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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Beim gemeinsamen Essen um sieben Uhr schien Graf Ignaz auffallend guter Laune.

»Denke dir, Ary, ich habe heut' nachmittag meine großen Rappen an den Lubowner Baron verkauft. Blödsinnig dummer Kerl, versteht von Pferden den Quark; hat sich verlobt und will mit dem Gespann Parade machen, drüben in Schlesien. Gut und richtig eingefahren sind allerdings die Gäule, aber für den blank auf den Tisch des Hauses gezahlten Preis kann ich mir vier andere Schindluder kaufen – hahaha! Übrigens noch eine Neuigkeit, der Vinzenz Herlingen schreibt mir eben, daß er uns demnächst besuchen will! Famos, nicht wahr? Ist ja sehr großer Herr, aber doch ein scharmanter, lieber Junge. Unsere alte Bude hier möchte ich indes recht bald etwas aufputzen, die Gastzimmer vor allem. So'n Perser, gutes Porzellan – du verstehst mich schon, Ary! Sie können es sich ja denken, Doktor, wie's so mit der Zeit geht; eine Weile bummelt die Sache im alten Schlendrian weiter, allein dann muß man wieder mal ins Säckel greifen und das schäbige Lederzeug neu aufwichsen lassen.«

Graf Ignaz lachte wieder brüsk, worauf er, anscheinend teilnehmend, fragte: »Na, was haben Sie heute im Burgverlies ausgerichtet? Zufriedengestellt? Was gefunden?«

Er sprach in leutseligem Tone, während er eine Orange schälte.

Den selig tiefen Blick, den sein Tischgenosse mit Ary wechselte, gewahrte er daher nicht. »Ich habe gerade heute einen für mich reichen Schatz an Kostbarkeiten gefunden, Herr Graf,« entgegnete Herr von der Thann seltsam unruhig und bewegt.

Das machte den Hausherrn stutzen.

»Oho, den Teufel auch! Was denn? Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll, mein Bester.«

Über des Mädchens Züge war eine leise Verlegenheit gehuscht, und ablenkend sagte es: »Ich würde jedenfalls Papa erst später das Ergebnis mitteilen, Herr von der Thann. Um jene Pergamentfetzen zu entziffern, dazu gehören wohl noch viele Tage, und wer weiß...«

»Na, gut, Doktor, überraschen Sie mich!« unterbrach Graf Ignaz die Tochter ungeduldig. »Übrigens, Ary, du warst ja heute im Archiv. Netter Aufenthalt – wie?«

»Interessant jedenfalls. Der Doktor und ich werden nun öfters zusammenarbeiten. Von einem Fachmann etwas zu lernen, ist längst mein Wunsch gewesen. Man ist grenzenlos unwissend in manchen Dingen,« erwiderte Raineria lachend.

Sie sah bezaubernd aus, während sie das sagte.

Für Sekunden schaute der Vater sie verwundert an.

»Blödsinn! Frauen müssen doch immer die Nase überall hineinstecken! Das stört Sie bloß, Doktor!«

Über sein ernstes Gesicht flog es wie Sonnenlicht. »Im Gegenteil, Herr Graf, die Komtesse hat mich eine idealere Auffassung meines bisher zu qualvoll peinlichen Studiums gelehrt. Und mit Recht. Ein wortklaubender Kniffler, ein Zweifler hat selten große Erfolge. Bisher meinte ich, im völligen Aufgehen meines Berufes, im Suchen, Grübeln, Forschen das einzigste Glück zu finden, und bin oft enttäuscht worden. Hier liegt der Irrtum! Eine altindische Weisheit sagt: »Goldkörner fallen meist den Toren in den Schoß!« Von heut' ab will ich auf mein Kismet vertrauen und hoffen, nicht umsonst nach Strelnow gekommen zu sein.«

Im Nebenzimmer, als Job Christoph sich empfohlen und Raineria, eine Zigarette rauchend, ziemlich unruhig auf und nieder schritt, fragte der Schloßherr merklich scharf: »Was in aller Welt hatte denn der Doktor heute? Er phantasierte ja förmlich. Na, ich bin eine viel zu prosaische Natur, um dergleichen Gefühlsduseleien beurteilen zu können. Verstandest du den Quatsch, Ary?«

»Quatsch? Du bist komisch, Papa! Wir haben in Strelnow noch nie einen Menschen gehabt, der an Geist, Wissen und Begabung nur annähernd an Herrn von der Thann herangereicht hätte. Wen der Genius mit dem Flügel gestreift wie ihn, der ist beneidenswert. Ich verstehe ihn.«

Mit nur halber Kopfwendung sagte sie das, doch ihre Augen glühten dabei.

»Meinetwegen! Mir ist das ganz schnuppe!«

Graf Ignaz war bei dieser Entgegnung vom Sessel gesprungen und näherte sich der Tochter.

»Übrigens, was meintest du beim Essen mit der Bemerkung, er möchte mir doch erst das Ergebnis mitteilen? Hat er so was Ähnliches wie den alten Stammbaum gefunden? Ich wollte nicht unnötig drängen; die Sache ist mir jedoch von größter Wichtigkeit.«

»Du behauptest ja aber immer ganz bestimmt, daß unsere Linie die ältere ist, Papa. Dein Großvater hat es gesagt, dein Vater auch – warum sich also darüber aufregen?«

»Beweise, Kind! Die Halunken wollen es schwarz auf weiß sehen. Wenn es nicht der Fall wäre, ginge es mir an den Kragen, und ich müßte als Bettelmann hier 'rausziehen. Strelnow könnte ich nicht mehr halten.«

Raineria starrte zu Boden.

»Und wenn sich nun die Urkunde überhaupt nicht finden sollte – was dann?«

»Hm! – Dann gäbe es fürs erste eine gräßliche, Akten über Akten füllende Schreiberei. Ich müßte eventuell eidlich bekräftigen, daß ich im Recht zu sein wähne. Kurz, besser ist es schon, wir finden den Stammbaum.«

Graf Ignaz' Blicke glitten wohlgefällig an der schlanken Mädchengestalt herab. Der leichte Seidenstoff spannte sich über die schönen Formen, und das reizende Gesicht strahlte heute einen solchen Zauber aus, daß er wieder einmal seine Bewunderung nicht zu unterdrücken vermochte.

»Mädel, was bist du hübsch! Schöner noch als deine Mutter, weiß Gott!«

»Was nützt das hier?«

Raineria zuckte die Achsel, während der Graf leise und vergnügt vor sich hinpfeifend, dem Ausgang zuschritt.

Plötzlich drehte er sich noch einmal um und sagte mit halber Stimme: »Ich freue mich übrigens riesig auf den Vinzenz! Hm! – Und, daß er mich aufsucht – famos! – Weißt du, Ary – ich schätze sein jährliches Einkommen mindestens auf vierhunderttausend Mark!«

Dann fiel die Stubentür klappernd ins Schloß.

* * *

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