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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierundvierzigstes Kapitel

Am andern Abend ging Antje Nomsen an den Fenstern Kei Bonkens vorüber und ließ ihre Finger leise an der Scheibe spielen. »Kommst Du mit, Kei Bonken?«

Da nickte die drinnen: »Komm nur einen Schritt herein!«

Antje Nomsen ging hinein und sagte ihr ein süßes Geheimnis ins Ohr: nun war Jöching Nomsen bald nicht mehr der »Benjamin«.

»Weiß Goede Klähn schon?« fragte Kei Bonken lachend.

»Noch nicht, aber sie soll's diesen Abend erfahren. Und wie steht's denn mit Binne?« fragte Antje Nomsen halblaut und ernst, als sie das Mädchen draußen im Pesel schaffen hörte.

Kei Bonken zog sie ans Fenster und flüsterte: »Sie vertraut auf Jochen Klähn. Er hilft's ihr ja auch tragen. Ich bin froh, daß das alles so gekommen ist. O, ich bin froh!«

Dann gingen die Frauen hinaus und Kei Bonken sagte, während sie langsam um den Fething schritten: »Ich hätte nicht gewußt, was ich von Binne denken sollte, sie hat's mit keinem Worte verraten. Und nun hat sie ihr Herz aufgetan. Muß ich da nicht froh sein, Antje?«

Der Mond stieg in die Dämmerung des Winterabends herauf und der Schnee knirschte selbst unter dem weichen Filze der Schuhe – so kalt und klar kam die Nacht.

Bei Knudt Klähn redeten sie von Sikke und Ketel und wie die jetzt wohl ihre Einsamkeit sich vertreiben mögen ...

Das war an dem gleichen Abend – da hat sich das drüben auf Hallig Habel ereignet. Wie sie zurückrechneten, als sie alles erfahren hatten und der Winter den Weg über das Watt nach Ketels Eiland wieder freigab, besannen sie sich: das war die Nacht, in der Antje Nomsen Mutter Goede ihr Geheimnis verraten hatte.

In dieser Nacht ist das drüben auf Habel geschehen.

Die Pfeife hatte seit zwei Tagen unberührt auf dem Eckbrett in der Stube Ketel Klähns gestanden, und an diesem Abend verschmähte er auch das Nachtmahl. Da kam eine heimliche Sorge in Frau Sikkes Blick. Nach dem Essen stand sie am Herde und machte einen Aufguß von heilsamem Tee. Der Wind sang eintönig um die Fenster.

Da kam laut ein langsam Sprechen zu ihr heraus. Sie achtete seiner nicht.

Da kam ein Singen zu ihr –

Ketel Klähn singt?

»O Lamm Gottes onskoldig – – –«

Es waren harte, ungefüge Töne. Die Weise war falsch. Aber das Herz war richtig.

Da öffnete Frau Sikke die Tür: »Soll ich kommen?«

Und sie sah: das Buch, aus dem der alte Mann gebeichtet hatte, fiel mit müdem Falle auf die Diele.

Er lehnte sich im Stuhle zurück. Seine Arme streckten sich aus, seine Augen wurden weit und dann legten sich die Lider leise über den verlöschenden Blick.

Da ist draußen in der Küche der Tee übergekocht und in die Herdflamme gelaufen und hat sie ausgelöscht.

Ketel Klähns Herz tat keinen Schritt mehr.

»Was soll ich denn nun tun?« rief sie den Toten an. Es war ein harter Vorwurf in diesen Worten. »Ich mit Dir? Klähn! Klähn! Wie kannst Du denn jetzt fortgehen? Es ist ja nirgend ein Weg für mich!«

Und dann tat Frau Sikke das Fenster auf, als ob die Seele ihren Ausgang haben müsse.

Sie nahm die Lampe vom Tisch; der Nachtwind blies hinein und die Flamme blakte. Im Pesel stand der Schrank mit Ketel Klähns Feierkleidern. Die trug Sikke Klähn herein in die Stube.

Da saß der Tote im Mondlicht; das legte sein sauberes Silber über sein stilles Gesicht. Der Wind blies in die greisen Haare, wehte sie über die Stirn des Toten und richtete sie wieder empor. Ketel Klähn ließ alles geschehen.

Und sie trug Wasser im Becken herbei und wusch dem Toten Gesicht und Hände. Sie tat ihm die schwarzen Kleider an und die Schuhe an seine Füße, die er beim letzten Kirchgange getragen hatte. Dann schleppte sie den Sarg aus dem Heuraum herüber; der hatte dort sieben Jahre gestanden. Nun wollte Ketel Klähn darin schlafen.

Da schlug die Uhr Mitternacht. Es war ein feierlicher voller Klang; darum hielt Frau Sikke in ihrer Arbeit inne und lauschte in den tönenden Ruf. Und sie stellte den Sarg im Pesel auf und faßte den stillen Mann unter den Armen. An ihrem Herzen trug sie ihn hinaus und legte ihn in den Sarg und faltete ihm die Hände.

Sie zündete alle Kerzen an, die sie im Hause fand. Die gaben ihren warmen Schein in das kalte Licht des Mondes. Und sie tat die Blumen von den Fenstern und stellte sie um Ketels Ruhe. An den Storchschnäbeln drängten die ersten Blüten ihr Rot, ihr schneeiges Weiß aus den halbgeschlossenen Kelchen.

Frau Sikke legte neue Glut in den Ofen; es war kalt, bitterkalt. Und sie nahm das gefallene Buch unter dem Tische herauf und las. Die Tür zum Pesel stand offen und die Lichter brannten langsam nieder. Da und dort verlöschte eins und schwang scheidend ein Fähnlein wehenden Rauchs in die Luft. Wenn die Flammen atmeten, kam in die Schatten an den Wänden gespenstiges Leben.

Die Zeit, vor der sich die alte Frau gefürchtet hatte, war gekommen; nun war sie allein mit dem Tode und sah ihm ohne Zagen in das kalte Gesicht. So hielt Frau Sikke die Totenwacht.

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