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Irmgard und ihr Bruder

Gabriele Reuter: Irmgard und ihr Bruder - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleIrmgard und ihr Bruder
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid8031d98a
wgs9110
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XVII

In ihrem hohen Atelier ging Irmgard Glenn hin und her, um es für des Bruders Ankunft zu schmücken. Gereinigt und poliert standen die alten Möbel aus Olivenholz mit den gelblichen Intarsien wirkungsvoll in dem schönen Raum. Irmgard rückte Bilder in bessere Beleuchtung, ordnete die bunten Seidenkissen auf dem breiten Diwan nach ihrem verwöhnten Geschmack. Ein großes altes Kupferbecken füllte sie mit rotem Riesenmohn, mit dem die blauen Ritterspornzweige sich zu jubelnder Farbenpracht einten. Aus schlanken Glaskelchen hoben sich purpurne Sommerrosen, deren Düfte wie festlicher Weihrauch die Luft durchschwebten.

Bei allen Vorbereitungen wich ein ironisches Lächeln nicht von Irmgards Mundwinkeln. Würde Erich noch Sinn haben für diese Zeichen verfeinerter Kultur? Es war unwahrscheinlich. Immerhin – er sollte die Schwester kennenlernen in allen Nuancen, wie sie geworden war. Auch sie war bereit, ihn gelten zu lassen als der Mensch, der fremd und neu zu ihr zurückkehrte. Und sie schüttelte den Kopf. Nur Erwägungen des Verstandes – Irmgard wußte es wohl. Ungeahnte Mächte, aus Tiefen emporquillend, wo die Vernunft nicht mehr gebietet, konnten in einem Nu alle Vorsätze hinwegfegen.

Als Irmgard Glenn Erichs Telegramm aus Lissabon in der zitternden Hand hielt, versanken Jahre vor ihr in das Nichts. Aus Lissabon waren des Bruders letzte Grüße zu ihr gekommen. Als sie den vertrauten Stempel sah, stürzten ihre Tränen. Löste sich die harte Schale der Empfindungslosigkeit, welche die letzten Monate über ihr Herz gelegt hatten? Schutzlos stand sie den Stürmen des Gefühls preisgegeben – es rauschte durch sie hin mit der Gewalt von Frühlingswinden.

»Bruder – Lieber du, mein Eri ...!«

In ihrem Herzen erklang ein Jauchzen – so stark, so heftig, daß sie es empfand wie durchdringenden Schmerz. Sofort begehrte sie, nach Hamburg ihm entgegenzufahren. Doch gleich fühlte sie Widerstände. Nein – nicht dort, wo Erinnerung peinvoll lebendig werden konnte – wo das Gespenst von Fred Olarsen sich zwischen ihnen erhob ...

Hier, an der Stätte ihrer Arbeit, die sie allein sich geschaffen – hier wollte sie ihn zuerst umarmen. Die Bilder von Vater und Mutter sollten ihn grüßen und so viel liebe kleine Andenken der Kinderzeit, in der sie nur zwei Hälften eines Menschen waren – süße, süße, ferne Zeit –, abgestreift, wie die Schlange Leben ihre Haut abstreift, wenn die neue darunter gewachsen ist.

Würde heute noch etwas Gemeinsames zu retten sein? – Sie mußte bereit sein auf einen anderen Bruder, einen braunen, harten Mann mit grauen Haaren, alt geworden vor der Zeit in unbekannten Kämpfen ... Und dieser Rauhe, Festgeformte, der Herr über viele Arbeiter – über Neger und Weiße, über Land und Vieh, vertraut allen Schrecken der Einsamkeit, dornenversponnen in der eigenen Welt – konnte er sie noch verstehen? Sie war nicht gewillt, das Erlebnis, das sie zum Menschen gebildet hatte, vor ihm zu verbergen.

Und wieder stieg das Bangen in ihrem Herzen auf, das alle Freude zu verschlingen drohte.

Sie wußte nicht Tag und Stunde von des Bruders bevorstehender Ankunft.

Bei jedem Klingelzeichen lief sie zur Tür – starrte bis zur völligen Erschütterung enttäuscht einem gleichgültigen Besucher oder Lieferanten ins Gesicht.

Und am Ende kam doch der Augenblick, in dem sie, ermattet, des Bruders nicht dachte. Drückend lag Gewitterschwüle über der staubigen Stadt. Irmgard litt, in den Schläfen bohrte Schmerz, nervöse Unruhe peinigte sie, das helle dünne Sommerkleid hing schlaff um die Glieder. Eilig lief sie die Treppe des Ateliergebäudes hinab, etwas Vergessenes beim Kaufmann zu holen. Sie sah einen großen Mann sich entgegen die Stufen hinaufsteigen, langsam und etwas schwerfällig.

Er nahm den Hut ab – sein Haar war grau, seine Haut gebräunt, die blauen eingesunkenen Augen blickten unsicher zu ihr auf.

»Wohnt hier ...?« Die Stimme –! Erichs dunkle weiche Stimme ...

Und Irmgard warf mit einem Schrei die Arme um ihn – küßte die Wangen, die vollen roten Lippen unter dem kurzen grauen Bart, und fühlte im Sturm des Glückes kaum, daß ihr Kuß nicht erwidert wurde. Seine Arme lagen wie schwere, leblose Dinge um ihre Hüften.

Das starke Männergesicht war von einem furchtbaren Ernst.

Sie zog den Bruder, plötzlich schweigsam werdend, in ihre lichte Werkstatt, warf den Hut vom Kopf, damit er sie besser sehen könne, und half ihm aus dem Mantel. Leuchtend stand sie vor ihm, beide Hände auf die breiten Schultern gelegt – ihre Augen tropften, ihr Mund lachte.

»Eri – mein Eri!«

Er hob die Hand, strich ihr vorsichtig über die Wange, als sei sie von einem ihm fremden, heiß glühenden Metall, das gefährlich zu berühren sei.

Und plötzlich fiel sein Kopf auf ihre Schulter – lag dort wie eine schwere abgestürzte Frucht, während sie ihn sanft an sich drückte und stille wurde wie er.

*

Die Geschwister hatten in einem Lokal zu Mittag gespeist, befangen und beinahe schüchtern sich in kurzen Gesprächsansätzen zueinander tastend.

Nun bereitete Irmgard den Kaffee in der schattigen Wohnecke ihres kühlen Arbeitsraumes, wo schöne alte Seide den Diwan deckte, gute Teppiche am Boden und die blühenden Rosen in des Vaters Glaskelchen Wohnlichkeit gaben. Erich ging in dem hohen Raum umher, rauchte eine große dunkle Zigarre, betrachtete hie und da die Bilder und Skizzen an den Wänden, auf Staffeleien und am Boden lehnend – begonnene Arbeiten, die er nicht verstand, vollendete Stücke, die ihn noch fremdartiger anmuteten. Vor einem Pferdekopf blieb er interessiert stehen und bemerkte: er versuche es auch mit der Pferdezucht – aber es sei eine undankbare Sache im Innern Afrikas –¦ die meisten jungen Tiere fielen durch Parasiten und würden durch Krankheiten zugrunde gerichtet. Nur liebe er Pferde und könne nicht von dem teuren Sport lassen. Ein schöner Gaul könne ihn entzücken wie die Schönheit einer Frau. Er wies auf das Pferdemaul und zeigte einen Fehler, den Irmgard in der Form begangen habe. Sie wußte es schon und hatte deshalb die Studie nicht beendet, erklärte sie mit ihrem jungen Lachen.

»Aber dies ist gut – das ist sehr gut«, rief er vor einer Studie zu der »Schlange«. »So – genau so habe ich die Biester oft im Walde liegen sehen, wenn sie den Kopf hoben und einen so unglaublich hochmütig ansahen. Auch wie der weiße nasse Dampf so über den fetten Pflanzen aufquillt – und der grüne Schatten. – Woher weißt du das alles?«

»Ich war oft im afrikanischen Walde – nachts – in Träumen«, sagte Irmgard lächelnd.

»Sonderbar –« Jäh wandte Erich sich zu der Schwester. »Ist es das Bild, das dich berühmt gemacht hat?«

»Ja – woher weißt du?«

»Ich habe in Hamburg in einem Café davon reden hören – es waren wohl Maler, die über dich sprachen ...?«

Sie hob den Kopf, reckte sich auf.

Vier Augen trafen sich – er weiß alles, dachte die Schwester. Armer Junge –! Mütterlich empfand sie, abgelöst von sich selbst, seinen Schmerz, seine dumpfe Verzweiflung an des Schicksals furchtbaren Rätseln.

»Erich –?«

»Ach – laß nur. Mir ist das alles hier so fremd. Dieses neue Deutschland – ihr seid wohl sämtlich zerfressen von Ehrgeiz, daß euch daneben nichts anderes mehr gilt.«

Schwer setzte er sich auf den Diwan, nahm die kleine Tasse aus Irmgards Hand, trank zerstreut, während sie in der ihren nur mit dem Löffelchen rührte.

»Kunst ist wohl nie ohne Ehrgeiz – und nie ohne Besessenheit.«

»Das verstehe ich nicht. – Du hast dich sehr verändert, Irmgard.« Sein Blick aus trüben Augen ging über sie hin. Die wilden Phantasien, die sein Hirn durchtobten und ihm die Schwester als eine tief Gesunkene vorgespiegelt hatten – in der Art, wie er verkommene Weiber in Hafenstädten gekannt hatte, sie zerrannen zu Nichts im Anblick dieser vornehmen Weiblichkeit, dieser kleinen zarten Dame im silbergrauen leichten Seidenkleide – das Haar nach der Mode des Jahres in großer blonder Welle um Stirn und Schläfe sich bauschend, im Nacken zu schwerem Knoten gewunden. Und dieser Nacken, diese Kehle, die ein kleiner Ausschnitt freigab, sie waren von vollendeter Form, in weicher Linie setzte die Brust sich an – schöner denn als Mädchen, weit schöner. Nur um den beweglichen Mund lag ein Etwas – nein, Welken war es nicht –, ein Ausdruck kluger, schmerzlicher Reife, der mit dem Blick der großen blauen Augen zusammenging, ernst und gütig über der Welt der Erscheinungen schwebte. Eine liebenswürdige, anziehende Frau, nach deren Bekanntschaft er getrachtet haben würde, wäre sie nicht Irmgard, die Schwester gewesen. Vorüber ... vorüber der leise schwebende Gang, das rehhaft Scheue, vor jeder unsanften Berührung Fliehende, die ein wenig unsicheren Bewegungen der krankhaft dünnen Finger – o nein – diese Frau griff mit seinen festen Händen sicher zu und führte aus, was ihr Wille forderte. – Vergangen der verträumt schwärmende Ausdruck des schmalen Mädchens, die keusche Erdenfremdheit, die er so grenzenlos geliebt, der er, wenn er es recht bedachte, sein Leben zum Opfer gebracht hatte.

Irdisch war sie geworden. Und was hatte er im Grunde nun noch mit der interessanten Dame zu schaffen: mochte sie gescheit – bedeutend – genial sein – was kümmerte es ihn?

Kleine junge, süße, weiße Irmel ... Wäre er doch in der Wildnis geblieben und hätte sie behalten, wie sie ihm in der Phantasie lebte, das Schwesterlein, mit dem er lange Geistergespräche führte, abends, müde im Leinenstuhl liegend, unter den Zweigen des alten Brotbaumes. Er sehnte sich plötzlich hinüber, wo die Heimat seiner Arbeit war – sehnte sich nach den rauschenden Zuckerrohrfeldern, den wehenden Wipfeln der hohen Kokospalmen, nach dem Wiehern der Mutterstuten im Kral – sehnte sich nach dem Durchblick auf den breit hinströmenden Fluß, an dem sein weißes Boot verankert lag, der stolze Segler mit dem Goldnamen »Irmgard« am Bug, auf den er so stolz war wie auf nichts sonst von allen guten Dingen, die er erreicht hatte. Vor der Tür seines niederen weißen Hauses saß die gute Nunzia, dick und faul, wie sie mit den Jahren geworden war, und gähnte in die feierliche Stille der einbrechenden Nacht unter den Sternen – die Nacht, durchtönt von den Tierstimmen, dem Aufkreischen aus der schlummernden Affenherde, dem Schrillen der großen Heuschrecken, dem Rascheln von Schlangen und Eidechsen durch das harte Steppengras – alle die Klänge der Wildnis, die er liebte, die ihm tief vertraut geworden in langen Jahren der Einsamkeit.

Und während er neben der Schwester saß, sie beunruhigt beobachtend, überfiel ihn der Wunsch, so bald wie möglich dieses unheimliche Europa zu verlassen. Nur so viel Zeit, um eine Kur gegen das verdammte Fieber zu brauchen, das seine Kräfte verzehrte – dann kam die Seereise. Er sah die großen Wellen des Ozeans wieder – darauf freute er sich. Es war auch angenehm, in der ersten Kabine des Luxusdampfers zu fahren, großartig auf Deck hin und her zu wandeln, herablassend mit einem der Offiziere zu plaudern in den alten lieben Seemannsausdrücken.

Und indem er so vor sich hin träumte, schien ihm das Leben wieder milder, ja, es wurde ihm linde und gut.

An einem anderen Tage – denn er reiste nicht ab, wie er doch wollte, er blieb unsicher in sich selbst und gehalten von einem Unaussprechbaren, das stärker war als seine Gedanken –, ja, an diesem Tage machte er die Bemerkung: die Schwester habe es schön und behaglich – er aber habe geglaubt, sie sei in Not, und das habe ihn zur Reise getrieben. Er habe gehofft, ihr vielleicht helfen zu können.

So trübe und enttäuscht klangen seine Worte, daß Irmgard freundlich tröstend aussprach: Das Wiedersehen sei doch wohl das Beste? Aber sie erhielt keine Antwort. Und er begann aufs neue aus schwerer, bedrückter Stimmung heraus: »Ich habe ja auch schuld, weil ich dich so allein ließ – aber wenn du nicht in Not warst –? Ich weiß von Mädchen, die so verlassen dastanden – von einer, die zu einem Manne kam – die der Mann in sein Haus nahm, weil sie sonst keinen Ort auf der Welt wußte, wo sie hingehen konnte.«

»Der Mann warst du?« fragte Irmgard schnell. Erich neigte bejahend den grauen Kopf. Er begann zu erzählen von Annunziata, der Tochter des alten Italieners aus dem Kramladen unten in der Hafenstadt, mit dem er stetig in geschäftlichen Verbindungen gestanden hatte. Der Laden, vollgestopft von hundert verschiedenen Dingen, wie sie Eingeborene und Europäer dort brauchen, habe ihn immer an das Lädelchen erinnert neben dem Fischerhafen bei der Villa Marina, aus dem er und die Schwester sich mit Bonbons versorgten ...

»O ja«, unterbrach sie ihn gerührt, »sie waren so klebrig und schmeckten nach Vanille und Haaröl – wir fanden sie köstlich!«

Er lächelte und meinte, es sei wohl die Erinnerung, die bei ihm mitgespielt habe – und auch die Vertrautheit der Sprache ... So habe er das hübsche Mädel mit den feinen Fesseln und den edlen Händen liebgewonnen – die Mutter, vielleicht eine Araberin – er wisse darüber nicht Bescheid –, sei gestorben oder davongelaufen, und als der Vater nach einem Fieber von drei Tagen plötzlich hin war, habe er sie zu sich genommen. Er brauchte ja auch ein weibliches Wesen, das ihm die Wirtschaft führte. Sie habe sich anstellig und gar nicht dumm erwiesen – in irgendeiner Missionsschule habe sie Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und schlage eifrig das Kreuz.

»Ihr seid nicht verheiratet?«

Erich schüttelte den Kopf. »Ich habe sie gern – aber als Schwiegertochter oder Schwägerin hätte ich sie euch doch nicht zuführen mögen.«

Irmgard fühlte, daß er erleichtert war, nun er offen über sein Leben und seine häuslichen Verhältnisse mit ihr reden durfte. Sie suchte ihn durch lebhafte, teilnehmende Fragen auf dieser Bahn zu erhalten. Das Bangen, das sie vorhin überfallen, war noch nicht von ihr gewichen. Es mochte sich im vertraulichen Gespräch am ehesten Gelegenheit finden zu sagen, was doch endlich gesagt werden mußte.

So redete er denn weiter in seiner gemächlichen Weise mit der weichen dunklen Stimme, die Irmgard einhüllte wie ein warmer Mantel von einem wundervollen tiefen Blau, der sie sich mit sanftem Entzücken überließ.

Er schilderte ihr in einem naiven Stolz sein Haus, die Bungalows seiner Angestellten, in einiger Entfernung das große Negerdorf mit den spitzen Grashütten und der großen stattlichen Häuptlingshalle. Der Häuptling nenne sich vornehm »Sultan« und sei sein Freund – ein kluger Mann von natürlicher Vornehmheit, dessen Gunst habe ihm viel genützt in all den Jahren, nachdem das Mißtrauen, das jeder Eingeborene gegen den weißen Mann hege, endlich überwunden worden sei. – Die Europäer hätten viel gesündigt an den Schwarzen – darin seien alle Nationen gleich gewesen, und wie könne man sich wundern, wenn Betrug und Grausamkeit mit Hinterlist und Feindschaft erwidert werden. Man dürfe sich freilich nicht mit ihnen gemein machen, aber sich auch niemals eine Blöße geben – immer gerecht und ruhig bleiben, sei das einzige Mittel, sie in Respekt zu halten – das sei freilich schwer und für ihn eine harte Schule gewesen, fügte er lächelnd hinzu.

»Glaubst du nicht, daß dir der Verkehr mit den Fischerjungen bei der Villa Marina geholfen hat, kindliche Gemüter zu verstehen?« fragte Irmgard.

»Gerade das habe ich oft gedacht«, meinte Erich. »Und natürlich auch meine Lehrzeit als Seemann. Es ist nämlich gar nicht dieser enorme Unterschied zwischen den Rassen Schwarz und Weiß, wie der Hochmut der Europäer gerne annimmt.«

Mit den Europäern habe er entschieden schlimmere Erfahrungen gemacht – mit Ausnahme einiger Forscher und Wissenschaftler sei es doch meistens Auswurf, der sich bis in seine abgelegene Gegend verirrt habe. Bei den Versuchen, diesem und jenem Landsmann zu helfen, habe er viel Geld eingebüßt und manchen Ärger gehabt. Aber die Erinnerung, wie er selbst so manchesmal nahe am Verrecken gewesen und welch ein Hundeleben er jahrelang geführt, lasse ihn doch immer wieder schwach werden.

Irmgard wagte nicht, Erich in seinen Berichten zu unterbrechen und ihn zu den dunklen Ereignissen zurückzuführen, die seiner Flucht und seiner Ankunft auf afrikanischem Boden vorangegangen sein mochten.

Wie hatte er sich aus dem Nichts – dem blanken Elend heraus – die Stellung eines Herrn aufzubauen vermocht?

An der Ostküste hatte er in einem Hafen als Lastträger gearbeitet, zwischen Schwarzen und Gelben zwei Jahre lang nichts als Negerfutter – gekochten Mais und Bataten – zu sich genommen, seine eiserne Konstitution habe standgehalten. Dann hatte er sich mit einem Franzosen angefreundet, der die Produkte der Eingeborenen oben in den Bergen ankaufte und den Fluß hinunterschaffte: Kautschuk, Hanf und Kokos. Es gab damals noch wenig Weiße in der Gegend, nur eben an der Küste einige Niederlassungen. Aber Schiffe legten an, um die Waren der Tropen nach Europa zu bringen. Mit dem Franzosen hatte Erich lange gemeinschaftlich Handel getrieben. Doch es war ein Halunke, der ihn bei jeder Abrechnung betrog, und Erich deutete an, wie er den Verkehr mit ihm nur habe ertragen können, weil er ihn als eine gute Gelegenheit betrachtete, seinen Jähzorn nach und nach unterzukriegen. Er sei sicher gewesen, der Kerl würde ihm sein Messer zwischen die Rippen setzen, wollte er ihm den Dienst kündigen. Er wußte zuviel von seinen Handelsgelegenheiten, von den fetten Stationen oben in den Wäldern – und auch von seinen Schurkereien, die er auf den Streifzügen an den armen dummen Niggern begangen hatte. Diese Jahre waren nur eine unsagbare Quälerei gewesen. Bei einem gemeinsamen Nachtlager habe ihm der Kerl während eines Fieberanfalles und als er danach wie ein Toter schlief, das bißchen Geld, das er zusammengespart hatte, gestohlen. Da habe er sich denn bei der ersten Gelegenheit davongemacht und habe nun bei einem anderen Händler wieder von vorn anfangen müssen, in einer Gegend ein paar Meilen weiter hinunter, wohin das Jagdrevier des ersten nicht mehr reichte. Er habe ja inzwischen auch ein gewisses Renommee bekommen, die Schwarzen hatten ihn gern, machten oft tagelange Umwege mit ihren Palmenkörben auf dem Kopf, um dem Franzosen zu entgehen. So wurde der Verdienst allmählich besser, aber er hätte ebenso sein Leben verschuften können – wenn nicht das sonderbare Ereignis eingetreten wäre, das ihm mit einemmal geholfen hätte.

»Und siehst du, Schwester, so ein Ereignis in irgendeiner Form: ein wunderbar günstiger Zufall oder eine Begegnung – kurz ein Etwas, das man gar nicht in den Bereich der Möglichkeiten zieht, das trifft drüben jeden Kerl einmal, der nach oben kommen soll – und trifft es ihn nicht – na, da bleibt er eben unten – und wer unten ist, der rutscht auch nach und nach immer tiefer ... Ja – der Araber sagt: Kismet – wir nennen es ja wohl Schicksal.«

»Oder Gott«, sagte Irmgard leise.

»Meinetwegen auch Gott – es kommt nicht auf den Namen an.«

»Erzähle.«

Er lag bequem auf dem breiten Diwan, Irmgard stopfte ihm die bunten Seidenkissen in den Rücken, schob ihm die Aschenschale näher und das Glas Whiskysoda, sie hatte schnell gelernt, es ihm zu mischen, wie er es liebte.

Er lächelte der Schwester freundlich dankbar zu und erzählte: Ja, er habe sich verirrt, ausgerechnet: verirrt auf diesen schmalen Negerpfaden, die kreuz und quer durch den dünnen Buschwald führten. Viele Stunden habe er im großen Dorf zugebracht, um Kautschuk aufzukaufen und Träger zu werben. Dann wollte er schnell noch eine kleine Niederlassung mitnehmen, aber das sei eben mißglückt. Und nun kam der Abend, die Nacht würde ihn im Freien überraschen. Müde, hungrig und durstig torkelte er mit seinem Boy hinter sich durch dorniges Mimosengestrüpp und suchte nur noch nach einem Wassertümpel, der irgendwo in der Nähe sein mußte, wie er an den vielen Tierspuren sah, die alle nach einer Richtung liefen, und auch an dem frischeren Grün einiger Bäume, die sich über das niedere Buschwerk in der Ferne erhoben. Und da war es geschehen, daß er den schrillen Schrei hörte – den gellenden Hilfeschrei einer europäischen Frau, dem ein lautes jammerndes Heulen aus einer weiblichen Negerkehle folgte – immer abwechselnd und durcheinander – ein schauderhaftes Duett, und die Stille dazwischen war das schlimmste.

Er und der Boy, sie seien um die Wette gerannt und gesprungen, dazwischen habe er seinen Revolver herausgerissen und in die Luft gefeuert, um den bedrängten Frauen anzuzeigen, daß Hilfe käme. – Nicht wilde Tiere waren es, wie er zuerst vermutet hatte. Ein Zeltlager am Wasserloch unter den Bäumen und zwei Frauen in hoffnungslosem Ringen mit drei baumlangen schwarzen Kerls. Zwei jagte er mit seinen Schüssen in jähe Flucht, der dritte hielt ein weibliches Wesen im Arm, hatte sich in ihre Schulter so fest verbissen, daß er mit wilden Hieben der Nilpferdpeitsche über seinen nackten Rücken erst von ihr gelöst werden mußte.

»Weißt – ich konnte ja nicht schießen, wie das Vieh es verdient hätte – die Frau wäre möglicherweise getroffen worden. Na – er wird seiner Strafe auch ohnedies nicht entgangen sein. Binnen zwei Sekunden war er unsichtbar, wie vom Erdboden verschlungen, der Boy wollte ihm nach, doch ich hielt ihn zurück, konnte ihn möglicherweise auf dem Platz besser brauchen.«

Also – es war eine englische Dame in Hosen und rohseidener Bluse, jung und bildhübsch – ein Näschen wie aus einem Weihnachtskalender. Sie habe ihm einfach dankend die Hand geschüttelt, während ihr das Blut durch den zerfetzten Ärmel an der Schulter tröpfelte und ihre schwarze Zofe heulend und jammernd die Arme gen Himmel schlug. Die Herrin befahl ihr, eine Tasche zu öffnen, der sie eine Flasche mit Silberknopf entnahm, und sie wies sie an, die Wunde zu desinfizieren, wobei sie sachlich bemerkte: »Er wollte mich kampfunfähig machen – gar nicht so dumm von dem Schwein.« Und dann, als sie verbunden war: » Now let's have a good cup of tea

»Ja, so sind sie, diese Engländerinnen«, bemerkte Erich zwischen seinem Bericht. »Ganz merkwürdige Wesen.«

»Und du hast dich sterblich in sie verliebt!« rief Irmgard begeistert.

»So wäre es in einem Roman gegangen, aber es war eben kein Roman, und die Dame hatte einen Gatten, der freilich dreißig Jahre älter war als sie selbst, doch noch recht rüstig, denn er pirschte eben auf einen Leoparden und hatte dazu die sämtlichen Träger seiner Jagdexpedition mit sich genommen – nur drei zum Schutz der Frauen zurückgelassen. Gerade dem Anführer, diesem abscheulichen Armbeißer, habe er besonders vertraut, erzählte die junge Frau und meinte, ihr Mann sei so ethisch, er habe nicht mit den viehischen Gelüsten dieser Schwarzen gerechnet. Inzwischen hatte die Nubierin auf einer Spiritusmaschine Tee bereitet – tipptopp –, auch der Boy bekam Keks und Jam.«

Die junge Frau habe dann recht gemütlich mit ihnen geplaudert und sich über seinen Sailor-slang totlachen wollen. Bis der Herr Gemahl wiedergekommen sei, die Träger mit dem toten Leoparden hinter sich – eine Beute, um derentwillen er beinahe seine hübsche junge Frau auf eine abscheuliche Weise verloren hätte.

Aus dieser Begegnung entwickelte sich in der Folge eine Freundschaft, die, durch Neujahrsglückwunschkarten genährt, noch bis zum heutigen Tage sich erhalten habe. Das Ehepaar wohnte in Kairo und war im Besitz beträchtlicher irdischer Güter. Der Mann habe ihm, um sich dankbar für etwas zu erweisen, das ja nur eine Selbstverständlichkeit gewesen, das Kapital vorgestreckt, das genügte, ein schönes Stück Grund und Boden – so groß wie ein deutsches Herzogtum – von einem der Niggersultane zu kaufen. Er habe schon lange gerade auf diese Gegend sein Augenmerk gerichtet gehabt, weil sie kolossal fruchtbar sei und, zwischen Fluß und See gelegen, auch gute Verbindung zur Küste bot. Viel hartes Schuften und Arbeiten gab's ja dann noch – und manche Fehlschläge, bis er ein richtiger Landwirt und Kaufmann geworden sei, schloß Erich treuherzig. Aber seine Zinsen habe er doch immer pünktlich an den alten Herrn absenden können. Jetzt sei auch das Kapital längst zurückgezahlt und er Herr auf eignem Grund und Boden.

Erich sprach noch viel von Erfolgen und Niederlagen in seinem Schaffen. Aus jedem seiner Worte, mehr noch an seinem Gesicht, das heiter und freudig geworden, während er berichtete, sah die Schwester, wie fest sein Herz in seinem Besitztum dort im fernen Afrika verwurzelt war. Was sollte er hier in Deutschland und bei ihr? Sie lebten in zwei gegensätzlichen Welten.

Erich nahm Abschied. Er hatte sich für den Abend mit Dr. Schöler in der Ostafrikanischen Gesellschaft verabredet.

Plötzlich, als er ihr die Hand gab, war wieder der traurig-vorwurfsvolle Blick in seinen Augen. Nein – dies alles war unerträglich! Offenheit mußte zwischen ihnen sein, und sollte sie zu letzter Trennung führen.

Ach – Irmgard fühlte sich schwach und feige diesem geraden, einfachen Herzen gegenüber – dieser sensitiven Seele, die so unverletzt aus allen Grausamkeiten eines wilden Lebens zu ihr heimgekehrt war.

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