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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Seit jener für Job Christoph so bedeutungsvollen Stunde im Archiv waren mehrere Tage in gleicher Einförmigkeit hingegangen, nur mit dem Unterschied, daß Raineria jetzt eine an ihr fremde Heiterkeit und gute Laune zeigte. Oft trällerte sie ein Liedchen vor sich hin, sprach freundlicher mit der Dienerschaft und war bemüht, ihrem Anzug und ihrer Frisur womöglich noch mehr Sorgfalt zu schenken. Ein kurzes Schreiben benachrichtigte Stephan, daß sie »zufällig« einmal das Archiv aufgesucht habe und aus reiner Menschenfreundlichkeit dem Doktor öfters behilflich sei, die schmutzigen Stöße von Akten und Manuskripten, die der alte Leinensack enthielt, bestmöglich zu ordnen und zu sichten. Der Ärmste ersticke ja förmlich unter seiner Arbeitslast, und nebenbei wäre es ja auch für sie recht interessant.

»Lieber, kleiner Bruder!« sagte Raineria, als sie jene flüchtigen Zeilen geschlossen, »du gehörst in deiner rührenden Harmlosigkeit auch zu den Leuten, die alles für bare Münze nehmen, niemals Mißtrauen hegen und immer nur das Beste von den Menschen denken. Wozu dir daher Unruhe bereiten – Dingen wegen, die du selbstredend nie billigen würdest! Du, mein lieber Stephan, bist viel zu korrekt und brav, um mein Benehmen, ja meine plötzliche Leidenschaft für Job Christoph zu verstehen. In deiner sittenstrengen Art würdest du nur sagen: ›Willst du Herrn von der Thann heiraten, was in euer beider Vermögenslage eine Torheit wäre, so verlobe dich mit ihm. Sonst – Hand ab!‹

Verloben, heiraten? O, Raineria Sumierska war durchaus kein Mädchen, das diesen Punkt in ihrem Leben nicht schon oft überdacht hätte. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt. An Anbetern und Verehrern hatte es ihr während der Wiener Karnevalszeit nicht gefehlt; und mehrere Male würde es, durch der Verwandten Einfluß, vielleicht auch zu einem Ergebnis gekommen sein, wenn der leidige Geldpunkt nicht stets hemmend dazwischengetreten wäre. Die in Frage kommenden vornehmen Männer machten eben selbst zu viele Ansprüche, als daß einer den Mut gefunden, ein wenig vermögendes, noch dazu reichlich verwöhntes Mädchen zur Frau zu nehmen. Durch herbe Enttäuschungen und mehr oder weniger tiefgehende Herzensangelegenheiten war Raineria sozusagen mürbe geworden.

Liebte sie Job Christoph nun wirklich? Ihre heißblütige leidenschaftliche Natur verlangte hier in der Einsamkeit nach Bewunderung, nach einem Glücksrausch, der dem öden Einerlei des nunmehrigen Daseins einen Reiz verlieh. Doktor von der Thanns ansprechende Persönlichkeit, seine Eigenart, sein Verstand und glänzendes Wissen ließen ihn in einem ihr romantisch erscheinenden Licht sehen. Sie hatte es erreicht, daß Wonne und Seligkeit diese ernsten Züge erstrahlen machten.

Und doch, wenn Raineria während der Morgenstunden bei ihm im Archiv saß, beobachtete sie oft sein über die ausgebreiteten Schriftstücke herabgebeugtes Gesicht.

Sie hatte in dem düsteren Raum einen uralten, vielleicht seit mehr als hundert Jahren nicht mehr geheizten Kamin entdeckt, und Wladimir, der Dreikäsehoch, mußte täglich ein tüchtiges Holzfeuer darin entzünden. So wurde es behaglicher, und die ausströmende Wärme verzehrte Dunst und Moderluft. Hatte doch die Frühlingssonne des Archivs dicke Mauern noch nicht zu durchdringen vermocht.

Auch ein flauschiges, graues Fell lag nun unter des Doktors Arbeitsplatz. Manchmal brachte sie eine Schachtel Konfekt mit herab, aus der dann beide unter Lachen und Scherzen naschten. Mußte er nicht entzückt sein von ihrer Aufmerksamkeit? Nicht ihre Zärtlichkeiten allein sollten ihm sagen, daß sie sich von jetzt ab ein Recht anmaße, für ihn zu sorgen.

Gewiß, Job Christoph kniete oft vor sie hin und erklärte freimütig, daß sein armseliges Leben nun erst an Wert gewonnen habe.

Aber Raineria war zu klug, um nicht dennoch zu erraten, daß irgendeine heimliche Sorge, etwas wie ein eherner Druck ihn belaste und an seinem Denken und Fühlen zehrte.

Was mochte es wohl bedeuten? Der Gedanke an die Zukunft? Um diesen heiklen Punkt, der ihr selbst noch unklar war, nicht zu berühren, wagte sie keine Frage.

Vielleicht bedrückten ihn Geldsorgen? Man mußte ihm helfen, ihn fördern, sich für ihn verwenden.

Raineria grübelte oft darüber nach, und plötzlich fiel ihr der Vetter Vinzenz ein, der Schlösser und Sammlungen besaß. Der konnte solches Talent vielleicht verwerten? – –

Heute hatte der Tag mit einem dichten Frühjahrsnebel begonnen, und ungeachtet der April sich dem Ende zuneigte, spürte man fast noch einmal in der Luft den Hauch von Schnee.

Im alten, aus getriebenem Kupfer kunstvoll gearbeiteten, jetzt von einer schwarzen Kruste bedeckten Kamin, worunter die edle Patinaschicht nur hin und wieder hervorlugte, glühte ein molliges Feuer, das den finsteren Raum mit magisch-rötlichem Licht bestrahlte.

Die erste halbe Stunde von Rainerias Anwesenheit war wie meist unter Liebesbeteuerungen und Zärtlichkeiten vergangen.

Von Job Christophs Arm umschlungen, stand sie jetzt am Tisch und betastete die darauf ausgebreiteten Schriftstücke.

»Halt – halt, Liebling! Das ist ja die mühevolle Arbeit vieler Tage und muß äußerst vorsichtig behandelt werden. Sieh, wie morsch und brüchig das Papier ist.«

Sein Zeigefinger glitt über ein Paar schadhafte Stellen hin.

»Verzeih, aber ich bin doch so neugierig, endlich das Ergebnis zu sehen. Wie stolz kann ich auf dich sein, wenn du vor Papa hintreten und ihm dieses Meisterstück vorlegen wirst. An Stephan müssen wir auch sofort drahten, weil er so...« sie stockte jäh.

Ein tiefernster, schmerzlicher Ausdruck war über des Doktors Züge geflogen.

»Himmel, was hast du denn, Job Christoph? Ist dir irgendeine Unannehmlichkeit passiert? Betrifft sie dich – oder uns?«

Mehr ungeduldig als erschreckt musterte sie sein merkbar bleich gewordenes Gesicht.

Mit krampfhaftem Druck hielt er die schlanke Mädchenhand einige Sekunden fest umspannt, dann beugte er sich herab und breitete ein völlig vergilbtes, in Quartform zusammengefaltetes Schriftstück sorgsam auseinander. Deutlich ließ sich erkennen, welch mühselige Arbeit es gewesen sein mochte, diese zersetzten, brüchigen und an den Rändern teilweise von Mäusen zerfressenen Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Hier zeigte sich nun ein regelrechter, durch Vignetten verzierter und mit dem Sumierskyschen Wappen auf Pergament geschriebener Stammbaum aus dem Jahre 1735.

Verwundert und überrascht starrte Raineria darauf nieder.

»Ja, das ist doch aber tadellos geworden. Job Christoph, jede Zeile, jeder Buchstabe deutlich erkennbar! Bist du nicht zufrieden – freust du dich nicht über dein Werk?«

»Du weißt, Raineria, daß ich anfangs nur unvollkommen unterrichtet war, um was es sich beim Auffinden dieser Urkunde handelt. Du hast mir diese peinliche, verwickelte Familienangelegenheit erst näher erklärt, daß demnach dein Vater, falls er den Beweis seiner direkten Abstammung von jenem litauischen Onkel nicht nachzuweisen vermag, das vor Jahren ererbte Vermögen von einer viertel Million unwiderruflich an die rechtmäßigen Erben herauszahlen muß.«

»Aber Papa kann das doch nun mit Hilfe des glücklich gefundenen Stammbaums sonnenklar beweisen?«

Zum erstenmal hingen des Mädchens Augen angstvoll an Job Christophs Lippen.

»Leider nein! Und das ist es ja eben, was mich in hohem Grade bewegt und beunruhigt. Jener amerikanische Vetter ist um einen Grad näher dem Erblasser verwandt!«

Raineria war totenblaß geworden und rief erregt, fast heftig: »Um Gottes willen! Das bedeutet ja für uns das Ende: Papa besitzt nicht mehr viel außer Strelnow, und das ist reichlich belastet!«

Mit bebenden Händen griff sie nach dem verhängnisvollen Schriftstück.

»Vorsicht! Ich bitte dich. An manchen Ecken ist der Gummi noch feucht.«

Er wollte schützend die Finger darüber breiten, allein schon hatte sie es emporgerissen und völlig auseinandergefaltet. Suchend irrten ihre unheimlich funkelnden Augen darüber hin.

»Da!«

Job Christoph wies auf die bedeutungsschwere Stelle.

Unter stoßweisen Atemzügen las sie. »Das ist ja Wahnsinn! Das darf unmöglich an die Öffentlichkeit gelangen. Wer will es feststellen, daß der Stammbaum in diesem Haufen von Makulatur und Schmutz gefunden worden ist?«

»Raineria, bitte, beruhige dich doch. Dein Vater wird sich als Mann ins Unvermeidliche fügen müssen.«

Liebkosend strich er über das blonde Haar.

Allein nur höhnisches Lachen gab ihm Antwort.

»Sich fügen? Wir sind alsdann am Bankerott. Strelnow ist kein Fideikommiß; es müßte verkauft werden! Was wird mein armer, lieber Stephan dazu sagen? Ihn trifft's am härtesten, seine ganze Existenz hinge davon ab, denn unser mütterliches Vermögen ist ja nur ein Pappenstiel! Oh...!« Rainerias Stimme erstickte ein Schluchzen, während sie seine Hand zornig fortstieß.

»Warum haben Sie uns – uns das angetan, Herr von der Thann?«

»Ach! Komtesse!« Fahle Blässe bedeckte sein Gesicht. »Ich tat nur meine Pflicht,« entgegnete er in auffallender Festigkeit und bemühte sich, ihr den Stammbaum, von dem sich bereits einige angeklebte Stücke zu lösen begannen, zu entwinden.

»Was willst du damit anfangen? Etwa Papa geben, damit der Zusammenbruch vollständig wird?« rief sie rauh.

»Ich bin dazu verpflichtet!«

Durch seine schöne Stimme klang ein weher Ton.

»Niemals! Auf die Gefahr hin – daß – daß – es zwischen uns – beiden – zum – Bruch kommt – und alles zu Ende ist!«

Wie mit Eisenklammern hielt Raineria das bereits verbogene und zerknitterte Schriftstück fest umspannt und stieß ihn abermals von sich.

Alle Leidenschaft ihres ungebändigten Willens trat jetzt deutlich zutage, eine Art Wut schien sich ihrer bemächtigt zu haben, und noch ehe Job Christoph des Mädchens Absicht zu erraten vermochte, war es, einer Tigerkatze ähnlich, zum Kamin gesprungen und schleuderte die schnell auflodernde Urkunde in die rote Glut. Im Nu fraßen hell emporzüngelnde Flammen gierig am letzten Rest des morschen Pergaments.

Völlig entgeistert, beinahe gelähmt, stierte er in das ungeachtet des wilden Ausdrucks dennoch blendend schöne Gesicht.

Darauf richtete er sich straff und in einer unnahbar stolzen Haltung empor und erwiderte kalt: »Ich habe im Leben schon viele Demütigungen und Enttäuschungen klaglos hinunterwürgen müssen, aber immer dabei versucht, mich wieder aufzurichten an dem, was ich bisher erreicht. Ein Abringen aus Staub und Schutt war es oft, was mich stets zu neuem Schaffen beseelte. In der Arbeit liegt mein Heiligtum, das keiner antasten darf, heute aber ist ein solch mühseliges Werk durch Ihre Hand entwürdigt und vernichtet worden, Komtesse Sumierska!«

Mit steifer Verneigung wandte Job Christoph sich von ihr ab und der Treppe zu.

»Allmächtiger Gott – nein, nein, bleibe – geh' nicht so von mir!«

Raineria war ihm nachgestürzt und umfaßte in leidenschaftlicher Zärtlichkeit seinen Hals.

»Vergib, vergib, Geliebter! Ja, ich habe gegen dich gefehlt, unverzeihlich schwer. Die unersetzliche Arbeit langer Tage habe ich gewissenlos verbrannt. Das kann niemals gesühnt werden, ich weiß es. O, meine abscheuliche Leidenschaftlichkeit ist daran schuld, doch der Gedanke an Stephan, an die Zukunft, an Papa hatte mir den Verstand, jede Besinnung genommen! Job Christoph – Liebster – o, so vergib doch!« Und der blonde Kopf schmiegte sich fest an seine Brust.

So nahe war sie ihm, daß der Hauch ihres Mundes seine Wange streifte, der süße, ihren Kleidern entströmende Duft ihn umschmeichelte.

Seiner Fassung kaum mehr mächtig, preßte er die Lippen in das duftende Haar.

«O Ary, Ary – was hast du getan?«

»Vergib!« flüsterte sie noch einmal weich und schmelzend.

Er atmete tief und schwer. Bittend sah sie ihm in die Augen und fuhr gefaßter fort: »Sieh, Job Christoph, ich habe einen Einfall: Du mußt unbedingt noch heute hinauf zu Papa und ihm alles beichten. Nicht etwa unser süßes Geheimnis. Gott bewahre, das würde er doch nicht verstehen, seine Spottlust ist verletzend. Sonst aber schone mich keineswegs. Sage ihm offen, daß ich in voller Fassungslosigkeit dir den Stammbaum entrissen und verbrannt habe.«

Unbeugsame Willenskraft lag in seinem Blick.

»Das hätte ich auch ohne deine Einwilligung – als Mann von Ehre und Gewissen – tun müssen.«

»Du wundervoller Mensch! Mag Papa nun zetern und toben, irgendeine Strafe für mich ersinnen, deinetwegen dulde ich sie gern.«

»Nein, Raineria, ich trage die Schuld!« Sie schüttelte den Kopf.

»Papa wird und muß diese verfahrene Geschichte wieder ins richtige Gleis bringen; er ist ja nicht umsonst Diplomat gewesen.«

Ein feines Lächeln zuckte bei diesen Worten um des Mädchens Mund.

»Das wäre sehr beruhigend«, sagte er und seufzte erleichtert auf.

»Und ist der Friede nun wieder hergestellt, Liebster? Wirst du mich nie mehr Komtesse Sumierska nennen?«

Ein Kuß schloß ihr die Lippen, dann leuchtete er ihr mit der Taschenlampe durch das Kellergewölbe bis zu der nach oben führenden Treppe hin.

* * *

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