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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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»Und Sie reisen morgen wirklich ab, Herr Graf?« fragte der junge Doktor beim Essen, das Raineria und Stephan allein mit ihm eingenommen. Der Gutsherr war bereits vor Dunkelwerden zur Stadt gefahren, wie es im allgemeinen seine Gewohnheit schien, lautlos, ohne Sang und Klang zu verschwinden und sich weder um die Kinder noch um den nun seit vierzehn Tagen in Strelnow anwesenden Hausgenossen zu bekümmern. Auch dieser, hatte sich bereits daran gewöhnt.

«Ja, Herr Doktor, morgen in aller Frühe, nach München. Es ist wahrlich hohe Zeit, wieder von der Bärenhaut runter ins stramme Joch zu kommen. Ich habe hier gräßlich gefaulenzt, kein Buch angesehen, und schäme mich oft vor Ihnen, der Sie schon beim Morgengrauen bei der Arbeit sind.«

Der Angeredete wehrte lächelnd ab. »Hin Und wieder Ferien zu genießen, das erfrischt, Herr Graf; übrigens ist das, was ich hier leiste, leine Arbeit, sondern ein Vergnügen, ein Genuß für mich.«

Dabei streiften seine Augen Rainerias ihm nur im Profil zugewandtes Gesicht. Trotzdem gewahrte er, daß es unter den halbgesenkten Lidern seltsam aufblitzte und ein leises Zucken um die leicht geschürzten Lippen flog.

Stephan hatte die Schwester schon mehreremal prüfend beobachtet. Gleich nach Beginn des Mahles war auf ihren Befehl eine Flasche Champagner im Eiskübel gebracht worden, und unter Lachen und Scherzen hatte sie den beiden jungen Männern tapfer zugetrunken. Immer größere Erregung und lebhafterer Redefluß machten sich an ihr bemerkbar.

»Wir müssen doch deinen Abschied feiern, Stephan,« sagte sie hastig und hob gegen den Bruder das überschäumende Glas. »Morgen, wenn der Doktor und ich uns hier allein gegenübersitzen müssen, wird Trübsal geblasen! Ja, Sie können mir glauben, Herr von der Thann, dieser dort ist das belebende Prinzip in Strelnow, seine Anwesenheit bringt Sonnenschein. Ich selbst bin gräßlich launenhaft, so unbefriedigt vom Dasein, mal liebenswürdig und heiter, mal unhöflich und brüsk. Sie werden das noch gründlich merken, Doktor von der Thann, und ich orientiere Sie daher schon im voraus.«

Die vom perlenden Naß noch feuchten Lippen halb geöffnet, den blonden Kopf in den Nacken gebogen, so verharrte Raineria mehrere Sekunden regungslos auf ihrem Platz und starrte träumerisch sinnend ins Leere.

»Es wäre mir peinlich, glauben zu müssen, daß Sie, Komtesse, sich meinetwegen den geringsten Zwang auferlegen könnten oder auch nur darüber nachdenken sollten, ob Sie mich vorgestern, gestern oder heute schlecht behandelt haben. Ich arbeite für den Herrn Grafen Vater, er bezahlt mich, somit scheint meine Anwesenheit hier genügend gerechtfertigt.

Aus Arys Augen schoß ein Zorniger Blick. Wie haßte sie diese halb unterwürfige Bescheidenheit an ihm! Mit seinem Geist und Verstand, seinen reichen Kenntnissen war der Doktor ihnen allen doch tausendmal überlegen; das hatten die beiden letzten Wochen sie gelehrt. Die eigentümliche Würde seines Wesens überwog bei weitem jene dem Hause Strelnow und feinen Bewohnern anhaftende scheinbare Vornehmheit. Talmi! Es war ja so gar nichts echt hier. Der Vater, in seiner schrecklichen Spielwut und seinen kostspieligen Passionen, doch innerlich roh – übertüncht! Sie selbst? Pah! Wenn man das bißchen Schliff, die paar bunten Fahnen abstreifte, blieb nichts übrig, und die Geistesarmut, das Lückenhafte einer nur aufgepfropften Bildung und Erziehung traten klar zutage. Aber halt! Nicht vorschnell und ungerecht urteilen. Stephan, mit seinem stets sonnenhellen, hübschen Gesicht – ganz die Mutter, sagte der Vater oft in leichtem Spott – Stephan war doch anders, der Beste von ihnen. Bemühte er sich nicht immer, nur Gutes zu tun, zu denken und zu wollen, an sich zu arbeiten, um dem Dasein mehr abzugewinnen als eitle Genussesstunden und Zerstreuungen? Ernste Ziele vor Augen, strebte der liebe Junge einem Wirkungskreise, einer Zukunft entgegen, die nichts mit dem öden Schlaraffenleben daheim gemein haben sollte. Und nun war plötzlich ein Mensch in dem Strelnower Gesichtskreis erschienen, der ihren erstaunten Augen ein neues Bild entrollte, ein Mensch, über dessen äußere Erscheinung sie erst gelächelt, den sie sozusagen bemitleidet, ja schlecht behandelt hatte.

Anfangs wollte sie ihm imponieren. Mit Toilettenfähnchen, dem ihr anhaftenden Wiener Schick und den Gesellschaftsformen der großen Welt sollte er geblendet werden; durch ihr fließendes Salonfranzösisch wollte sie ihn einschüchtern.

Allein, nach kurzem erschien das alles Raineria so völlig lächerlich. An der tief ernsten Lebensauffassung dieses Mannes prallten solche Nichtigkeiten gänzlich ab. Nebenbei sprach Herr von der Thann Französisch und Englisch viel besser als sie selbst. Er brauchte ja fremde Sprachen für seine Forschungen.

Nun machte Rameria sich jedoch einen anderen Plan zurecht. Daß sie ihm gefiel und er sie schön fand, schien trotz alledem zweifellos. Jeder Mann hat seine eigene Art zu bewundern; das mußte also ausgenutzt werden. Erstens, um sich die oft gähnende Langeweile zu vertreiben, und zweitens, um soviel wie möglich von ihm zu gewinnen und ihre an gar vielen Punkten brachliegenden Kenntnisse zu bereichern. Somit konnte es, auch nach Stephans Abreise, vielleicht noch ganz anregend werden. – –

Das Essen war vorüber. Himek und der Dreikäsehoch hatten sich geräuschlos Zurückgezogen; aber auf Rainerias Wunsch war man, Zigaretten rauchend, noch an der Tafel sitzengeblieben.

Der große, in halber Höhe holzbekleidete Speisesaal machte wohl noch den gediegensten Eindruck des ganzen Schlosses.

Die stattliche Ahnenreihe der Sumierskys an den Wänden hatte einstmals allerdings auf prunkvolleren Tafelschmuck, reicheres Silberzeug und feinere Damastgedecke herabgeschaut; allein das durch einen Schleier gedämpfte Licht der einzigen Hängelampe vermochte den weiten Raum nur spärlich zu erhellen, so daß viele Schäden und Mängel der Einrichtung vorteilhaft verdeckt wurden.

»Papa teilte mir diesen Morgen mit, daß Sie in der Tiefe eines von Makulatur und Plunder vollgepfropften alten Sackes eine Art Aktenmappe entdeckt hätten,« sagte Stephan in fröhlichem Tone. »Sollte sich die schmerzlich ersehnte Urkunde wirklich darin befinden, so telegraphieren Sie mir bitte, Herr Doktor. Man ist doch begreiflicherweise sehr gespannt.«

»Sicherlich, Herr Graf. Möglich könnte es immerhin sein, aber mir dürfen unsere Erwartungen ja nicht zu hoch spannen. So ein vom Zahn der Zeit benagtes, halb verschimmeltes Ding sieht sich immer geheimnisvoll an, und dann...«

»Dann sind lauter unbezahlte Rechnungen oder Liebesbriefe von unserem Urgroßvater drin!« fiel Raineria ihm heiter ins Wort. »Ich glaube, Ihre rührende Mühe ist vergeblich, Herr von der Thann. Na, reizvoll bleibt aber die Geschichte dennoch. Ich werde Sie morgen einmal da unten in Ihrem Burgverlies besuchen. Oder stört Sie die Gegenwart unberufener Leute etwa?«

Wenn Raineria jedoch eine verbrauchte Höflichkeit als Antwort erwartet hatte, so lag ihrerseits ein Irrtum vor.

In seiner höflichen, doch stets offenen und knappen Art erwiderte er nur rasch: »Sie, Komtesse, und Ihren Herrn Bruder zur Besichtigung des Archivs, soweit ich einigermaßen Ordnung zu schaffen vermochte, aufzufordern, war längst meine Pflicht. Mein Arbeitsfeld ist trotzdem noch wenig einladend, die Luft darin dumpf und moderig und von Staub erfüllt. Wenn Sie mir indes die Ehre geben wollen...«

Er zögerte.

»Freilich komme ich! Ich bringe meine Taschenlampe mit und stöbere damit auf eigene Faust ein wenig herum. Vielleicht finde ich noch einen Schatz da unten. Es liegt für mich ein so eigener Reiz im Neuen, Unerforschten. Sie werden eine gelehrige Schülerin in mir finden, Herr von der Thann.«

»Störe nur den Doktor nicht unnötig, Schwesterlein,« warf Stephan fast ungeduldig ein und gab Raineria einen Wink, sich zu erheben.

* * *

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