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Gutenberg > Euripides >

Iphigenie in Aulis

Euripides: Iphigenie in Aulis - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Zweiter Band
authorEuripides
translatorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleIphigenie in Aulis
pages583
created20010105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt.

Erster Auftritt.

Menelaus. Der alte Sklave kommen in heftigen Wortwechsel.

Sklave. Das ist Gewalt! Gewalt ist das, du wagest,
Was du nicht wagen sollst, Atride!

Menelaus.                                               Geh!
Das heißt zu treu an seinem Herrn gehandelt.

Sklave. Ein Vorwurf, der mir Ehre bringt.

Menelaus.                                                 Du sollst
Mir heulen, Alter, thust du eine Pflicht
Nicht besser.

Sklave.                 Du hast keine Briefe zu
Erbrechen, die ich trage.

Menelaus.                               Du hast keine
Zu tragen, die ganz Griechenland verderben.

Sklave. Das mache du mit Andern aus. Mir gib
Den Brief zurücke.

Menelaus.                       Nimmermehr.

Sklave.                                                 Ich lasse
Nicht eher ab –

Menelaus.                 Nicht weiter, wenn dein Kopf
Nicht unter meinem Scepter bluten soll.

Sklave. Mag's! Es ist ehrenvoll, für seinen Herrn
Zu sterben.

Menelaus.         Her den Brief! Dem Sklaven ziemen
So viele Worte nicht. (Er entreißt ihm den Brief.)

Sklave (rufend).                 O mein Gebieter!
Gewalt, Gewalt geschieht uns, Agamemnon!
Gewaltsam reißt er deinen Brief mir aus
Den Händen. Menelaus will die Stimme
Der Billigkeit nicht hören und entreißt
Mir deinen Brief.

 
Zweiter Auftritt

Agamemnon zu den Vorigen.

Agamemnon.               Wer lärmt so vor den Thoren?
Was für ein unanständig Schrei'n?

Sklave.                                                 Mich, Herr,
Nicht diesen mußt du hören.Es muß angenommen werden, daß der Sklave sich hier zurückzieht oder auch ganz entfernt.

Agamemnon (zu Menelaus).             Nicht, was schiltst
Du diesen Mann und zerrst ihn so gewaltsam
Herum?

Menelaus.     Erst sieh mir ins Gesicht; antworten
Werd' ich nachher.

Agamemnon.                 Ich – ein Sohn Atreus' – soll
Etwa die Augen vor dir niederschlagen?

Menelaus. Siehst du dies Blatt, das ein verdammliches
Geheimniß birgt?

Agamemnon.               Gib es zurück, dann sprich!

Menelaus. Nicht eher, bis das ganze Heer erfahren,
Wovon es handelt.

Agamemnon.                 Was? du unterfingst dich,
Das Siegel zu erbrechen? zu erfahren,
Was nicht bestimmt war, dir bekannt zu werden?

Menelaus. Und, dich noch schmerzlichen zu kränken, sieh,
Da deckt' ich Ränke auf, die du im Stillen
Verübtest.

Agamemnon.     Eine Frechheit ohne Gleichen!
Wo – o ihr Götter! – wo kam dieser Brief
In deine Hände?

Menelaus.                 Wo ich deine Tochter
Von Argos endlich kommen sehen wollte.

Agamemnon. Wer hat zu meinem Hüter dich bestellt?
Ist das nicht frech?

Menelaus.                     Ich übernahm es, weil's
Mir so gefiel, denn deiner Knechte bin
Ich keiner!Weil es mir so gefiel – denn deiner Knechte bin ich keiner. Dieser Sinn schien mit den Worten des Textes angemessener und überhaupt griechischer zu sein, als welchen Brumoy und andere Uebersetzer dieser Stelle geben. Ma volonté est mon droit. Est-ce à vous, à me donner la loi? Nicht doch! So konnte Menelaus nicht auf den Vorwurf antworten, den ihm Agamemnon macht, was er nöthig habe, seine (Agamemnons) Angelegenheit zu beobachten, zu bewachen (φυλασσειν)? Ich hab' es nicht nöthig, antwortet Menelaus, denn ich bin nicht dein Knecht. Ich hab' es gethan, weil es mir so gefiel, quia voluntas me vellicabat. Auch mußte Brumoy in der Frage schon dem griechischen Texte Gewalt anthun, um seine Antwort herauszubringen. De quel droit, je vous prie, entrez-vous dans mes secrets sans mon aveu? Im Text heißt es bloß: Was hast du meine Angelegenheiten zu beobachten? Im Französischen ist die Antwort trotzig, im Griechischen ist sie naiv.

Agamemnon.       Unerhörte Dreistigkeit!
Bin ich nicht Herr mehr meines Hauses?

Menelaus.                                                       Höre,
Sohn Atreus'! Festen Sinnes bist du nicht!
Heut willst du dieses, gestern war es jen's,
Und etwas anders ist es morgen.

Agamemnon.                                       Scharfklug,
Das bist du! Unter vielen schlimmen Dingen ist
Das schlimmste eine scharfe Zunge.

Menelaus. Ein schlimmres ist ein wankelmüth'ger Sinn;
Denn der ist ungerecht und undurchschaulich
Den Freunden. Den Beweis will ich gleich führen.
Laß nicht, weil jetzt der Zorn dich übermeistert,
Die Wahrheit dir zuwider sein. Groß Lob
Erwarte nicht. Ist jene Zeit dir noch
Erinnerlich, da du der Griechen Führer
In den Trojanerkrieg zu heißen branntest?
Sehr ernstlich wünschtest du, was du in schlauer
Gleichgültigkeit zu bergen dich bemühtest.
Wie demuthsvoll, wie kleinlaut warst du da!
Wie wurden alle Hände da gedrücket!
Da hatte, wer es nur verlangte, war's
Auch nicht verlangte, freien Zugang, freies
Und offnes Ohr bei Atreus' Sohn! Da standen
Geöffnet allen Griechen deine Thore.
So kauftest du mit schmeichlerischem Wesen
Den hohen Rang, zu dem man dich erhoben.
Was war dein Dank? Des Wunsches kaum gewährt,
Sieht man dich plötzlich dein Betragen ändern.
Der Freunde wird nicht mehr gedacht; schwer hält's,
Nur vor dein Angesicht zu kommen; selten
Erblickt man dich vor deines Hauses Thoren.
Die alte Denkart tauscht kein Ehrenmann
Auf einem höhern Posten. Mehr als je,
Hebt ihn das Glück, denkt seiner alten Freunde
Der Ehrenmann, denn nun erst kann er ihnen
Vergangne Dienste kräftiglich vergelten.
Sieh, damit fingst du's an! Das war's, was mich
Zuerst von dir verdroß! Du kommst nach Aulis,
Das Heer der Danaer mit dir. Der Zorn
Der Himmlischen verweigert uns die Winde.
Gleich bist du weg. Der Streich schlägt dich zu Boden.
Es dringt in dich der Griechen Ungeduld,
Der Schiffe müß'ge Last zurückgesandt,
In Aulis länger unnütz nicht zu rasten.
Wie kläglich stand es da um deine Feldherrnschaft!
Was für ein Leiden, keine tausend Schiffe
Mehr zu befehligen, auf Troja's Feldern
Nicht mehr der Griechen Schaaren auszubreiten!
Da kam man zu dem Bruder. »Was zu thun?
Wo Mittel finden, daß die süße Herrschaft
Und die erworbne Herrlichkeit mir blieb'?«
Es kündigt eine günst'ge Fahrt den Schiffen
Der Seher Kalchas aus dem Opfer an,
Wenn du dein Kind Dianen schlachtetest.
Wie fiel dir plötzlich da die Last vom Herzen!Wie fiel dir plötzlich da die Last vom Herzen. Im Griechischen klingt es noch stärker: Du freutest dich in deinem Herzen. Erleichtert konnte sich Agamemnon allenfalls fühlen, daß ihm durch Kalchas ein Weg gezeigt wurde, seine Feldherrnwürde zu erhalten und seine ehrgeizigen Absichten durchzusetzen; freuen konnte er sich aber doch nicht, daß dieses durch die Hinrichtung seiner Tochter geschehen mußte.
Gleich, gleich bist du's zufrieden sie zu geben.
Aus freiem Antrieb, ohne Zwang (daß man
Dich zwang, kannst du nicht sagen) sendest du
Der Königin Befehl, dir ungesäumt
Zum hochzeitlichen Band mit Peleus' Sohn
(So gabst du vor) die Tochter herzusenden.
Nun hast du plötzlich eines andern dich
Besonnen, sendest heimlich widersprechenden
Befehl nach Argos; nun und nimmermehr
Willst du zum Mörder werden an dem Kinde.
Doch ist die Luft, die jetzo dich umgibt,
Die nämliche, die deinen ersten Schwur
Vernommen. Doch so treiben es die Menschen!
Zu hohen Würden sieht man Tausende
Aus freier Wahl sich drängen, in vermessnen
Entwürfen schwindelnd sich versteigen; doch
Bald legt den Wahn des Haufens Flattersinn,
Und ihres Unvermögens stiller Wink
Bringt schimpflich sie zum Widerruf. Nur um
Die Griechen thut mir's leid, voll Hoffnung schon,
Vor Troja hohen Heldenruhm zu ernten,
Jetzt deinetwegen, deiner Tochter wegen,
Das Hohngelächter niedriger Barbaren!
Nein! eines Heeres Führung, eines Staates
Verwaltung sollte Reichthum nie vergeben –
Kopf macht den Herrn. Es sei der Erste, Beste
Der Einsichtsvolle! Er soll König sein.

Chor. Zu was für schrecklichen Gezänken kommt's,
Wenn Streit und Zwist entbrennet zwischen Brüdern!

Agamemnon. Die Reih' ist nun an mir, dich anzuklagen.
Mit kürzern Worten will ich's thun – ich will's
Mit sanftern Worten thun, als du dem Bruder
Zu hören gabst. Vergessen darf sich nur
Der schlechte Mensch, der kein Erröthen kennt.
Sag' an, was für ein Dämon spricht aus deinem
Entflammten Aug? Was tobest du? Wer that
Dir wehe? Wornach steht dein Sinn? Die Freuden
Des Ehebettes wünschest du zurücke?
Bin ich's, der dir sie geben kann? Ist's recht,
Wenn du die Heimgeführte schlecht bewahrtest,
Daß ich Unschuldiger es büßen soll?
Mein Ehrgeiz bringt dich auf? – Wie aber nennst
Du das, Vernunft und Billigkeit verhöhnen,
Um eine schöne Frau im Arm zu haben?
O wahrlich! eines schlechten Mannes Freuden
Sind Freuden, die ihm ähnlich sehn! Weil ich
Ein rasches Wort nach beßrer Ueberlegung
Zurücke nahm, bin ich darum gleich rasend?
Ist's einer, wer ist's mehr, als du, der, wieder
Zu haben die Abscheuliche, die ihm
Ein gnäd'ger Gott genommen, keine Mühe
Zu groß und keinen Preis zu theuer achtet?
Um deinetwillen, meinst du, haben Tyndarn
Durch tollen Schwur die Fürsten sich verpflichtet?
Der Hoffnung süße Göttin riß, wie dich,
Die Liebestrunkenen dahin. So führe
Sie denn zum Krieg nach Troja, diese Helfer!
Es kommt ein Tag, schon seh' ich ihn, wo euch
Des nichtigen, gewaltsam ausgepreßten
Gelübdes schwer gereuen wird. Ich werde
Nicht Mörder sein an meinen eignen Kindern.
Tret' immerhin, wie deine Leidenschaft es heischt,
Gerechtigkeit und Billigkeit mit Füßen,
Der Rächer einer Elenden zu sein.
Doch mit verruchten Mörderhänden gegen
Mein theures Kind, mein eigen Blut zu rasen –
Abscheulich! Nein! Das würde Nacht und Tag
In heißen Thränenfluthen mich verzehren.
Hier meine Meinung, kurz und klar und faßlich:
Wenn du Vernunft nicht hören willst, so werd'
Ich meine Rechte wissen zu bewahren.

Chor. Ganz von dem Jetzigen verschieden klang,
Was Agamemnon ehedem verheißen.
Doch welcher Billige verargt es ihm,
Möcht' er des eignen Blutes gerne schonen?

Menelaus. So bin ich denn – ich unglücksel'ger Mann! –
Um alle meine Freunde!

Agamemnon.                           Fordre nicht
Der Freunde Untergang – so werden sie
Bereit sein, dir zu dienen.

Menelaus.                                 Und woran
Erkenn' ich, daß ein Vater uns gezeugt?

Agamemnon. In allem, was du Weises mit mir theilest,
In deinen Rasereien nicht.

Menelaus.                                 Es macht
Der Freund des Freundes Kummer zu dem seinen.

Agamemnon. Dring in mich, wenn du Liebes mir erweisest,
Nicht, wenn du Jammer auf mich häufst.

Menelaus.                                                       Du könntest
Doch der Achiver wegen etwas leiden!

Agamemnon. In den Achivern raset, wie in dir,
Ein schwarzer Gott.

Menelaus.                       Auf deinen König stolz,
Verräthst du, Untheilnehmender, den Bruder.
Wohlan! so muß ich andre Mittel suchen,
Und andre Freunde für mich wirken lassen.

 
Dritte Auftritt.

Ein Bote zu den Vorigen.

Bote. Ich bringe sie – o König aller Griechen!
Ich bringe, Hochbeglückter, dir die Tochter,
Die Tochter Iphigenia. Es folgt
Die Mutter mit dem kleinen Sohn; gleich wirst du
Den langentbehrten lieben Anblick haben.
Jetzt haben sie, vom weiten Weg erschöpft,
Am klaren Bach ausruhend, sich gelagert;
Auf naher Wiese grast das losgebundene
Gespann. Ich bin vorausgeschritten, daß
Du zum Empfange dich bereiten möchtest;
Denn schon im ganzen Lager ist's bekannt,
Sie sei's! – Kann deine Tochter still erscheinen?
Zu ganzen Schaaren drängt man sich herbei,
Dein Kind zu sehn – Es sind der Menschen Augen
Mit Ehrfurcht auf die Glücklichen gerichtet.
Was für ein Hymen, fragt man dort und hier,
Was für ein andres Fest wird hier bereitet?
Rief König Agamemnon, nach der lang
Abwesenden Umarmungen verlangend,
Die Tochter in das Lager? Ganz gewiß,
Versetzt ein Anderer, geschieht's, der Göttin
Von Aulis die Verlobte vorzustellen.
Wer mag der Bräutigam wohl sein? – Doch eilt,
Zum Opfer die Gefäße zu bereiten,
Bekränzt mit Blumen euer Haupt! (Zu Menelaus.)
                                                      Du ordne
Des Festes Freuden an. Es halle von
Der Saiten Klang und von der Füße Schlag
Der ganze Palast wieder. Siehe da,
Für Iphigenien ein Tag der Freude!

Agamemnon (zum Boten). Laß es genug sein! Geh! Das Uebrige
Sei in des Glückes gute Hand gegeben. (Bote geht ab.)

 
Vierter Auftritt.

Agamemnon. Menelaus. Chor.

Agamemnon. Unglücklichster, was nun? – Wen – wen bejammr' ich
Zuerst? Ach, bei mir selbst muß ich beginnen!
In welche Schlingen hat das Schicksal mich
Verstrickt – ein Dämon, listiger als ich,
Vernichtet alle meine Künste. Auch
Nicht einmal weinen darf ich. Sel'ges Loos
Der Niedrigkeit, die sich des süßen Rechtes
Der Thränen freuet und der lauten Klage!
Ach, das wird unser Einem nie! Uns hat
Das Volk zu seinen Sklaven groß gemacht.
Es ist unköniglich, zu weinen – ach
Und hier nicht weinen, ist unväterlich!

Wie vor die Mutter treten? Was ihr sagen?
Wie ihr ins Auge sehen? – Mußte sie,
Mein Elend zu vollenden, ungeladen
Die Tochter hergeleiten? – Doch wer nimmt's
Der Mutter, das geliebte Kind der süßen
Vermählung zuzuführen? – Nur zu sehr,
Treuloser! hat sie dir gedient, da sie,
Was sie auf Erden Theures hat, dir liefert!

Und sie, die unglücksel'ge Jungfrau – Jungfrau?
Ach nein, nein! bald wird Hades sie umfangen.
Erbarmungswürdige! Da liegt sie mir
Zu Füßen – »Vater! morden willst du mich?
Ist das die Hochzeit, die du mir bereitet?
So gebe Zeus, daß du und Alles, was
Du Theures hast, nie eine beßre feire!«
Orest, der Knabe, steht dabei und jammert
Unschuldig mit, unwissend, was er weinet,
Ach, von dem Vater nur zu gut verstanden!
O Paris! Paris! Paris! welchen Jammer
Hat deine Hochzeit auf mein Haupt geladen!

Chor. Er jammert mich, der unglücksvolle Fürst.
So sehr ich Fremdling bin, sein Leiden geht mir nahe.

Menelaus. Mein Bruder! Laß mich deine Hand ergreifen!

Agamemnon. Da hast du sie. Du bist der Hochbeglückte,
Ich der Geschlagene.

Menelaus.                         Bei Pelops, deinem
Und meinem Ahnherrn, Bruder, und bei deinem
Und meinem Vater Atreus sei's geschworen!
Ich rede wahr und ohne Winkelzug
Mit dir, gerad' und offen, wie ich's meine.
Wie dir die Augen so von Thränen flossen,
Da, Bruder – sieh, ich will dir's nur gestehn –
Da ward mein innres Mark bewegt, da konnt' ich
Mich selbst der Thränen länger nicht erwehren.
Ich nehme, was ich vorhin sprach, zurück.
Ich will nicht grausam an dir handeln. Nein,
Ich denke nunmehr ganz wie du. Ermorde
Die Tochter nicht, ich selber rath' es dir.
Mein Glück geh' deinem Glück nicht vor. Wär's billig,
Daß mir‘s nach Wunsche ginge, wenn du leidest?
Daß deine Kinder stärben, wenn die meinen
Des Lichts sich freun? Um was ist mir's denn auch
Zu thun? Laß sehn! Um eine Ehgenossin?
Und find' ich die nicht aller Orten, wie's
Mein Herz gelüstet? Einen Bruder soll ich
Verlieren, um Helenen heimzuholen?
Das hieße Gutes ja für Böses tauschen!
Ein Thor, ein heißer Jünglingskopf war ich
Vorhin; jetzt, da ich's reifer überdenke,
Jetzt fühl' ich, was das heißt – sein Kind erwürgen!
Die Tochter meines Bruders am Altar
Um meiner Heirath willen hingeschlachtet –
Nein, das erbarmt mich, wenn ich nur dran denke!
Was hat das Kind mit dieser Helena
Zu schaffen? Die Armee der Griechen mag
Nach Hause gehn. Drum, lieber Bruder, höre
Doch auf, in Thränen dich zu baden und
Auch mir die Thränen in das Aug zu treiben.
Will ein Orakel an dein Kind – das hat
Mit mir nichts mehr zu schaffen. Meinen Antheil
Erlass' ich dir. Es siegt die Bruderliebe.
Entsag' ich einem grausamen Begehren,
Was hab' ich mehr als meine Pflicht gethan?
Ein guter Mann wird stets das Beßre wählen.

Chor. Das nenn' ich brav gedacht und schön – und wie
Man denken soll in Tantalus' Geschlechte!
Du zeigst dich deiner Ahnherrn werth, Atride.

Agamemnon. Jetzt redest du, wie einem Bruder ziemt.
Du überraschest mich. Ich muß dich loben.

Menelaus. Lieb' und Gewinnsucht mögen oft genug
Die Eintracht stören zwischen Brüdern. Mich
Hat's jederzeit empört, wenn Blutsverwandte
Das Leben wechselseitig sich verbittern.

Agamemnon.                                                   Wahr!
Doch, ach! dies wendet die entsetzliche
Nothwendigkeit nicht ab. Ich muß, ich muß
Die Hände tauchen in ihr Blut.

Menelaus.                                         Du mußt?
Wer kann dich nöthigen, dein eigen Kind
Zu morden?

Agamemnon.       Die versammelte Armee
Der Griechen kann es.

Menelaus.                           Nimmermehr, wenn du
Nach Argos sie zurücke sendest.

Agamemnon.                                       Laß
Auch sein, daß mir's von dieser Seite glückte,
Das Heer zu hintergehn – von einer andern –

Menelaus. Von welcher andern? Allzusehr muß man
Den großen Haufen auch nicht fürchten.

Agamemnon.                                                 Bald
Wird er von Kalchas das Orakel hören.

Menelaus. Laß dein Geheimniß mit dem Priester sterben!
Nichts ist ja leichter.

Agamemnon.                     Eine ehrbegier'ge
Und schlimme Menschenart sind diese Priester.

Menelaus. Nichts sind sie, und zu nichts sind sie vorhanden.

Agamemnon. Und – eben fällt mir's ein – was wir am meisten
Zu fürchten haben – davon schweigst du ganz.

Menelaus. Entdecke mir's, so weiß ich's.

Agamemnon.                                             Da ist ein
Gewisser Sohn des Sisyphus – der weiß
Schon um die Sache.

Menelaus.                         Der kann uns nicht schaden!

Agamemnon. Du kennst sein listig überredend Wesen
Und seinen Einfluß auf das Volk.

Menelaus.                                             Und, was
Noch mehr ist, seinen Ehrgeiz ohne Grenzen.

Agamemnon. Nun denke dir Ulyssen, wie er laut
Vor allen Griechen das Orakel offenbart,
Das Kalchas uns verkündigt, offenbart,
Wie ich der Göttin meine Tochter erst
Versprach und jetzt mein Wort zurücke nehme.
Durch mächt'ge Rede reißt der Plauderer
Das ganze Lager wüthend fort, erst mich,
Dann dich und dann die Jungfrau zu erwürgen.
Laß auch nach Argos mich entkommen – mit
Vereinten Schaaren fallen sie auf mich,
Zerstören feindlich die Cyklopenstadt
Und machen meinem Reiche dort ein Ende.
Du weißt mein Elend – Götter, wozu bringt
Ihr mich in diesem fürchterlichen Drange!

Den einz'gen Dienst noch, lieber Menelaus,
Erweise mir – gehst du durchs Lager, suche
Ja zu verhüten, daß der Mutter nicht
Kund werde, was hier vorgehn soll, bevor
Der Erebus sein Opfer hat – so bin ich
Doch mit der kleinsten Thränensumme elend. (Zum Chor.)
Ihr aber, fremde Fraun – Verschwiegenheit!

(Agamemnon und Menelaus gehen.)

Zweite Zwischenhandlung.

Chor.

(Strophe.) Selig, selig sei mir gepriesen,
Dem an Hymens schamhafter Brust
In gemäßigter Lust
Sanft die Tage verfließen.

Wilde, wüthende Triebe
Weckt der reizende Gott.
Zweierlei Pfeile der Liebe
Führt der goldlockigte Gott.

Jener bringt selige Freuden,
Dieser mordet das Glück.
Reizende Göttin, den zweiten
Wehre vom Herze zurück.

Sparsame Reize verleih mir, Dione,
Keusche Umarmungen, heiligen Kuß,
Deiner Freuden bescheidnen Genuß!
Göttin, mit deinem Wahnsinn verschone!

(Gegenstrophe.) Verschieden ist der Sterblichen Bestreben
Und ihre Sitten mancherlei;
Doch eine That wird ewig leben,
Genug, daß sie vortrefflich sei.
Zucht und Belehrung lenkt der Jugend
Bildsame Herzen früh zur Tugend.

Wenn Scham und Weisheit sich vereinen,
Sieht man die Grazien erscheinen
Und Sittlichkeit, die fein entscheidet,
Was ehrbar ist und edel kleidet –
Das gibt den hohen Ruhm des Weisen,
Der nimmer altert mit dem Greisen.

Groß ist's, der Tugend nachzustreben.
Das Weib dient ihr im stillen Leben
Und in der Liebe sanftem Schooß;
Doch in des Mannes Thaten malen
Sich prangend ihre tausend Strahlen,
Da macht sie Städt' und Länder groß.Diese ganze Antistrophe, die zwei ersten Absätze besonders, sind mit einer gewissen Dunkelheit behaftet; die Moral, die sie enthalten, ist zu allgemein, man vermißt den Zusammenhang mit dem Uebrigen. Prevôt hält den Text für verdorben. Diese allgemeinen Reflexionen des Chors über seine Sitten und Anständigkeit, dünkt mir, könnten eben so gut durch das unartige Betragen beider Brüder gegen einander in einer der vorhergehenden Scenen, davon der Chor Zeuge gewesen ist, veranlaßt worden sein, als durch den Frauenraub des Paris. Die Schwierigkeit, den eigentlichen Sinn des Textes herzustellen, wird die Freiheit entschuldigen, die ich mir bei der Uebersetzung genommen habe.

(Epode.) O Paris! Paris! wärest du geblieben,
Wo du das Licht zuerst gesehn,
Wo du die Heerde still getrieben,
Auf Idas triftenreichen Höhn!
Dort ließest du auf grünem Rasen
Die silberweißen Rinder grasen
Und buhltest auf dem phryg'schen Kiele
Mit dem Olymp im Flötenspiele
Und sangest dein barbarisch Lied.
Dort war's, wo zwischen drei Göttinnen
Dein richterlicher Spruch entschied,
Ach! der nach Hellas dich geführet
Und in den glänzenden Palast,
Mit prächt'gem Elfenbein gezieret,
Den du mit Raub entweihet hast.
Helenens Auge kam dir da entgegen,
Und liebewund zog sie's zurück.
Helenen kam dein Blick entgegen,
Und liebetrunken zogst du ihn zurück.
Da erwachte die Zwietracht, die Zwietracht entbrannte
Und führte der Griechen versammeltes Heer,
Bewaffnet mit dem tödtenden Speer,
In Schiffen heran gegen Priamus' Lande.

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