Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Geißler >

Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Das ging Uwe Nomsen hart an: durch den Tau des Frühmorgens hindurch in die hochstehende Sonne des Mittags die Sense zu schwingen. Alle waren sie in diesen Tagen draußen im Heu, selbst Ocke Frerksen, der seit jener unheilvollen Märznacht nicht mehr zu Schiffe gegangen war und der auch nicht mehr den scharfen Schnitt des Stahles durch das kurze blumenübersäte Gras sausen hörte.

Da sanken die Schwaden unter dem kräftigen Sensenschwung, und die Sonne schlang ein Band von Perlen um die Stirnen dieser Könige der Arbeit. Auf den gebräunten Wangen lachte die Gesundheit und in den blitzenden Augen die Lebensfreude. Die Sensen wuchsen den Mähern in die Hände.

Aber Uwe Nomsen ging's hart an. Mit diesen Blumen hatte er einen Mai lang geredet. Und nun sanken sie unter dem sausenden Schnitte der Sense. Darum war Uwe Nomsen der Stillste von allen. Seine Träume hatten ihn hinausgetragen über die Meere der Erde von Jugend an. Aber sie hatten sein Herz weich und sehnsüchtig gemacht, und als die Zeit kam, da er sich hätte verheuern müssen, da sah er sich mit tausend Fäden an die Heimatscholle geknüpft, und sein Herz wollte nicht lassen von der lieben Welt, die es sich zurechtgebaut hatte um Haus und Herd. Seine Hand war zu weich geworden für den harten Griff in Tauen und Wanten, und ihm bangte davor, als Steuermann seines Lebensschiffes das Gestade der Halligen aus dem Auge zu verlieren. Hier war seine Welt – die war wohl anders, als sie die Halligleute kannten; aber er war vertraut mit ihr. Der anderen, der großen weiten, und der Zeit in dieser Welt war Uwe Nomsen ein Fremdling geblieben.

Das sagte Jochen Klähn ihm gerad' heraus.

Und so kam's, daß Nomsen, der Träumer, keinen Plan fürs Leben schmiedete, als Jochen Klähn mit dem seinen längst fertig war. Es war so: Jochen Klähn wollte diesem Leben entgegengehen und viel von ihm fordern. Uwe Nomsen aber ließ das Leben an sich herankommen und wartete, was es für ihn in den Händen halten werde.

Jochen Klähn wollte lernen, wollte nach Flensburg auf die Schifferschule. Und wenn die drei Winter vorbei wären, die er dort zu verbringen hatte – was dann werde, davon hatte Jochen Klähn sich seinen Plan gemacht; er hatte mit seinem Vater Knudt Klähn manchen Abend darüber gesprochen, und sie hatten alles sorglich erwogen. Weil die Halligleute aber keinen Glauben an das beabsichtigte Werk der Klähns hatten, so mußte Jung Jochen einstweilen schweigen: die Zeit sollte reifen.

Uwe Nomsen dagegen wollte über den kleinen Pflichten des Hauses sein Leben weiterträumen. Die lagen nun schon drei Jahre auf ihm, so jung er noch war; denn seit drei Jahren war Melf Nomsen tot. Und er tat diese Pflichten getreulich, und er tat ohne Seufzen, was not war. Auch heute. Aber seiner weichen Hand kam's hart an, sein Arm ermüdete, und auf seine Stirn setzte die Sommersonne lachend einen Doppelreif schimmernder Perlen. Und seine Seele sehnte sich in die Ruhe ihrer Träume, sehnte sich nach den Wundern, von denen die Bücher erzählten, die auf den langen Regalen beim Pfarrer standen und die ihm alle zugängig waren.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.