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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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»Verzeihung, ich habe nicht beachtet, daß Sie sich unversehens so rasch umwenden würden,« sagte Dr. von der Thann, der, eiligen Schrittes sein Handköfferchen tragend, einem Wagenabteil zustrebte und mit der scharfen Kante des Gepäckstückes das Knie eines großen, breitschulterigen Herrn etwas unsanft berührt hatte.

Soeben war der Zug eingefahren und dieser dem Abteil erster Klasse entstiegen.

Er sprach mehr befehlend als höflich zu einem in ergebener Haltung vor ihm stehenden jungen Manne, anscheinend seinem Kammerdiener, dem er ein Paket Zeitungen und Reiselektüre übergab.

»Na, hören Sie mal, mein Herr,« erwiderte er auf jene Entschuldigung merklich bissig, »wenn man seine Bagage selbst schleppt, hat man gut aufzupassen und rempelt damit nicht andere Fahrgäste an.

Mehr verwundert als verletzt sah Job Christoph in des Sprechers Gesicht.

Weder seine ungezwungene, beinahe herausfordernde Haltung noch der ihm unleugbar anhaftende Ausdruck von Vornehmheit würden des Doktors Aufmerksamkeit erregt haben, es war der Ausdruck von Dünkel und lächerlicher Überhebung, der in den sonst gutgeschnittenen Zügen deutlich zum Vorschein kam. Wasserblaue, hell bewimperte Augen und eine rosige, fast mädchenhaft gefärbte Hautfarbe standen damit im Widerspruch. Eben hatte er die Reisemütze abgenommen, und das sich darunter kräuselnde semmelblonde Haar ließ sogar einen rötlichen Schein der Kopfhaut durchschimmern. Der Kammerdiener reichte seinem Gebieter einen weichen grauen Filzhut hin.

»Ich wünsche ein Auto nach Strelnow. Hoffentlich bekomme ich eins in diesem Nest?« hörte Herr von der Thann ihn im Vorbeischreiten noch rufen, und als Job Christoph in einem Abteil dritter Klasse angelangt war, schloß sich hinter ihm die Tür.

Über seine Züge flutete noch immer das Rot heftiger Erregung, und seit er vor dreiviertel Stunden Strelnow verlassen hatte, wollten tausend wehe, widersprechende Gefühle in seiner Brust nicht zur Ruhe kommen.

Ungeduldig warf er den Koffer ins Netz und ließ sich auf den harten Sitz nieder.

»Strelnow,« hatte der Fremde gesagt. Also der war es? Ein Auto – natürlich! Konnte er nicht einen Wagen benutzen? Nein, der elende Klapperkasten schien nicht gut genug für ihn. Warum kam er schon heut? Selbstredend überraschend!

So jagten die Gedanken durch Job Christophs Hirn. Weshalb war er aber plötzlich traurig, sorgenvoll, verzagt? Warum dünkte es ihn jetzt, als ob unheilvolle Mächte ihm den zuversichtlichen Blick in die Zukunft trübten? Lächerlich! Er atmete beklommen auf und begann nun erst von seinen Reisegefährten Notiz zu nehmen. Sie bestanden aus zwei schlichten, alten Frauen, einem polnischen Juden mit Stirnlöckchen und drei lebhaft schwatzenden Geschäftsleuten; keiner beachtete ihn, und dennoch drückte er sich unbehaglich und verstimmt in seine Ecke.

Dritter Klasse! Noch vor drei Wochen war es ihm ganz selbstverständlich erschienen, seiner mageren Börse wegen so zu fahren. Doch heute schämte er sich vor sich selbst. Weshalb? Wieder lächerlich! War denn etwas Besseres, Vornehmeres aus seiner Person geworden, seit Strelnows Luft ihn umwehte?

Noch brannten Arys Abschiedsküsse auf seinen Lippen, noch haftete an seinen Kleidern und Händen der leichte, süße Duft ihres Parfüms. Sollte dieser sich bald verflüchtigende Hauch vielleicht das einzige sein, was er von ihr, von jenen berauschenden Tagen mit fortgenommen hatte?

»Ich liebe dich, Job Christoph – unsagbar, unermeßlich! Wir werden uns schreiben, du wirst bald von mir hören, und dann soll alles gut werden!«

Das waren ihre letzten Worte, als er sich am Nachmittag von ihr verabschiedete.

Im großen, totenstillen Salon, dort, wo er sie zuerst erblickt, war es gewesen. Der Vater fort, wie immer – das Schloß wie ausgestorben – auch wie immer. Da hatten Arys weiche Arme ihn wieder und wieder umfaßt, und die ganze Leidenschaftlichkeit ihres Wesens hätte ihn, wenn er nicht längst von der Tiefe ihrer Gefühle überzeugt sein mußte, aufs neue belehren können, daß nur die reinste Liebe sie durchglühte. Und dennoch – – –

Wie dachte sich Raineria eigentlich ihre Zukunft? Weshalb berührte sie nie den doch so wichtigen Punkt einer endlichen, klaren Aussprache, obwohl, er ihr schon oft von Plänen, Entschlüssen und Hoffnungen geredet hatte? Mit merkbarer Scheu war sie nie darauf eingegangen.

Und als nun gerade am selben Morgen ein Brief des berühmten deutschen Prähistorikers und Archäologen Professor Ramberg in seine Hände gelangt war, der sich ihn zum Begleiter auf der nächsten Forschungsreise nach Ägypten erbat, und er, in seiner Freude über jene ehrende Aussicht, Raineria Mitteilung davon gemacht hatte, da war es doch einen Augenblick wie Bitterkeit und Enttäuschung in ihm aufgequollen.

«O, Job Christoph, du wirst sicher noch ein schrecklich berühmter Mann werden, von dem später ellenlange Aufsätze in den Zeitungen stehen!«

So lautete ihre im neckenden Tone gegebene Antwort.

Sein tiefes Empfinden über diese Auszeichnung verstand sie nicht.

Und er selbst?

Anstatt begeistert zu rufen: »O, Ary, Liebste, ich werde mich emporarbeiten aus dem Dunkel und der Dürftigkeit meines bisherigen Daseins. Ich will aufwärts steigen –«

Ja, da hatte er geschwiegen und all die in ihm aufquellenden Empfindungen gewaltsam unterdrückt.

Fühlte er, daß zwischen ihm und Raineria eine unsichtbare Schranke bestand, die zu beseitigen nicht in seiner Macht lag? O, er kannte dieses Hemmnis wohl. Hatte er jemals wie ein anderer Mann, der um ein Mädchen wirbt, sie nur einmal gebeten, ihm treu zu bleiben und auszuharren, bis er Stellung und Mittel besaß, sie in sein Haus zu holen? Nein! Hatte er je den Mut gefunden, dem Grafen seine Neigung für Raineria zu offenbaren? Nein! Er kannte nur zu gut den Grund dafür, er kannte das Unrechte, Sündhafte, das ihn mit tausend Fesseln an Strelnow band und das er nicht mehr zu sühnen vermochte. Kein flüchtiger Sinnesrausch war seine Liebe für Raineria, sie war die Verkörperung eines längst in ihm schlummernden Ideals. Alles andere, Frühere verschwamm ins Wesenlose. Knabenträume! Wer glaubt heute noch an ihre Verwirklichung?

Allein ein scharfer Stachel in der Brust blieb dennoch.

Das Bild jenes holden, schlichten Mädchens stand noch immer vor seines Geistes Augen, und darum durfte er keine Entschließungen treffen, bevor er der Jugendfreundin nicht alles gebeichtet.

Das war Gewissenspflicht, ja Ehrenpflicht! Zuerst also den Weg zu Professor Ramberg, seinem Gönner, nach Berlin und dann zu Irene nach der alten Heimatstadt.

* * *

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