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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Eines Tages flatterten Flaggen auf Klähns-Hallig, und bunte Wimpel schlürften in der Luft: das Watt war überbrückt, der Damm war hinübergelegt bis an den Außendeich der Küste. Aber die grollende See, die sich überlistet sah, wühlte neue Tiefen in den Wattgrund, drängte diese gegen den Damm und gewann dadurch neue Angriffspunkte, von denen aus sie den Winter über das Menschenwerk bekennen wollte.

Da plötzlich floß ein klares Getön in Lüften hoch: ein Wandervogel war es, der nach dem Süden zog ... und ihm nach ging der Herbst, ging das geschäftige Leben. Die Arbeiter verließen das Eiland, ihre fernen Hütten und Familien zu suchen, und der Winter kam und warf seinen Schnee über das Land.

Als Jochen Klähn an einem grauen Wintertage die Sicherungsbauten prüfend abgeschritten hatte und wieder nach Hause kam, lag eine schwermütige Stille über den Menschen. Das kam, weil Jens Klähn einen Sommer lang keine Nachricht gegeben hatte.

»Ja,« sagte Mutter Goede Klähn, »das war an Olk Eikes hundertstem Geburtstage, da hat Jens zum letzten Male geschrieben; der Brief kam von Buenos Aires; damals war er auf der Fahrt nach Westindien!«

Nun fragten sie alle nach ihm, aber über den Watten schaukelte das Treibeis, und der Postschiffer segelte nicht mehr.

Das schuf die Stille. Jeder schickte seine Seele aus, daß sie Jens Klähn suche.

Um diese Zeit saß Ipke Tamen mit Hertje Nomsen beim Kapitän. Sie wußten, daß sich im Nachbarhause die Herzen nach einer Nachricht von Jens Klähn gesehnt hatten. Und nun berichtete Hertje Nomsen leise, was in voriger Nacht bei Kei Bonken geschehen war. Der Kapitän saß ihr gegenüber, schaute sie mit weiten Augen an und hatte die Hand rund um das Ohr gelegt.

»Vorige Nacht, sagst Du, Hertje?«

»Ja,« nickte das Mädchen, »Kei Bonken hat schlaflos gelegen, weil Binne am Abend wieder so schweigsam gewesen ist und geweint hat. Man wird nicht klug aus ihr – ich glaube, sie weiß selbst nicht, was sie bange macht. Und wie die Sorge den Schlaf immer von Kei Bonkens Bett wehrt, da hört die Frau draußen vor dem Fenster auf einmal einen müden Schritt.«

»Sprich langsam,« mahnte der Kapitän, »und laß mich Deinen Mund sehen, dann versteh ich Dich besser, Hertje!«

Da fuhr Hertje Nomsen fort: »Die Frauen waren zuvor bei Antje gewesen. Uwe hat den langen Abend wieder viel erzählt, viel sonderliches; das hat Binne wohl das Herz angegriffen. Und dann hörte sie den Schritt unter ihrem Fenster vorüberschlürfen. Hörst du gehen? hat sie zu Kei Bonken hinübergefragt. Hörst du gehen, es ist doch Mitternacht! Da hat sich Kei Bonken im Bett aufgerichtet und gehorcht. Das Schreiten war ganz deutlich vernehmbar, darum ist sie aufgestanden und hat das Licht angezündet. Überdem ist draußen aber auch schon der obere Teil der Haustür aufgeflogen und hart gegen die Wand geschlagen, weil der Wind hinterdrein gefahren ist. Der hat den Kranz über Jürgen Bonkens Schiffskiste in der Vordiele abgerissen und zur Erde geworfen. Der Kranz ist raschelnd an der Stubentür hingefahren und die ganze Vordiele entlang.« –

»Ob sie vielleicht die obere Halbtür nicht so fest eingeklinkt haben wie die untere?« fragte der Kapitän, »und ob die etwa der Wind aufgeschlagen hat?«

Hertje Nomsen schüttelte den Kopf und erzählte weiter: »Nein, so hör doch! Kei Bonken hat sich ein Tuch umgetan, und wie sie hinauskam und die Haustür wieder anklappen wollte, da hat draußen auf der unteren Halbtür einer gelegen und hat sie mit traurigen Augen angesehen. So hat er die Ellbogen aufgestützt gehabt, und er hatte eine Schiffsjacke an. Das Haar ist ihm ganz zerwühlt gewesen.«

Der Schrecken malte sich auf den Gesichtern.

»Und nun hatte der Wind Kei Bonken auch das Licht ausgeblasen,« berichtete Hertje weiter. »Da verschwand der Gonger. Wanderer, Gänger, eine Erscheinung, welche den Inselfriesen ein auf See geschehenes Unglück anzeigt. Sie meldet sich angeblich bei dem Nachbar dessen, dem auf der Fahrt ein Leid zugestoßen ist. Draußen waren aber wieder die schlürfenden Schritte, als ginge einer in Seestiefeln seines Wegs. Dann ist wieder alles still gewesen, und Kei Bonken hat die Tür geschlossen. Auf der Vordiele, dicht bei der Tür, wie zwischen Holz und Schwelle hindurchgeronnen, hat am Morgen noch Wasser gestanden – salziges Wasser.«

Hertje Nomsen hatte langsam gesprochen, und ihre Augen und Arme waren mit bemüht gewesen, den Kapitän über das Geschehnis zu verständigen.

»Hat sie denn das Gesicht des Gongers nicht sehen können?« fragte Frerksen.

»Wohl, wohl! Aber sie hat ihn doch nicht erkannt!«

Ocke Frerksen hatte wegen seines gelinden Aberglaubens schon manchen Spott der nüchternen Klähns ertragen müssen. Und Knudt Klähn hatte einmal zu ihm gesagt: es fehle nur noch, daß er das »Likschünen« habe wie Olk Eike! Der Kapitän kannte ihren Spott.

»Wissen sie denn schon etwas drüben von dem Gonger?« fragte er und stopfte seine Pfeife von neuem.

Die andern zuckten die Achseln.

»Ich werd' Euch was sagen ...« Frerksen hielt den brennenden Papierspan über den Tabak und stieß mächtige Wolken blauen Rauchs hervor ... Hmp ... hmp. Er drückte den Span aus: »Ich werd' Euch was sagen: wenn das ein richtiger Gonger war, dann kommt er noch einmal wieder. Seit Ihr da seid, Ipke, Hertje, Binne, Ihr alle, seit dieser Zeit haben wir keinen mehr gehabt. Auch nicht, als Jürgen Bonken starb – es ist keiner gekommen. Aber wie Jerk Klähn, Knudt Klähns Vater, geblieben ist, da haben sie ihn vorn bei Hannes Paulsen gesehen – genau so wie diesmal: über die halbe Tür hat er gelehnt. Man sagt, er sähe immer erst zur Haustür herein; aber in einer der folgenden Nächte erscheint er zum anderen Male, und es ist wohl schon dagewesen, daß er sich in der Stube auf einen Stuhl gesetzt hat. Immer ist dann unter dem Stuhl ein Flecken salziges Wasser, das dem Ertrunkenen von seinen nassen Kleidern abgetröpfelt ist.« –

Wie etwa drei Wochen vergangen waren und Frerksen erfahren hatte, daß der Gonger bei Kei Bonken nicht mehr erschienen war, saß er an einem grauen Nachmittage mit Jochen Klähn in seiner Stube. Sie hatten von Jens Klähn geredet und dachten noch des Fernen, da sagte der Kapitän: »Jochen, hast Du damals gehört, daß der Gonger bei Kei Bonken gewesen ist?«

Jochen Klähns Mund zuckte: »Bei Kei Bonken? Nein.«

»Vor drei Wochen,« behauptete Frerksen; »aber er ist hernach nicht mehr gekommen,« sagte der Alte ganz ernst.

Da sprang Jochen Klähn halb zornig, halb erschreckt auf: »Kapitän, solch ein Snack!«

»Ich hab's auch gesagt, man sollte Euch nicht davon reden. Wie ich darüber denke, weißt Du ja: ein alter Seemann hat so seine Schrullen, und von der einen laß ich nicht. Aber: glaubt's oder glaubt's nicht – was hundert Augen schon gesehen haben, kann doch keine Narrheit sein. Man sollte Euch nicht davon reden, hab' ich gesagt, denn Goede Klähn macht sich das Herz doch am Ende schwer wegen Jens ...«

Da wendete ihm Jochen das Gesicht zu: »Bei Kei Bonken, sagst Du, ist er gewesen? Und Binne? Die weiß natürlich das Märchen auch?« fragte er verstimmt.

»Natürlich weiß die es!«

»Ocke Frerksen! Ist denn Frerksen ein altes Weib, daß er dem Kinde das Herz schwer machen will? Hättest Du ihr das Märchen nicht lieber ausreden können?«

»Herz schwer machen?« fragte der Kapitän. »Was geht denn das Mädchen Jens Klähn an?«

Jochen Klähn dachte: jetzt will ich Binne Bonken sehen! Jetzt will ich mit ihr reden! Er sagte das dem Kapitän und ging hinaus.

Jochen Klähn war in Seestiefeln, denn er war vorhin bei dem Boote gewesen, das im Priel lag. Im Gehen zog er die faltigen Schäfte der Stiefel hoch und trat an der Rückseite des Hauses von Kei Bonken ein. Die stand am Herd und schob Ditten in die Glut. Alsbald fing sie an, Jochen Klähn zu erzählen, wie das mit dem Gonger gewesen sei.

Wer ist denn in der Küche? dachte Binne Bonken, als sie die beiden reden hörte, und legte das Nähzeug in den Schoß.

»Ich will mit Binne reden,« sagte Jochen Klähn draußen.

»So geh hinein. Du siehst verärgert aus, Jochen.«

»Nein – na vielleicht doch! Soll sich einer nicht ärgern, wenn er sieht, daß alte Leute sich mit solchen Narrheiten quälen?«

Binne war bleich geworden, als sie Jochen Klähns Stimme vernahm. Und nun stand er schon in der Tür; er war so groß, daß sein blondes Haar den oberen Querpfosten der Türfassung streifte.

Sie redeten eine Weile still miteinander, und Jochen Klähn saß dem Mädchen gegenüber. Er merkte, daß sie es vermied, ihn anzusehen.

»Du siehst wieder an mir vorbei, Binne Bonken,« sagte er leise; »warum tust Du das? Magst Du mich nicht leiden?«

Da sah ihn Binne Bonken an: »Du redest sonderbar mit mir, herrisch und hart, Jochen Klähn.«

Klähn lehnte sich im Stuhle zurück: »Du gehst mir aus dem Wege; ich weiß nicht, seit wann ich Dich nicht gesehen habe! Aber, Binne – Du bist immer bei mir gewesen, und mir war's, ich sehe manchmal in Dein Herz. Schau mich immer an, es ist doch so: in diesem Herzen ist ein großer Kummer, der liegt darauf wie der Schatten einer Wolke, der langsam über das blanke Watt kriecht. Wenn ich nur wüßte, woher er Dir käme? Manchmal hab' ich an Uwe Nomsen gedacht. Uwe Nomsen wird eine heimliche Macht über Dein Herz haben.«

»Nein,« lächelte Binne, »das ist nicht so, Jochen Klähn. Aber so darfst Du weiter mit mir reden, so weich und still.«

Jochen Klähn legte den linken Arm auf die Tischplatte: »Binne, ich hab' einmal gesagt: Uwe Nomsen und ich, wir zwei sollten einer sein, das hätte einen tüchtigen Kerl gegeben. Uwe Nomsen steht nur mit einem Bein in unserer Welt; er seufzt im Alltage, ist voll Bewunderung für unsere Bauten, ja er ist vielleicht der einzige von allen, der ihre Bedeutung klar übersieht. Und manchmal denk' ich, er sieht noch weiter wie ich – aber er läßt es andere machen!«

Binne Bonken lachte. Da sah sie Jochen Klähn froh an.

»Uwe Nomsen!« sagte sie. »Was kann Uwe Nomsen für meine scheue Einsamkeit, der ist daran schuldloser als ...«

Binne Bonken stand auf und trat ans Fenster. Ihre Augen wurden blank; ihre Brust hob und senkte sich rascher.

»Nun?« fragte Jochen Klähn.

»Als Du!« entgegnet sie still und klar.

»Als ich?« fragte er verwundert.

»Jawohl, als Du!«

Da faßte er sie an ihren Händen und stand dicht vor ihr: »So gefällst Du mir, Binne! Und nun sag' mir noch das eine: was hab' ich Dir getan, daß Du mich fliehst?«

Da sah sie ihm fest in die Augen. Es war, als habe sie diese Stunde erwartet; es war, als habe sie schon längst darüber nachgedacht, wie sie ihm begegnen müsse.

»Du hast mich zag gemacht, Jochen Klähn, so zag, daß ich vor Dir gezittert habe.« Sie sah ihn immer an, es war, als richte sich ihr Herz an der stolzen Kraft des Seefahrers wieder empor: »Sieh, ich habe nun eine lange Stunde Deine Augen ertragen, denen ich doch nicht entfliehen kann. Es war sehr schwer, Jochen Klähn!«

Da legte ihr der hochgewachsene Mann seine Hände auf die Schultern: »Binne Bonken, nun sag' ich nicht mehr: tu die blauen Blumen wieder in Dein Haar und den goldenen Gürtel um Deine Hüften; denn so bist Du noch schöner – so stolz, so hochgemut, so tapfer!«

Binne Bonkens Augen waren von stillem Ernste: »Und was willst Du nun von mir, Jochen Klähn? Warum hältst Du mir beide Arme mit Deinen Händen so fest?«

Und Jochen Klähns Herz jauchzte in seine Worte: »So hab' ich Dich schon oft gehalten, Binne Bonken, wenn ich dachte: ich müßte Dich schirmen vor Deinem tiefen Kummer. Aber nun will ich Dich nicht mehr loslassen, bis Du mir sagst: Nimm's hin, dies Herz, nach dem Dich verlangt hat! Bis Du mir sagst: behalt's und schirm's; denn es ist ganz Dein. Sag's! Binne, sag' mir das!«

Und er zog sie an sich, und sie mußte seinen starken Armen folgen. Dann küßte er ihr die stillen stolzen Augen und die Stirn und den Mund.

Und Binne Bonken ließ es geschehen.

Es war, als müsse sich ihr verängstigtes Herz erst zurückfinden, wenn sie auch schon lange vor dieser Stunde gebangt hatte: so wird sie sein, hatte sie gedacht; und so war sie nun gekommen. Da fühlte Jochen Klähn, daß Binne Bonkens beide Arme gegen seine Brust drängten: »Weißt Du, was Uwe Nomsen von Dir sagt, Jochen Klähn? Laß mich los. Ich muß mit Dir reden. Du willst ja, daß ich rede. So laß mich doch los!«

Da trat Jochen Klähn einen Schritt zurück; aber er behielt ihre Hände in den seinen. Ihre Augen standen still in den Augen, vor denen ihre Seele gezagt hatte; da machte sie ihre Hände los und legte sie um die Jochen Klähns: »Ich habe mir die Worte Uwe Nomsens gemerkt: es ist ein Segen in Dir und eine große Kraft! Das sag' ich auch. Mir ist, ich hätte mich heute an dieser Kraft aufgerichtet. Und ich habe gedacht: wenn diese Kraft stark genug ist, uns beide zu halten, uns beide zu führen ...«

»O, sie ist größer! O, sie ist größer!«

Binne Bonken faßte die Arme Jochen Klähns über den Handgelenken immer fester: »Jochen Klähn, so mag sie Dein Herz schirmen und das meine, diese große Kraft, sonst können wir's nicht ertragen: Mein Herz und meine Treue hat Jens Klähn bis in den Tod – bis in den Tod – –«

Da schlossen die Lippen des Mannes ihren Mund und ihre Seelen lagen aneinander. Und ihre Seelen zitterten – wie zweie, die Abschied voneinander nehmen für immer. Und Binne Bonken lag in seinen Armen und schaute ihn an: »Nun fürcht' ich mich nicht mehr vor Dir, Jochen Klähn! Du hast mich stark gemacht, und ich weiß, nun kann ich's ertragen. Und wir wollen Hand in Hand vor Jens treten, wenn er wiederkommt, und Du sollst ihm sagen – –«

»Ich bin zu spät gekommen!« sagte Jochen Klähn dumpf.

Und sie gingen miteinander aus dem Hause Kei Bonkens und gingen hinüber in das Haus Knudt Klähns. Die Stille war im Zimmer und nur der Schritt der Zeit klang aus dem Uhrkasten.

»Wer ist denn bei Dir?« fragte Eike Klähn, als sie in die Stube traten.

Da faßte Jochen die Hand des Mädchens und führte Binne Bonken zu der Alten. »Binne Bonken ist's,« sagte er. »Segnet sie, Olk, sie ist die Braut Jens Klähns!«

»Jens Klähns? Jens – Klähns? So möcht' ich wissen, von wannen die große Freude über mich kommt!«

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