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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

In den Tagen, in denen der grüne Sammet des kurzen Halligrasens weicher wurde und deren goldene Morgen voll Staunen die bunten Wunder betrachteten, die die Nächte heimlich in das schwellende Grün gewirkt hatten, ward Ipke Tamen häufiger an der Seite Uwe Nomsens gesehen; die Geschichte mit der schönen Meerfrau hatte den Kindern noch für die nächste Zeit zu denken und zu reden gegeben.

Und weil Hertje Nomsen und Jens Klähn durch mancherlei Fragen endlich auch in Ipke Tamen den Zweifel geweckt hatten, mußte Uwe Nomsens unerforschliche Weisheit Rat schaffen.

Nur Binne Bonken hatte sich bei dem beschieden, was der Junge damals berichtete. »Das ist vernünftig von Binne Bonken gewesen,« meinte Ipke Tamen, »sonst freilich ist mit ihr nicht viel anzufangen; denn in ihren Traumaugen laufen immer gleich die Tränen zusammen, wenn einer nach Jungenart einmal mit ihr reden oder spielen will.«

Wie gegen den Abend hin die See wie eine blanke Platte rings um Klähns-Hallig lag und nur die klingenden Wellen an der Kante verrieten, daß auch das segnende Gold dieses Frühlingstages sie nicht ganz eingeschläfert habe, schlenderte Ipke Tamen wieder einmal mit Nomsen am Rand einer Fenne dahin.

»Wie alt bist Du denn eigentlich, Uwe Nomsen?«

»Sechzehn vorbei und so alt wie Jochen Klähn.«

»Hui! Und weißt Geschichten, an die vielleicht selbst Eike Klähn ihr Lebtag nicht gedacht hat. Hast Du die alle aus den Büchern auf des Pfarrers Regalen?«

Da lachte Uwe Nomsen: »Manche.« Und nachdenklich setzte er hinzu: »Manche hab' ich mir aber auch selber ausgedacht.«

Da wuchs Ipke Tamens Staunen: »Selber – ausgedacht? Hm – kann man denn so etwas?«

Sie waren inzwischen an den großen Felsblock gekommen, der einst in der Eiszeit sich auf die Hallig verirrt hat. Ipke Tamen lief in Schaftstiefeln. in deren Rohren er die Hosen unten vor der zähen Kleierde des Watts in Sicherheit gebracht hatte. Es geht keiner ohne Seestiefel von der Werft um die Kante, außer dem einzigen, der manchmal um die Ebbe so weit draußen im Watt steht, daß die Leute auf der Werft von dem Fernrohre sich sagen lassen müssen: der draußen im Winde, das ist Uwe Nomsen!

Uwe Nomsen hatte auch heute Holzschuhe an den Füßen: Uwe Nomsen will kein Schiffer werden.

Nun standen die beiden an dem Stein. Auf der Luvseite liefen die Wellen in müßigem Spiel noch manchmal gegen ihn an; es war die Zeit der beginnenden Ebbe. Aber die Watte mußten noch ein gut Stück trockenrinnen, bis das Wasser tief stand.

Uwe Nomsen stützte den Arm im Ellbogen gegen den Stein, den er einmal den »feurigen Mann« genannt hatte, weil ihn in Gewitternächten die Irrlichter umtanzen. So angelehnt sah er jetzt den schläfrig heraufrollenden Wellen zu: »Schau, Ipke Tamen, wie sie versuchen, ob sie noch gegen den Fels anrennen können!«

Und es dauerte nicht lange, so besprach sich Uwe Nomsen halblaut mit den verebbenden Wassern. Da merkte Ipke Tamen, daß die Wellen Worte für Uwe Nomsen haben mußten: denn was er sprach, klang manchmal wie die Antwort auf eine Frage.

Endlich, wie die zitternde abendrote See auch im Sprunge den feurigen Mann nicht mehr berühren konnte und Ipke Tamen auf dem Wattgrunde schon längst Muscheln suchte, weil ihn das einsilbige Schauen langweilte, ging ihm Uwe Nomsen hinterdrein.

Ipke schnellte die flachen Austerschalen über die mählich weichende Flut, und Uwe Nomsen, der dem Spiel eine Weile zugeschaut halte, sagte: »Solch eine silberne Muschel klingt in hüpfenden Sprüngen so lange über die goldene Bahn der See, bis sie von dem Arm einer neugierigen Wasserfrau in die Tiefe gezogen wird.«

»Das hast Du wieder einmal merkwürdig gedacht!« klang plötzlich eine Stimme in die versonnene Freude Nomsens. Es war die Jochen Klähns. So lautlos war der über Frühlingsgras und Wattgrund geschritten, daß auch Ipke überrascht zu ihm aufschaute.

Und Jochen Klähn schlug Nomsen mit leisem Schlage lachend auf die Schulter: »Wenn Eike Klähn Deine Ahne wäre, Uwe Nomsen, da wärst Du am Ende zu erklären!«

»Ich zu erklären?« fragte Nomsen zurück. »Warum nur dann?«

»Sehr einfach! Weil in Großmutter Eikes Herzen alle Gespenster, alle Unterirdischen, alle Nixen und Märchenkönige leibhaftig ein und aus gegangen sind, von denen auf den Inseln jemals die Rede gewesen ist. Den Puck sieht sie an Sommermittagen wohl auch heute noch manchmal in der Bodenluke sitzen. Na, die andern sind ihr möglicherweise inzwischen abhanden gekommen.«

Überdem hatte sich Ipke Tamen zu den beiden herangefunden, und nun schritten sie zu dritt dem Grasland entgegen, über das an diesem Abende wieder zum erstenmal der weiche Duft von frischem Heu sich herübertastete.

Uwe Nomsen sann so vor sich hin, während ihm Jochen Klähn die Hand in den gebogenen Arm gelegt hatte. Die Möwen schlugen das zitternde Gold der untergehenden Sonne mit dem Silber ihrer Schwingen, und die Strandschwalben schossen wie sausende Pfeile über den Grund.

Uwe Nomsen hatte noch der vorigen Worte Klähns gedacht. Da blieb er plötzlich stehen und schaute dem Freunde in das lächelnde Gesicht: »Hm – eigentlich wundert's mich nicht, wenn ich nicht so bin wie Du, Jochen! Das mag sein, weil Vater Nomsen auf See geblieben ist, wie ich noch nicht einmal sechs Jahr alt war. Nachher kam noch etwas verspätet Hertje Nomsen an. Da hat Mutter schaffen müssen! Ich sage Dir: bald brüllte das Vieh, bald schrie das Kind. Und Uwe, ›der Große‹ mochte sehen, wo er blieb. Und weil die Menschen nicht mit mir redeten, hab' ich die Sprache der Dinge um mich herum gelernt; die kannte ich schon ganz gut, eh' ich noch die Leute leidlich verstand. Die See sprach; zwei Muscheln, die ich aneinander schlug, oder viele Muscheln, die ich in Reih und Glied auf dem trockengelaufenen Watt aufmarschieren ließ, die sprachen auch. Und die Blumen, die der Wind über dem Gras streifte, die etwa nicht? Und der Wind nun gar – auf den Tag will ich noch warten, an dem der einmal nicht über die Insel läuft, und an dem der mir einmal nichts zu erzählen hätte!«

Dann schlenderten die beiden wieder die Kante lang, jener Stelle an der Westecke der Hallig entgegen, an der einst Pipenwarf gelegen hatte.

Ipke Tamen war ein Stück zurückgeblieben; wie Uwe Nomsen geworden war und wie er sich selbst erklärte, das kümmerte den Jungen nicht; daß er da war – mit seinen Märchen und seinen Träumen, das war ihm genug. Während er so hinter den beiden größeren dreinschritt, sah er:

Jochen Klähn sieht schon aus wie ein seebefahrener Mann, trotz seiner sechzehn Jahre. Er ist hart und schlank; und wenn er in den Kniestiefeln dahinschreitet, deren Schäfte bei jedem Schritt hörbar aneinanderstreifen, so ist das, als wenn der Wind an einem Mastbaum sich reibt. Man könnte meinen, Jochen sei schon auf Schifferschule gewesen. Uwe Nomsen ist wohl auch groß – dafür ist er Melf Nomsens Sohn. Aber er ist weicher, lässiger im Schritt, und seine Schultern haben reichlich Platz in der grauen Joppe, während die Schultern von Jochen Klähn die Jacke sprengen möchten. Überdies hat Nomsen lange schlotternde Hosen an und stapft in Holzschuhen durch den Tag, wie sie die Frauen tragen. In Holzschuhen kann einer auf den Inseln nicht daran denken, einen weiten Weg zu gehen, und nicht einmal daran, draußen im Watt die Pfähle zu den Buhnen einzurammen, die die Kraft der See brechen sollen, wenn sie vor dem Winde in tollen Sprüngen gegen die Hallig anstürmt. Solche Holzschuhe zöge ihm der Kleigrund gar bald aus, dachte Ipke Tamen.

Nun standen sie an der Westecke des Eilands, um die ein Stück drüben das heimtückische Tief läuft, und standen an den Backsteintrümmern, die die Flut im Spiele rund gerollt hatte.

Hier hatte vor Jahren eine Werft gestanden, auf der einst Schiffer Lürsen sich sein Haus baute.

Geborstene Pfähle ragten aus dem Grunde, über den heute die See zweimal des Tages heraufkroch. Als Schiffer Lürsen seine Werft baute, war es vom Stande seines Hauses bis zur Halligkante noch weiter als einen Steinwurf entfernt.

Während rings das rote Gold des Abends in weichem Glanze lag und der Wind so sanft über die Fluren wehte – hier bei Pipenwarf hörte man ihn immer pfeifen, auch jetzt – da drückte sich Ipke Tamen die Kappe fester auf die Ohren: »Sie haben Lürsens Werft nicht umsonst die ›Pipe‹ (Pfeife) genannt! Wenn ich Lürsen gewesen wäre, ich hätte nicht daran gedacht, an dieser Stelle eine Werft zu bauen und dem Wind und der See mein Haus so vor die Nase zu setzen!«

Jochen Klähn schlug ihn auf die Achsel: »Junge, Junge, damals hat die Hallig wohl anders ausgesehen als heute!«

Aber Ipke Tamens Zweifel war nicht so rasch zum Schweigen gebracht: »Na, wie lange hat denn die Werft gestanden?«

Uwe Nomsen überlegte: »Zwei Jahre mag sie gehalten haben – nun ja, weil keiner Lust hatte, Lürsens Nachfahr zu sein, wie der gestorben war. Da haben sie die ›Pipe‹ verfallen lassen.«

Während sie so redeten, schaute Jochen Klähn von dem Hügel Backsteintrümmer wie ein Sieger die beiden Buhnen ab, die sein Vater und er während des letzten Jahres von dieser Stelle aus gegen das tückische Tief hin über das Watt in See geschoben hatten. Er deutete auf die Dämme: »Jetzt schlagen sich die Fluten draußen an den Buhnenköpfen die Stirnen ein, laufen matt gegen das Land, und was sie rauben, ist nicht mehr so viel als damals. Wenn die Dämme schon vor Jahren gestanden hätten, wäre Pipenwarf nicht verfallen.«

Ipke Tamen schaute Uwe Nomsen fragend an. »Glaubst Du das auch?« wollten seine Augen wissen.

Aber Uwe Nomsen antwortete nicht. Da fragte der Junge laut: »Wie lang ist denn Schiffer Lürsen eigentlich tot?«

»Zwölf Jahre.«

»So ist Lüdde Lürsen, sein Sohn, kaum fünf Jahr gewesen, als ihn Kapitän Frerksen ins Haus nahm?«

»Woll, woll. Übrigens,« fuhr Jochen Klähn fort, »ich habe vorhin durch das Fenster zu Lüdde Lürsen hineingefragt, ob er mitgehe, Uwe Nomsen zu suchen? Aber er lehnte bleich in Ocke Frerksens Sorgenstuhl und hustete. Ich glaube, er ist sehr krank.«

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