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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Viertes Kapitel

Die Lerchen hingen an den Sonnenstrahlen klingend im Frühlingslicht.

Eike Klähn hatte das Totenhemd immer noch nicht angezogen; aber als sie vom Rathause der Stadt drüben am Festlande eines Tages um Altertümer und Sehenswürdigkeiten als Zeichen lebendigen oder sterbenden Volkstums auf den Frieseninseln baten, da weigerte Eike Klähn, die Seherin, die vorübergehende Herausgabe des kunstvoll gearbeiteten Linnens mit der seltsamen Stickerei, das ihr Grabkleid war und an dem sie ein Lebensalter gewirkt hatte:

»Das geht nicht; denn ich werde sterben, weil ich in jener Nacht, in der Binne Bonken Stavenwüffke suchen ging, gesehen habe, wie sie mir das Totenhemd als letztes Kleid antaten.«

Und wenn in diesen Tagen Eike Klähn ein Rauschen hörte, oder wenn sie hörte, wie der Wind um die Fenster schliff, so hob sie fragend die Augen – ob es der Tod sei, der sie an der Hand nehmen wolle.

Und Eike Klähn gab das teure Linnen nicht; denn es war ihr Stolz und war ihr Reichtum.

Aber Eike Klähn starb auch nicht. Geschlechter hatten sich zur ewigen Rast gelegt; hundertmal war das Schiff des Todes mit den schwarzen Segeln, von dessen Achterdeck das flatternde Linnen des stummen Steuermanns weht, im Winde an die Kante der Hallig getrieben, aber Eike Klähn hatte der Tod die harte Hand nicht aufs Herz gelegt. Elf von den siebzehn Frauen des Eilands waren in einer Nacht Witwen geworden – Eike Klähn hatte der Tod vergessen.

Und nun saß die alte Frau wieder draußen im Frühlingstage, das Gesicht gegen den Mittag gewendet, und nun litt sie wieder, wie die Sonne mit ihrer segnenden Hand ihre welke Stirn streichelte, und ward froh, wenn sie ihr die warmen Lippen auf den verwelkten Mund legte; denn es war sonst niemand, der diesen Mund küßte.

Unter den trillernden Lerchen zitterte die Luft. Die See schickte ihre Wellen schmeichelnd herüber in den Duft der jungen Blumen. Und ganz draußen am Ende der Hallig stand der Frühling mit goldenen Flügeln und streckte seinen Arm über das lachende Eiland. Da fielen aus seinen Händen Blumen ins Gras. Auf den Weidefennen gingen die roten Kühe, schritten die Schafe mit den hüpfenden Lämmern. Und die Herzen der Menschen läuteten in jauchzender Freude hinein in das heilige Licht.

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