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Irmgard und ihr Bruder

Gabriele Reuter: Irmgard und ihr Bruder - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleIrmgard und ihr Bruder
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid8031d98a
wgs9110
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XVI

Im Café an der Alster saß ein Herr in einem grauen Anzug von gediegenem Stoff, weit und bequem gearbeitet, wie es zu der lässigen Vornehmheit seiner hageren Figur zu gehören schien. Sein männliches Gesicht war tief gebräunt, das noch volle Haar gab in seinem hellen Aschgrau dazu einen auffallenden und merkwürdigen Farbeneffekt. Die Nase sprang bedeutend hervor, die Augen lagen tief in schattigen Höhlen, der Augapfel war gelb getönt, über dem Blau der Iris lag ein trüber Schleier, wie die Malaria ihn zurückläßt. Der kurz gehaltene graue Schnurrbart über dem großgeschnittenen Munde, die Ruhe und Sicherheit seiner Bewegungen deuteten dem flüchtigen Beobachter auf einen Engländer. Doch nähert sich der hanseatische Typ ohnehin dem angelsächsischen, und so bot denn dieser Gast zugleich das Bild eines überseeischen Kaufmanns der Wasserkante.

Der Herr saß vor einer Tasse Mokka und rauchte behaglich eine schwere Zigarre, während seine Blicke gelassen interessiert das lebendige Treiben in dem Lokal beobachteten.

Allmählich stahl sich ein Zug von Unsicherheit in das kräftige Gesicht und verlieh ihm einen Ausdruck von beunruhigter Kindlichkeit.

Am Nebentisch saß eine Gruppe junger Leute, deren Stand und Beruf ihm durchaus nicht bestimmbar erschien. Alle besaßen sie intelligente, geistig belebte Gesichter, ihre Unterhaltung war von überraschender Bildhaftigkeit, von Witz und Humor durchfunkelt, ihr Äußeres unterschied sich nicht von dem guter Bürgerssöhne, einige zwischen ihnen waren eher dürftig gekleidet.

Der Fremde beugte sich hinüber und bat den zunächst Sitzenden um die vor ihm liegende Zeitung – es war ersichtlich: er suchte eine Anknüpfung. Die jungen Leute warteten mit einer gewissen Spannung auf eine weitere Frage, denn das Aussehen und Gebaren des Mannes waren von einer Art, die es Jüngeren als Ehre erscheinen ließ, von ihm angeredet zu werden, man hatte in dem Kreise bereits einige leise Bemerkungen über seine ungewöhnliche und anziehende Erscheinung getauscht. Doch verging eine kleine Weile, in der er die geeignete Form oder die richtigen Worte zu suchen schien. Dann fragte er nur, ob die Herren ihm wohl sagen könnten, was es Neues und Interessantes in Hamburg zu sehen gäbe. Er habe nicht viel Zeit zu verlieren und wolle sich doch gern orientieren. Es scheine ihm, als ob in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland bedeutende Veränderungen vor sich gegangen seien.

Das wurde lebhaft bejaht. »Fünfzehn Jahre – Donnerwetter – ein Viertel Lebensalter«, rief einer. »In den Tropen wohl mehr als ein halbes«, meinte der Mann mit melancholischem Lächeln. Die jungen Leute erklärten sich als Künstler und berichteten dem Überseer von diesem und jenem neu entstandenen Bauwerk, von den erweiterten Hafenanlagen, doch es fand sich, daß er dies alles schon gesehen habe.

Darauf glitten sie schnell in ihre eigenste Sphäre zurück und fragten ihn treuherzig: für Kunst interessiere er sich wohl nicht? Worauf er ausweichend erwiderte: »Oh, warum denn nicht?« Freilich müsse er zugeben, daß er wenig davon verstehe.

Sie fielen sich gegenseitig eifrig ins Wort, indem sie von dem neu erwachten Kunstleben der mächtig aufblühenden Handelsstadt sprachen, die durch Ankäufe des Kunsthallenleiters, einer fortgeschrittenen einsichtsvollen Persönlichkeit, mutig gefördert werde. Zur Zeit errege der Erwerb eines Bildes von einem ersten deutschen Maler lebhaften Widerspruch im Publikum. Die Künstler seien einig in der Bewunderung der Qualitäten des Bildes, einer prachtvollen nackten weiblichen Figur, die prüden Hamburger aber stießen sich an der Naturalistik der Darstellung. Man habe sogar die Polizei zu Hilfe gerufen – was natürlich den Banausen nichts nützen werde. Dazu stehe der Rang Jakob Urichs als Künstler zu hoch. Sogleich entbrannte unter der jungen Künstlerschar wieder der Kampf der Meinungen. Der Überseer hörte schweigend zu. Er verstand nicht die Hälfte von dem, was die jungen Knaben redeten, doch erheiterte ihn ihr Feuereifer, und er beschloß, sich das Bild jedenfalls anzusehen.

»Es soll ja nach der Glenn gemalt sein?« fragte ein junges Bürschchen mit lüsternem kleinen Lachen. »Ein verteufelt schönes Frauenzimmer. Aber eigentlich doch stark.«

»Jakob Urich malt ja seit Jahren nur seine Geliebte«, sagte ein anderer, »das ist doch weltbekannt. Sie soll verrückt eifersüchtig sein, ihm kein anderes Modell erlauben.«

»Dasselbe behauptet man von Böcklins Gattin – eine alte Künstlerlegende«, warf ein Dritter ins Gespräch.

»Ich kenne Irmgard Glenn nicht persönlich – aber – ich weiß nicht – ihren Bildern nach stelle ich sie mir ganz anders vor als diese üppige Dame in der Kunsthalle. Habe eben in Berlin die ›Fische‹ und die ›Meerblumen‹ von ihr gesehen bei Cassirer. Das alles ist so merkwürdig seelisch aufgefaßt ...« Der ältere Mann schüttelte den Kopf. »Ein merkwürdiges Wesen auf jeden Fall, diese Irmgard Glenn.«

»Wie finden Sie die ›Schlange‹, Meister?« fragte das junge Bürschchen.

»Hervorragend. Ein Gewinn für die Kunsthalle.«

»Nicht wahr – das behaupte ich auch«, schrie einer der jungen Leute. »Diese grüne Dämmerung – der Schimmer über dem Wassertümpel, aus dem sich der bronzebraune Leib des Reptils emporreckt – fein – fein in der Farbe – und der Ausdruck im Auge – das Überweltliche – doll – einfach doll!«

»Sie war nicht umsonst die Schülerin von Jakob Urich. Solche Frau steht über dem Gewöhnlichen, die mag sich meinetwegen hundertmal als Akt malen lassen.«

»Sie übertreiben, mein Lieber, bisher waren ihre Bilder auch nicht mehr wert als die von andern Malweibern.«

»Sie galt schon vor Jahren für eine Sensation, beinahe für so etwas wie ein visionäres Genie.«

»Das sich nicht bewährt hat.«

»Mag sein – aber diese letzten Sachen – na – seien wir ehrlich – keiner von uns könnte dergleichen auch nur entfernt leisten!«

Stürmischer Widerspruch erscholl, lauter Stimmenstreit wogte heftig hin und her.

Der Überseer war aufgestanden und fortgegangen. Man bemerkte sein Verschwinden erst später.

Er stand an dem silbernen Wasser in der hellen Sommersonne, in seinem schweren Mantel frostschaudernd, daß ihm die Glieder klapperten. Zwischen seinen Brauen hatte sich eine dicke Falte gebildet, sein starkes Gesicht war zerrissen von anderen Falten eines gewaltsam gebändigten Zornes. Unter seiner gebräunten Haut war das Blut gewichen, sonderbar fahl und krank erschien er dadurch. Ein heftiges Zittern hielt seine Züge in krampfhafter Bewegung. So stand er und stierte ins Wasser: Scharen von Möwen, ein schreiendes weißgraues Gewölk umflatterte ihn. Plötzlich sah er Irmgard an derselben Stelle, fühlte die keusche Anmut der kleinen zarten Gestalt zwischen den Vögeln. Ein rasender Schmerz faßte ihn. Er riß den auf die Brust gesunkenen Kopf empor, die große Faust umklammerte den Knauf seines Stockes, den er hob und auf das eiserne Geländer einer Landungsbrücke niedersausen ließ mit solcher Gewalt, daß das Holz in Stücke brach.

Ein vorübergehendes junges Mädchen sah sich erschrocken um, und als sie das zerstörte, zuckende Gesicht des Mannes erblickte, beschleunigte sie ihren Schritt, ja, sie begann zu laufen, um möglichst schnell aus der Nähe des Unheimlichen zu kommen. Er hielt das obere Ende des zersplitterten Stockes in der Hand und blickte gedankenlos darauf nieder. Man hätte das Herz unter der Weste schlagen sehen können, so unmäßig hämmerte es in der breiten Brust. Mühsam nach Atem ringend, ging der Mann auf eine der am Ufer stehenden Bänke zu und setzte sich schwerfällig. Lange blieb er dort mit gesenktem Kopf, den er wie in einem nicht endenden Erstaunen zuweilen mit einem leisen Schütteln bewegte. Endlich zog er einen Brief aus der Brusttasche, entfaltete ihn und begann zu lesen, langsam, als müsse jedes Wort einen geheimen Sinn verbergen.

Und doch hatte er diesen Brief schon viele Male gelesen, seit das Schreiben vor mehr als einem halben Jahr bei ihm in dem niedern weißen Haus mit dem Wellblechdach im Innern von Afrika eingetroffen war. Seine Leute hatten ihn mit dem Segelboot aus der Hafenstadt vom Konsul, an den er adressiert war, zu ihm gebracht.

Die Schwester teilte ihm mit, die Mutter sei gestorben; sie selbst habe seinen Aufenthalt durch Dr. Schöler erfahren und einen Detektiv beauftragt, nach dem Verbleib von Fred Olarsen zu forschen. Er sei damals von seinen Verwundungen geheilt worden und noch lange als Kapitän auf der »Barbara« gefahren, bis er am Ende in einem Sturm verunglückte. Seine Witwe lebe mit zwei Söhnen in dem Landhause der Mutter in Blankenese. Pekuniär solle es ihr nicht zum besten gehen. Da inzwischen auch die militärische Angelegenheit verjährt sei, bestehe kein Hindernis mehr gegen seine Rückkehr nach Deutschland. Sie selbst, fügte sie kurz hinzu, lebe als Malerin in Berlin, habe gute Erfolge, so daß sie sich ausreichend ernähren könne.

Sonderbar fremd mutete Erich dieser Brief an. Irmgard mußte sich sehr verändert haben, um in dieser Weise zu schreiben. Kein Vorwurf – keine sentimentalen Klagen über sein Verschwinden, sein langes Schweigen, keine Zärtlichkeitsbeteuerungen. Nicht einmal eine Bitte, er möge doch nun endlich wiederkehren.

Auch die Handschrift hatte sich verändert, die Buchstaben waren größer und fester, gleichsam kühner geworden. Und doch, als er die bekannten kleinen Züge in ihnen wiederfand, als er den Namen »Irmgard« las, hatte er geweint. Und es stand gleich bei ihm fest, er müsse heim – und Heimat war für ihn doch nur bei ihr, bei der Schwester.

Dieses Mädchen – nicht mehr jung – nüchtern und klug, wie ein Geschäftsmann schreibend – dieses Mädchen sollte da oben in dem roten Gebäude, an dem er heute morgen vorübergeschlendert war, das man ihm als die Kunsthalle bezeichnet hatte, ohne daß er eine rechte Vorstellung mit dem Begriff verband, in einem öffentlichen Saal ihren nackten Körper dem Publikum zu lüsterner Beschauung und Kritik dargeboten haben? Unmöglich konnte das sein, der Bube mußte gelogen haben ... Warum hatte er ihn nicht auf der Stelle niedergeschlagen wie damals den andern, der ihre Ehre anzutasten wagte ...

Ein leeres Lächeln verzog seinen Mund. Wer weiß – vielleicht war der im Recht gewesen damals schon ... Die Geliebte dieses Urich ... Großer Künstler – er spie aus, legte die Hand an die Stirn, drückte mit zwei Fingern die Schläfen, bis ihm dumpf und wirr im Kopfe wurde.

Nun sah er alles wieder vor sich, was er fünfzehn Jahre lang zu vergessen bestrebt war. Er hörte die schmutzigen Andeutungen des Kerls, den er einmal seinen Freund genannt hatte, als wäre zwischen ihm, Erich und der Schwester wohl nicht alles so zugegangen, wie es zwischen Geschwistern sein müßte. Und als er ihm, zur Raserei durch diese boshaften Sticheleien getrieben, mit erhobener Faust Schweigen und Zurücknahme seiner Andeutungen gebot, hatte Olarsen gelacht – er hörte noch den hämischen Ton, er sah das blasse höhnische Gesicht vor sich, die spöttisch verzogenen Lippen unter dem Bärtchen, mit denen er die vermaledeiten Worte hervorstieß: Erich solle sich nicht so wild gebärden – er habe das Mädchen doch auch gehabt – damals – auf dem Schiff. Erich solle sich doch erinnern, während er zum Kapitän berufen worden sei, dort auf dem roten Plüschsofa in demselben Raum, in dem sie standen.

Weiter war er nicht gekommen. Erichs Faust war auf den Verleumder niedergesaust – einmal, zweimal – dreimal, bis der Feind blutüberströmt zu Boden stürzte und die Matrosen hereinstürmten in den kleinen hellgrünen Salon, wo der furchtbare Auftritt stattfand. Wie ein Rasender hatte er um sich geschlagen. Endlich hatten sie ihn doch überwunden, ihm die Arme auf dem Rücken gebunden und ihn in seine Kabine geschleppt. Dort schloß man ihn ein.

Am andern Morgen lief der Schoner einen Hafen an, wo der noch immer bewußtlose Olarsen in das Missionskrankenhaus geschafft wurde.

Ihn – Erich – übergab man einem dort stationierten, auf der Rückreise befindlichen deutschen Dampfer, der ihn den heimatlichen Behörden abliefern solle.

All das Geschehen, das ihm jahrelang so unwahrscheinlich und gleich einem wilden Traum dünkte, jagte plötzlich wie eine Reihe grell beleuchteter Bilder durch sein Hirn, während der Abend rosig über das graugrüne Wasser der Alster sank, die Menschen sich auf den Dampferstegen drängten, um hinauszufahren in den schönen Sommerabend, während Liebespaare, Arbeiter, elegante Frauen an der Bank vorübereilten, ohne daß er aus seiner Versunkenheit auch nur aufschaute.

Er wußte noch: sein einziger Gedanke war »Flucht« gewesen – lieber ertrinken – verhungern – erschlagen oder erschossen werden – nur ihr – ihr – ihr – Irmgard nicht die Schande machen, als Verbrecher, als Totschläger in die Heimat transportiert zu werden. Wie es gelungen war? Er verwunderte sich noch heute, wenn er es bedachte. Der Matrose, der ihm sein Essen brachte, hatte ihn losgebunden, Erich bot ihm alles, was er an Geld besaß. Das hatte man ihm gelassen, wie man ihn überhaupt mit Schonung behandelte, weil man ja noch nicht wußte, ob er nicht in Notwehr gehandelt habe – solche Seemannsstreitigkeiten waren nicht so leicht zu überschauen. Der Mann ließ ihn hinaus bei der Nacht, und er schlich zum Achterdeck hinauf, verbarg sich vor der Wache im Schatten des Schornsteins. Er sah die nahe afrikanische Küste, an der sie entlang fuhren, im gelben Sande dämmern – hörte die Schiffsschrauben das Wasser zu weißem Schaum peitschen – berechnete ihre Umdrehungen, und in einem Augenblick, der ihm geeignet schien, schwang er sich über die Reling in das kohlschwarze Wasser hinab. Einen Ruf der Wache hörte er noch, ein Schuß tönte hinter ihm, dann trugen ihn seine starken Arme durch finstere Wellen, und er schwamm um sein Leben, wie er schon einmal geschwommen als junger unschuldiger Bub.

Das war vollbracht – er war frei. Was folgte, schien endlos, furchtbar: Hunger und rasende Arbeit zwischen schwitzenden Negern im Hafen von Aden; unter dem berußten Gesicht hätte kaum einer den Weißen erkannt. Und die Wanderung landeinwärts mit arabischen Karawanen. Hunger – Durst – Fieber – wieder Hunger, allmähliches Heraufarbeiten bis zum Zwischenhändler in Tabak und Kokosnüssen, als weißer Sklave eines skrupellosen Betrügers – bis endlich das Glück zu ihm kam und er sein erstes Stück Land erwerben konnte – zwischen den Wilden – in gottverlassener Einsamkeit, an dem Flusse, der aus dem weiten See breit und gewaltig dem Meer entgegenströmte ...

»Nun kann ich ja wieder heimfahren«, sagte er laut und erhob sich, taumelnd in jähem Schwindel. – Schwerfällig ging er zum nächsten Schiffahrtsbüro. Es war schon geschlossen. Und weiter ging Erich Glenn, planlos durch die Straßen von Hamburg, von denen er einige erkannte, von denen andere ihm fremd geworden waren. Er geriet endlich nach St. Pauli und in ein Tanzlokal. Dort saß er vor einer Flasche Wein, starrte blöde in das Gewühl der tanzenden Matrosen, der kreischenden Dirnen. – Langsam löste sich seine Wut in eine tiefe Traurigkeit. Heimlich rieb er sich aufsteigende Tränen aus den Augenwinkeln. Bei der Rückkehr in sein Hotel kam er an einer Apotheke vorüber. Er zog die Nachtglocke, forderte ein starkes Schlafmittel und nahm, in seinem Zimmer angekommen, die doppelte Portion.

»Ich weiß ja noch gar nicht – ich muß doch erst sehen«, dachte er, als er von schwerer Betäubung übermannt ins Bett sank.

*

An der Kasse der Gemäldeausstellung stand der überseeische Herr in seinem dicken langen Überzieher und bezahlte mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen seine Eintrittskarte.

»Dort – rechts, die Treppe hinauf«, sagte das Fräulein, als sie sah, daß der Herr still vor dem Tisch, hinter dem sie saß, stehenblieb und mit trüben, eingesunkenen Augen auf den Zettel in seiner Hand starrte.

Erich ging langsam der Treppe entgegen. Im Begriff, sie zu ersteigen, blieb er auf der zweiten Stufe stehen, wendete sich um, und mit schweren Schritten verließ er, an dem erstaunt blickenden Fräulein vorbei, das Galeriegebäude. Vor der Tür riß er das Eintrittsbillett heftig entzwei und warf die Stücke fort.

Er biß die Lippen, sah umher. – Wohin nun?

Ziellos wanderte er durch die Straßen. Seine Brust war wie ausgebrannt – wund – leer. Er kam an den Hafen, nahm ein Boot, sah erstaunt auf das ungeheure Leben, das hier arbeitete – die gewaltigen Ozeanriesen – die Eisenkräne, die brausenden Motorboote, die wie Haie durch die Flut schossen, die Fülle von Seeleuten mit den Abzeichen aller Nationen, die Hunderte von kohlenstaubbedeckten Schauerleute. Wie hatte sich alles verändert, seit er hier heimatberechtigt gewesen. Das Dock für die Segelschiffe, wo damals die »Barbara« gelegen und er die süßen Maitage mit Irmgard gefeiert hatte – das konnte er nicht wiederfinden. Er fragte den Bootsmann danach. Der sagte: »Dort legen jetzt die kleinen Frachtdampfer an.« Erich ließ sich mit dem Mann in ein Gespräch ein – das Plattdeutsch war ihm ganz aus dem Gedächtnis geschwunden, oft mußte er nach einem hochdeutschen Wort suchen. Doch es zog ihn ein wenig ab von der quälenden Vorstellung, um die sein Denken kreiste, dieses Hineintauchen in die Welt seiner Jugend. Es erfüllte ihn mit Wiedersehensfreude – all die alten guten Seemannsausdrücke zu hören, die ihm im Ohr schmeichelten wie Lieder aus glücklicheren Zeiten. War er denn damals glücklich? Jetzt schien es ihm so, wenngleich es doch ein hartes, mühseliges Leben gewesen war, voll Demütigung und Gefahren. Jetzt war er ein Herr, gebot über schwarze Arbeiter und weiße Angestellte, und wenn ihm der Sinn nach Ruhe stand, nun, so arbeitete er ein paar Tage nicht, streckte sich im Liegestuhl, ließ sich von Annunziata bedienen, sie war doch ein gutes Tier und eigentlich nicht dunkler, als es sich für eine Italienerin schickte.

Dort draußen war er zufrieden gewesen. – Warum, zum Teufel, war er herübergekommen? Als er der Schwester Brief in den Fingern hielt, seine Augen auf ihre Handschrift fielen, hatte ihn unbändige Sehnsucht gepackt, die er doch jahrelang nicht mehr empfunden. Er achtete nicht auf Annunziatas Tränen und lautes Jammern. Er hatte keinen anderen Gedanken, als auf dem Schiff zu sein, Deutschland – Irmgard wiederzusehen.

Nun kämpfte er nur mit der einen Gier, diesem Kerl, der ihm die Schwester verführt hatte, den Schädel einzuschlagen. Selten noch überkam ihn der Jähzorn, er hielt ihn in Ketten, ein wildes Tier, dessen Gefahren er kannte.

Mußte er hier nicht als ein Rächer auftreten – und war er nicht im Recht? War nicht Irmgards Ehre auch seine eigene?

Da kamen sie alle wieder, die verfluchten Gedanken und Vorstellungen ... Wie sollte er sie verjagen?

Er zahlte den Bootsmann aus und fragte: die kleine Wirtschaft von der Kapitänswitwe Kelling existiere wohl nicht mehr?

Doch – hörte er, die Frau Kapitän Kelling habe immer noch ihren Mittagstisch. Da wurde es ihm beinahe froh zu Sinn, als wüßte er nun einen festen Punkt, wohin er seine Schritte lenken könne. Er ging an dem wohlbekannten Gebäude der Seemannsschule vorüber, fand die altmodische Straße, an der sauber polierten Tür noch das bekannte Schild: »Frau Kapitän Kelling, Mittagstisch für Seeleute.« Er stieg die drei Stufen hinunter, klinkte die Tür auf, stand in dem winzigen Flur, dessen eine Hälfte, hinter einer geblümten Kattungardine verborgen, das intime Reich der Familie Kelling gewesen war. Er trat zur Rechten in die Schenkstube, und da kam ihm auch Frau Kelling freundlich entgegen – sie war rundlich geworden, der Scheitel dünn, die Backen kupfrig, aber sie hatte noch den alten herzlichen Blick der hellblauen Augen, mit denen sie ihn erstaunt musterte ... Er sah ja wohl gar nicht mehr aus wie ein Seemann.

Und plötzlich stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus. »Ja – glaubt's denn der liebe Himmel – ja, sind Sie wirklich der Erich Glenn?« Und beide verarbeiteten, rissigen Hände streckten sich ihm entgegen.

Das blanke Stübchen war voll Sonne, da stand noch der lange, weiß gescheuerte Tisch, an dem er sooft sein Mahl eingenommen, mit den Kameraden geschwatzt, abends mit der guten Mutter Kelling gerechnet und überlegt hatte, wie er mit seinem schmalen Budget am besten auskommen könne. Hier saß er nun wieder, einen Teller mit kaltem Fleisch, Butterbrot und ein Glas Bier vor sich, und schwatzte mit der Frau Kaptän. Zum erstenmal seit seiner Ankunft überkam ihn ein Heimatgefühl.

Sie erzählte von ihren Kindern und deren Ergehen. Aber sie wollte zu keinem ins Haus ziehen, mochte ihre Selbständigkeit nicht aufgeben, könne sich auch kein Leben vorstellen ohne ihre blauen Jungs. Dann mußte Erich ihr von seinen Pflanzungen erzählen. Sie erkundigte sich sachverständig nach deren Erträgen und wie die Kokosnüsse behandelt und der Kautschuk gewonnen wurde.

Am Ende fragte er nach Olarsen, und ob es wahr sei, daß er tot und seine Witwe in Not sei.

Das bejahte Frau Kelling. Der Mann habe nichts gespart, und hinter den Mädels sei er immer gewesen, auch noch als Familienvater, obschon er abscheulich ausgesehen habe mit seiner platt geschlagenen Nase. – »Sie sind ja wohl hart aneinandergeraten damals?« fragte sie, Erich in das düstere Gesicht schauend, und fügte begütigend hinzu: »Na – das kommt vor, draußen auf See –, der Fred Olarsen war immer ein Hintertückscher.« Erich klopfte versonnen mit den Fingern auf die Tischplatte, trank dann sein Bier aus und verabschiedete sich.

Er war ruhiger geworden über dem Gespräch mit der guten, tapferen alten Frau.

Eines der modernen Gefährte, die man Autos nannte, führte ihn zu einer Filiale der Deutschen Bank. Dort hinterließ er einen Scheck auf die Bank von Baring Brothers in London, mit der er in Geschäftsverbindung stand. Er gab den Auftrag, die Summe, ohne seinen Namen zu nennen, an Frau Kapitän Olarsen in Blankenese, Villa Barbara, zu senden als Beitrag für die Erziehung der beiden Knaben.

Erich mußte über sich selbst lächeln, weil er es als Genugtuung empfand, mit welcher Hochachtung und Zuvorkommenheit er von den Beamten der Bank behandelt wurde. Zehntausend Mark waren schließlich keine Kleinigkeit, und es blieb doch eine angenehme Sache, ein reicher Mann zu sein. Nun war auch dieser Stein von seinem Herzen genommen.

Wie unnütz war dies alles gewesen – die jahrelange qualvolle Ungewißheit, ob er zum Mörder an einem alten Freunde geworden sei ... Hatte Fred Olarsen nicht vielleicht recht gehabt, sich zu rühmen, er habe Irmgard im Arm gehalten? Was wußte er denn im Grunde von der Schwester, die er zu einer Heiligen gemacht hatte – in seinen Träumen –, nur um sie nicht selbst mit sündigem Begehren zu beflecken.

Erschöpft und müde kam er in sein Hotel zurück. Er begann leicht zu hüsteln, Frostschauer liefen ihm am Rückgrat hinab. Das gab einmal wieder den gewohnten Fieberabend.

Der Portier rief ihn an, um ihm zu sagen, das Reisebüro habe mitgeteilt, der Herr könne noch einen guten Kabinenplatz haben auf dem Dampfer, der am übernächsten Tage nach Daressalam abgehe. Zugleich übergab er ihm ein eben eingetroffenes Telegramm.

Erich öffnete es und las: »Mein geliebtes Brüderchen. Willkommen in der Heimat! Freue mich unsagbar auf dich. Irmgard.«

Er fuhr zu seinem Zimmer hinauf, ohne dem Portier Bescheid zu geben, warf sich oben auf den Diwan und schloß die Augen.

Einige Minuten später klopfte der Boy und fragte, ob der Herr auf das Billett reflektiere.

Erich richtete sich auf, blickte den Knaben in der roten Jacke verwirrt und wie aus weiter Ferne kommend an, schwieg eine Weile und schüttelte den Kopf.

»Ich brauche das Billett nicht«, sagte er mühsam. Der Boy verschwand. Erich stand auf, nahm ein Chininpulver und warf sich aufs Bett, die Wolldecke bis zum Hals über die schaudernden Glieder ziehend. Er hatte diesen Fieberzustand nicht ungern. Alles Peinvolle, das ganze Leben verlor in ihm seine Wichtigkeit, entschwebte ihm wie etwas Zerfließendes. Und ihm war zumut, als liege er wieder, ein armer kleiner Schiffsjunge, in der leise schaukelnden Hängematte der engen Kombüse und hörte vor den Ohren das Rauschen der ewigen See.

Am nächsten Morgen fuhr er nach Berlin.

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