Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
Schließen

Navigation:

Graf Ignaz war eben von einem Ritte nach Hause gekommen und lag, ohne den vom Nebel durchfeuchteten Anzug gewechselt zu haben, mit hohen, bespritzten Stiefeln auf dem Liegesofa, das schon reichliche Spuren des täglichen Gebrauches zeigte.

Sein Zimmer war keineswegs ungemütlich. Die dunklen, geschnitzten Eichenmöbel – vielleicht die besterhaltenen des Hauses – paßten gut zur ledergepreßten Tapete; allein Stephan, in seinem Ordnungssinn, nannte dieses Gemach die Löwengrube.

Ein genauer Blick entdeckte bald, wie schmutzig und verbraucht jeder Gegenstand darin war. Dicker Tabaksqualm und dunstige Luft schlugen dem Eintretenden sofort entgegen.

Soeben hatte Himek Doktor von der Thann angemeldet, und Graf Ignaz richtete sich, einen Ausdruck neugieriger Spannung in den Zügen, etwas aus seiner bequemen Lage auf.

»Hallo, Dokterchen! Sie bringen mir heute sicher was Besonderes? Schon seit vielen Tagen warte ich darauf, aber Sie taten so mordsmäßig zugeknöpft, daß ich meine Neugier zügelte. Kommen Sie hierher – und setzen Sie sich. So – da stehen Zigaretten – oder eine Giftnudel? Wie? Nein? Gut, besser auch, man verschandelt sich nur damit den Magen. Ich rauche den Dreck auch nur höchst selten. Sie sehen ohnehin schon blaß und abgerackert aus.«

Der Angeredete dankte höflich für beides. Eine gewisse Unsicherheit machte sich unter den ihn scharf fassenden Blicken des Schloßherrn an ihm bemerkbar. Allein wohl selten hatte ein so offener warmer Ausdruck in Job Christophs feste Willenskraft und Manneswürde widerspiegelnden Augen gelegen.

»Wissen Sie, Doktor, daß Sie ein komischer Kerl sind? Wenn ich jemand einen Dienst geleistet, für ihn geschuftet habe, daß mir der Schweiß 'runterläuft, dann stelle ich mein Licht nicht unter den Scheffel, aus purer Bescheidenheit, um einen ja nicht glauben zu lassen: ›Jetzt bitte ich auch um den vereinbarten Obolus!‹ Donnerwetter, nun mal raus mit der wilden Katze! Der Stammbaum ist da – gefunden? Ja?«

»Er war gefunden, Herr Graf – in der bewußten Mappe des alten Sackes; natürlich Bruchstücke davon, die ich indes zu einem leserlichen Ganzen zusammenzufügen und zu entziffern vermochte. Nun aber...«

»Na also, das ist ja die Hauptsache. Sie sind doch ein Tausendkünstler!« unterbrach ihn der Ältere voll prickelnder Ungeduld. »Ich verstehe nur nicht recht die Andeutung: ›Der Stammbaum war gefunden.‹ Die Luders, die Ratten, werden das Ding hoffentlich nicht über Nacht aufgefressen haben?«

Obgleich seine Stimme spöttisch klang, glühte doch ein böser Funke in seinem tückischen Blicke, und plötzlich trat eine dicke rote Zornesader auf seine Stirn.

Da er immer nur das Schlechteste von den Menschen dachte, war sofort ein häßliches Mißtrauen in ihm erwacht.

»Geldschneiderei! Erpressung!« fuhr es durch des Grafen Sinn, und in brutalem Sarkasmus rief er: »Ein Mann wie ich – in meiner Stellung – ist nicht daran gewöhnt, lange hingehalten zu werden, insbesondere, da Sie doch gemerkt haben müssen, wie sehr die ganze Sache mich spannt und aufregt. Versteckenspielen scheint wahrlich nicht mehr am Platze. Ich verlange Klarheit, Herr Doktor!«

Keine Miene in des Jüngeren Zügen verriet, daß die verletzende Rede ihn innerlich empörte, denn er dachte an Rainerias Bitte, ganz offen zu sein und den wahren Sachverhalt rücksichtslos zu enthüllen, und so sagte er, obgleich mit merklich dunkler gefärbter Stimme, nur kurz: »Zu meinem tiefen Bedauern muß ich leider bekennen, daß der Stammbaum, der verschiedene Linien und Zweige der gräflichen Familie Sumiersky nachweist, nicht mehr existiert und in meiner Gegenwart von Ihrer Gräfin Tochter verbrannt worden ist!«

Wie ein Rasender, blaurot im Gesicht, die Lippen verzerrt, so daß die großen, weißen Zähne sichtbar wurden, fuhr der Schloßherr vom Sofa auf.

»Verbrannt?! Mensch, sind Sie wahnsinnig geworden? Das duldeten Sie? Das verhinderten Sie nicht? Frauenzimmern ein solches Wertobjekt in die Hand zu geben, ein Dokument, das für mich schwerer wog als eine Viertelmillion – ist ein Verbrechen!«

Job Christoph hatte sich ebenfalls erhoben, und in seiner vornehmen Ruhe und Gelassenheit stand er schweigend vor dem tobenden Manne, während dieser kreischend fortfuhr: »Das Mädel soll 'runterkommen – sofort! Ich will es Mores lehren, sich an Dingen zu vergreifen, die mir gehören. Was hatte die Göre überhaupt dort unten zu suchen gehabt? Bloß neugieriges Herumstänkern! Wo Weiber im Spiele sind, gibt's immer Unheil. Potz Teufel, das soll Raineria mir büßen!«

In unsicherem, stolperndem Schritt war er zum Klingelzug gestürmt, da endlich ermannte sich der Doktor und sagte schnell: »Die Komtesse war so gänzlich fassungslos, jedweder Überlegung bar, daß es wohl sündhaft wäre, sie wegen dieser Handlung zur Rechenschaft zu ziehen. Verantwortlich dafür bin nur ich, Herr Graf, indem ich so unvorsichtig gewesen bin, sie über den Inhalt des Stammbaumes aufzuklären.«

Zum ersten Male lag eine leichte Bitterkeit und Schärfe in Job Christophs Ton.

»Den Inhalt? Wie meinen Sie das?«

Stutzend, allein noch immer vor innerer Erregung keuchend, blieb der Hausherr inmitten des Zimmers stehen.

»Um Ihnen darüber Mitteilung zu machen, Herr Graf, bin ich jetzt hier. Ich habe den alten Stammbaum genau studiert, kenne jede Zeile auswendig, und so wird Ihnen wohl – meiner allerdings nicht maßgebenden Ansicht nach – kaum etwas anderes übrigbleiben, als sich mit jenen Verwandten, die Ihnen, wie Sie mir anvertrauten, das Erbteil streitig machen wollen, gütlich auseinanderzusetzen.«

Wieder in der alten Ruhe und Festigkeit, klang jetzt Job Christophs Stimme zu dem ihn fast um halbe Kopfeslänge überragenden Manne hinüber.

Beinahe hatte es den Anschein, als wolle sich dieser in seiner Wut auf den Doktor stürzen.

»Streitig machen! Zum Teufel, das soll mal einer riskieren, mir, dem positiv nächsten Anwärter!« schrie Graf Ignaz brüsk.

»Der Stammbaum besagt das leider nicht. Ihr Vetter in Amerika, der wieder, wie Sie sagten, seine Identität nur durch einige Briefe und mündliche Überlieferungen nachzuweisen vermag, stammt dennoch in ganz direkter Linie vom Erblasser ab. Jener Ast der Familie Sumiersky, dem Ihr Großvater entsproß, ist ein Nebenzweig, Herr Graf. Solche Irrtümer kommen, wie meine Praxis mich oft belehrt, durchaus nicht selten vor, denn...«

Herr von der Thann stockte, weil in seines Gegenübers Zügen plötzlich eine so auffallende Veränderung vor sich gegangen war, daß Gefühle von Sorge und Bangigkeit ihn beschlichen.

In dem markig geschnittenen Gesicht arbeitete ein so seltsam krampfartiges Jucken, als ob in natürlicher Folge der eben gehabten furchtbaren Gemütsbewegung ein wildes Aufschluchzen sich Bahn brechen wollte. Fast wirkte es auch gleich ingrimmigem Lachen.

Graf Ignaz war in einen Sessel gesunken und bedeckte mit beiden Händen das Gesicht.

Aufs höchste befremdet betrachtete Herr von der Thann den Fassungslosen.

»Ich bin tief bedrückt, Herr Graf, daß ich Ihnen eine derartige Enttäuschung bereiten mußte,« wagte er endlich ernst, doch höflich zu äußern.

Das mehr unbewußte als bewußte Bedürfnis, etwas zu sagen, was dieser roh sinnlichen Natur nur einigermaßen verständlich war, gab ihm die Worte ein.

Allein der Schloßherr verharrte noch immer regungslos.

Wollte er sich zu sammeln versuchen, seine Erschütterung vor fremden Augen verbergen?

Unschlüssig blieb Job Christoph neben dem Sessel stehen. Wenn der Mann durch diese Aufregung erkrankte, gar einen Schlaganfall erleiden sollte?

Da endlich sanken des Schweigsamen Arme herab, und in der allen Beweglichkeit sprang er vom Sitze auf.

»Donner und Doria! Das hat mich gepackt! Man ist doch nicht mehr der Jüngste, um Fassung zu bewahren!«

Sein Gesichtsausdruck war wieder völlig ruhig, und die breitschulterige Gestalt reckte sich. Ganz unvermittelt trat er sofort auf den Jüngeren zu und streckte ihm leutselig die Hand entgegen.

»Vor allem muß ich Sie um Verzeihung bitten, Herr Doktor! Weiß Gott, das bin ich Ihnen schuldig. Wie ein Ruppsack hab' ich mich benommen, einfach grob! Na, das ist nun mal so meine Art, wenn mir was gegen den Strich geht. Also – Verzeihung – und tragen Sie mir's nicht nach. Sie haben Ihre Schuldigkeit getan und sich redlich Mühe gegeben. An mir liegt's nun, mich mit den Aasgeiern drüben über dem Wasser zu vergleichen! Verteufelt unangenehm!«

Seine harten Finger umschlossen noch immer Job Christophs Hand.

»O, keine Ursache, Herr Graf! Ich fühle mich Ihnen gegenüber indirekt als schuldiger Teil, und das wird stets eine bittere Erinnerung für mich zurücklassen.«

»Na ja! Wie man's nimmt. Aber nun bitte ich dringend darum, die Geschichte als Amtsgeheimnis zu betrachten und reinen Mund darüber zu bewahren! Ihr Wort darauf, Doktor?«

»Gewiß, Herr Graf, mein Wort!«

»Gut, gut! Und durch meinen Bankier – in Posen,« (diese Worte sprach der Hausherr zögernd) »werden Sie das – Vereinbarte übermittelt bekommen. Somit wären wir quitt.«

Eine heiße Blutwelle schoß dem Angeredeten bis zur Stirn hinauf.

»Sündengeld!« rief es in ihm. »Mit der Tochter ein Liebesverhältnis angesponnen, den Stammbaum verbrennen lassen und jetzt ein Honorar empfangen!«

Jede Fiber in ihm sträubte sich dagegen. Allein, war sein armseliges Dasein, seine kümmerliche Existenz durch Demütigungen nicht schon reichlich zernagt und zermürbt?

Warum dieser törichte Hochmut und Stolz?

»Ich danke, Herr Graf! Heute mit dem Abendzug werde ich, wenn Sie gestatten, Strelnow verlassen.«

In straffer Korrektheit verließ Job Christoph von der Thann das Gemach.

* * *

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.