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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Gräfin Raineria trug ein lichtes Abendkleid, und die Perlentropfen zierten wieder ihre rosigen Ohrläppchen.

Beim Essen, welches man in einem behaglichen kleinen Speisezimmer eingenommen, hatte eigentlich nur Graf Herlingen die Unterhaltung geführt. Er liebte es, neuerdings als kunstverständig zu gelten, berühmte Männer und Gelehrte zu sich heranzuziehen und den Gönner und Mäzen zu spielen. Seinen Mangel an eigenem positiven Wissen wußte er geschickt durch glänzende Redegewandtheit in verschiedenen Sprachen zu verbergen. Mit Vorliebe erging er sich auch öfters in philosophischen Aussprüchen, die – wie Raineria spöttisch und still vor sich hinlächelnd behauptete – in seinem Krautgarten nie gewachsen waren.

Auch jetzt sagte sie ungeduldig:

»Aber nun laß doch den Professor etwas in Ruhe, Vinzenz! Er hat heute abend wirklich genug Fachsimpeleien von allen möglichen Leuten anhören müssen. Das ist ja ermüdend.«

Alle drei saßen nach dem Essen in einem gemütlichen Salon, wo die Fenster geöffnet standen und die laue Luft des warmen Augustabends sich mit Mokka- und Zigarettenduft vermischte.

Auch Stephan war von der Schwester aufgefordert worden, hatte sich jedoch mit einer anderen Einladung entschuldigt.

»Ja, eigentlich hast du recht, Ary. Wir sind die lästigen Motten an großen Lichtern. Aber schließlich möchte unsereiner doch gern recht viel profitieren. Am liebsten machte ich mal eine Reise mit Ihnen zum Lande der Pyramiden, Professor, kröche da über und unter der Erde 'rum. Wie wär's?« fragte der Graf sichtlich amüsiert, mit seinem ihn wenig kleidenden, lauten Lachen.

»Ich fürchte, Herr Graf, Ihre Erwartungen würden dann wohl kaum erfüllt werden. Zu unseren Forschungen und Grabungen gehört viel Geduld, und die Erfolge sind auch recht oft zweifelhaft – denn wo das exakte Wissen aufhört, setzt der Vernunftschluß ein. Nur der Fachmann findet da Verständnis und Befriedigung.«

Es lag heute eine ganz seltsame Unruhe und Erregung in der Stimme und im Gesichtsausdruck Job Christophs. Seine Augen flammten zeitweise auf, und das Lächeln um seinen Mund glich einem Schmerzenszuge. Jeden unbeobachteten Moment starrte er wie hypnotisiert oder qualvoll verzehrend nach Raineria hinüber, die nachlässig und in heiterster Seelenruhe in ihrem Sessel lag.

Nun rief sie lachend:

»Dein Wunsch, Vinzenz, gibt mir eine Idee: Wir geben den geplanten Landaufenthalt auf und gehen noch ein paar Wochen nach Berlin! Der Professor ist ja ohnehin dort, und da kannst du nach Herzenslust prähistorische Studien machen.«

»Famos! Machen wir! Um so mehr paßt es, weil ich ohnedies ab und zu mal nach Berlin müßte; geschäftshalber natürlich. Heute morgen hat mir der Kommerzienrat Eisenstein ...« Er stockte.

Ein Kellner war eingetreten und meldete:

»Der Herr Graf werden ans Telephon gerufen. Herr Kommerzienrat Eisenstein hat selbst angeläutet.«

»Was Kuckuck. Lupus in fabula! Soeben will ich seinen Namen nennen – da ist er schon! Also – Verzeihung!«

Der große, breitschulterige Mann erhob sich schwerfällig vom Sessel und schritt hinaus.

Im selben Augenblick fuhr Raineria jäh aus ihrer bequemen Lage empor und streckte dem Gaste die Rechte hin.

»Hab' ich das nicht wundervoll eingefädelt? Kann dieses Zusammensein in Berlin nicht schön werden, Job Christoph? Aber, um Himmels willen, seien Sie doch nicht so erschrocken – hier stört und hört uns kein Mensch! O, ich lebe ja nur noch zwischen Traum und Wachen, und meine Seele verlangt nach nichts als nach einem Körnlein Glück!«

Wie kaum unterdrücktes Jauchzen klang es aus Rainerias Brust.

Der Angeredete vermochte nicht zu sprechen, mit konvulsivischem Druck hatte er nur die schmale Hand an seine Lippen gepreßt. Sein Arm, sein ganzer Körper zitterte.

Da trat auch Graf Herlingen schon wieder ein.

»Dacht' ich mir längst! Nun haben die schlauen Kerls mich doch 'reingelappt! Ich soll mich an den enormen Waldankäufen in Ungarn beteiligen. Fürst Kronsberg, Graf Spahl, die beiden Weyls und andere gehören zum Konsortium. Es sind ja selbstredend Bombengeschäfte zu machen; aber Geld, bares Geld gehört dazu. In zehn Minuten ist Eisenstein mit seinem Auto hier, um sich definitiven Bescheid und Unterschriften von mir zu holen.«

»Jetzt, am späten Abend?« fragte die Gräfin erstaunt.

»Ja, er reist diese Nacht noch nach Wien und muß mich daher persönlich sprechen. Wir werden drüben im kleinen Speisezimmer verhandeln. Der Professor entschuldigt mich gewiß. In spätestens einer halben Stunde bin ich zurück.«

Job Christoph verneigte sich, während Graf Herlingen ziemlich aufgeregt weitersprach: »Ja, sehen Sie, mein Bester – so sind die Herren Magnaten von heutzutage. Anstatt ihr schönes Einkommen sorglos und in Ruhe zu genießen, treibt die Spekulationswut sie zu allerhand gewagten Unternehmungen. Aber man versicherte mir, daß auch Großkapitalisten und gewiegte Geldleute dabei beteiligt wären. Da riskiert man nichts. Es ist übrigens schwer, sich auszuschließen. Wozu auch? Familie ist vorläufig bei uns nicht da. Die Güter sind Majorate. Also –!«

»Das dürften allerdings Sachen sein, die unsereinem fernliegen, Herr Graf. Doch praktische Geldanwendung ist beiderseits erforderlich,« erwiderte Herr von der Thann und erhob sich ebenfalls, weil Herlingen, von sichtbarer Unruhe beseelt, fortgesetzt durchs Zimmer lief.

«Ich hoffe nur, daß dieser Eisenstein, der eigentlich, wie bekannt, im Rufe eines Filous steht, dich nicht gründlich ausnützen wird. Du hast schon voriges Jahr einmal schlimme Erfahrungen mit einem ähnlichen Biedermann gemacht, Vinzenz,« sagte Raineria achselzuckend.

»Wo der Kronsberg seine Hände im Spiel hat, so'n alter, schlauer Fuchs, da braucht sich keiner zu beunruhigen,« versetzte rechthaberisch der Graf. Dann schritt er wieder gedankenvoll über den Teppich. Die anderen schwiegen.

Nach einer kleinen Weile hob er den Kopf und meinte zerstreut:

»Na – au revoir! Ich will doch nun mal hinüberschauen – ob mein Geschäftsfreund gekommen ist.«

Als Herlingen den Salon verlassen hatte, war Raineria rasch emporgesprungen und ans offene Fenster getreten.

Bängliches Schweigen, etwas wie eine Gewitterschwüle lag in der Luft.

Allein! – – –

Job Christoph stand weit von ihr entfernt und stemmte beide Fäuste gegen den Tisch.

Unter den Strahlen der elektrischen Krone erschien sein Gesicht totenbleich. In seinem Hirn raste ein Chaos.

Plötzlich drehte die schlanke Frau sich hastig nach ihm um und flüsterte halb schluchzend:

»Das ist nun mein Dasein! So soll – muß ich weiterleben – bis ans Ende!«

»Raineria!«

In zwei Sätzen war er bei ihr und umfaßte sie wild.

»Verlaß du mich nicht, Job Christoph! Bleibe du bei mir – in dieser Todeseinsamkeit!«

Sie hatte den blonden Kopf auf seine Schulter gelegt und schmiegte sich fest an die stürmisch atmende Mannesbrust.

»Heute – morgen – solange du willst! Immer!«

Er wußte nicht mehr, was er sprach. Dann küßten sie sich. – – –

War es Zugluft, was den Fenstervorhang plötzlich leise bewegte? Oder kam jener geisterhafte Hauch durch die Tür? Raineria fuhr erschrocken auf.

Nein! Alles blieb still. – Nichts! – –

Aber draußen auf dem Korridor tappte ein schlanker Mann kaum hörbar über den weichen Läufer nach der Treppe hin und glitt scheu und eilig die Stufen hinab, durchs Vestibül auf die Straße.

Dort, dem Lichtkreise des hellerleuchteten Hotels entronnen, blieb er schweratmend stehen und stöhnte leise:

»Und das – das tust du ihr und mir an, Schwester! O Gott, laß mich doch nicht verzweifeln an deiner Gnade und Gerechtigkeit! Sind denn Gelübde, die man vor dem Altare leistet, sind Treue, Achtung vor sich selbst nur ein leerer Wahn? O Schmach über alle, die sich so vergessen können! Und jener Mann, den die Vorsehung mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet, durch die Liebe einer edlen Frau reich gemacht hat, vermißt sich, Heiligtümer mit Füßen zu treten! Solche Erkenntnis ist bitter!«

Unter diesen seine Seele zermarternden Gedanken eilte Stephan bis zum nächsten Droschkenhalteplatz und warf sich in ein Gefährt.

Er war aus Freundeskreise früher aufgebrochen, hatte Raineria noch mit einem späteren Besuche überraschen, Professor von der Thann zu dem großen Erfolge im Odeon beglückwünschen wollen, ja er hatte auch Irene, wie das vielleicht anzunehmen und natürlich gewesen wäre, bei den Herlingens zu treffen gehofft, und in solch niederschmetternder Weise endete nun der Abend.

Schmerz, Widerwillen und Ekel erfüllten seine Brust.

* * *

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