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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Stephan Sumiersky hatte auch heute, wie er es stets gewohnt gewesen, seinen Koffer eigenhändig gepackt, da er tags darauf zu früher Stunde mit seinem Regiment ins Feld nach dem Westen ausrücken sollte.

In seiner Wohnung war alles besorgt und für ein mögliches Nichtwiederkehren geordnet.

Der sichtbar aufrichtige Kummer der alten Hauswirtin, bei welcher er nun fast zwei Jahre wohnte, hatte etwas Rührendes für ihn. Gab es doch sonst niemand, dem sein Scheiden Schmerz verursachte.

Wohl war Stephan für einige Stunden in Strelnow bei seinem Vater gewesen, doch dieser schien durchaus kein Verständnis für des Sohnes Begeisterung, noch für Patriotismus zu empfinden, wie überhaupt der Begriff Pflicht für Graf Ignaz stets etwas Unverständliches geblieben.

Von des Alten Seite vollzog sich daher der Abschied in der bekannten derb burschikosen Weise.

Die Frage nach Raineria vermochte der Sohn nur ausweichend zu beantworten. Denn obgleich Stephan über des Schwagers finanziellen Zusammenbruch längst orientiert war, so hielt er sich durchaus nicht verpflichtet, dem alten Manne diese Sorge aufzubürden, insbesondere, da er ihn überhaupt sehr verändert und stumpf gefunden hatte.

Und so schien denn alles für Stephan erledigt, bis auf eine Sache, deretwegen er sich, seit er den feldgrauen Rock des Kaisers und seines geliebten Garderegiments trug, dem er als Reserveoffizier angehörte, in hohem Grade quälte und beunruhigte.

Täglich hatte er einen neuen Plan gefaßt und ihn immer wieder verworfen, und dennoch trieb eine innere Stimme in seiner Brust ihn zum schleunigen Handeln an.

»Was du tun willst, das tue bald!«

Und heute war der letzte Tag daheim, denn morgen ging es hinaus in Kampf, Kugelregen – und Tod.

Ihm selbst hatte das Dasein nichts mehr zu bieten.

Alles, was seinem Herzen nahegestanden, alles, worin die Quintessenz irdischen Glücks, seelischer Harmonie, ja der höchste, wahre Lebenswert gipfelte, es war ihm entrückt – oder er hatte es nie besessen.

Die einst beinahe noch knabenhafte Zuneigung und Verehrung zur Schwester hatte diese selbst leichtfertig mit Füßen getreten und in seinem Herzen erstickt.

Der arme Dulder Robert Sumiersky, den er leider viel zu spät als hingebenden Freund erkannte, war nicht mehr.

Und schließlich das, was die Mannesbrust als edelstes Gut, als Heiligtum hüten und bewahren soll, die Liebe zu einer reinen Frau, jene bei ihm so still und scheu aufgekeimte Liebe, sie war ihm nur als sündhaftes Begehren, als Eingriff in fremdes Eigentum erschienen.

Aber gerade jetzt in der Scheidestunde trug auch wieder das Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, wesentlich dazu bei, manchen Stachel zu mildern.

Ödes Wüstenland! Das bedeutete sein Leben. War daher die Aussicht, nun hinauszuziehen und mit allen Kräften, mit Gut und Blut dem teuren Vaterlande nützlich zu sein, nicht verlockend?

Stephan straffte die schlanke, sehnige Gestalt.

»Ja, was du tun willst, das tue bald!«

So mahnte es abermals in ihm, und schnell setzte er sich an den Schreibtisch und tauchte die Feder ein.

Wieder zögerte er.

»Sei doch kein Narr! Sei nicht unversöhnlich! Es gibt vielleicht ein Abschiednehmen fürs Leben.«

Seine Lippen zuckten bei diesen leise gemurmelten Worten, und mit fester Hand schrieb er:

»Liebe Schwester!

In Groll und Bitterkeit sind wir voneinander geschieden.

Die vorwurfsvollen Anklagen, welche ich Dir damals in jenem für uns beide so bitteren Augenblick entgegengeschleudert habe, weiß ich nicht mehr. Allein sie waren hart genug, uns zu trennen.

Heute indes, in einer Stunde, die alte Rechnungen auszugleichen erheischt, einer Stunde, die der Allmächtige geschickt hat, in trotzig verstockten Herzen einmal tabula rasa zu machen – bitte ich Dich, mir zu verzeihen, Schwester!

O, wie erbärmlich klein dünken einen jetzt in dieser erhabenen, großen Zeit vorschnell gefällte Urteile über menschliche Schwächen, ja Uneinigkeiten und Zerwürfnisse, wo jeder an die eigene Brust schlagen muß mit der Frage: Bist du selbst frei von Fehl?

Also lasse mich Dir hier noch einmal innig danken, Raineria, für alle Güte und schwesterliche Liebe, die Du mir von frühester Jugend an erwiesen hast, und lasse jenen peinlichen Zwischenfall begraben und vergessen sein!

Frieden möchte ich haben, mit Gott und in mir!

Ihr habt Kummer! Ich weiß es und bin darüber betrübt. Aber die Sorgen werden vorübergehen. Prüfungen machen fest und stark.

Um mich bange Dich nicht, Schwester. Mein Herz ist leicht und froh und voll heiliger Zuversicht.

Gott geht mit uns!

Es küßt Dir in Liebe die Hand

Dein treuer Bruder Stephan.«

In den für gewöhnlich stillen, vornehmen Straßen Hamburgs fluteten Menschenschwärme auf und nieder; lange, lange Trupps marschfertiger Soldaten zogen, patriotische Lieder singend, nach den Bahnhöfen, Militärautos rasten hin und her, endlose Pferdetransportkolonnen machten hier und da den Verkehr der Elektrischen stocken. Dazwischen das gellende Geschrei der Zeitungsträger und die Extrablatt-Rufe. Das alles zusammen gab dem Stadtbilde ein fremdes, nervenaufreizenoes Gepräge.

Krieg! Krieg!

Auf allen Lippen, in allen Blicken erkannte man dieses verhängnisvolle Wort, und beklemmende Angst machte sich auf den Gesichtern der Menge bemerkbar. Jede Stunde, jede Minute brachte Ereignisse, welche die Erregung noch steigerten.

Vor der Auslage einer Buchhandlung verharrte Professor von der Thann, auf seinen Stock gestützt, blaß und schmal geworden, und las den an die Glasscheiben angeklebten neuesten Bericht:

»Englands Kriegserklärung.

Berlin, 4. August 1914.

Kurz nach sieben Uhr erschien der englische Botschafter Goschen auf dem Auswärtigen Amt, um Deutschland den Krieg zu erklären.«

Ein Seufzer der Erleichterung hob Job Christophs Brust.

Gott sei Dank! Wieder auf deutschem Boden!

Vor Wochen war ihm durch einen befreundeten englischen Politiker bereits der dringliche Rat erteilt worden, die Brücken schleunigst hinter sich abzubrechen und Ägypten zu verlassen, ein Rat, der ihm damals noch unverständlich gedünkt, heute aber Empfindungen der Dankbarkeit in ihm auslöste.

Daheim! Ja, das war Job Christoph nun allerdings, nach fast zehnmonatiger Abwesenheit.

In diesem beglückendem Wort lag indes für ihn dennoch eine tiefe Bitterkeit.

Wohl hatte er des öfteren an Irene über seine Rückkehr geschrieben, ebenso seine bald wieder neu aufzunehmende Tätigkeit in Berlin erwähnt und von allerhand Zukunftsplänen gesprochen. Allein in keinem ihrer immer gleich freundlich bleibenden Antworten war eine Silbe von Wiedersehensfreude zu finden gewesen.

Nur der treue Kamerad blieb Irene fortan, sonst nichts.

Wie oft hatte er in Weh und Schmerz darüber die Hand geballt, wie litt er gerade jetzt unter diesem unnatürlichen, widersinnigen Zustand.

Tausendmal, wenn sein Herz dort draußen in der fernen,Einsamkeit überquoll und er die Feder ansetzte, um zu schreiben: »Ire, ich vergehe vor Sehnsucht nach Dir! Laß mich wieder in Deine klaren, blauen Augen sehen, Deine Stimme hören wie einst,« hielten ihn quälende Zweifel, hielt ihn der gekränkte Mannesstolz davon ab.

Nein, – nach allem, was zwischen heute und damals lag, durfte er das nicht sagen.

Also ausharren – in Geduld ausharren!

Ob Irene nun jetzt schreiben oder depeschieren würde?

Eine Antwort auf sein Telegramm durfte er wohl stündlich erwarten. Im Geiste vergegenwärtigte er sich bereits, wie sie die Nachricht seiner Rückkehr aufgenommen haben würde.

Kam freundlicher, ihn beglückender Bescheid, so reiste er noch diese Nacht nach Berlin – sonst...

Job Christoph seufzte und sann. Ein paar Stunden planlos, eigentlich nur, um oie Zeit unterzubringen, in den oft kaum passierbaren Straßen Hamburgs herumzulaufen, zumal das Gehen am Stock ihm ziemlich beschwerlich fiel, war eigentlich recht ermüdend.

Die nächste Droschke brachte ihn daher nach seinem Hotel am Alsterbassin zurück.

Es war ein schwüler Nachmittag, so daß bei seinem Eintritt in die luftige, mit hohen Palmen und frischen Blattgewächsen ausgeschmückte große Halle ihm wohltuende Kühle entgegenschlug.

Aber ringsum, zu vieren und fünfen beieinander, standen oder sahen lebhaft debattierende und die neuesten Tagesblätter lesende Menschen.

Job Christoph zwängte sich bis zur Portiersloge hindurch.

Der sofort höflich grüßende, betreßte Mann hatte einen, wie ihm auffiel, eigentümlich lauernden, halb neugierigen, halb beobachtenden Blick.

Wie man in Momenten innerer Herzensunruhe und Sorge auf Kleinigkeiten sieht, so erweckte das besonders unangenehme Empfindungen in ihm, doch völlig gelassen, beinahe gleichgültig fragte er:

»Ist irgendeine Nachricht für mich gekommen? Depesche – oder Brief?«

»Nein, Herr Professor! Nichts – dergleichen.«

»Hm! Bitte, Portier, geben Sie mir meinen Zimmerschlüssel, Nr. 144.«

Wieder jener, nun fast einem verstohlenen Lächeln gleichende Blick.

»Ist bereits oben, Herr Professor!«

»Oben? So!«

Und mit leichtem Kopfnicken stieg Job Christoph in den Fahrstuhl.

Bängliche Empfindungen, die beinahe an Angstgefühle erinnerten, beschlichen sein Herz.

Warum keine Nachricht? War Irene vielleicht gar nicht in Berlin? Ging es etwa dem alten Onkel Gotthard gesundheitlich nicht gut, daß sie nach Breslau gereist war?

Oder hatte sie jetzt, in dieser Zeit voller Aufregungen und Unruhe, Schutz gesucht dort im stillen, trauten Hause am Breslauer Dom?

Eine sehr harte Geduldsprobe schien es allerdings für ihn zu sein. –

Auf dem langen Gange der oberen Etage, der nach seinem Zimmer führte, begegnete ihm das Stubenmädchen.

»Haben Sie den Schlüssel zu Nummer 144?«

»Der – der Schlüssel – steckt. Herr Professor!« klang die Antwort in eigentümlich kicherndem Tone zurück.

Mit dem Gedanken, daß heute wirklich alles hier ganz komisch sei, öffnete Job Christoph die Tür.

Man träumt oft von Dingen und Begebenheiten, die der Wirklichkeit entnommen zu sein scheinen, allein doch auch wieder ins Unwahrscheinlich?, Märchenhafte hinüberspielen und jede Sekunde, gleich einer Fata Morgana, in nichts zu zerfließen drohen.

Festhalten möchte man solche wundersamen Träume, die den Menschengeist in eine Zauberwelt hinübertragen.

Job Christoph blieb, mit weit aufgerissenen Augen, noch immer im Rahmen der Tür stehen.

Allgütiger Gott! Welch entzückendes, anheimelndes Bild – genau wie daheim in Berlin, ein Bild, das er sich draußen, unter Ägyptens heißer Sonne, wenn der Glutball beim Scheiden den rätselhaften Kopf der mächtigen Sphinx, die Quadern der Pyramiden, ja das Land, soweit das Auge reichte, in jenem, von keinem Malerpinsel naturgetreu Wiedergegebenen, leuchtenden Rot erglühen läßt –, tausendmal vor die Seele gezaubert hatte. – Ja, genau so wie daheim, im kleinen Salon am Teetische, mit ihren zierlichen Händen den duftenden Trank brauend, stand hier Irene selbst.

Ein großer Rosenstrauß inmitten des einladend gedeckten Tisches! Ein Platz für ihn zum Empfang bereit!

Ein paarmal, wie um sich zu vergewissern, daß seine erregte Phantasie ihm nicht dennoch einen Streich gespielt, strich er mit der Hand über die erhitzte Stirn – dann, so schnell es sein steifes Bein gestattete, eilte er zu ihr hin.

»Ire!«

Es war das einzige, was er atemlos, mit trockener Kehle hervorbrachte, doch seine Augen spiegelten wider, was Worte nicht zu verraten vermochten.

»Also ist die Überraschung doch gut gelungen?« fragte Irene mit dem ihr eigenen, süßen und doch so klaren Blick und hob den reizenden, bisher tief gesenkten Kopf.

In ihrer schlanken, anmutigen Mädchenhaftigkeit stand sie, hold lächelnd, vor ihm.

»O Gott, ich kann's ja gar nicht fassen. Ich verdiene doch gar nicht so viel Glück!« rief Job Christoph ungestüm, sie noch immer in zagendem Staunen und scheuer Ehrfurcht betrachtend, als sei er diesen Schatz zu berühren gar nicht wert.

Das Lächeln um den rosigen Mund wurde noch um vieles lieblicher und ausdrucksvoller.

»Ire – was soll ich denn eigentlich sagen – wie soll ich dir danken – daß du gekommen bist – meine Ire!«

Da legte sie beide Arme um seinen Hals und blickte ihm voll tiefer Rührung und mit einem Ausdruck unendlicher Glückseligkeit in die Augen.

»Ach, Job Christoph, es ist ja so furchtbar draußen in der Welt – überall Zwist und Uneinigkeit – da soll doch in den Menschenherzen – wie unser Heiland das will – der Friede sein. Um dir dies zu sagen und dich zu bitten, daß wir beide Vergangenes ausgelöscht sein lassen wollen, und – um dich von ganzer Seele liebzuhaben, Job Christoph – deshalb kam ich hierher!«

Jauchzen klang aus der hochatmenden Mannesbrust. – – –

Wie ein Märchenschloß lag Strelnow inmitten feiner schneeigen, glitzernden Rauhreifpracht.

Die alten hundertjährigen Trauerweiden am Wallgraben mit ihren bis tief zur Erde niederhängenden Ästen hatten ein weißes Federgewand angelegt, das jetzt im ersten rosenroten Strahle der Morgensonne von Diamanten übersät funkelte.

Kaum je vorher war das sonst so düstere Haus und seine fast melancholische Umgebung so bezaubernd, von einer solch poetischen Schönheit umrahmt gewesen wie heute an diesem klaren, kalten Novembertage.

Auf der gleichfalls bereiften und wie vom Zuckerbäcker kunstvoll glasierten Zugbrücke, die ehemals Graf Ignaz stets mißbilligenden Blickes nach dem »Stinkgraben« hin überschritten hatte, stand heute Himek, der Halunke, der Saukerl, wie sein Herr ihn früher hundertmal benamst, als völlig umgewandelter Mensch. Keine Spur von gedunsener Trunkenheit lag in dem jetzt glatt rasierten Gesicht, die unruhigen, verschlagenen Schlitzaugen hell und freundlich, ja seelisch zufrieden auf die Pracht des reizvollen Winterbildes gerichtet, nicht mehr schmierig und salopp im Anzug, sondern in einfacher dunkler Livree, als Schloßfaktotum von Strelnow.

Ja, das Schicksal hatte gar seltsam mit ihm gespielt. Das mochte wohl Himek eben denken. Noch vor kaum zwei Monaten, an einem häßlichen, regnerischen Tage zu Anfang September war es gewesen, als man ihn in seiner ganzen schmachvollen Erbärmlichkeit aus der Kneipe geholt, weil die Frau Gräfin ihn oben im Schlosse zu sprechen wünschte.

Mit dem letzten Rest klaren Verstandes wußte er auch alsbald alle fatalen Konsequenzen dieser für ihn höchst peinlichen Begegnung zu überdenken.

»Schuft! Lump! Schere dich zum Teufel! Einen Säufer dulde ich nicht länger in meinem Hause!« Das war vielleicht noch das Mildeste, was ihm bevorstand und blühte, und wie ein verprügelter Hund schlich Himek, den struppigen Schädel geduckt, treppan, bis zum Ahnensaale hinauf, wohin er befohlen worden war.

Dort stand ja die Frau Gräfin, schlank und rank, hochaufgerichtet, wie ein lebendes Bild in ihrer pechschwarzen Witwentracht mit der Schneppenhaube, die nur ein winziges, weißes Streifchen zierte, und schaute ihn mit ihren riesenhaften Augen durchbohrend an.

Wahrhaftig – nun kam's! Aber so ganz anders, als er es sich gedacht.

Genau wie ein warmer, sanfter Frühlingsregen, der allen Schmutz, alles Häßliche, Unlautere abwuscht, so ergoß es sich milde über den bis ins Mark hinein erschütterten Mann.

So hatte ja noch niemand, das Geschöpf Gottes, den Menschen in ihm sehend, zu ihm gesprochen.

»Himek, Sie wissen, mein Mann ist tot, als Held für seinen Kaiser auf dem Felde der Ehre gefallen, mein Bruder liegt seit Wochen schwer verwundet im Westen in einem Lazarett – meinen Vater mußte ich als Siechen, Unheilbaren nach einem Sanatorium bringen. Nun stehe ich hier ganz allein; die meisten unserer Leute sind beim Heeresdienst. Ich richte daher die Frage an Sie, Himek – wollen Sie versuchen – ich spreche nur von versuchen – ein anderer und mir fortan ein treuer Diener zu werden? Wenn ich dieses große Vertrauen in Sie setze, so sagt mir eine innere Stimme, daß doch ein guter Kern in Ihnen steckt und Sie die Willenskraft besitzen werden, sich zu neuem Leben aufzuraffen. Ich möchte nicht gern; daß Sie – als altes Strelnower Kind – als Sohn achtbarer Eltern ganz zugrunde gehen!«

Wenn Himek über diese wundersame Stunde nachdachte,– und er tat es mit Vorliebe –, so sah er sich stets vor dieser herrlichen Frau auf seinen Knien am Boden liegend und den Saum ihres Kleides küssend, dieser vornehmen Frau, die Mitleid mit ihm gehabt und ihn nicht wie alle anderen verhöhnt und verachtet hatte.

Ja, gottlob – er war dem der Frau Gräfin feierlich gegebenen Worte treu geblieben, und noch nie vorher im Leben hatte Himek sich so frei, glücklich und zufrieden gefühlt wie jetzt, wo er ihr helfen, beistehen und raten durfte in allen Stücken.

Da wurden bald Neuerungen geschaffen und Verbesserungen in Haus und Hof vorgenommen, und ungeachtet des Mangels an Arbeitskräften schien die einstige Lotterwirtschaft auch bald zu schwinden.

Ja, die Frau Gräfin! Wie hatte die sich geändert und wie praktisch war sie geworden, so daß jeder verwundert den Kopf schüttelte. Mit dem alten Inspektor fuhr sie täglich durch Feld und Wald, ergänzte ohne Rücksicht auf Geld totes und lebendes Inventar und bemühte sich redlich, das herababwirtschaftete Tut für die Zukunft ertragfähiger Zu gestalten.

Nur der Krieg – Himek selbst war durch ein vom vielen Trinken entstandenes Herzleiden militärdienstunfähig – nur der Krieg legte der rastlosen Frau oft einen Hemmschuh an.

»Wir werden's trotzdem schaffen, Himek!« sagte sie mit mattem Lächeln oft zu ihm. Allein der ihr fortan bis in den Tod Getreue sah wohl, daß sie innerlich litt und in der Arbeit gegen Kummer und Leid Vergessen suchte.

Der Bruder, ach, dieser von ihr so vergötterte Bruder! Das schien ja jetzt das schwerste, härteste Kreuz! – – –

Aber Himek wollte sich jetzt nicht solch schmerzlichen Gedanken hingeben.

Also weg damit! – Und der Feldpostbrief an Graf Stephan, welcher ihm zur Beförderung übergeben worden mar, mußte ja bald hinunter zur Post.

Vom Fenster aus – Raineria hatte sich jetzt in einem früher unbewohnten Flügel des großen Schlosses mehrere Zimmer herrichten und mit eigenen Möbeln ausstatten lassen – schaute sie dem über die Brücke schreitenden Diener nach. Doch ihre sonst schönheitsdurstigen und für die Natur empfänglichen Augen erfreuten sich heute nicht an diesem prächtigen Winterbilde.

Eine tiefe Schmerzensfalte um die Lippen, sah sie nur auf den Brief in Himeks Hand. Noch als die in der Entfernung immer kleiner werdende Männergestalt die Fahrstraße überquerte, schimmerte der weiße Umschlag zu ihr herüber.

»Du wirst ihn erreichen, armseliges Blatt Papier! Dich wird er in Händen halten, während ich hier an die Scholle gebannt bin und es mir verwehrt ist, an dein Schmerzenslager zu eilen, um dich Zu trösten!« flüsterte die einsame Frau, ihre Bewegung tapfer niederkämpfend.

Darauf schritt Raineria vom Fenster fort und setzte sich in ihren großen, altväterischen Ohrenlehnstuhl. Es war ein Möbel, das sie sich aus Stephans einstigem Zimmer hatte bringen lassen, und welches so gar nicht zu der übrigen eleganten Einrichtung paßte.

Hier saß sie gern, wenn die Arbeit ruhte oder wenn Angst und Sorgen sie wieder einmal zu übermannen drohten.

Auch heute begann das schmerzliche Grübeln und Sinnen von neuem: Hatte sie denn nicht auch Furchtbares, Entsetzliches durchlebt seit jenem Septembertage, wo die Kunde gekommen war, Vinzenz sei auf einem Patrouillenritte von belgischen Franktireurs erschossen worden!

Der Oberst seines Regiments hatte selbst an sie geschrieben, daß ihr Mann wie ein wahrer Held gekämpft und gestorben. – Armer Vinzenz! Und sie mußte so oft daran denken, wie der vierundvierzigjährige Mann damals beim Abschied in vollster Begeisterung gesprochen: »Ich kann dort draußen viel gutmachen, Ary, denn im Leben war ich sonst ein schwaches Rohr, ein Mensch, der stets nur dem Genusse und seinen Passionen lebte. Kehre ich nicht heim – so ist für dich gesorgt. Dir, als meiner Witwe, muß das Verwaltungsdirektorium die volle, unverkürzte Rente auszahlen.«

Und nun lag Vinzenz draußen in fremder Erde! Wann durfte sie ihn holen zur Familiengruft der Herlingens, wo seine Ahnen ruhten?

Immer schwerer legte sich des Schicksals Hand auf Rainerias Schultern.

Bereits nach Kriegsausbruch, als Vinzenz ins Feld gegangen war und sie den Vater aufgesucht hatte, um überhaupt in Strelnow wieder einmal nach dem Rechten zu sehen, fand sie diesen in einem höchst traurigen Zustande.

Eine Art Verfolgungswahn, die ersten Anzeichen des Delirium tremens, schien sich des beklagenswerten Mannes bemächtigt zu haben. In fast tierischen Lauten schrie er oft um Hilfe und bat weinend, ihn doch von Personen, die ihn marterten, zu befreien.

Durch der Tochter energisches Eingreifen und mit Hilfe eines Arztes wurde der Tobsüchtige schleunigst in ein nahes Sanatorium gebracht.

Und dann – dann – –

Raineria bedeckte das Gesicht.

Anfangs hatte Stephan wohl vier- bis fünfmal aus dem Felde geschrieben; erst vom Westen, später aus dem Osten und schließlich wieder vom Westen – liebe, frische Briefe, voll Feuer und Kampfesmut – bis ganz plötzlich jede Kunde ausblieb.

Es gab wohl kaum mehr eine Militärbehörde, an die Raineria sich nicht gewandt hätte. Von keiner erhielt sie einen beruhigenden Bescheid.

Vermißt! O, dieses furchtbare, schauerliche Wort!

In aufreibender Sorge, ja Todesangst flossen Tage, Wochen dahin.

Da endlich – der November war schon mit kaltem Nebel und Frost ins Land gezogen, da – ein Feldpostbrief vom Adjutanten seines Regiments.

Allgütiger Gott! Stephan lebte, war gefunden, aber völlig ausgeraubt gefunden worden. Der Offizier schrieb nur äußerst kurz, fast zurückhaltend, daß der schwer am Kopf Verletzte lange Zeit ohne jegliches Bewußtsein gelegen und man seine Personalien eher nicht habe feststellen können. Jetzt läge Graf Sumiersky in X. an der Maas und wäre in allerbester Pflege.

Allein die seltsame Knappheit der Briefform erweckte neue Sorge im Schwesterherzen, und da es unter den obwaltenden Reiseverhältnissen unmöglich schien, den Kranken aufzusuchen, so schrieb sie noch in nämlicher Stunde an Stephan selbst.

Ihre ganze, fast mütterliche Liebe war ausgeschüttet in diesen Zeilen, und wiederholt bat sie um schnellen, ausführlichen Bescheid.

Und die Antwort kam – –

Zur Teestunde war's. Himek hatte im Speisezimmer am flackernden Kaminfeuer alles zierlich gerichtet und wartete auf der Gebieterin Erscheinen. Die Uhr schlug fünf, schlug sechs – aber die Schloßfrau zeigte sich nicht. An diesem Abend überhaupt nicht mehr.

Den anderen Morgen schlichen die Leute nur still und beklommenen Gemütes durch das Haus.

Nach dem Bericht der Kammerzofe habe sie die Frau Gräfin totenblaß und völlig verstört, ohne daß sie das Bett berührt, im Wohnzimmer in dem großen Sessel sitzend gefunden. Ein irrer Ausdruck habe auch in den wie versteinerten Zügen gelegen, während die blassen Lippen immer nur ein paar schreckliche Worte gemurmelt hätten:

»Blind! Stephan ist blind! Auf beiden Augen blind geworden!«

Viele Tage hatte es gedauert, ehe der Geist der tatkräftigen Frau wieder ins richtige Gleichgewicht gekommen und die frühere Elastizität bei ihr zurückgekehrt war.

Noch heute, an diesem Wintermorgen, beschlichen sie Empfindungen, als lägen Jahrzehnte zwischen heute und jener grausigen Stunde.

Mit ungelenker Hand hatte Stephans Bursche das kurze Diktat niedergeschrieben:

»Ein Granatsplitter traf meine Stirn, und als ich nach sieben langen Wochen aus völliger Bewußtlosigkeit und Betäubung erwachte, bat ich zuerst darum, mir doch die Binde von den Augen zu nehmen. Ich wollte sehen – sehen!

Liebe Schwester, bitte, sei auch Du so ruhig und gefaßt, wie ich es heute bin, denn es ist Gottes Wille! Beim Auszug ins Feld hatte ich ja gelobt, dem teuren Vaterlande das Beste zu opfern, und das war – mein Augenlicht!

Darin liegt ein wunderbarer Trost!

Und wenn ich einst zu Dir heimkomme, dann jammere und klage nicht, Raineria, sondern laß mich am festen Druck Deiner Hand fühlen, das; Du mich verstehst!«

Jede einzelne Zeile dieses verhängnisvollen Schreibens war der gebeugten Frau tief ins Herz gegraben.

Das Beste hatte Stephan gegeben! Allem, sie selbst nicht etwa auch? War der Bruder nicht der einzige Sonnenblick, das Licht ihrer einsamen Tage?

Wie sollte sie Fassung gewinnen beim Wiedersehen!

Ach, und gerade heute zogen wieder alle Bilder des verflossenen Lebens an ihrer Seele vorbei.

Ja, Gott prüft und straft hart! –

Aber sie hatte doch Job Christoph geliebt, wahrhaft und heiß geliebt, nur mit gefährlichen, vergifteten Waffen gekämpft, um ihn ganz zu besitzen! Darin lag die große Schuld! – – –

Und nun schien das alles so weltenmeit zurückzuliegen. Wie still und ruhig war heute das ungestüme Herz geworden – dieses arme Herz, daß einzig nur noch den Wunsch kannte, für den blinden Bruder zu leben.

»Ich will fortan dein Stab und deine Stütze sein, Stephan – ich will ...«

Es klopfte leise, und Himek kam mit den Postsachen zurück.

Als der Diener ihr ein Päckchen Briefe und Zeitungen überreichte, ging es plötzlich wie ein elektrischer Schlag durch Rainerias Herz.

Ihre bebenden Finger griffen nach dem obenauf liegenden Brief.

Diese Handschrift! Mein Gott – wie kannte sie jeden Zug derselben genau.

Was bedeutete das? Was wollte jener Mann jetzt von ihr?

Eine schlimme Nachricht etwa?

Nein, nein! Er hatte ja keinen Anteil mehr an Dingen, die sie innerlich berührten.

Der steife Umschlag – es war ein Feldpostbrief – flog alsbald in Stücke.

»Hochverehrte Frau Gräfin!

Verzeihen Sie, daß ich, als ein Ihrer Familie Fernstehender, mich einzumischen wage in eine Sache, die nur Sie allein und Ihren von mir hochgeschätzten Bruder betrifft.

Jedoch ich wollte es keinem ganz Fremden überlassen, Ihnen, eine so beglückende, freudige Kunde mitzuteilen.

Graf Stephan Sumiersky wird, so hat mir soeben unser berühmtester Augenarzt im Felde versichert, mit Gottes Hilfe und Gnade wieder sehend – auf dem einen Auge bestimmt, auf dem anderen mit mattem Schimmer sehend werden!

Der furchtbare Schlag des faustgroßen Granatsplitters, welcher Ihrem Bruder einen Teil der Schädeldecke und den Stirnknochen zertrümmerte, hatte auch die Sehnerven völlig gelähmt und erschüttert, so daß Erblindung eintrat.

Unsere ärztliche Kunst ist aber jetzt auf einem Höhepunkte, um Operationen und Kuren zu riskieren, die fast ans Wunderbare streifen.

Ich selbst bin mit einem Liebesgabentransport für das Christfest in die Nähe von X.... gekommen, und beim Besuche der dortigen Lazarette wurde mir die große, wahrhaft beruhigende Überraschung Zuteil, Graf Sumiersky als fast Genesenden daselbst anzutreffen.

Er bat mich dringlich, Ihnen – Frau Gräfin, diese Zeilen zu schreiben, was ich um so lieber tue, als ich genau weiß, welche Freude und welchen Trost Ihnen die gute Nachricht bieten wird.

Mit dem Ausdruck größter Verehrung

Job Christoph von der Thann.«

Raineria war vor dem Sessel – Stephans Sessel – in die Knie gesunken und schluchzte laut:

»O Gott! Du hast doch noch Erbarmen mit mir! Es war so finster um mich her. Die Zukunft so öde und hoffnungslos. Job Christoph – wie danke ich dir! Durch deine Worte ist wieder der erste Lichtstrahl in mein verängstigtes Herz gefallen. Du warst doch der Bessere von uns beiden!«

 

Ende.

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