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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 10
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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X.

Irene Heys krankhaft gespanntes Gemüt hatte richtig geahnt. Wenn Frau Weigand ihn auch nicht gerade mit den Worten »Nun, Herr Doktor, sind die Krankenwärterdienste erledigt?« empfing, so war doch ihr bedauernd ironisches Lächeln beredt genug. Da er verärgert schwieg, begann sie endlich scheinbar arglos: »Ich hätte Sie gar nicht für so gutherzig gehalten.«

»Wieso gutherzig?«

»Na hören Sie mal, Sie üben die christliche Nächstenliebe doch in sehr konkreter Form.«

»Mit christlicher Nächstenliebe hat das nichts zu schaffen,« brummte er. »Das arme Mädel hat bisher nichts von ihrem Leben gehabt. Deswegen gebe ich ihr, was ich ihr geben kann.«

»Was haben wir andern denn vom Leben gehabt!« rief erregt die schöne Frau und sah in ihrem Schmerz der Entbehrung noch schöner aus, was Wilm anerkennend zur Kenntnis nahm.

»Sie trägt ihr Leid nur in sehr handgreiflicher Form mit sich herum,« sie machte eine unwillkürliche Gebärde erinnernden Unbehagens. »Wir andern – aber ein Psychologe wie Sie braucht doch wahrhaftig nicht diese äußere Veranschaulichung des Kummers.«

»Ach, gehen Sie,« machte Wilm, »wie können Sie das nur vergleichen. Ihr bißchen seelische Bedürftigkeit – nehmen Sie es mir nicht übel – und die Tragik dieser Krankheit! –«

»Ich mag Krankheit nicht!« rief die schöne Frau unlogisch.

Er lachte hell auf.

»Was haben Sie?« fragte sie unsicher.

»Nichts,« lachte er vergnügt fort.

Ihre Pupillen irrten verlegen: solche Künstlernatur war doch zu unberechenbar! Und kindlich zaghaft getraute sie sich: »Ich wundere mich ja nur über Sie. Ich las mal irgendwo, Goethe hatte einen Abscheu vor Krankheit. Er hielt sich kranke Menschen hartherzig vom Leibe. Deshalb staune ich. daß Sie als Künstler« – sie machte mit dem Kopf eine bezeichnende Geste in der Richtung der oberen Räume.

Wilm zündete gemächlich seine Zigarette an. »Ob das mit Goethe stimmt,« begann er behaglich, den Rauch in einem langen, festen Strahl ausstoßend, »weiß ich nicht.«

»Sicher.« unterbrach sie lebhaft, und raffte ihr pikant gebogenes Näschen, »ich hab's doch gelesen.«

»Also ist es nicht wahr,« bestätigte er sachlich. »Aber selbst wenn die goetheforschenden Maulwürfe recht hätten, darf ich, ohne mir zu nahe zu treten, bekennen, daß mir diese geheimratliche Verklärtheit abgeht. Und dann, meine liebe gnädige Frau, muß jeder Fall hübsch individuell behandelt werden. Hier bin ich der nehmende Teil. Dieses arme Mädel gibt mir unendlich viel. Sie besitzt die umfassendste, zum Leben gewordene Bildung, die ich je bei einer Frau gefunden habe!«

»So – so,« tat Frau Weigand, und das spöttische Lächeln war ihrem Verdruß ein schlecht verhüllender Vorhang. »Bildung,« sie zuckte die hübschen Schultern, »gewiß, Bildung ist etwas ganz Schönes. Aber gerade einem Künstler gegenüber –« sie unterbrach sich lebhaft. »Sagen Sie mir doch bloß eins: könnte eine solche Kranke Sie inspirieren?!«

»Wer weiß?« sagte er geheimnisvoll.

»Sie könnte?!« rief die schöne Frau entgeistert.

»Na, wissen Sie! Wollen Sie die etwa in Ihr Paradies der Pikanterie eingehen lassen?«

»Warum nicht?« fragte er unschuldig.

Frau Weigand schüttelte sich. »Ich finde ein Buch über eine solche Kranke geradezu unästhetisch,« entschied sie kategorisch. »Krankheit ist überhaupt kein Gegenstand für die Kunst. Kunst muß doch schön sein und –«

Wilm hob den Arm wie ein Haltsignal. »Ueber Kunst will ich mit Ihnen nicht polemisieren. Zum Fachsimpeln sind Sie mir zu hübsch. Lassen wir überhaupt alles andre und konzentrieren wir uns nur auf Sie.«

»Sie ist übrigens bis über die Ohren in Sie verliebt,« stieß Frau Weigand jäh hervor.

»Wer?«

»Nun, die dort oben.«

Da lachte Wilm ein herzerfreuendes Lachen.

»Woher wissen Sie die Neuigkeit?«

»Glauben Sie, ich bin blind? Man braucht ja nur zu sehen, wie sie sich mit den Augen an Sie klammert. Frauen sehen so etwas sofort.«

Wilm lachte noch immer. Was solche kleine Frauen nicht alles sahen! Irene Hey verliebt! Er fühlte plötzlich, wie hoch sie ihm stand. Daß es ihn schon unbehaglich berührte, wenn diese Frau da von ihr sprach und sie mit ihrer kleinlichen Eifersucht befleckte. Noch nie hatte ihm die reine Hoheit ihrer Freundschaft so lauter ins Gemüt geleuchtet. Innig, wie nie zuvor, fühlte er sich mit der armen, klugen Freundin dort oben verbunden. Beschämende Reue ergriff ihn ob des feigen Gefühls, mit dem er sie vorhin zum Lift begleitet hatte.

Der Ausdruck seines Gesichtes machte die schöne Frau unsicher. »Was haben Sie nur?« grollte sie, »glauben Sie etwa, ich bin auf diese Unglückliche eifersüchtig?!«

Wilm sah nur ihre feuchten, sinnenfrohen Lippen. »Nein.« lächelte er verbindlich, »denn ich bin nicht vermessen genug, mir einzubilden, daß Sie mich vor heute abend lieben werden.«

Da glätteten sich die Runen des Unmuts zwischen ihren Brauen und holdselig lächelnd dämmte sie seine Zuversicht. »Es täte mir leid. Sie zu enttäuschen. Liebe gibt es nicht zwischen uns, jedenfalls nicht so, wie Sie sich das denken. Ich sagte Ihnen schon einmal, einen Menschen suche ich, dem ich mein Innerstes anvertrauen kann.«

»Na also,« meinte er gelassen.

»Sie sind sehr dreist.« schalt sie. »Ich sage Ihnen nochmals, geben Sie alle solche niedrigen Gedanken auf. –«

»Niedrige?! Aber, gnädige Frau. Ihre Liebe ist mir das Höchste.«

»Ich bin meinem Manne treu, sage ich Ihnen. Nicht aus Liebe, das bekenne ich ganz offen, aber aus Pflichtgefühl. Ich habe ihm nun einmal Treue gelobt. Mein Körper gehört ihm allein. Das Beste an mir, meine Seele, die will er ja gar nicht, für die hat er kein Verständnis. Die bangt und trauert nach einem Unterschlupf.«

»Ich bitte, sie vorläufig vertrauensvoll bei mir zu deponieren.« lud Wilm ein und blickte auf die Uhr.

»Wollen Sie fort?« fragte sie unmutvoll.

»Noch nicht. Ich habe Fräulein Hey versprochen, um vier Uhr mit ihr zu wandern.«

»Wer ist Fräulein Hey?« forschte sie argwöhnisch.

»Die kranke Dame.«

»Wie, mit der machen Sie Ausflüge?«

»Jawohl – täglich.«

Sie blickte ihm suchend in die Augen. »Dann lieben Sie sie,« löste sie prompt das Rätsel. »Das tut nur die Liebe, solch armes, zappelndes Wesen durch die Straßen schleppen.«

»Reden wir nicht von ihr,« sagte er ärgerlich.

»Na ja – solch Künstler ist ja zu allem fähig. Also er liebt sie!« Sie blickte fassungslos zur Decke auf. »Das ist sicher eine perverse Veranlagung, die da bei Ihnen zum Durchbruch kommt,« stellte sie treffsicher dem unerhörten Fall die Diagnose.

»Ich gehe halt mit meiner Zeit mit,« gestand er.

»Aber gerade Sie. der zu Frauen so zynisch ist!« staunte sie. »Ich begreife es dennoch nicht recht –«

»Zynisch,« – um seinen Mund huschte sein verwegenes Lächeln, »zynisch, Verehrteste, bin ich nur den Frauen gegenüber, die mir gefährlich sind. Das ist der Drahtverhau meiner Verteidigungslinie.«

»Aha,« atmete sie befriedigt auf, »jetzt wird mir manches klar.« Und sie wünschte, er möchte noch tausendmal zynischer werden.

»Wenn Sie wollen,« sagte er, »können Sie ja mitgehen.«

»Danke sehr,« schlug sie ärgerlich aus. »Ich habe keinen Drang zur Bildung.«

»Gut,« nickte er trocken, »aber gehen wir abends zusammen ins Kurhaus.«

»Auch in Begleitung?«

»Nein,« sagte er, ihre Torheit stark mißbilligend, »dann würde ich mir doch die Aussicht vergeben, Sie auf dem Heimwege geziemend zu küssen.«

Sie schnellte empor. »Sie sind der unverschämteste Mensch, der mir bis jetzt begegnet ist.«

Er drückte ihr sein innigstes Beileid aus über die Härte ihres bisherigen Geschickes.

»Ich habe ja allerlei auf Reisen getroffen. So etwas ist mir denn doch noch nicht zugestoßen.«

»Was in meinen schwachen Kräften steht, soll nachgeholt werden,« versicherte er.

»Und das Empörendste ist diese Offenheit, mit der Sie Ihre ruchlosen Absichten enthüllen.«

Er nickte. »Heine hat gesagt: Gute Dichter überraschen nie. Vorbereitung erhöht die Wirkung. Ich habe mich stets bemüht, den Rat des Meisters zu beherzigen.«

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