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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Die frühe Dämmerung des Herbsttages fing bereits an, ihre grauen Fäden zu spinnen, aber noch lagerte ein schwüler Dunst über dem Domplatze. Der Himmel war bewölkt, im Westen türmte sich eine dunkle Gewitterwand, allein kein Lüftchen regte sich.

»Bim – bam – bum! Bim – bam – bum!«

Feierlich und voll läuteten die Abendglocken der ehrwürdigen Kathedrale.

Wie waren doch jene wundersam schönen Töne verwachsen mit Ires ganzem Leben! Seit ihrem sechsten Jahre kannte sie den einer trauten Mutterstimme ähnelnden Klang, immer beruhigend, immer tröstend oder Freude erweckend in der jungen Brust.

Heute aber schauerte sie in sich zusammen.

War das nicht eben genau wie düsteres Grabgeläute? – – –

Onkel Gotthard hatte Ire selbst hinauf in ihr Zimmer gebracht, einen Sessel ans Fenster geschoben, beide Flügel weit geöffnet und sie sanft in den Stuhl gedrückt, daß die eindringende Luft ihr die vom Weinen brennenden Wangen und Lider kühlen sollte.

Da saß sie nun allein – lange schon, still und in sich gekehrt, in dumpfes Brüten versunken, die Hände gefaltet und ab und zu ein leises Stoßgebet auf den Lippen:

»O Gott – Kraft – Kraft! – Ich könnte es ja nicht ertragen, ihn ganz zu verlieren! Hilf du mir doch!«

Ganz? Wieviel gehörte ihr denn noch von des Gatten Liebe und Treue? Wieviel hatte ihr jemals davon gehört? Erzwungenes Glück! Ja, das war es damals doch gewesen, und darum blieb der Segen aus.

Eine andere hatte die Jugendliebe aus seinem Herzen verdrängt, und sich mit dieser anderen messen wollen – dazu war sie viel zu stolz.

Im Geiste sah sie noch immer das schöne Gesicht mit den wunderbaren Augen, wie heute, dort draußen in der Ausstellung zu Job Christoph voll verzehrender Leidenschaft emporgerichtet. Und er hatte vor dieser Frau gestanden – Hand in Hand!

Nein – verzeihen konnte sie nicht – unmöglich! Nur noch einmal sagen wollte – mußte sie ihm, daß – – –

Ja, was denn eigentlich? – –

Die kaum bekämpfte Bitterkeit, das Gefühl grenzenloser Verlassenheit übermannte sie abermals.

Den Kopf zurückgelegt, saß Ire regungslos und ließ noch einmal jene zwei Ehejahre in ihrer Erinnerung vorüberziehen.

Sie dachte an alles, was sie Job Christoph hatte sein wollen, und doch war immer ein fremdes Etwas zwischen ihn und sie getreten. Nie hatte sie die ganze, volle Zärtlichkeit und Hingebung des Herzens zu zeigen gewagt, nie war sie zu rechtem Bewußtsein wahren Glückes und inneren Friedens gekommen.

An ihr schönes, stilles, durch seinen Kunstsinn und seine reichen Sammlungen ausgestattetes Heim in Berlin dachte Ire, wie seine freilich seltene Anwesenheit daselbst es stets noch tausendfach verschönte und wie es dann gleich wieder öde und einsam wurde, wenn er ging und seine Berufspflichten ihn in die weite Welt führten. Zuweilen, so auch während ihres gemeinsamen Aufenthaltes in Ägypten, war es oft wie ein beglückendes Ahnen über ihre Seele gezogen: Ich bin ihm vielleicht doch mehr, als meine gar zu mädchenhaft schüchterne Liebe anzunehmen vermag!

Dann war aber schnell wieder die krasse Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit zutage getreten.

Seit dem so jäh abgebrochenen, verhängnisvollen Aufenthalt in München und ihrer hastigen Abreise nach Breslau verging die Zeit wie unter einem bleischweren Druck.

Und das Ende? – Wie nur dachte er sich die Zukunft? – –

Ire richtete sich plötzlich erschreckt empor. Klang das nicht wie ein kurzer, fester Schritt draußen im Flur? Sein Schritt – – – Kam Job Christoph zu ihr –? Jetzt –?

Erblaßt und mit zitternden Knien war sie emporgesprungen; aber ihre Hände tasteten wieder nach der Sessellehne.

So blieb sie hochaufgerichtet, doch mit angsterfüllten Augen, als die Tür aufging und Job Christoph über die Schwelle trat.

Ein paar Sekunden verharrten beide wortlos; doch seine tieftraurigen Blicke umfaßten die in ihrer deutlich gezeigten herben Abwehr nur um so anziehendere Gestalt.

»Bitte – sprich nicht – kein Wort! Ich will nicht, daß – du redest! Es hat ja keinen Zweck, mir Sachen zu erklären – die du, als Mann von Ehre und Gewissen, nicht verantworten kannst!« rief Ire endlich, und ihre sonst melodische Stimme hatte dabei einen metallischen Klang.

»Doch – ich werde reden, muß reden – gerade weil du an meine Ehre, mein Gewissen appellierst, gibt es nur ein Wort, welches ich zu sprechen verpflichtet bin. Du irrst, Ire! Heute waltet ein schmerzlicher Irrtum zwischen uns, den ich geklärt sehen will.«

Der stets so weiche, kindliche Ausdruck ihrer blauen Augen war schnell einem trotzigen Aufflackern gewichen, und mit heftigem Kopfschütteln entgegnete sie.

»Mir genügt meine Auffassung, an der sich nicht deuten noch entschuldigen läßt. Daß ich nicht engherzig und kleinlich bin, habe ich dir ja bereits an jenem Abend in München bewiesen, als du mir versichertest – jene – Strelnower Episode sei ein überwundener Standpunkt. Mit dem, was vor der Ehe gewesen, muß sich wohl jede Frau abfinden. Allein der Irrtum, von dem du sprichst, liegt gewiß nur in deinem, allerdings rücksichtsvollen Wunsche, mir meine jetzige Lage milder – erträglicher zu gestalten. Dein Mitleid aber kränkt und verletzt mich!«

»Ire! In dieser Weise werden wir uns nie verständigen. So laß mich dir wenigstens sagen, daß einzig der Zufall mich heute mit – Gräfin Herlingen zusammengeführt hat.«

Job Christoph war näher getreten. Erschöpfung und Nervenabspannung prägten sich in seinen Zügen.

»Wozu verständigen?« fragte sie, ohne aufzusehen.

»Du glaubst mir nicht?«

»Das wäre wohl beleidigend für dich, Job Christoph, aber eine Frau urteilt oft objektiver, klarer über Dinge, wo der Mann zu entschuldigen sucht. Ich bitte dich daher noch einmal dringend, die Sache als erledigt anzusehen und fortan totzuschweigen.«

Jetzt flackerte es auch in seinen Blicken zornig und trotzig auf. Die breite Stirn rötete sich, und schon öffneten sich die Lippen zu einer herben, schroffen Entgegnung.

Da hatte sie – vielleicht unbewußt – die Augen voll zu ihm aufgeschlagen, und alles, was ihm daraus hervorschimmerte, das grenzenlose Weh eines tief verwundeten Frauenherzens, die stumme Qual, die bittere Enttäuschung, gaben ihm schnell Selbstbeherrschung und Fassung wieder.

Wer von ihnen beiden war nun der Beleidigte? Ire – oder er? –

Tor – daß er in dem Wahn hierhergekommen war, diese Frau mit ein paar verbrauchten Worten zu beschwichtigen.

Mochte also der Irrtum für sie unaufgeklärt bleiben – er verdiente keine Rechtfertigung. Die heutige Stunde hatte ihm eine Demütigung gebracht, ihn aber ebenso gelehrt, den wahren Wert eines Kleinods erst nach zwei langen Jahren seiner Ehe voll zu schätzen.

»Und was wünschest du, daß nun geschehen soll, Ire? Du mußt bestimmen.«

Eine feine Röte der Befangenheit zog über das schmale, junge Gesicht.

»Ich bin hier an Tante Gismondas Krankenbett gebunden.«

»Und ich?«

Merkliche Bitterkeit klang durch seinen Ton.

Keine Antwort erfolgte.

Über dem traulichen Gemache, welches auch hier in des alten Onkels schlichtem Heim den künstlerischen Sinn und Geschmack der Bewohnerin kennzeichnete, lag bereits die Dämmerung.

Nur die Umrisse der schlanken Frauengestalt waren sichtbar, nur über Haar und Stirn fiel noch ein lichter Streif vom Fenster her.

Dem Manne, welcher mit innerster Bewegung nach Fassung rang, dünkte das wie eine übernatürliche Verklärung.

Er richtete sich straff empor.

»Willst du einen Vorschlag anhören, den ich dir jetzt machen möchte, Ire?« fragte Job Christoph nach einer bedrückenden Pause.

»Ja, gewiß.«

Seine Stimme bekam wieder die alte Sicherheit.

»Im Archäologischen Institut zu Kairo sollen demnächst große Baulichkeiten und Veränderungen vorgenommen werden, und man wünscht dort auch einen deutschen Fachmann und Gelehrten hinzuzuziehen. An mich ist der Ruf ergangen – schon vor einigen Wochen. Ich wollte dir nichts davon sagen und schreiben, weil ich – um deinetwillen gewillt war – meine Arbeit kann sich eventuell auf acht bis zehn Monate erstrecken – dieses ehrende Anerbieten dankend abzulehnen. Jetzt erblicke ich darin einen höheren Fingerzeig. Laß uns also diesen Zeitraum zwischen uns legen, Ire. Du wirst vielleicht milder denken lernen und ruhiger werden, und ich,« seine Stimme begann zu schwanken, »und ich will warten, bis ...« Er trat ihr näher. »Was immer ich – vom Tage unseres Verlöbnisses an, gefehlt habe, Ire, es dürfte wohl durch jene Buße gesühnt werden. Oder – willst du, daß das schöne Wort Wiedersehen ausgelöscht bleiben soll – für immer?«

Noch lag der fahle Lichtschein über Ires blassem Gesicht, und so gewahrte er, daß zwei kristallhelle Tropfen über ihre Wangen rieselten.

Die letzte Frage ließ sie unbeantwortet, allein impulsiv und schnell reichte sie ihm die Rechte zu und sagte stockend, doch fest:

»Ja – es ist gut und richtig – so – Job Christoph – aber schreibe – mir!«

Fest preßten sich seine Lippen auf die kleine, weiche Frauenhand – dann stürmte er hinaus. –

Genau auf dem nämlichen Platze, dem alten Geistlichen gegenüber, wo Job Christoph vor mehr als zwei Jahren im Begriff gestanden hatte, diesem offen zu bekennen, daß seine einstigen Gefühle für Ire durch ein anderes Mädchen verdrängt worden wären – genau auf diesem Platze legte er ihm heute eine unumwundene Beichte ab.

Weit entfernt davon, sich in irgendeiner Weise zu schonen, konnte er jedoch nur mit Festigkeit versichern, daß der schmerzliche Abschied von Ire und die Aussicht, so viele Monate von ihr getrennt zu sein, all seine Willensstärke und Kraft gekostet habe.

»Jetzt lege ich das Weitere in Ihre Hände, mein väterlicher Freund! Sie werden mir stets Nachricht von ihr geben und gewiß versuchen, hin und wieder ein gutes, mildes Wort für den Abwesenden bei ihr einzulegen.«

Als Job Christoph gegangen war, stand Kanonikus Thorwald noch eine ganze Weile mit gefalteten Händen vor dem Pastellbilde der kleinen Ire, welches auf dem altmodischen Schreibtische schon seit Jahren seinen Platz gefunden hatte – dann schaute er wehmütigen Blickes zum Porträt ihres verstorbenen Vaters, seines einzigen Bruders, hinauf.

»Menschenschicksale! Wie sie sich doch oftmals ähneln! Überall der Versucher mit seinem gleißnerischen Spiel! Aber nur ein Charakter und wahre Manneskraft, die tiefinnerlich noch nicht berührt und entwürdigt worden, können sich losringen aus schmählichen Banden. Gott segne dich, guter Job!« flüsterten die welken Lippen in Weichheit und Milde. –

* * *

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