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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Am Drehkreuz vor dem Ein- und Ausgang der Ausstellung lungerte eine Schar Zeitungsträger, Losverkäufer, fliegende Händler und sich den regen Betrieb nutzbar machende halbwüchsige Jungen herum, als eine Dame heraustrat und hastig fragte: »Kann mir einer von euch sofort ein Auto von dort drüben herbeiholen?«

Wie der Wind flog ein kleines, mageres Kerlchen, dessen zweifelhaft saubere Finger nun ein Markstück krampfhaft umschlossen hielten, über den sonnigen Platz, und wenige Minuten später schnaufte der Kraftwagen mit seiner Insassin der Stadt und der Domstraße zu.

Wie ein Bild, von Stein, regungslos, mit glanzlosen Augen, saß Irene in den Polstern.

Nur nicht denken, nur jetzt nicht denken müssen, da es sich wie ein Mühlrad in ihrem Kopfe herumwälzte und das fiebernde Pochen der Schläfen die Adern zu sprengen drohte.

Fort – nach Hause – zu Onkel Gotthard! Dieser eine Gedanke gab der erschütterten Frau Besinnung und Kraft.

Das Auto hielt an Kanonikus Thorwalds Kurie.

Ire vermochte nur noch dem aus der Tür eilenden Mädchen zuzurufen: »Bitte – bezahlen!« Dann stürmte sie durch den Flur und pochte am Eingang zum Arbeitszimmer.

»Herein!«

Tiefer Friede breitete sich über den von feierabendlicher Stille durchwehten Raum, wo der alte Geistliche mit gebeugtem Haupte am Schreibtische saß.

Da flog auch schon Ire – das Kind, sein wohlgehüteter Liebling, in wilder Erregung zu ihm hinüber und brach dicht an seinem Platze haltlos in den Knien zusammen.

»Onkel Gotthard! – O, ich möchte sterben! Ich kann – nicht – mehr – leben!«

Der alte Mann sagte kein Wort; obwohl tiefes Erschrecken sich in seinem ehrwürdigen Antlitz malte, so hob er doch die schlanke Gestalt mit kräftigen Armen empor und zog sie nach dem Sofa hin.

»Onkel Gotthard – hörst du – es ist alles aus!« rang es sich wieder gequält aus der jungen Brust.

Er setzte sich neben die Aufgeregte, nahm ihr den Hut vom Kopfe, öffnete die Jacke und strich väterlich zart über die feuchte Stirn.

»Nichts ist aus, was Gott nicht zuläßt, und an einem kleinen Herzensweh stirbt man nicht!« sagte er mit seinem tiefen, warmen Baß.

Das Gefühl des Geborgenseins, hier Schutz und Hilfe zu finden, löste endlich die Starrheit der gepeinigten Seele in Tränen auf.

Das Gesichtchen mit den Händen bedeckend, schluchzte Ire eine Weile herzzerbrechend.

»Gut – gut – weine dich erst aus, mein Kind, das ist immer das beste, und nachher wollen wir sprechen – beraten.«

Und so kam es. – – –

Kanonikus Thorwald, der nach jenem Gespräch mit dem jungen Sumiersky, lange und eingehend mit sich zu Rate gegangen war, hatte in der Meinung, es recht gut zu machen, der Nichte geraten, während der Zeit, wo Job Christoph in Breslau wäre, zu ihm ins Hotel zu ziehen. Der Aufenthalt im Hause, wo eine Schwerkranke liege, sei für ein junges glückliches Paar doch nicht angenehm, und im übrigen ginge es Tante G. ja jetzt leidlicher, so daß Ire ganz gut abkömmlich sei.

Allein menschliche Pläne sind wie Seifenblasen.

Als Job Christoph eines Morgens wirklich kam, stand der finstere Todesengel wieder einmal lauernd und wartend an der Leidenden Schmerzenslager. Ein erneuter heftiger Schlaganfall hatte das ganze Haus in Aufregung versetzt, so daß Ire den zurückgekehrten Gatten eigentlich nur zwischen Tür und Angel zu begrüßen und zu bitten vermochte, doch erst am nächsten Morgen wiederzukommen. Herz und Pflichten hielten sie nun bei der Tante fest.

So verlief das von ihr heiß ersehnte Wiedersehen, und wehmütig und getrübten Blickes sah sie der Droschke, die Job Christoph entführte, nach.

Zu seinem Bedauern hatte auch Kanonikus Thorwald den Mann seiner Nichte nur flüchtig begrüßen können.

Die traurige Stimmung im Hause drängte natürlich alles andere in den Hintergrund. Indes wirkte die herzlich gezeigte Teilnahme des Jüngeren wohltuend auf sein Gemüt.

Es war verabredet worden, Job Christoph einen Radler mit Nachricht über Tante Gismondas Befinden nach der Historischen Ausstellung zu senden; im Gartenhofe daselbst sollte er ihn Punkt fünf Uhr erwarten.

Zur Freude und Erleichterung aller trat gegen Mittag aber eine erhebliche Besserung im Befinden der Kranken ein. Die Lähmung der Sprache ließ nach, sie schien wieder bei Besinnung und verlangte etwas zu genießen, so daß der Arzt diese kräftige Natur einer Greisin bewunderte.

»Jetzt fährst du mir jedoch selbst hinaus zu deinem Manne, mein Kind. Du brauchst entschieden eine Erholung, und ihm wollen wir doch auch die Freude, dich zu sehen, von Herzen gönnen,« sagte der alte Geistliche fast diktatorisch, während Ire mit heiterer Miene beim Mahle ihm die Suppe vorsetzte und bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen versprach. –

* * *

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