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Irmgard und ihr Bruder

Gabriele Reuter: Irmgard und ihr Bruder - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleIrmgard und ihr Bruder
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid8031d98a
wgs9110
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XIII

Im Herbst trat Professor Urich mit dem Verlangen an seine Freundin heran, in seine Villa zu übersiedeln und sich seines in reichlicher Verwirrung befindlichen Haushaltes anzunehmen. Auch Carly, sein Töchterchen, brauche eine führende mütterliche Hand, sie sei verwildert und störrisch – er aber könne sich nicht entschließen, das Kind von sich zu geben. Steigere sich Unordnung und Alltagsmisere um ihn her, sei seine Arbeit ernstlich gefährdet. Irmgard allein könne ihm helfen. Sein Verlangen war halb rauher Befehl, halb inbrünstiges Überreden.

Irmgard war glücklich über das ernste Vertrauen, das sich in seiner Bitte ausdrückte, und zögerte dennoch, bis sie fühlte, längere Weigerung würde völlige Trennung bedeuten. Eine letzte heimliche Scham war zu töten, eine innere Freiheit aufzugeben, die ihr plötzlich als ein Kostbarstes erschien.

Die Entscheidung gab Carly. Der Professor, in dem Bestreben, die erwünschte Angelegenheit schnell zu erledigen, fragte in einer traulichen Nachmittagsstunde, während die Kleine auf Irmgards Schoß saß und mit ihr spielte, ob es sie freuen würde, wenn die Irmgard immer bei ihnen bliebe.

Ein jauchzender Ausbruch von Glück, ein stürmisches Umhalsen und Küssen folgte der Frage, und Irmgard, tief bewegt von der plötzlich zutage drängenden Zuneigung des vereinsamten Kindes, drückte sie an ihr Herz und versprach, sie sehr – sehr liebzuhaben. Damit hatte sie eingewilligt.

Anfangs bangte ihr vor den Schwierigkeiten ihrer Stellung. Die Fülle der Arbeit, die ihrer wartete, und die der Professor keineswegs ermessen konnte, war nicht das Schlimmste. Sie fürchtete Widersetzlichkeit des Dienstpersonals, das bis jetzt nur gearbeitet hatte, soweit es ihm gefiel und Nutzen für die eigene Tasche versprach. Sie wußte, daß sie von Urich keine Hilfe zu erwarten hatte – ihm sollte sie ja gerade die Peinlichkeiten der häuslichen Nöte fernhalten.

Er schalt schon, wenn sie tagelang nicht in das kleine, dem seinen benachbarte Atelier kam, wenn sie ein begonnenes Bild eintrocknen ließ, ein Modell abbestellte, weil der Haushalt ihre Gegenwart erforderte.

Eine Gönnerin und Mäzenin des Professors, die alte Gräfin Schlodern, die aus klugen Beobachteraugen Irmgards Entwicklung mit Interesse und Sympathie verfolgte, gab ihr den Rat, das gesamte Personal der Villa zu entlassen und neue Leute zu engagieren. Er bewährte sich als vortrefflich. Irmgard begann zu verstehen, daß Organisation die Kunst ist, Bediente und Beamte an den richtigen Platz zu stellen, ohne selbst überall mit Hand anzulegen. Für sich selbst beanspruchte sie so wenig Dienste wie möglich. In der ruhigen Freundlichkeit ihres Wesens spürten die Untergebenen ein menschliches Wohlwollen; Frechheit oder Aufsässigkeit traten nicht mehr ein.

Zwischen der Gräfin, die viel ins Haus kam, mit Urich im Atelier zu plaudern, und Irmgard entspann sich etwas wie eine zarte Freundschaft, die von des Mädchens Seite aus Dankbarkeit und Verehrung bestand, von seiten der alten weltkundigen, weitherzigen Aristokratin mit Güte, ein wenig Herablassung und viel menschlicher Teilnahme erwidert wurde. »Der Professor braucht Sie – und Sie brauchen den Professor –, damit ist die Sache erledigt, und alles übrige geht keinen Menschen etwas an«, erklärte sie energisch, und bei dieser Ansicht blieb sie denn auch.

»Takt« war der vornehmen Frau mehr als eine angenehme Eigenschaft, war ihr eine der Grundbedingungen, die den anständigen Menschen vom Proleten unterschied. Nachdem sie gesehen hatte, wie sicher Irmgard von ihrem Taktgefühl durch die heikelsten Situationen geführt wurde, stand sie ihr tapfer und treu zur Seite.

Gegen Carlys Wünsche an ihre Gesellschaft blieb Irmgard schwach. Nannte das Kind sie schmeichelnd »Irmel«, woben sich ihr Vergangenheit und Gegenwart zu seltsam holder Einheit.

»Was ist ein Adoptivkind?« fragte Carly einmal, und als Irmgard es ihr erklärte, rief sie schnell: »Dann mache ich dich zu meiner Adoptivmama!«

Aber Irmgard ging auf den kindlichen Wunsch nicht ein, sosehr er sie entzückte. Sie lehrte Carly, das Bild der kranken Mama an ihrem Geburtstag mit Blumen zu schmücken und für sie zu beten.

Carly war es, um derentwillen das Verhältnis zwischen ihr und Jakob allmählich andere Formen annahm. Beide gewöhnten sich, auch im Gespräch unter vier Augen, das »du« selten noch anzuwenden. Die Stunden hingebender Liebe zwischen ihnen mußten sorgfältig verborgen werden. Gemeinsame Studienreisen im Sommer boten einzig noch Gelegenheit, sich ohne Zwang aneinander zu freuen. Das waren lange Zeit noch Feste des Glückes. Vielleicht behielten ihre Beziehungen durch die geübte Entsagung auf Jahre hinaus die Frische und die Liebenswürdigkeit erster Frühlingszeiten. Bis sie mählich, wie in guter Ehe, sich zu warmer, ruhiger Freundschaft wandelten.

Irmgard lebte sehr zurückgezogen. Zu allen größeren geselligen Vereinigungen ließ sie den Professor allein gehen. Der enge Kreis von näheren Freunden Urichs bot ihr reichlich Anregung und Erheiterung. Hier tat sich ihr sprödes Wesen auf, sie gab sich frei, lebhaft und fröhlich. Irmgards Walten schenkte dem Hause eine neue Note der Behaglichkeit. Die kleinen Symposien aus Künstlern, Gelehrten und geistig gerichteten freidenkenden Frauen wurden von Irmgard mit Liebe und geschmackvollem Verständnis vorbereitet und erlangten eine gewisse Berühmtheit. Es galt für einen Vorzug, an ihnen teilnehmen zu dürfen, ein Vorzug, der, wie man wußte, nur wenigen gewährt wurde.

Alle Zeit, in der Urich und der Haushalt sie nicht in Anspruch nahmen, widmete Irmgard dem Kinde. Carly hing mit einer schwärmerischen Liebe, deren der Vater das trotzige, eigenwillige Mädchen nicht für fähig gehalten, an Irmgard.

Als sie fünfzehn Jahre alt wurde und ihre Gesundheit zu etwas Sorge Veranlassung bot, befürwortete Irmgard Carlys Übersiedlung in ein schön an einer Bergkette gelegenes, vielgerühmtes Landerziehungsheim. Sie wünschte das heiter und selbständig sich entwickelnde Mädchen den Einflüssen der großstädtischen Backfische ebenso wie der Teilnahme an der Geselligkeit im Hause des Vaters noch für Jahre hinaus zu entziehen. Ihr selbst wurde der Abschied von dem Kinde, das alle mütterlichen Gefühle in ihr zum Blühen geweckt hatte, bitter schwer. Beinahe hätten Carlys Tränen sie erweicht, und schon überlegte sie, wie der Plan rückgängig gemacht werden könne. Doch sie sah, daß der Professor ihr beistimmte, und so wurde sie bewogen, fest zu bleiben.

»Du bedenkst alles, woran ich als Vater denken müßte; ich weiß wahrhaftig nicht, wie mein und Carlys Leben sich gestaltet haben würde, wäre ich dir nicht begegnet, du lieber, guter Geist!«

Er küßte sie innig – und je seltener solche Zärtlichkeiten von ihm zu ihr strömten, um so beglückter empfand sie Irmgard.

Während in diesen Jahren ihr Menschentum sich reicher und farbiger entfaltete, machte sie keine Fortschritte in ihrer Kunst. Und als sie sehen mußte, wie der Meister enttäuscht über ihre Bilder den Kopf schüttelte, gab sie das Malen ganz auf. Ihr Organismus war niemals stark gewesen; die Anforderungen ihres jetzigen Lebens zehrten ihre Kräfte so vollständig auf, daß alle eigenen Phantasien und Träume darin untergingen. Jakob Urich philosophierte skeptisch über die Kunstausübungen der Weiber; der alte Goethe habe recht gehabt, wenn er sie nur einen Ersatz für die fehlende Liebe nannte. Sei die erfüllt, höre das Bedürfnis nach Ausübung einer Kunst bei der Frau von selbst auf.

In derselben Zeit drang der Ruf des Meisters über Deutschlands Grenzen in die Welt hinaus – er schuf seine besten Werke, und sie wurden mit Gold aufgewogen.

Irmgard freute sich mit einer Art von religiöser Andacht seiner Erfolge. Sie allein wußte, wie groß ihr eigener Anteil war – sie schätzte ihr Verständnis, die Anregung, die ihr Lob, ihre bescheidene sichere Kritik ihm gaben, nicht gering. In diesem glücklichen Wissen brachte sie ihm lautlos und getrost das Opfer ihres eignen Verlöschens. Und wie Jakob Urich ihre Dienste in allen Geschäften, Schreibereien und der Fernhaltung jedes Alltagsärgers für eine Selbstverständlichkeit nahm, empfing er auch ihr letztes höchstes Opfer mit der Ahnungslosigkeit eines Kindes und eines großen Schaffenden.

*

Während Carly in dem Institut weilte, verlosch ein Leben, das nur noch in animalischem Vegetieren bestanden hatte.

Professor Urich reiste zur Beerdigung seiner Gattin. Die Leiche wurde in die Gruft überführt, welche sich in der Kapelle des österreichischen Erbgutes befand. Urich sah bei der Beerdigung auch die Verwandten der Verstorbenen wieder, mit denen er jahrelang keinen Verkehr unterhalten hatte. Er blieb acht Tage fort. Es habe ihn sonderbar bewegt, erzählte er der Freundin nach der Rückkehr, in seiner Nichte eine überraschende Ähnlichkeit der äußeren Form, der Sprache und des Temperamentes seiner Frau wiederzufinden, während Carly viel mehr nach ihm schlage – rotes Haar und rauhes Wesen. Die junge Lydia aber vereine südliche Grazie und Kultur mit einem sinnlichen Feuer, das bei ihrem schlichten Leben auf dem Lande um so erstaunlicher wirke. Das Mädchen solle die Weihnachtsferien in seinem Hause zubringen, er hoffe, daß die schwerfällige Carly etwas von der beweglicheren Kusine lernen werde.

Nach der kurzen Entfernung des Professors wirbelten die Stürme, welche die Behauptung eines Weltruhms begleiteten, unvermindert durch Atelier und Haushalt. Eröffnung einer Berliner Kunstschau – Beschickung fremdländischer Ausstellungen, Kämpfe mit Kunsthändlern, intensive Arbeit, ruhelose Geselligkeit, die einen Teil des geschäftlichen Wesens bildete, nahmen den Mann völlig in Anspruch. Irmgard schien er zerstreut und mehr noch als sonst in sich verschlossen.

Nur die nächsten Angehörigen hatten von dem Tode der Geisteskranken erfahren. Der Professor wünschte, daß Carly keine Trauerkleidung trage. Dem jungen Mädchen bedeutete das Hinscheiden einer Mutter, deren Existenz ihr stets nur ein mitleidsvolles Grauen erregt hatte, nur Erleichterung. Sie knüpfte Hoffnungen an diesen Todesfall, deren Bilder und Aussichten sie beglückten.

Die einzige, welche von dem fernen Verlöschen der unbekannten Frau aufs tiefste erschüttert wurde, war Irmgard.

Warum verheimlichte Urich den Tod seiner Gattin? Wollte er nur peinliche Fragen vermeiden? Doch wer von den vielbeschäftigten Künstlern würde mehr als flüchtige konventionelle Teilnahme bekundet haben?

In den Gründen ihres Seins, wo unbeirrbar eine Stimme stärker als die des Verstandes zu uns spricht, wußte Irmgard eine andere Antwort.

Nach einiger Zeit bat die alte Gräfin Schlodern Irmgard um ihren Besuch. Sie fand sich dort öfter zur Teestunde ein, so war nichts Auffälliges in der Einladung, trotzdem betrat Irmgard in einem nervösen Erzittern das mit Bildern und kostbaren Kunstgegenständen angefüllte Zimmer, in dem die Gräfin in schwarzer Seide und Spitzen mit dem schimmerweißen Haar hinter der Teemaschine saß. Das Gespräch ging eine Weile über Bücher und Schauspiele hin und her – dann sagte die Gräfin: »Kind, wir wollen die Stunde nicht unnütz verschwatzen.« Und sie bot Irmgard in kurzen klaren Worten an, ihren Einfluß bei dem Professor geltend zu machen, damit er seine Verbindung mit Irmgard, nun das Hindernis durch Gott selbst beseitigt sei, endlich legitimiere.

Irmgard hatte sich so heftig auf die Unterlippe gebissen, daß dort ein heller Blutstropfen stand. Sie schwieg einige Augenblicke und bat dann höflich mit ruhiger Stimme, solchen Schritt zu unterlassen – er würde den Professor kränken. Die alte Dame wurde gereizt durch den unerwarteten Widerstand, sie hatte weinende Dankbarkeit erwartet.

Um einige Grade kühler führte sie aus: sie habe Irmgard in jeder Situation als einen tapferen und taktvollen Menschen erkannt und verstehe, daß sie sich nicht aufdrängen wolle. Deshalb gerade sei ihre Hilfe angeboten worden. Der Professor müsse überzeugt werden, es handle sich bei dieser Sache nicht allein um seine eigene und Irmgards Angelegenheit, sondern hauptsächlich um Carly. Das Mädchen sei demnächst erwachsen – müsse in die Gesellschaft eingeführt und verheiratet werden. Sie müsse bei ihrer Rückkehr aus dem Institut klare und geordnete häusliche Verhältnisse vorfinden. Habe denn Irmgard nicht ebenfalls Angehörige, denen die naheliegende Lösung einer Heirat willkommen sein werde?

Irmgard hatte während der lebhaften Rede der Gräfin den Kopf gesenkt, sie war sehr rot geworden und sah zu Boden.

Leise schüttelte sie den Kopf auf die direkte Frage.

Die alte Dame in ihren Seiden und Spitzen hob das Lorgnon über die rassige Hakennase und betrachtete ernsthaft das Mädchen, das still zusammengefaßt am Tisch ihr gegenüber saß. Sie seufzte, ließ das Lorgnon fallen und sagte einiges über den Egoismus der Männer. Ein ironisches Lächeln ging über Irmgards schönes, wieder bleich gewordenes Gesicht. »Wir ändern sie nicht – und müssen sie nehmen, wie sie sind«, antwortete sie.

»Das weiß Gott – und können sie doch nicht entbehren«, schalt die Gräfin.

Irmgard blickt sie mit ihren klaren Augen ernsthaft an. »Große Werke steigen wohl immer aus dämonischen Urgründen«, sagte sie leise, erhob sich darauf und küßte ehrfurchtsvoll die gepflegte ringgeschmückte Hand der alten Dame. »Ich danke Ihnen«, sagte sie einfach und verabschiedete sich.

Es ist indessen nicht leicht, einer herrschgewohnten vornehmen Frau und Gönnerin einen Plan, mit dem sie Glück zu stiften hofft, auszureden.

Gräfin Schlodern nahm trotz des Widerstandes, den sie bei Irmgard fand, Gelegenheit, Jakob Urich an seine Pflichten gegen die Freundin wie gegen die Tochter eindringlich zu gemahnen.

Es lag nicht in der Natur des verwöhnten Meisters, auf seine Mäzene irgendwelche Rücksicht zu nehmen. Die Gräfin Schlodern wurde so schroff und rauh abgefertigt, daß sie Urichs Haus nicht wieder betrat.

In böser Laune fragte Urich, ob Irmgard die Gräfin gegen ihn vorgeschickt habe.

Irmgard zog die Brauen zusammen.

»Du solltest mich besser kennen«, entgegnete sie herb. »Ich bin nicht deine Wirtschafterin, die auf eine Heirat dringt, sobald der Platz frei geworden ist.«

Noch nie zuvor hatte der Mann diesen harten, hochfahrenden Ton aus dem weichen Munde gehört.

Sie wird älter, dachte er, dann bekommen die Frauen scharfe Züge und eine scharfe Stimme. Doch nahm er zugleich ihre beiden Hände in die seinen. »Nenne es meinetwegen Aberglauben – ich fürchte jede Veränderung in unserer Beziehung. Was brauchen wir noch bürgerliche Formen, du weißt, was du mir bist. Selbst wenn die Zeit die Leidenschaft mildert oder verlöscht – als dem Menschen, dem ich alles sagen darf, der mir tief verbunden ist, wirst du mir immer unentbehrlich bleiben.«

Irmgard schlug ihre schwermütigen Augen zu ihm auf und antwortete dieselben Worte, mit denen sie der Gräfin geantwortet hatte: »Ich danke dir.«

»Übrigens«, fuhr er in leichterem Tone fort, »verstehst du mehr von Kunst als irgendeine Frau, die ich kenne. Du weißt, wie hoch ich das schätze. Es ist unerhört, daß du deine eigene Malerei so vernachlässigst.«

Nach dieser Aussprache schien jede Verstimmung überwunden. Dennoch blieb eine Kühle, die keiner von beiden zu erklären wagte.

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