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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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»So! – Bitte, nehmen Sie Platz, Herr von – der – Thann. Ich spreche hoffentlich Ihren Namen richtig aus?« sagte Graf Sumiersky in völlig reinem Deutsch, das er nur etwas schnarrend redete, und wies nach einem Sessel.

Der Angeredete verneigte sich leicht und setzte sich dem Hausherrn gegenüber.

Das helle Licht der goldigen Aprilsonne fiel voll auf sein schmales, blasses Gesicht, das jener einer scharfen Musterung unterwarf.

Er hatte den jungen Mann bald nach seiner Ankunft in Strelnow empfangen.

»So! – Also, es ist mir lieb, daß Sie ein paar Tage früher kommen konnten, denn die Arbeit, die hier Ihrer wartet, ist, wie ich bereits schrieb, mühsam,« fuhr der Graf leutseligen und wohlwollenden Tones fort. Er tat das oft, wenn es sich um eigene Wünsche handelte.

»Ich bin an schwierige Arbeiten gewöhnt, Herr Graf, unterziehe mich ihnen gern. Das Ergebnis, der Erfolg ist dann um so befriedigender,« entgegnete der Jüngere zuvorkommend und immer im gleichen Ernst.

Seine Stimme besah einen eigentümlich warmen, vollen Klang.

»Gut, gut! Freut mich. Doch vorerst haben Sie ja noch keine blasse Ahnung von dem, was Ihnen hier blüht. Meinen Pferdestall auszumisten, ist Kinderspiel dagegen – hahaha!«

Herr von der Thann verzog bei jener unzarten Äußerung keine Miene seines gutgeschnittenen, jedoch durch einen sich darauf ausprägenden schwermütigen Zug tief ernst erscheinenden, aber äußerst ansprechend zu nennenden Gesichts. Was besonders darauf auffiel, waren die Augen, große, graublaue Augen, die, vielleicht gerade jetzt durch den sich darin fangenden Sonnenglanz, beinahe emailfarbig schillerten. Sie redeten eine eigene Sprache für sich, so wie Menschenaugen reden, in deren Tiefe die Seele liegt, eine Seele, die alle Geheimfächer des Leides streng verschlossen hält.

Lachend fuhr Graf Sumiersky fort: »Denken Sie sich ein finsteres, dumpfes, nur durch zwei schießschartenartige Fenster erhelltes Moderloch, worin allerlei Kisten und Kasten übereinandergehäuft stehen seit neunzig – hundert – vielleicht auch zweihundert Jahren, angefüllt mit Folianten, Büchern, Ledermappen, kurz Dreck! Ich war vor kurzem einmal mit meinem Diener da unten und öffnete solchen Behälter. Puh! – Da hatten wohl die Mäuse drin gehaust, nichts als Schnitzel. Als ich die Hand darin versenkte, lief es mir genau so durch die Finger, als wenn es Hafer aus der Futterkiste meines Pferdestalls wäre. Nette Bescherung!«

»Es werden sich aber sicher noch wertvolle Stücke im Archiv vorfinden, Herr Graf.«

Sumiersky schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das sollen Sie ja eben herausbuddeln. Also, um vorwärts zu kommen: ich suche unseren Stammbaum, der in diesem Wust von Makulatur vergraben sein muß! Wo? Das wissen die Götter. Ich selbst habe das Ding leider nicht zu Gesicht bekommen; doch mein seliger Vater hat oft davon gesprochen, daß unsere Familie bis lange vor der Mongolenschlacht, also bis zum zwölften Jahrhundert hinaufreicht, was auch verschiedentlich festgelegt sei. Der Gothaer weist indes neuerdings erhebliche Lücken und Fehler auf, eben weil sich seit Jahrzehnten keine Katze mehr darum bekümmert hat. Die Strelnower, unsere Linie, ist die älteste – das Stammhaus ganz bestimmt. Ein paar Vettern meines Großvaters sind außer Landes gegangen. Der eine, sagen wir A., starb in Litauen, ohne Nachkommen. Von dem anderen, B., hat man seit Menschengedenken nichts gehört, und was sonst etwa noch von Sumierskys lebt – wenngleich alle dasselbe Wappenschild haben – das zählt nicht mehr als Verwandte. Nun ist jetzt kürzlich – na, wie soll ich mich ausdrücken – eine Art Familienstreit entstanden. Irgendwo in den Vereinigten Staaten ist urplötzlich ein angeblicher Nachkomme von B. aufgetaucht, der behauptete, sein Großvater wäre der allernächste Anverwandte des in Litauen verstorbenen A. gewesen, was ich glatt bestreite.«

»Dann muß es ja durch den Stammbaum genau festzustellen sein,« warf Dr. von der Thann, jetzt sichtbar gefesselt, etwas lebhafter ein.

»Gewiß – aber erst haben!«

Grimm und Spott Zuckten bei diesen Worten um des Hausherrn Mund, und sein tadellos kräftiges Gebiß blitzte unter dem graugesprenkelten Schnurrbart hervor.

Doch schnell fragte er wieder gutgelaunt: »Ja, ja, mein bester Doktor, ich baue allerdings sehr auf Ihren Verstand. Ich selbst bin Diplomat gewesen, habe manch wichtiges, hochpolitisches Aktenstück in Händen gehabt, das entscheidend war über Krieg, Frieden und Völkerwohl, und nun, wo es sich mal um das eigene bißchen Sein oder Nichtsein handelt, da ist man lahmgelegt, hilflos, ein alter Taperhans!«

»Ich werde mein Bestes tun, dem Herrn Grafen nach Wissen und Kräften beizustehen. Bitte nur über mich zu verfügen.«

Herr von der Thann erhob sich, weil der Graf, im Sessel zurückgelehnt, wie abgespannt und ermüdet die Augen halb geschlossen hatte.

»Ich darf mich wohl zurückziehen?«

»Ja, natürlich, lieber Doktor. Alles Weitere für später. Sie werden nach der Reise etwas müde sein. Himek wird Ihnen Ihr Zimmer anweisen. Wir essen um sieben Uhr. Dann werde ich Sie auch meinen Kindern vorstellen. Auf Wiedersehen!«

Graf Sumiersky winkte, ohne aufzustehen, freundlich mit der Hand, und Herr von der Thann verließ das Gemach. – – – –

Himek, des Grafen Kammerdiener und Mädchen für alles, ein kurzhalsiger, blonder Mensch mit auffallend slawischen Gesichtszügen, aus denen zwei listige Augen funkelten, hatte soeben den Mokka herumgereicht, während ein kleiner Groom (Graf Sumiersky nannte ihn den Dreikäsehoch) den älteren Kollegen lächerlich nachäffend, Komtesse Raineria die Zigaretten und Hölzer reichte.

»Anbrennen!« befahl diese herrisch; allein noch ehe der Junge dies zuwege brachte, war Herr von der Thann herbeigesprungen und hielt der jungen Dame ein entzündetes Streichholz hin.

Ein kurzer, zwischen Neugier und Unwille schwankender Blick streifte den dicht vor ihr Stehenden, und das ihren Lippen entschlüpfende knappe »Danke« hatte einen spottgefärbten Klang.

Ganz malerisch in ein hellrosa, silberdurchwirktes, weites Chiffontuch eingewickelt, lehnte Raineria am geöffneten Fenster, das heißt, sie saß halb auf dem Brett und ließ ihre reizend beschuhten Füße herunterbaumeln.

Sie blies, ohne an der allgemeinen Unterhaltung teilzunehmen, zierliche Rauchringel in die Luft.

»Du wirst dich erkälten, Ary! Komm doch weg! Blödsinn, deine Vorliebe, im Zuge zu sitzen!« rief der Hausherr vom Sofaplatz herüber der Tochter unwillig zu. Sein bräunliches Rassegesicht schien durch den Lampenschein merklich verjüngt. Er legte stets Wert auf peinlichen Abendanzug. Die breite, weiße Hemdbrust und der Frack kleideten ihn besonders gut.

Sein Sohn und Herr von der Thann, der wieder bescheiden zurückgetreten war, schritten in dem großen Raum auf und nieder, wobei jener mit wohltuender Liebenswürdigkeit Unterhaltung zu machen suchte.

»Aber gewiß, Herr Doktor,« sagte er lachend, »unsere Gegend hier ist sagenumwoben und reizvoll. Drunten im Launower See soll die alte polnische Königskrone versenkt liegen, und geradeswegs von unserem Schloß aus führen unterirdische Gänge tief unter dem Wasser bis zum ehemaligen Franziskanerkloster von Rokowo hinauf.«

Der Angeredete lächelte in seiner stillen Art.

»Sagt man,« fügte der junge Graf schnell hinzu. »Beweisen könnt' ich's natürlich nicht, und das Nachspüren würde viel Geld kosten. Sie, Herr Doktor, werden Ihre kostbare Zeit natürlich auch viel besser anwenden. Ein reizvoller Beruf, den Sie gewählt haben. Archäologe – Ägyptologe – nicht wahr? Vater erzählte uns von Ihren Forschungen.«

»Ach nein, Herr Graf, das Wort Forschungen wollen wir ganz beiseite lassen, was meine Wenigkeit betrifft. Ein armer Teufel wie ich, der für jede ihm gebotene Arbeit dankbar ist, vermag vorläufig seine vielleicht gar zu hochfliegenden Pläne nicht zu verwirklichen. Ich habe dem Herrn Grafen Vater bereits schriftlich über meine Person Bericht erstattet und nahm das mir gemachte Anerbieten mit Freuden an.«

»Und Ihr Werk über kunst- und kulturgeschichtliche Sammlungen, das Sie vorhin erwähnten, Herr Doktor?«

»Das ruht vorerst bei einem Verleger. Wenn ich hier fertig geworden bin und es mir gelungen sein sollte, dem Herrn Grafen einen Dienst zu leisten, dann ist mir durch gütige Fürsprache die mögliche Aussicht eröffnet worden, eine bescheidene Anstellung am Germanischen Museum in Nürnberg zu erhalten. Das wäre ja ein Schritt vorwärts – allerdings.«

»Man wird auf Sie aufmerksam geworden sein, Herr Doktor.«

Diese Worte klangen so ermutigend und warm, daß Herr von der Thann unwillkürlich und mit deutlichem Wohlgefallen die Züge des jungen Sumiersky schärfer betrachtete.

Das freimütige, hübsche Gesicht, seine frische, freundliche Sprechweise hatten etwas herzerquickendes, und unwillkürlich verglich er ihn mit seiner Schwester.

Lag in deren Benehmen und Haltung nicht eine stumme, doch um so bezeichnendere Abwehr – etwas wie spöttischer Trotz – ungefähr so: Du armer, bezahlter Kerl! Bilde dir nicht etwa ein, dich gleichzustellen mit uns. Du mit deinem schlecht sitzenden Rock und deiner Schüchternheit – jetzt, wo du einen Blick getan in eine Welt, in der ich lebe.

Ja, das hatte Dr. von der Thann von den roten, eigentümlich zuckenden Lippen gelesen, als Graf Sumiersky ihn der Tochter vorstellte.

Freilich, sie mochte recht haben. Seine Welt war eine andere, die Welt der Arbeit, des unermüdlichen Forschens, wo der Wissensdrang der Mannesseele Flügel wachsen läßt und sie über alle kleinen Äußerlichkeiten hinwegträgt. O, seine Interessen lagen wohl himmelweit entfernt von denen jenes hochmütigen, jungen Wesens dort – und innerlich belustigte er sich doch über so viel Dünkel und kleinliche Engherzigkeit.

Auf des Vaters Geheiß schritt Raineria, die Zigarette im Munde, langsam in den Lichtkreis der auf dem runden Sofatisch brennenden Spirituslampe und setzte sich schweigend nieder.

»Unser altmodisches Haus weist leider noch keine elektrischen Anlagen auf,« hatte Graf Ignaz Sumiersky entschuldigend zu dem Gaste gesagt.

Auch die jungen Männer hatten jetzt dort Platz genommen; allein das Gespräch wollte nicht mehr recht in Fluß kommen. Der Schloßherr, der erst in früher Morgenstunde aus der Stadt gekommen war, schien müde zu sein und döselte in seiner Sofaecke.

Raineria blättette in Zeitschriften, und so hielt es der Doktor für angemessen, gute Nacht zu wünschen und sich zurückzuziehen.

Höflich verneigte er sich vor der Haustochter; dabei streiften ihre Blicke noch einmal das bleiche, schmale Männergesicht, und sekundenlang ruhten beider Augen fest ineinander.

»Gute Nacht, Herr von der Thann! Schlafen Sie wohl in unserem alten Gespensterschloß! Eine Ahnfrau treibt ihr Unwesen hier und soll besonders so ungastlich sein, Fremde oftmals zu belästigen,« sagte Raineria mit leichtem Spott, doch mit einem seltsam unruhigen Ton in ihrer schönen, tiefen Stimme. – –

Job Christoph von der Thann hatte vor dem Essen beim Umkleiden kaum Zeit gehabt, das Zimmer, das der Diener ihm für die Zeit seines Aufenthaltes hier als Wohnung angewiesen, näher ins Auge zu fassen. Die Zwei Stearinkerzen auf dem Spiegeltische verbreiteten nur dürftiges Licht. Er nahm beide Leuchter zur Hand und bestrahlte den großen, doch ziemlich niedrigen Raum.

Überall die nämliche, fast schäbige und verblichene Herrlichkeit vergangener besserer Tage, die gegen die dürftige Einfachheit anderer Gegenstände grell und störend abstach.

Über der schlichten, eisernen Lagerstatt hing ein verschossener und verstaubter, violettsamtener Betthimmel mit schwerer, golddurchflochtener Franse. Der unter dem kahlen Sofatisch liegende Teppich war schadhaft und an manchen Stellen kümmerlich geflickt. Rohrstühle billigster Art standen an den Wänden entlang.

Nur ein wunderschöner Rokoko-Maser-Schreibtisch mit prächtigen, nun aber blind gewordenen Bronzebeschlägen bildete sozusagen das einzige Prunkstück des wenig anheimelnden Gemaches.

Job Christoph lächelte wehmütig. Er war an die tadellose Ordnung und Sauberkeit des Elternhauses gewöhnt. Seine Mutter als Majorswitwe hatte trotz ihrer geringen Pension stets dafür gesorgt, dem heranwachsenden Sohne ein gemütliches Heim zu schaffen.

Noch jetzt, nachdem die Opferwillige längst unter dem Rasen schlummerte, gedachte er in Dankbarkeit jeder Stunde, die er unter ihrer Fürsorge verbracht.

Hier dagegen schien die Luft so eng, so schwül und drückend. Ob etwa die Ahnfrau in diesen vier Wänden ihr Wesen trieb? – Job Christoph lächelte abermals. Wahrlich, irgend etwas Sonderbares schien allerdings in der Strelnower Luft zu liegen. Er fühlte sich eingeengt, benommen, ja unsicher, und auch jetzt noch beim Alleinsein dünkte es ihn, den durch den Alltag und die harte Schule eines arbeitsreichen Lebens fast zu nüchtern gewordenen Menschen, als habe er soeben mit scheuen, unberufenen Blicken ein Zaubergebilde erschaut.

Gab es in Wirklichkeit denn solche Reize, solch ein Zusammenwirken von Schönheit und verführerischer Anmut, so viel herb jungfräulichen Stolz? Gleich goldgesponnener Seide hatte des Mädchens Haar, als es sich unter dem Lampenlichte nach den Zeitschriften gebückt, geflimmert, und die pechschwarzen, scharf gezeichneten Brauen gaben den großen, halb meergrünen, halb bernsteinfarbigen Augen noch erhöhten Glanz. Noch immer sah er im Geist das spöttisch-nervöse Zucken des schönen, etwas sinnlich geschnittenen Mundes.

Der Gräfin kühle, absprechende Art forderte offenbar seinen Widerspruch heraus, und dennoch war er sich ihr gegenüber so unbeholfen und linkisch erschienen, daß ihm noch jetzt die Röte des Unwillens darüber in die Wangen stieg.

Sonderbare Menschen waren das hier, die ein Dasein ohne jeglichen Lebenszweck, ohne innerliche Harmonie zu führen schienen. Das war Job Christoph bereits während jener ersten, flüchtigen Stunden klar geworden. Nichts paßte hier zusammen, weder Menschen, Ansichten, Interessen noch Umgebung. Vielleicht durfte man in dem Sohne Herz und Gemüt voraussetzen. Aus seinen freundlichen blauen Augen leuchtete ein teilnehmender, warmer Blick.

Job Christoph hatte seinen Rundgang durchs Zimmer beendet und ging zu Bett.

Er träumte von den unterirdischen Gängen, dem See, worin die polnische Königskrone versteckt lag, von der Ahnfrau, die unhörbar durch das Gemach glitt und dicht an sein Bett trat. Allein unheimlich erschien nur das Schweben und ihr verwittertes Gewand, nicht die bernsteinglitzernden, wunderschönen Augen – die gehörten ja der so kühl absprechenden Komtesse, deren volltönende Altstimme ihm noch immer in den Ohren klang.

* * *

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