufer, wurden die Schwäne des Sees umhergeworfen, schlugen erschreckt und verwundert mit den Flügeln und wußten nicht recht, was aus all diesem ungewohnten Wogen und Wallen werden sollte.

»Ich weiß es auch nicht,« dachte Irene Hey, schleppte sich zum Bett zurück und kroch fröstelnd unter die Decke. Nein, sie wollte nicht wieder so willenlos dahintreiben. Straff setzte sie sich auf, blickte mit verstörten Augen umher und rang mit der Düsternis in ihrem Gehirn, wie der Fieberkranke kämpft gegen die verworrene Pein seiner quälenden Träume.

Was war nur – ja – was war denn nur geschehen? Sie suchte zur Klarheit aufzutauchen. Was hatte sich bloß zugetragen, daß sie so elend war, so arm und so undenkbar elend? Was hatte sich denn seit gestern, seit dieser Glücksstunde in Chillon ereignet? Es war doch noch alles wie ehedem. Dort war die helle Tapete, dort das Fenster mit den faltigen, weißen Vorhängen, die im Sturmhauch flatterten, dort drüben schwarz, hochragend die Savoyer Alpen, alles wie sonst, alles wie gestern. Was war nur gekommen und hatte die Welt verdunkelt, die gestern so hell und freudig strahlte, wie nie zuvor? Sie sann und grübelte. War dieses Glück so gebrechlich gewesen, daß eine fremde hübsche Frau es vernichten konnte, austilgen, ausrotten ohne Rest? Hatte sie die Lebensfreude nicht in sich verschlossen getragen, warm behütet im Busen? Wie kam sie nur zu diesem unbegrenzten Gefühl des Verlassenseins? Sie grübelte und grübelte. Und plötzlich grinsten sie die Gespenster der Nacht an. Ein kribbelndes Gefühl des Unbehagens kroch an ihrem Körper entlang. Woher war nur dieses jähe, wilde Verlangen gekommen? Sie faßte diesen taumelnden Zustand nicht mehr, jetzt in ihrer willenlosen Schwäche. Und plötzlich flossen ihre Tränen.

»Nein, nein,« weinte sie, wie ein um Verzeihung flehendes Kind, und hatte auch das Unterbewußtsein, daß sie das Schicksal um irgend eine Vergebung bitte, »so will ich's nicht. So will ich's ja gar nicht. Das war Verirrung eines tollen Augenblicks, das begehre ich nicht. Nur gut soll er zu mir sein, wie bisher.«

Sie hob kindlich betend die Hände. »Nur bei mir soll er sein wie alle diese hellen Tage. Mich anblicken, mir seine Gedanken anvertrauen, sich freuen an meiner beratenden Klugheit.« Sie bereute bitter die Ungerechtigkeit, mit der sie ihn vorhin geschmäht hatte. Nein, nein, er war gut und klug und ein starker Könner.

Er war so groß wie sie ihn immer gesehen hatte. Und nur diesen zum Lichte strebenden Menschen in ihm begehrte sie. Mochte doch das andere diese Andere hinnehmen. Auf das Tier in ihm erhob sie keinen Anspruch.

Da war es ihr, als sänge draußen der Sturm ein wiegendes Schlummerlied. Sie streckte sich wohlig. Die schweren Nebel um ihr Haupt teilten sich – alles war doch gut – ja – was wollte sie noch! Er hatte sich vorhin ihrer gar nicht geschämt. – Solcher Unsinn! Alles war Einbildung ihrer närrisch erregten Phantasie. Aber das war nun alles vorüber, abgetan, nie gewesen. Sie legte die Arme müde unter den Kopf. Sie würde ihre Wünsche in Zukunft in Zucht und Züchten halten. Sie lächelte über das Wortspiel traulich vor sich hin. So – und nun war alles wieder wie gestern, wie heut' morgen, da sie froh beschwingten Sinnes auf ihn gewartet hatte.

Sie schloß müde die Augen. Ja, schlafen, traut geborgen sich einschmiegen in dieses kosige Bewußtsein, daß alles wieder gut war. Hell und warm war es. Da war auch sein kluges Gesicht – wie es lächelte! »Lieb,« sagte er, so zart, wie er es nur sagen konnte. Und er streichelte ihre Hand und führte sie am See hin, und der tobte nicht mehr und warf keine hohen, gischtigen Wellen. Nein, er ebbte silbrig wie stets und dahinten ging rot und flammensprühend die Sonne zur Rast. Und er rief »Fräulein Irene«. Sie hörte es ganz deutlich. »Fräulein Irene.« Weshalb er nur so dringlich rief, da sie doch bei ihm war! »Fräulein Hey!« Und sie antwortete: »Kommen Sie doch zu mir!« Wenn er so rief, mußte sie ihm doch antworten. Beim Klang ihrer Stimme fuhr sie auf und starrte wirr zu ihm empor. Verblüfft stand er an ihrem Bett.

»Ich glaubte, Sie riefen ›Herein‹,« entschuldigte er sich.

Sie suchte sich in die Wirklichkeit zurückzuraffen. »Ich muß wohl geträumt haben.« stammelte sie noch ganz verstört.

»Geträumt? Oh, habe ich Sie geweckt?« bedauerte Wilm.

»Geweckt? Nein, nein,« sie blinkerte mit traumscheuen Augen und wußte nichts, als daß er bei ihr war. Ein überschwenglicher Glücksrausch durchbrauste ihren Körper und durchglutete ihr Gesicht, daß die zarte Haut der Wangen in einem metallischen Bronzeton aufglänzte. Er lächelte. Nie zuvor war sie ihm so liebreizend erschienen.

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie aufgescheucht habe.« bedauerte er. »Ich wollte nur fragen, wie es mit dem Spaziergang steht. Es ist ein wenig rauh und naß.«

Jetzt hatte sie ihre torkelnden Sinne in ihrer Gewalt. »Wollen Sie mit mir gehen?« Es war ein Kinderjubel.

Einen Augenblick durchleuchtete ihn der Gedanke, daß die schöne Frau am Ende recht habe und das junge Weib da vor ihm ihn liebe.

»Ja, natürlich will ich,« entgegnete er. »Mir ist der Sturm gerade recht. Wenn Sie sich stark genug fühlen und das feuchte Wetter nicht scheuen.«

»Nein, nein, im Gegenteil. Je toller es braust, desto wohler wird mir. Ich fühle mich so kräftig.« Sie stemmte die Füße fest gegen die Matratze, daß die Knie sich hoch aufbäumten unter der Decke. »Ah, gegen den Sturm anzukämpfen! Gleich, gleich. Ich bin sofort fertig.«

»Ich werde unten in der Halle warten.«

»Ja bitte. In fünf Minuten bin ich unten.«

Er nickte ihr zu und ging. Eine lachende, helle Fröhlichkeit weitete ihr den Busen und hob ihr das Herz leicht in der Brust empor. »Miß Thomson,« rief sie eifrig, »Miß Thomson!«

Aber keine Miß Thomson hörte. Sie saß im Lesesaale.

Kurz entschlossen sprang Irene Hey aus dem Bett, lief behend an ihren Stöcken dahin und dorthin, wusch sich mit Eifer, Eau de Cologne und emsigem Gesumm, wechselte das Kleid, stülpte den schönsten Hut auf, band hier ein kokettes Bändchen, dort ein raffiniertes Schleifchen und fand, daß sie wirklich allerliebst aussah. Und sie spürte keine Ermattung, obwohl sie sich seit Jahren zum ersten Male ohne Hilfe ankleidete, und trällerte ein Liedchen vor sich hin und begriff nicht, daß sie vorhin so unglücklich gewesen war. Und jetzt schämte sie sich ehrlich der letzten Nacht. Nicht aus Prüderie, wahrhaftig nicht. Dazu war sie ein zu gesund und zu frei denkender Mensch. Aber es schien ihr, als wäre das nicht das Lebenswerte. Sie wollte an seinem Arm dahingehen, sich mit ihm freuen am Grau des Tages und Toben des Sturmes und dem Grausen trotzen und stolz mit ihm ihre Kraft gegen die wilden Naturgewalten erproben. So sollte es sein. Und so frisch und kameradschaftlich verwegen wollte sie die Erinnerung hinüberretten in ihr späteres Leben, wenn es dunkel um sie geworden war. Schnell, nur schnell die Handschuhe – Gott, wo waren die feinen, neuen, langen, schwedischen? – Er wartete doch! Ja, so sollte es sein. Mit ihm wandern und die Welt mit ihrer Herrlichkeit einschlürfen und fühlen, wie er sie als Mensch achtete und schätzte, als vollgültigen, klugen, verstehenden Menschen. Das war es. Alles andere war nächtlicher Spuk, Ausgeburt ihrer aufgewühlten Phantasie. Fort damit. Das wollten die »Weibchen« auch. Irene Hey hatte mehr und besseres zu geben und zu nehmen.

Mit beflügelter Anstrengung tastete sie sich an der Wand des Flures bis zum Lift. Als sie unten in der Halle anlangte, sprang er sofort auf, – freudig, wie sie sah – hm, sie gefiel ihm wohl, fesch, wie sie heut war, gelt? – gab der anderen die Hand – ein bißchen flüchtig – die Frau spöttelte: »Wollen Sie wirklich durch diesen Sturm planschen?«

»Ja, wir sind ja wegefest,« antwortete er und kam eilig auf Irene zu.

»Das ging aber fix,« lobte er und betrachtete sie sehr wohlgefällig, »und so fein haben Sie sich bei dem Wetter gemacht!«

»Gerade,« lachte sie, »dem Sturmwind zu Ehren. Er muß doch etwas zu zausen haben.«

Fest und ohne Schwanken schritt sie an seinem Arm zur Tür hinaus, im Herzen den Stolz der Siegerin. Die andere sollte nur ruhig ihre Lorgnette noch stierer vor die Glotzaugen pressen. Nicht das leiseste Zittern würde sie entdecken, dessen er sich zu schämen brauchte. Jawohl, Irene Hey saß bei solchem Brausewetter nicht hinterm Ofen wie gewisse Kunstprodukte, die fürchteten, ihre Zuckersüße könne sich bei einem bißchen peitschenden Regen in häßliche Schlamperei auflösen.

Von solchem Triumphgedanken gestrafft, ging sie neben ihm die Promenade entlang. Der Wind pfiff ihnen neckend um die Ohren, ließ ihre Röcke lustig flattern und spielte Fahne mit ihrem lila Schleier. Und die Wangen röteten sich von der sieghaften Anstrengung des Ueberwindens und die Augen funkelten hell und kampfesfroh. Eine Weile sprachen sie nichts. Sie fühlte aber seinen streifenden, bewundernden Blick. »Ein tüchtiges Weib sind Sie,« sagte er endlich.

Sie lächelte stolz.

»Wie gut Kontraste tun!« rief er eifrig.

»Kontraste?«

»Ja, sehen Sie mal, nun haben Sie mich auf die Idee zu diesem Buche gebracht, es ist in mir lebendig geworden, – sehr lebendig, ich habe es fix und fertig im Kopfe, habe auch schon mit der Niederschrift begonnen – und doch – so ganz klar ist es mir doch erst heute – vielleicht in diesem Augenblick – geworden.«

»In diesem Augenblick?«

»Ja – durch –« er schwieg, ein Windstoß drückte sie gegen die Steinwand. Er stellte sich schützend vor sie und in einer überraschenden, zärtlichen Regung strich er ihr die zerzauste, feuchte Haarsträhne unter den Hut zurück.

»Danke,« sagte sie, und wunderte sich, wie still und gewohnt ihre Stimme klang.

Er nahm wieder ihren Arm und ging weiter. »Ja, – heute erst. Haben Sie die Dame gesehen, mit der ich vorhin sprach?«

Irene Hey wurde innerlich so kalt. »Die mit dem rötlichen Haar?« heuchelte sie. Es war ihr, als ob die Luftröhre sich plötzlich verkürze, so schmerzhaft zog sie im Halse.

»Ja, die,« bestätigte er nickend, »sie ist – Gott, dunkel empfunden habe ich es ja die ganze Zeit. Unsinn, dunkel! Klar und deutlich, sonst hätte ich das Buch ja nicht konzipiert. Heute, das war wohl mehr die Probe aufs Exempel.«

»Wovon handelt denn Ihr Buch?« fragte sie.

»Ich kann es Ihnen ja auch schon jetzt sagen,« entschloß er sich, »Eigentlich wollte ich Sie damit überraschen beim Vorlesen. Aber auch wenn Sie die Ideen kennen, wird es der Wirkung des Buches hoffentlich keinen Abbruch tun.«

Sie schüttelte ermunternd den Kopf.

»Ich schildere eine Frau,« begann er zögernd, suchend, »wie Sie – genau, wie Sie sind, soll sie sein, wenn es mir gelingt. Das wissen Sie ja bereits. Und einen Mann – mich also. Selbstbildnis ist zwar nicht leicht. Aber es muß mir gelingen. Sehen Sie mal –« er blieb im Winde stehen und ließ ihren Arm im Eifer der Erklärung los – »ich will gar nicht sagen, daß zwischen uns die Sinnlichkeit nicht ihr feines Lied summt.« Er nahm wieder ihren Arm und führte sie weiter. »Sinnlichkeit im lautersten Sinne. Die schweigt zwischen Mann und Weib wohl nie ganz. Sie verstehen mich?«

Sie blickte starr auf den regenschwarzen Asphalt.

»Es macht mir Freude, zu sehen, wie weich Ihr reiches Haar sich auf Ihrer klugen Stirn wellt. Es beglückt mich, daß die Haut Ihrer Wangen samten und duftig ist, wie Kelchblätter der Rose sind, – jawohl –« Er lächelte zutraulich stolz – »das habe ich bemerkt. Das alles ist doch wohl ein Hauch von Sinnlichkeit. Aber das Beglückende in unserm Verkehr ist, daß sie nur wie ein seidenes Tuch ist, auf das unsere Seelengemeinschaft ihr goldenes Brokatgewebe schlingt. Das ist es. Dieses gleichzeitige Aufstrahlen unserer Augen im Glanze der Sonne, dieses Wiegen unserer Gedanken auf den Wellen dort draußen, dieses tapfere Hand-in-hand-Trotzen gegen den Sturm. Dieses gemeinsame Verstehen des Ewigen in dem Tosen der Wogen dort draußen und dem flatternden Hasten des sturmgebogenen Segels dort drüben, diese schöpferische Vereinigung meines männlich-kühlen Intellekts mit Ihrem warmen weiblichen Gefühl. Daher sind mir so viele meiner ältesten abgenutzten Gedanken aus Ihrer lieben Hand verjüngt und blankgeputzt zurückgegeben worden. Daher scheint mir die Sonne wärmer und segenspendender als ehedem, daher duften mir die Fliederbäume wie noch in keinem Frühling, daher ist mir die Welt an diesem düsteren Sturmtage so viel lichter und kraftfreudiger als an so manchem klaren Sommertage.«

Sie nickte still.

Da lachte er leise auf. »Nun habe ich Ihnen fast eine Rede gehalten. Aber es überkam mich plötzlich, daß –«

»Ich verstehe sehr gut,« sagte sie und staunte, daß kein rechtes Glücksgefühl in ihr aufkam.

»Ja –« fuhr er gesprächig fort, »sehen Sie, die andere spricht auch fortwährend von Seele und Zusammenklang der Herzen pp. Aber es ist nur ein Mäntelchen, das sie kokett um ihren nackten Busen hängt. Und das lüsterne Weiß der Haut schimmert bei jeder Bewegung des Körpers hervor.« Er lachte.

Sie nickte wieder und konnte sich nicht versagen, mit einer fast spöttischen Bitterkeit zu bemerken: »Und Sie? Wenden Sie peinlich berührt das Gesicht?«

Er wandte verwundert die Augen dem ungewohnten Klang ihrer Stimme zu. »Nein,« gestand er langsam. Und dann schmunzelte er: »Wahrhaftig nicht. Ich behaupte ja auch gar nicht, daß solche Weibchen eine peinliche Erscheinung sind. Nein. Ich tadele und lobe nicht. Dazu bin ich viel zu fest davon durchdrungen, daß alles, was die Natur geschaffen hat, seine Berechtigung findet. Auch bin ich durchaus nicht prüde. Bei Leibe nicht. Eine rechte, frische, ehrliche Sinnenlust, sapperment nochmal, vor der habe ich Achtung. Nur diese Scheuklappen-Sinnlichkeit, die hetzt alle bösen Instinkte in mir auf. Aber davon wollte ich gar nicht sprechen. Ich wollte nur sagen – und das ist wahrhaftig nichts Neues: Das Beste zwischen Mann und Weib ist das Seelische. Und gerade ich will es in meinem Buche sagen, ich, der frohe Sinnenmensch. Ich will es aus tiefstem Gemüte und herrlichster Erfahrung sagen. Und daß ich es sagen kann, das – ja – Irene Hey, das danke ich Ihnen.«

Jetzt blieb sie stehen, ihre Röcke knatterten im Winde. »Doktor Wilm,« sagte sie, »ob Sie da nicht willkürlich trennen! Glauben Sie nicht, daß sich beides vereint findet? Meinen Sie wirklich, es gibt kein Weib, mit dem ein Mann im weltenweit ernsten Einklang des Gemütes schwelgen und das ihm doch in heiligen Stunden das Weiblichste geben kann? Glauben Sie das wirklich?«

Sie hatte ganz leise gesprochen. Der Wind verwehte fast ihre Worte. Wilm nahm sacht ihren Arm und führte sie weiter.

»Ja, – liebes Fräulein Irene,« schüttelte er traurig den Kopf – »in Bilderbüchern laufen solche »hehre« Frauen zu Dutzenden herum. Jeder bessere Romanschreiber hat eine wohlaussortierte Musterkollektion am Lager. Im Leben – gewiß gibt es solche – gewiß. Mir persönlich ist noch keine begegnet. Vielleicht liegt es an mir. Mag sein, der seine Instinkt solcher Frauen warnt sie vor mir. Mir sind meist Weibchen begegnet. Nette, hübsche, liebe, oft auch sinnige. Aber immer doch nur Menschlein. Das Idealbild, das man so aus der Jünglingszeit noch in der Brust herumträgt –« Er machte eine vage, traurige Bewegung mit der freien Hand und fügte hinzu: »Aber ich glaube selbst, es ist mein persönliches Mißgeschick, und ich weiß auch, es ist ein Unglück für meine Entwicklung als Künstler.«

Er wischte einige zudringliche Regentropfen von der Wange. Sie glaubte, die verborgene Tragödie seines Lebens durch seine Worte schauern zu hören. Und eine Stimme in ihr rief: »Jetzt – jetzt – sage es doch. Rufe ihm zu, dem Blinden, daß die, die er sein Leben lang gesucht hat, neben ihm durch den Düstertag schreitet. Laß den Augenblick nicht feige verrinnen. Raff dich auf, packe dein Glück beim Schopfe und gib ihm das seine, das ersehnte. Nimm ihm den Wahn, du würdest ihm nicht geben mit vollen Händen, mit segnenden, dankbaren Händen, alles, was an dir gebenswert ist, wenn er es begehrte.«

Sie fühlte, wie die Sekunden schicksalsschwer, unwiderbringlich vertropften. Ihr wurde schwindelig bei dem Gedanken, daß die einzige Gelegenheit, ihr Leben mit beiden Fäusten zu fassen, vergleite. Sie tastete nach seiner Hand. Er glaubte, es gelte einem zarten Versuch, ihn zu trösten. Da lächelte er leicht: »Wenn man solch Körnchen Wahrheit klipp und klar aus der Wolle des Lebens herausschält, nimmt es sich tragischer aus, als es im Grunde ist. Im Leben bleibt es unter all dem anderen Augenblicksstoffe eingehüllt. Für meinen Werdegang als Künstler ist es ein trauriger Verlust. Es hätte mir gut getan, als Werdender unter den Einfluß eines großen weiblichen Menschen zu kommen. Im übrigen –« er lächelte dieses eingebildete Lächeln, das sie nicht ertragen konnte – »ist es auch so ganz hübsch geworden.«

Da wußte sie, daß sie sich verschwiegen hatte. Saß sie es nun nicht mehr hervorstammeln konnte. Nein, jetzt nicht mehr. Die Stimmung war mit dem rieselnden Regen zu Boden getropft. Und plötzlich faßte sie ein aufpeitschender Grimm, daß er, der »große Psychologe«, neben ihr in seiner männlichen Selbstgefälligkeit hertrottete mit blinden Augen, die nicht das Strahlen seines guten Lebenssternes dicht an seiner Seite gewahrten. Das Märchen von dem Toren fiel ihr ein, der das Glück sucht und es verblendet ahnungslos tötet, als er es gefunden hat, um das Glück zu finden. Und dann flaute der Zorn zu einer wehen, stillen Traurigkeit hinüber.

»Wir wollen in den Friedhof gehen,« bat sie unvermittelt und deutete hinüber.

»Bei dem Wetter?« warnte er. »Es wird sehr feucht auf den Abhängen sein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Kommen Sie. Ich wollte schon immer einmal hinein, »Ich liebe diesen Ort des Todes am Weinbergshang. Sehen Sie dort oben in den tiefhängenden Wolken die letzte Gräberreihe dicht an den letzten Reben? Es ist ein solch guter, beruhigender Gedanke, dort einmal still und fertig zu liegen. Später wird der Kirchhof vielleicht verlegt, kann man sich einbilden, und der Wein zieht wieder über die Gräber fort hernieder bis ins Tal. Dann wird man zu einer Traube – und dann« – sie zwang sich zu einem den tieferen Sinn umhüllend bergenden Lächeln – »berauscht man am Ende doch einmal.«

»Wie schöne Gedanken Sie aus allem keltern.« bewunderte der Dichter, während sie hinübergingen. Und dann vertiefte er sich in eine tiefsinnige Erörterung des Werdegangs der Moleküle und der Unsterblichkeit, die darin liege, daß im Weltall nichts verloren gehe.

Irene Hey vernahm nur den Klang seiner Stimme. Während sie an seinem Arm an all diesen Gräbern dahinging, in denen Montreux-Pilger aus allen Weltteilen friedlich beieinander ruhen, wurde es so bleich und matt in ihrer Brust. Sie begriff nicht, daß er nicht ahnte, wie sehr sie ihm gehöre. Ach, sie konnte es auch nicht begreifen, die arme, junge Irene Hey, weil ihr im törichten Rausche ihrer ersten Liebe das Bewußtsein und das Maß ihres Gebrechens verloren gegangen war, und weil der Wahn sie ergriffen hatte, daß sie ein Mensch, wie all die andern, sei mit berechtigten Ansprüchen auf Glück und Licht und wundervolle Erfüllung.

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