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Irmgard und ihr Bruder

Gabriele Reuter: Irmgard und ihr Bruder - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleIrmgard und ihr Bruder
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid8031d98a
wgs9110
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I

Michael Glenn, der Erbauer einer der ersten kühnen Bergbahnen in den Anden, hatte den besten Arzt in Buenos Aires wegen einer verdächtigen Geschwulst am Rückenwirbel konsultiert. Nach der Untersuchung und einem darauf folgenden ernsten Gespräch beschloß er, mit Frau Luise und den zwei Kindern nach Europa zurückzukehren, um die dortigen Autoritäten zu hören. Sein Werk in Argentinien war abgeschlossen, doch es harrten neue Pläne und Entwürfe – Rufe aus der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten. Er hatte keine Zeit zu langem Krankenlager, vielleicht konnte das Messer ihm schneller helfen, obgleich dieser halb indianische, halb spanische Doktor es verneinte. Was mochte er von Diagnose verstehen!

Auch die europäischen Autoritäten verneinten – Operation ausgeschlossen. – Ruhe – Ruhe – nochmals Ruhe – gute Pflege – vorzügliche Nahrung – keine Berufsaufregungen und viel Sonne. Also Italien ... Man hielt damals, in den siebziger Jahren, noch »den Süden« für das beste Heilmittel gegen tuberkulöse Leiden.

Tuberkulös? Schlimmste Form? Unsinn! Er – ein Kerl wie ein Wiking –, dessen Vorfahren oben an Frieslands Küsten ihre Schiffe durch Sturm und Nebel gesteuert hatten. Eine Infektion aus jenen tuberkelverseuchten Bergtälern? Es mochte sein. In einem Körper wie dem seinen würde sie überwunden werden. Michael Glenn hatte die ganze Wahrheit verlangt. Nun man sie ihm nicht vorenthielt, dachte er in seinem Herzen: die Kerls verstehen doch alle nichts.

Zugleich fühlte er in der von leisen Fieberschauern unterbrochen, ihn wie ein schleimiges ekles Tier überkriechenden Mattigkeit, daß eine Pause in der Arbeit gemacht werden mußte. Und wenn ein oder zwei Jahre darüber hingehen sollten – die glänzenden Anträge auf andere fielen –, es gab noch genug Bahnen in der Welt zu bauen, und er war jung – nicht fünfunddreißig –, er konnte warten.

Es gab jetzt nur ein Ziel für ihn. Und – zum Donnerwetter – was galt der Wille, mit dem er Hunderte von Angestellten und Arbeitern zur höchsten Leistung aufgestachelt hatte – gelang es ihm mit demselben Willen nicht, diese vereiternde Stelle an seinem Rückgrat auszuheilen, der sonderbaren Lähmung, welche Schenkel und Beine beschlich, Herr zu werden?

Die Stunden wilder Verzweiflung, in denen seine herrische, gewalttätige Natur gegen das Schicksal antobte, machte er mit sich allein durch. Jedenfalls erfuhr auch Frau Luise nichts davon.

Mit der kühlen Sachlichkeit, die sich in einer seltenen Weise mit seinem leidenschaftlichen Temperament verband, sprach er mit der Frau die Pläne für die nächste Zukunft durch. Nur keine Art von Heilanstalt. Er kannte von einem früheren Aufenthalt am südlichen Meeresufer eine Villa, die ihm damals ausnehmend gefiel, weil sie, mit den edlen Formen ihrer Bogenfenster sich auf einem braunen Felsen in verblaßtem Rosa aufbauend, harmonisch mit der Landschaft verschmolz, wie aus ihr emporgewachsen. Er hatte sich schon während seiner Hochzeitsreise nach ihrem Preis erkundigt – sie wurde für eine Anzahl von Waisenkindern durch einen Rechtsanwalt und Vormund verwaltet. Er hegte eine – vielleicht lächerliche – fixe Idee, er werde nur dort, in der Salzluft des Meeres, gesund werden. Frau Luise hatte in den sechs Jahren ihrer Ehe mit Michael Glenn gelernt, dem Herrischen und Heftigen in seinen Wünschen selten zu widersprechen. Sie war ein fügsames Weib, dabei nicht ohne Energie.

Als Michael hörte, die Villa Marina stehe für einen verhältnismäßig bescheidenen Preis zu seiner Verfügung, erschien beiden Gatten dieser günstige Zufall wie eine glückbringende Verheißung. Die abgeschiedene Lage des Hauses hatte die meisten Kauflustigen abgeschreckt, erklärte der Rechtsanwalt offen. Michael Glenn zog gerade die einsame Lage an.

Weinpflanzungen – ein Olivenhain und edle Kastanienbäume den Berg hinauf, ein Orangengarten, der in Terrassenform zum Meer abfiel, gehörten zu der Besitzung. Ein fürstliches, in köstlichen Eisenornamenten geschmiedetes Tor bildete den Eingang. Doch, die Wahrheit zu gestehen, Haus und Garten waren arg vernachlässigt. Es mußte an beiden viel aufgebaut und verändert werden. Das war Zerstreuung, zog von quälenden Gedanken ab. Die Arbeiter von der Säulenhalle aus, wo ein Liegestuhl stand, zu dirigieren und anzutreiben, war eine Leistung, die vorläufig Michael Glenns gesunkenen Kräften angemessen schien.

In den kühlen, gewölbten Gemächern wurden Öfen und Kamine eingebaut, um für den Winter eine behagliche Wohnbarkeit zu schaffen. Die Wände, von denen Kalk und Stuck herabfielen, wurden teils frisch geweißt, teils in einer heiteren, etwas phantastischen Weise, dem Stil der Villa angemessen, ausgemalt. Nur an die vom Salz des Meerwindes angenagten Fresken der offenen Säulenhalle durfte keine moderne Hand rühren. Auf Wolken schwebten dort Göttinnen mit barock flatternden Gewändern und kühn verrenkten Gliedern, dickbackige Putten schienen Rosen auf die sterblichen Menschen zu streuen, die sich unter ihnen bewegten. Und zu diesem fröhlichen Gewimmel an der Decke standen in wunderlichem Gegensatz steife Gestalten an den Wänden: Die »Gerechtigkeit« mit Waage und Richtmaß, die »Fruchtbarkeit« mit einem Traubenkranz auf dem hocherhobenen Haupte und einem Kinde an dem vollen Busen. Auch eine »Tugend« war dabei, doch da sie gerade die Mitte einnahm, hatten Regen und Wind am meisten an ihr gewüstet, und man sah nur noch einige bräunliche Umrisse ihrer streng faltigen Gewänder.

Auf seinen kräftigen Stock mit dem Gummipfropfen gestützt, stieg Glenn in den Weinpflanzungen umher, zeigte, welche Stöcke entfernt, wohin die neuen edlen Sorten, die er hatte kommen lassen, gesetzt werden sollten. Auch in dem Orangengarten war viel Überaltertes zu entfernen, waren junge Bäume anzupflanzen. Um die Säulen der Halle sollten Kletterrosen und Glyzinen ranken, wünschte Frau Luise. Alles umher sollte duften und blühen.

Sie sah ihren Mann sich leichter bewegen als in den letzten Wochen; seine Niedergeschlagenheit, die mit einer nicht zu bekämpfenden Gereiztheit abwechselte, war einer freudigeren Energieentfaltung gewichen. Sie glaubte wieder an eine mögliche, vielleicht bald in Aussicht stehende Besserung, am Ende doch Genesung. Und inzwischen fühlte sie eine Befriedigung, deren sie sich fast schämte, Michael einmal – endlich einmal für sich allein zu besitzen, ihn in einer harmlosen, ungefährlichen Tätigkeit zu sehen, an der sie teilnehmen konnte, ja in der er des öfteren ihren Rat einholte. Die übermäßigen Anforderungen seines Berufes hatten ihn die letzten Jahre völlig von ihr entfernt gehalten. Sie wohnte mit den Kindern in Buenos Aires, wo er nur zu flüchtigen Besuchen eintraf. Luise war stolz auf Michaels Ruhm, auf die beinahe ehrfürchtige Achtung, die er in der Öffentlichkeit genoß. Sie hatte sich in der großen gesellschaftlichen Stellung, die sie mit ihm teilte, gesonnt. Doch der Seele ihrer Liebe hatte er wenig geben können. Ihrem bescheidenen Wesen sagte im Grunde das idyllische und eingeschränkte Dasein, in welches sie nun eintrat, mehr zu. Die sorgsame Pflege des Kranken, die Beschaffung der ausgewähltesten Nahrung, die in dieser Einsamkeit nicht immer leicht aufzutreiben war, gab ihr volles Genüge. Michael gehörte nun wieder ihr, war auf ihre Gesellschaft angewiesen und schien sich dabei zu erholen. Entronnen dem gehetzten, vielfach zerrissenen Berufsleben des großen Baumeisters, der sein Heim nur als eiliges Absteigequartier benutzen durfte, blühte sie auf, gewann mehr Fröhlichkeit, als sie seit Jahren gekannt.

Glenn beobachtete diese Veränderung mit Verwunderung und einem Lächeln über die eigenartige Enge weiblichen Gefühlshorizontes – einem Lächeln, das nicht der Rührung und nicht einer schmerzlichen Resignation entbehrte.

Das Geschwisterpärchen Erich und Irmgard nahm das neue Heim, seine Gärten, Terrassen und das weite blaue Meer mit vogelhaften Jubelausbrüchen in Besitz.

Was sich in ihrem Dasein begeben hatte, ehe sie die Villa Marina bezogen, verlor sich für ihr Gedächtnis schnell in den dichten Nebelschleiern des Vergessens. Nie aber entschwand ihrem Gedächtnis der Tag, als sie zum erstenmal unter der goldenen Früchtepracht der üppig behangenen Bäume hinunterspringen durften zu der breiten, von Marmorgeländer umhegten Terrasse mit ihren weißen Bänken. Hand in Hand stiegen sie die grauen Steinstufen hinab, die zum schmalen Sandstrande führten, blickten scheu nach einem dunklen Felsentor, das sich zu ihrer Linken als Eingang einer feuchten Grotte öffnete, und vertrauensvoller hinaus auf das sonnenglitzernde bewegte Meer.

Die Eltern, sich über die Balustrade neigend, sahen die Kinder, winzige weiße Gestältchen vor der gewaltig hingebreiteten Kraft der unendlichen Flut, die aus tiefem Blau dem Ufer entgegen sich zu hellerem Grün wandelte und weiße Schaumzungen den kleinen Füßchen zärtlich entgegenrollte.

Glenn lächelte: »Zwei Menschen vor ihrem Schicksal«, sprach er leise in Träumen, und die Mutter fragte: »Wie meinst du?«

Er schüttelte den Kopf. Nichts meinte er, nur eine vorüberschwebende Vorstellung ...

»Sieh, wie sie spielen!«

Hand in Hand liefen die Kinder vorwärts, der glitzernden Welle entgegen – sie schien vor ihnen zu fliehen – kecker wurden sie, weiter wagten sie sich auf dem feuchten Sande – da kam die Übermütige wieder gebraust, faßte mit weißem Schaumgekräusel nach den kleinen Füßen, und erschrocken aufjauchzend, sprangen Bruder und Schwester zurück in das sichere Trockne.

Sie wiederholten das Spiel zwischen leisem Grauen und aufjubelnder Rettung, wiederholten es viele, viele Male. Sie wurden vertraut mit der ewig die Farbe wechselnden Riesin, begannen sie zu lieben auf die inbrünstig verschwiegene Weise, wie Kinder dunkel fühlen – sie begannen auch ihre Furcht vor dem Meer zu lieben, wenn es im Sturm aufbrüllte wie ein gewaltiges beutegieriges Tier.

Gesellte sich den Winterstürmen der Regen, der in grauen Fluten aus grauen Wolken niederstürzte, so trat das Wohngemach in sein Recht, das hochgewölbt einen blauen Himmel mit goldenen Sternen vortäuschte. Im Marmorkamin knackten und knisterten Pinienäpfel, welche die Kinder für solche Tage gesammelt hatten. Auf dem weißen Kamin stand eine altertümliche Bronzeuhr, neben der eine goldene Dame ein Ährenbüschel im Arme trug, sie stand dort inmitten von sonderbaren Geräten, uralten Lampen, Leuchtern und Kannen aus Kupfer und Messing, die in der Dämmerung der herabgelassenen Jalousien einen geheimnisvollen Schimmer ausstrahlten. Über dem allen hing schräg von der Wand ein Riesenspiegel in verbranntem Goldrahmen; gingen sie weit genug zurück oder stiegen auf einen Stuhl, konnten sie ihre Gesichter in dem Glase sehen, ein wenig verzogen und als tauchten sie aus trübem grünlichen Wasser auf. Über dem Mosaikfußboden lagen Matten und Teppiche, geflochten von Indianerfrauen aus den Andentälern.

Aber was die Kinder am meisten anzog, waren doch die venezianischen Möbel, ganz außerordentliche Stücke, die der Vater bei einem Antiquitätenhändler in Neapel aufgestöbert hatte, und von denen er sagte, sie gehörten eher in ein Museum als in einen Salon. Schwerlich jedoch würden sie in einem Museum so mannigfaltige Freude gespendet haben wie hier in der Villa Marina. Sie bestanden aus einem Schreibschrank, in dem Mama ihre Wirtschaftsbücher und die Briefe ihrer Verwandten aus Deutschland verwahrte, aus verschiedenen Truhen, einem schweren Tisch und ein paar breiten komischen Stühlen, auf denen man eigentlich nicht sitzen konnte. Sie waren aus einem glänzenden braunen Holz gefertigt, mit Schnitzereien reich verziert, ihre Flächen waren bedeckt mit Intarsien aus hellgelbem Holz und Elfenbein, das durch seine schwarze Zeichnungen etwas höchst Lebendiges bekam. Die Einlagen stellten Bilder, Jagd- und Liebesszenen dar. Für den Kenner stammten sie aus verschiedenen Zeiten. Der Schreibschrank und die Stühle reichten bis zum fünfzehnten Jahrhundert zurück, zeigten in den Gestalten die herben Formen der frühen Renaissance. Die übrigen Stücke mochten im Auftrage der Besitzer den ersten nachgearbeitet worden sein in der Zeit, da das Barock zum Rokoko überging. Damen, die Schäferinnen spielten, lagerten, die üppigen Busen entblößt, in erotischer Haltung unter Rosenbüschen – während sie auf anderen Szenen zu Pferde saßen, den Falken auf der zierlichen Faust und Hunde neben sich. Die jungen Prinzen stießen auch nicht mehr mit langen Speeren auf wilde Eber, sondern näherten sich in zierlicher Haltung werbend den Schönen. Diese Figuren zu betrachten, immer Neues aus dem reichgegliederten Inhalt zu entdecken, hier ein Kaninchen neben einem Baumstamm, dort ein Vögelchen in den Rosen, oder ein schelmisches Engelköpfchen hinter einer zart angedeuteten Wolke hervorlugend, war der Geschwister nie endende Lust. Später, als sie etwas älter wurden, phantasierten sie lange Geschichten über diese Damen und Herren, meist war es Irmgard, die flüsternd erzählte, und Erich konnte in Zorn und Tränen ausbrechen, wenn die Abenteuer zu traurig wurden.

Doch die Kinder liebten ebensosehr das weiß getünchte Zimmerchen mit dem bunten Steinfußboden, wo ihre harten weißen Bettchen standen. Vorsichtig hoben sie abends, wenn die Mama sie nach dem Abendgebet allein ließ, die weiß schimmernden Tüllumhänge, schlüpften darunter hervor und krochen zueinander. Denn immer noch hatten sie sich viel wichtige Geheimnisse zuzuflüstern. Oder sie lauschten auch atemlos auf das ruhige ferne Rauschen der See und wollten gern den Augenblick erfassen, in dem der Schlaf nahte. Aber immer überraschte er sie. Und kam die Mama am nächsten Morgen wieder, fand sie sie noch beieinander, Erichs dickes braunes Ärmchen über Irmgards Brust gelegt und die schweißbetauten rosigen Gesichter friedevoll lächelnd.

Der Orangengarten – seliger Aufenthalt im Blau der Frühlingstage, im Sonnenglast des Sommers. Die goldenen Früchte labten die heißen Münder zu jeder Tageszeit. Oleander- und Lorbeergestrüpp bot wundervolle Verstecke. Über die glühenden zerbröckelnden Steinstufen schlüpften kleine Eidechsen, die beschlichen und belauscht wurden. Zuweilen auch kam eine Schlange, dann liefen die Kinder ängstlich davon, bis Erich männlich genug wurde, das böse Tier mit einem Stock zu erschlagen und das Schwesterchen aus gräßlicher Gefahr zu retten.

In der dämmrigen, wasserdurchspülten Felsengrotte lag angekettet das bunte Boot, in dem Lino, der Sohn des alten Gärtners, sie hinausfuhr, durch die mächtig schaukelnden Wellen, in denen das kleine Fahrzeug auf und nieder tauchte, bis Irmgard ihre Arme aufschluchzend um das Brüderchen schlang und den braunen Lino grausam schalt, weil er zu ihrer Furcht aus blanken Zähnen lachte. Lino lehrte sie das Schwimmen, wenn er sie an dem kleinen Sandstrand bei ihren roten Badekittelchen packte und sie einen nach dem andern wie die jungen Hundchen ins Wasser tauchte, während er mit seinen nackten braunen Beinen gelassen durch die Flut watete. Mit unendlicher Geduld, unter Lobes- und Bewunderungsschreien zeigte er ihnen alle Künste: wie sie die Wellen nehmen sollten, das friedliche Ruhen auf dem Rücken im lauen, durchsonnten Kristall und das waghalsige Tauchen zum flachen Grund, um Tang und Muscheln zu finden.

Lino und sein Vater, der alte, zottige, einem dunklen, weiß behangenen Satyr gleichende Girolamo, der die Rebstöcke und das Gemüse zu pflegen hatte und sich aus beiden einen angenehmen Seitenverdienst zu schaffen wußte, liebten die hellen, feinen, freundlichen Kinder mit einer leidenschaftlichen Schwärmerei, in die der Italiener Kindern gegenüber so gern verfällt, am heftigsten, wenn sie blond sind und ihn aus blauen Augen anschauen.

Girolamo und Lino wurden den Geschwistern Helfer und Berater in allen kindlichen Nöten. Erstaunlich geschickt im Leimen und Wiederherstellen von zerbrochenem Spielgerät waren sie beide. Feigen, Trauben und Mandeln, alle Erstlinge des Gartens und des Weinberges mußten Irmgard und Erich kosten, lange ehe die Früchte auf den Tisch der Herrschaft kamen. Lino fuhr nächtlich mit den Fischern auf die See und trug Körbe heim, angefüllt mit dem bunten Meeresgetier, das die Netze aus der feuchten Tiefe ans Tageslicht gehoben hatten. Am Besten schmeckte das fremdartige Zeug, wenn Lino aus dürrem Lorbeer- und Olivengezweig ein Feuer entzündete und in einem rauchgeschwärzten Kupferkessel eine seltsame, etwas unheimliche Suppe bereitete. Stark duftete sie nach Meer und Tang, nach Knoblauch und allerlei Gewürzen und Kräutern, die er dazuwarf. Rechts und links neben ihm kauerten die Kleinen und schauten neugierig der Vollendung dieses Meisterwerkes zu. Lino, der nur eine kurze Leinenhose trug und dessen sonnengebräunte Haut glänzte, als habe er sie mit Fett eingerieben, dessen dickes krauses schwarzes Haar in die Lüfte starrte wie der Hauptschmuck eines Negers, vollführte vor den Kindern eine Art von wildem Heldengesang. In frühester Jugend habe er gelernt, die wahre, einzige Minestra kunstgemäß zu kochen, das habe er von einem alten Fischer gelernt, der schon an die hundert Jahre alt gewesen sei und das Geheimnis noch gekannt habe. Die Nacht auf dem Meer sei voller Gefahr. Haifische seien gesichtet worden – ja, Haifische, das war das schrecklichste. Ein Sturm habe sich erhoben, und niemand habe geglaubt, das Boot würde wiederkehren.

Irmgard und Erich, die schnell die Sprache mit allen Abweichungen des Dialekts, den das Volk spricht, aufgefangen und behalten hatten, lauschten andächtig solchen Prahlereien. Voller Staunen starrten sie den Buben weit offnen Auges an, und kleine Ausrufe des Schreckens, der Bewunderung begleiteten seine Erzählung. Lino hätte sich keine gläubigeren Zuhörer wünschen können. Berauscht von den sich selbst angedichteten Abenteuern, holte er zuletzt seine Gitarre und begleitete sich zu einem uralten Fischerliedchen, in das die Kinder selig einstimmten. Es war schaudervoll, wenn in solchen hehren Augenblicken die Köchin vom Hause her nach Lino rief, weil er einen Gang für sie tun oder für den Herrn Briefe zur Post bringen sollte.

Indem die Geschwister älter wurden, gestaltete sich ihre Spielwerk reicher und mannigfaltiger. Piraten waren sie und schaukelten in dem angeketteten Kahn unter den hohen Felsenbogen auf unbekannten Meeren; köstliche Beute zu erobern, schossen und stachen sie mit viel Geschrei auf unsichtbare Feinde. Oder fliehende Könige stellten sie dar, die unermeßliche Schätze in Gestalt von Muscheln und toten Seeigeln unter den Oleanderbüschen vergruben. Dazu dachten sie sich seltsame Tänze und Zeremonien aus. – Die Rollen wechselten schnell. Nachdem ihnen der Papa an einem guten Abend Gesänge aus der Odyssee vorgelesen hatte, verwandelte sich Irmgard in die königliche Wäscherin Nausikaa, die stolz dem Dulder Odysseus entgegentritt, wenn er aus dem Lorbeergebüsch auftaucht. Oder sie webte und trennte, eine geduldige Penelope, während der hohe Gatte mit Pfeil und Bogen den gierigen Freiern zu Leibe ging. Da diese in Gestalt von Holzklötzen aufgestellt waren, so gelang ihm ihr Sturz durch einen einzigen Fußtritt.

Die heroische Landschaft, die Bruder und Schwester umgab, die hohen Felsen, die sich jäh ins Meer hinabstürzten, seltsam zerklüftet, zu phantastischen Grotten und Bögen sich wölbend, das schimmernde Purpurmeer, in dessen Ferne selige Inseln schwammen, die man nie erreichte, wurde mit unendlichen Wunschträumen bevölkert – das schlanke rosenrote Schlößchen auf der Felsenkuppe, in dem alles Glück zu wohnen schien und doch nur ein armer Kranker, Prometheus gleich an den Felsen seines Leidens geschmiedet, gegen übermächtige Gewalten rang – die Segelboote mit den braunen Männern, die nächtlich auszogen auf Fang und Beute – alles ließ den Kindern die alten heroischen Gesänge wie etwas ganz Nahes, Wahrscheinliches, vor kurzem erst Vollendetes erscheinen. Sie konnten nicht genug von ihnen hören und erfreuten den geschlagenen Mann durch ihre gespannte Aufmerksamkeit. Von Allvater Zeus erzählte er ihnen und wie seinem Haupte Athene, die Göttin der Weisheit mit Schild und Speer entsprang – von Hera, der eifersüchtigen Göttermutter, und von Aphrodite, der Schaumgeborenen, und dem königlichen Hirten Paris, der ihr den Preis der Schönheit, den goldenen Apfel, reichte.

Die Mutter meinte, dies seien Geschichten, die die Kinder nicht verstehen könnten und die sich nicht für ihr Alter ziemten.

Glenn wurde zornig, wenn sie ihn störte. Sagen, von den Völkern im Kindesalter gebildet, werden einzig von Kindern recht verstanden, rief er und fuhr fort mit seinen Erzählungen.

Das war eine kurze gute Zeit, in der die zwei Welten, die sterbende und die werdende, sich einander näherten. Irmgard und Erich gab sie einen Schatz, aus dem ihre Phantasie sich tausend goldene Abenteuer schmiedete.

Michael Glenn hielt nicht viel von der üblichen Schulbildung. Am liebsten hätte er seine beiden Kinder allein unterrichtet. Doch seine durch Krankheit und Schmerzen zerrütteten Nerven hielten nicht stand. Die Geschwister gingen zu einem alten gelehrten Pfarrer in der nächsten Ortschaft, der sie Schreiben, Rechnen und die Geschichte des Landes Italien lehrte. Später kam zweimal in der Woche eine deutsche Lehrerin aus Neapel, um sie in der heimatlichen Sprache zu fördern. Michael Glenn war sich klar, daß dies alles ungenügende Versuche seien, nur geeignet, gründliche Konfusion in den jungen Gehirnen anzurichten. Doch dem Ausweg, den die Mutter vorschlug, einen Lehrer oder eine Erzieherin für die Kinder ins Haus zu nehmen, widerstrebte der Egoismus des Kranken. Es schien ihm unleidlich, ein fremdes, jedenfalls unsympathisches Wesen, gleichviel ob männlich oder weiblich, in den engen Kreis seiner jetzigen Existenz aufnehmen zu sollen. Ihm graute wie vor neuen Schmerzen vor dem Mitleid dieses Fremden. Frau Luise, die sich tief in sein Wesen hineingelebt hatte, seine verschlungenen Gänge ahnend spürte, gab ihm, wenn auch zögernd und gegen ihre Überzeugung, recht.

»Sind die Kinder begabt – und ich glaube, sie sind es«, sagte ihr Mann tröstend zu ihr, »so werden sie das Versäumte bald nachholen, sind sie unbegabt, nützt ihnen die regelrechteste Schule gar nichts. Lange wird es ja nicht mehr sein, und du kehrst mit ihnen nach Deutschland zurück.«

»O Michael! Es geht dir doch besser ...« Er hob die Hand, das traurige Lächeln, das sie kannte, kam auf das lange hagere Gesicht, und sie schwieg erschrocken.

Die hoffnungsvolle Periode, in der das Leiden zu einem Stillstand gekommen zu sein schien, war längst vorüber. Glenn fühlte, daß er von der schmalen Zunge Leben, auf der er die letzten Jahre zwischen den Meeren der Ewigkeit sich langsam vorwärts bewegte, schon das Ende dämmern sah. In manchen Stunden kam beruhigend und stillend die große Entsagung über ihn. Und wieder bäumte sich seine starke Natur unbändig auf gegen das langsame Sterben.

Gern war er anfangs, auf seinen schweren Stock gestützt, durch die Gänge der Orangenbäume hinab zur untersten Terrasse gestiegen. Er brach eine der gelben Früchte, hielt sie träumend in der Hand, während er auf der Marmorbank ruhte und mit den dunkel bewimperten graublauen Augen in die veilchenfarbene Ferne schaute. So konnte er stundenlang sitzen, und die einst geistreich blitzenden Sterne nahmen den stumpfen Blick seiner alten Vorfahren an, die vor ihren kleinen strohgedeckten Hütten gesessen hatten, wenn die Kräfte nicht mehr reichten, um hinauszufahren in Sturm und wildes Wetter. Sehnsüchtig hatten sie über das graue Nordmeer geschaut. Dem Enkel dämmerten alle Farben seligster Schönheitswonnen der Schöpfung entgegen – er war gleichgültig gegen sie geworden, ja, sie erzeugten ein Gefühl von Widerwillen in ihm.

In solchen Stunden wagten Bruder und Schwester sich nicht in die Nähe des Vaters. Einmal hörten sie ein lautes, aufröhrendes Stöhnen wie von einem schußgetroffenen Tier. Sie starrten sich an – in ihren kindlichen Blicken war Entsetzen. Irmgard lief als erste hinzu – sah, wie der Papa vergebens versuchte, sich von der Marmorbank aufzurichten – wie er fahl vor Zorn den Stock erhob, der ihn nicht tragen wollte, und ihn mit einem Hieb an dem Marmor in zwei Stücke schlug. Hilflos fiel er in sich zusammen.

»Ruft Girolamo – Lino«, schrie er den Kindern heiser zu. Die Männer mußten ihn hinauftragen. Von dem Abend an sah man ihn niemals mehr auf der weißen Marmorterrasse.

In der Säulenhalle mit den verblaßten Bildern der auf Wolken schwebenden Göttinnen und der rosenstreuenden Putten stand Michael Glenns Leidenslager.

Hier umgaben ihn Bücher und Broschüren; Reißbretter mit begonnenen und nie vollendeten Entwürfen rätselhafter Pläne lehnten au den Wänden. Metallisch funkelnde Meßinstrumente standen umher, ganz feine kleine in samtenen Behältern bedeckten die unbenutzten Zeichentische, neben Photographien, die Durchschnitte von Bergen und Brücken zeigten. Zwischen ihnen ein riesengroßer Globus.

Dieses alles war den Kindern seltsam lockend, doch zugleich sehr unheimlich. Es brauchte nicht der strengen Befehle der Mama, um sie aus der Säulenhalle fernzuhalten. In seinem dicken, zottigen, schwarzen Pelz vergraben, brachte Glenn hier die Sommernächte zu. Das Atmen wurde ihm leichter, wenn der Seewind ihn lind umfächelte. Auch diese Gewohnheit erschien den Kindern von einer schauerlichen Bedeutung.

»Glaubst du nicht, daß Papa verzaubert ist?« fragte Erich seine Schwester in heimlichem Geflüster. »Vielleicht hat er einen Gott erzürnt, und der kommt des Nachts und redet mit ihm, und darum stöhnt er so sehr ...«

Irmgard hatte die Zähne in ihr rotes Lippchen gebissen und sah nachdenklich drein, mit einem Ernst, den ihr schönes schmales Gesicht oft zeigen konnte, so daß sie dann über ihre Jahre hinaus reif zu sein schien.

»Daß auch kein Doktor ein Mittel für diese Krankheit weiß«, flüsterte sie traurig.

»Vielleicht sollen wir eins finden, gewiß soll er durch uns gesund werden – Irmgard, was meinst du?«

Irmgard seufzte.

»Nein, Irmel, sieh nicht so traurig aus, wir wollen suchen, ob wir nicht die Blume oder ein Kraut finden – ober einen Stein – etwas Giftiges muß es sein, an dem man stirbt ober gesund wird.«

Und wie sich den Kindern alles zum Spiel wandelte, so auch das Bangen um des Vaters Krankheit.

Viel Vorbereitungen machte das Mädchen zu diesem Spiel. Erich mußte sich lange – zu lange für seine Ungeduld – in einem entfernten Teil des Gartens verborgen halten, bis ihn endlich die süß lockende Stimme feierlich rief. Durch den grünlichen Dämmer des Wasserdunstes in der Felsengrotte glühte ein Kreis kleiner Lichtfunken auf dem weißen Sande, in seiner Mitte stand eine zarte kindliche Gestalt, verhüllt in ein weißes Schleierchen, das helle Haar gelöst auf die Schultern fallend, einen Kranz aus den vollen rosenroten Oleanderblüten auf dem Köpfchen, einen Blütenzweig leise schwenkend in der kleinen Hand. Hinter ihr schimmerten die über den Boden rinnenden Wasser der nahenden Flut.

Unwirklich, traumhaft schien das Bild im Wasserdunst sich aufzulösen, ein zierlich feines Gebilde unter dem hohen Felsengewölbe, von dem es leise rieselnd tropfte.

Erich tat das Atmen weh, und zugleich erfüllte ihn ein feierliches Glück, und nichts, was sich in diesem Augenblick ereignete, hätte ihm wunderbar geschienen.

»Tritt näher«, sagte die feine helle Stimme des Kindes.

»O – Irmgard – wie schön bist du«, flüsterte Erich. »Du bist wirklich eine Göttin.«

Das Gebilde winkte abwehrend mit dem Blütenzweig und sprach die Beschwörung ernst, eindringlich, hingegeben an das Spiel, das ihr Wahrheit war.

Der Knabe kniete nieder, empfing von ihr ein kleines Kräutlein, das stark duftete. Zart küßte sie ihn auf die Stirn.

Ihm war es nicht mehr, als sei dies die vertraute Schwester – Erwartung auf etwas Unerhörtes erfüllte ihn mit süßestem Bangen. Seine verträumten Augen unter den langen gebogenen Wimpern schlug er verehrend auf.

»Meinst du, er wird gesund werden?« flüsterte er in zitternder Hoffnung.

»Wer kann es wissen«, gab sie zur Antwort, und ihre Stimme klang wie ein Glöckchen. »Wenn wir glauben, wird ein Wunder geschehen.«

Das Wunder geschah nicht, obwohl Erich heimlich die Blättchen des unbekannten Krautes in des Vaters Wein fallen ließ und zu seiner herbsten Enttäuschung sehen mußte, wie der Vater sie ärgerlich entfernte und schalt, wer ihm sein Getränk verunreinigt habe.

Nach wenigen Tagen vergaß der Junge die Erscheinung in der Felsengrotte, und die Göttin wurde wieder Irmel, die Schwester. Das Spiel um das Vaters Genesung wiederholten sie nicht.

»Mama«, fragte Erich einige Zeit danach Frau Luise, »ist Irmgard eigentlich schön?«

»Wie kommst du auf diese sonderbare Frage?« antwortete die Mutter. »Sie ist nicht schön und nicht häßlich. Sie ist ein gutes Kind.«

»Ich finde sie schön«, beharrte der Knabe und machte ein eigensinniges Gesicht. »Ich glaube, wäre sie nicht so schön, würde ich sie nicht so liebhaben.«

»Ach, du bist ein dummer Junge«, beendete die Mutter in gleichgültigem Ton das Gespräch.

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