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Irmgard und ihr Bruder

Gabriele Reuter: Irmgard und ihr Bruder - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleIrmgard und ihr Bruder
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid8031d98a
wgs9110
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VI

Erich überbrachte Irmgard die Einladung von Fred Olarsen, mit dem Bruder nach Hamburg zu kommen und auf seinem blanken Schoner, der »Barbara«, Quartier zu nehmen. – »Du weißt doch – Fred – der damals auf der »Cimbria« zuerst entdeckte, daß ich über Bord gegangen war – na, von den andern Leuten behauptete ja auch jeder, er wäre es gewesen, dem ich die Rettung zu danken hätte. Fred renommiert gern ein bißchen. Aber sonst ein netter Kerl – haben uns immer wieder getroffen –, sind sozusagen Freunde. Der Glücksmensch hat einen Onkel beerbt und sich ein eigenes Schiff gekauft und ganz neu auftakeln lassen – fein, sage ich dir! So was gibt's unter Segelschiffen kaum noch mal! Wirst staunen, Schwesterchen! Führen darf er's vorläufig noch nicht – aber einen netten jungen Kapitän hat er, dazu wir zwei Steuerleute – Das wird 'ne Sache! Die ganze Ostküste von Afrika geht's hinunter, ums Kap der Guten Hoffnung, und im Westen wieder herauf! Eine Gegend, die ich noch gar nicht kenne! – Also – Mutterchen – du gibst Irmel Urlaub, gelt? Ist von mir schon fest angeheuert!«

So viel hintereinander hatte Erich, der Schweigsame, noch selten geredet. Und so froh, so unbeschwert hatte er auch seit Jahren nicht dreingeschaut. Das verdammte Examen lag hinter ihm – nur durch einen Zufall glücklich bestanden, behauptete er. Das Schwerste war überwunden. Als Zweiter Steuermann gehörte er zu den Schiffsoffizieren.

Hatte sich auf seiner ersten Reise auch schon tüchtig erproben müssen, oben an Englands Küste, wo sich die alte Kracke, die morsche Brigg, festgefahren hatte. Doch davon erfuhren Mutter und Schwester nicht viel. Noch immer band ihm eine feine Scham die Zunge. Wer wußte auch, ob die Frauen ihm ungewöhnliche Taten geglaubt hätten. Aber er trat selbstbewußter auf, seit er den alten Wackelkasten durch seine kühnen Manöver von der Sandbank frei bekommen hatte, auf die ihn der Alte in seiner Besoffenheit im Nebel festgefahren hatte. Er hatte ihn in seiner Koje einschließen müssen, um einen Anfall von Delirium potatoris auszutoben. Den Ersten Steuermann hatten sie unterwegs am Fieber verloren. Erichs Schritt war kühner, elastischer geworden, seitdem ihm die dröhnenden Beifallrufe der alten und jungen Seeleute in dem kleinen englischen Hafen noch im Ohr nachklangen und das Händeklatschen und Jubeln der weiblichen Badegäste, die sich wie zu einem erregenden Schauspiel am Strande versammelt hatten.

Irmgard mußte den Jungen, der nun ein Mann geworden, immer aufs neue verwundert anschauen. Wie schön sein starkes braunes, ernstes Gesicht geworden war, seit es nicht mehr den Ausdruck dumpfer Schwermut, diese schattende Gleichgültigkeit trug. Sie hängte sich gern in seinen Arm, wenn sie durch die Straßen gingen.

»In seinen seeblauen Augen schlafen alle Gluten des Äquators«, hatte Cläre Lodger einmal gesagt, und viele Mädchen Frohnstedts hätten gern diese schlafenden Gluten geweckt. Die Mischung von Abenteurer und Gentleman in Erich wirkte gleich einem Rauschmittel. Wie weit er seine Macht ausnutzte, erfuhren freilich die Mutter und Irmgard niemals.

»Heiraten würde mich doch keine von ihnen«, sagte Erich mit dem ironischen Zucken um die Mundwinkel, das plötzlich eine Ähnlichkeit mit Irmgard blitzartig über die sonst so verschieden gestalteten Züge fahren ließ.

– – – »Schwesterchen, wir beide gehören zueinander, was? Wenn ich auch erst ein Schiff führen werde – es braucht nicht einmal mein Eigentum zu sein –, dann bleibst du bei mir und fährst mit mir um die ganze Welt!«

»Hei – ja! Eri! Versprich mir!« Irmgard glühte auf, der Bruder faßte sie um die Taille und wirbelte sie im Zimmer umher, vor den Liebes- und Jagdszenen der venezianischen Möbel und zwischen den bunten erotischen Andenken, die Erich von seinen Fahrten mit heimgebracht hatte.

Und die Mama lachte, wie sie seit Jahren nicht mehr gelacht hatte.

*

Irmgard – Irmgard – Oft hatte Erich den heiligen Namen vor sich hin gesprochen, wenn er nachts an Deck auf einem Haufen Taue lag, das Anschlagen des Glases erwartend, das ihn zur Arbeit rufen würde, und träumend empor schaute zur Milchstraße, die gleich einem flimmernden Funkenstrom über die samtschwarze Weite des Himmels sich ergoß. Tief und feierlich rauschten die großen Wogen – oder auch die große, gewaltige Stille lag über dem Wasser, das die Sterne widerspiegelte. Irmgard – Irmgard – Die Augen des jungen Burschen wurden feucht in Erinnerung und Entbehren. Das Heimweh war wie eine Wunde in seiner Brust.

Er hatte allzu jung die Liebe in ihren rohesten Formen kennengelernt. Und in sentimental-romantischen Gefühlen suchte er ein Gegengewicht zu der Gewalt seiner sinnlichen Begierden.

Ein Matrose, mit dem er die Koje teilte, küßte jeden Abend, ehe er sich schlafen legte, eine Medaille mit dem Bilde der Madonna, das er an einer Schnur auf der bloßen Brust trug, bekreuzigte sich und murmelte seine Gebete, ehe er einschlief. Erich konnte nicht über ihn lachen wie die andern Kerle – er beneidete ihn um seinen katholischen Glauben an die reinigende Macht der Heiligen Jungfrau. – Erinnerung kam ihm an die frohe Andacht, die ihn einst beim Anblick des kleinen lichtumglänzten Jungfräuleins erfüllt hatte, von der es ihm schien, daß sie Irmgard, seiner Schwester, gliche. Wohl nur in seiner Phantasie – oder vielleicht in dem frommen gesammelten Ausdruck des lieben hellen Gesichtes. Denn in der kleinen Maria hatte der Maler bereits die Gottesmutter geschaut: Mit einer Würde, in der ihr kommendes Geschick sich ausprägte, hob sie ihr blaues Kleid, schritt sie in königlicher Unschuld die Stufen der Tempeltreppe empor, umringt vom staunenden Volke, empfangen vom Fürsten der Priester.

Irmgard erschien ihm als ein Wesen für sich allein – ein Mädchen wie aus Glas, ähnlich den Kelchen mit den dünnen Stengeln, durchsichtig, leise angerötet, von denen der Vater einige besessen hatte. Wie in weiße Schleier eines ihm unbegreiflichen Geheimnisses eingehüllt, ging sie leicht und vorsichtig mit ihren schmalen Füßen über die Erde, der sie kaum anzugehören schien.

Zuweilen wurde Erich von jäher Angst erfaßt, er könne sie nicht mehr finden, wenn er heimkehre, als sei sie einem frühen Tode bestimmt.

Das war die Irmgard seiner Träume. Kam er dann zurück in die graue Straße, in das nüchterne graue Haus von Frohnstedt, sah er Irmgard mit alltäglichen häuslichen Verrichtungen beschäftigt, mit ihren scheuen, ablehnenden Bewegungen, schmolz die Glorie, die seine Träume um ihren goldenen Scheitel gelegt hatten. Er fand sie zimperlich und prüde. Dieses Erröten, das über ihr blasses Gesicht lief, sobald er, vielleicht angeregt durch ein Glas Wein, zu erzählen begann und sie auch nur ahnte, es würde derbe ausgehen. – Sie ahnte es – der Teufel mochte wissen woher –, wenn ihm ein wüstes Bild, ein anstößiger Vergleich in der Phantasie aufstieg. Man mußte sich mit ihr entsetzlich in acht nehmen – weit mehr als mit den andern Mädchen aus den feinen Familien. Das gefiel ihm einerseits, aber es langweilte ihn auch ein wenig.

Wie er sich an die Seefahrten mit ihrer schweren Arbeit, ihren harten Entbehrungen gewöhnte, wurde es ihm selbstverständlich, die zwei Teile seines Lebens völlig auseinanderzuhalten: die kurzen Wochen seiner Ferienzeiten bei Mutter und Schwester und den phantastischen Bildern auf den venezianischen Möbeln. Die langen Monate, in unaufhörlicher Lebensgefahr, in gemeinsamer gleichförmiger Arbeit unter schmutzigen, fluchenden, zotenreißenden Männern, im Brüllen der Wasserwogen, unter stürzenden Regengüssen, in ewig nassen Kleidern – oder in der Öde windstiller Zeiten, in denen die See wie ein glitzerndes Seidentuch sich vor den schmerzenden Augen breitete – und man unter dem Brand der Tropensonne schweißübergossen Stunden und Tage schläfrig verdöste.

Nun lockte es ihn mit unbändiger Freude, die Schwester herauszuheben aus der grauen Stille, in der sie leben mußte, die Arme. Wer vermochte so seine Kostbarkeit zu schätzen in diesem albernen Frohnstedt mit seinen kichernden Gänsen und stolzierenden Leutnants und Referendaren?

Einmal Irmgard für sich haben, ohne die leise Eifersucht der Mutter hemmend zu spüren – für sich ganz allein ... Ein Glück – ein Glück – aber auch eine stolze Verantwortung!

Irmgard war es, als stieße er Mauern ein, die immer höher um sie wuchsen.

In dem jähen Wechsel, den ihr Wesen schon als Kind zeigen konnte, verfiel sie schon während der Bahnfahrt in eine übermütige Heiterkeit, spielte vor den übrigen Reisenden mit Erich ein junges Ehepaar auf der Hochzeitsfahrt, konnte sich nicht genug tun in komischen, sentimentalen Zärtlichkeiten, sie glossierte die Rede des Predigers, die Toaste der Gäste, die Gerichte des Mahles. – Wo nahm sie plötzlich so viel lustige Einfälle her?

Erich schüttelte sich vor innerlichem Vergnügen. Wahrhaftig, man hielt sie für ein ganz törichtes junges Paar!

*

Die Ruder des Fährmannes gaben einen gedämpften klatschenden Ton im Wasser, das schwarz und blank zwischen den hohen Schiffswänden stand. Leise bewegten sich diese Wände und mit ihnen die hohen Masten, deren Spitzen sich in der Nacht verloren. Erichs tiefe Stimme rief einen Befehl zu einem schlanken Fahrzeug hinauf. Über die Reling blinkte das Laternenlicht des Schiffswächters, der eine schmale Leiter zu ihm herabließ. Erich zahlte dem alten Bootsmann die Groschen für die Überfahrt vom Kai, reichte ihre kleinen Gepäckstücke dem Wächter hinauf und half der Schwester, auszusteigen und bei dem unsicheren Licht die Leiter zu erklimmen.

Der Wächter blickte aus kleinen, rot umränderten Augen verwundert auf Irmgard.

»Ja – dat 's nu mien Schwesting«, erklärte Erich mit einem kindlichen Stolz, und der Alte versuchte einen ungeschickten Bückling, indem er schläfrig murrte: »Je, dat's nu so!«

Erich faßte die Schwester unter den Arm, führte sie über Deck, auf dem das Licht der Laterne zusammengerollte Segel, Messingbeschläge, das Steuerhäuschen flüchtig beleuchtete und wieder in Nacht versinken ließ. Irmgard schaute hinauf in das Gewirr der hängenden Taue und der Rahen, über dem die Sterne glänzten. Ein herber Geruch nach Teer, Tang und Fisch umfing sie wie eine undeutliche Erinnerung an ein vergangenes Leben. Die Überfahrt auf den Wasserstraßen zwischen den dunklen, gespenstisch drohenden Schiffen, die Stille, die, durch das verträumte Glucksen der Flut begleitet, nicht gestört wurde, gab ihr das Gefühl einer unheimlichen Schicksalsfahrt. Ihr übermütiger Frohsinn wich einer bangen Schüchternheit vor dieser fremden Welt, die ihr Fuß nun betrat. Erich kam in seine Heimat, war gleich, sobald er den schwankenden Schiffsboden betrat, zufrieden und sicher, beglückt, Irmgard in seine Welt einführen zu dürfen.

Die »Barbara« war ja so elegant, besaß sogar einen Salon – hellgrün gemalt – man denke! Erich entzündete die Hängelampe über dem Tisch mit roter Plüschdecke, dahinter stand ein Sofa, ebenfalls von rotem Plüsch mit grünen Ranken und unwahrscheinlichen gelben Blumen. An den von neuer Farbe glänzenden Wänden des Stübchens hing außer einem Barometer und einem Kalender ein Bild vom alten Kaiser Wilhelm. Es gab auch einen Schaukelstuhl, zwei Korbsessel, einen kleinen gelben Schreibtisch mit einer Garnitur aus irgendeinem silberglänzenden Metall, zu der außer den Schreibutensilien zwei kleine Büsten von Schiller und Goethe gehörten.

»Siehst du – wir haben hier auch Bildung«, sagte der junge Steuermann, indem er den Olympier zärtlich in die große Arbeitshand nahm.

*

Die Geschwister saßen auf dem roten Plüschsofa mit den grünen Ranken, tranken ein Gläschen Likör, den Erich aus einem Wandschrank holte, und schwatzten über ihre Zukunftspläne. Irmgard hatte ein Gefühl, als seien sie und der Bruder mutterseelenallein auf der Welt, und sie hätte sich nicht gewundert, wäre die »Barbara« auf eine stille, rätselhafte Weise in Bewegung geraten und sachte von den Wellen geschaukelt, hinausgefahren, den Hafen hinter sich lassend – hinaus in unendliche Weiten, wo zauberhafte Abenteuer ihrer warteten.

Erich führte Irmgard in eine kleine weiße Kabine mit dem in die Wand eingebauten Bett, erklärte ihr, dies sei Fred Olarsens Koje – aber der habe das Bett noch nie benutzt. Hinter der winzigen Türe hause er selbst, so daß sie sich in der ungewohnten Umgebung nicht zu fürchten brauche.

»Nun schlafe gut, Schwesterlein, ach – ich bin ja so froh!«

Seine Stimme war weich und dunkel. Er nahm sie in seine Arme, in diese gewaltigen Seemannsarme, preßte sie an seine Brust mit einer Leidenschaft, als solle ihre zarte, feine Gestalt völlig zerdrückt werden, küßte sie auf den Mund, bis ihr der Atem verging.

»Du – du –«, flüsterte das Mädchen, »du Wilder – Lieber – hast du mich lieb?«

Er nickte nur, Tränen in den Augen.

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