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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neununddreißigstes Kapitel

Das neue Jahr war erst eine kleine Strecke Wegs gegangen, da zogen schon die Krickenten im Dreieckfluge hoch über die Watte, und Ocke Frerksen steckte an einem Vorfrühlingsmorgen seine Beine in die Stiefelrohre.

»Na, Knudt Klähn?« rief er durch das geschlossene Fenster des Schiffers; »ich denke, das Wrack ist wieder seetüchtig, und der Frühling ist auf dem Wege!«

Wie der Kapitän so breitspurig und wetterhart im Winde stand, der ihm die blauen Rauchwölklein von der Pfeife und von den Lippen riß, und von der Kante des Rohrdachs herab ein reichlich Maß rinnenden Tau über ihn blies, da sah er aus, als hätten ihm Wetter und See seintag nichts getan.

Von drinnen waren die Klähns ans Fenster getreten und stießen es auf: »Bravo, Frerksen! Wenn Dir das einer vor drei Jahren gesagt hätte, daß Du einst wieder der erste sein würdest, der der fröhlichen Arbeit und dem Frühling entgegenläuft –«

»Ausgelacht hätt' ich ihn!« dröhnte die Stimme des Kapitäns.

»Es liegt noch viel im Eis, Frerksen, die Buhnen und auch das Neuland. Warten wir noch ein paar Tage!«

Der Alte rückte den Südwester aus der Stirn und schaute Himmel und See ab: »Klähn, was meinst Du: ob sie nun fertig sind und uns Bescheid geben?«

Da verdüsterten sich die Stirnen der Klähns – die Sonne zog den Wolkenvorhang auf, der Frühling hieß den Südwind Watt und Vorland fegen, und Schwärme kreischender Vögel flogen ihm vorauf. Da ist schwer warten!

Überdem hob Jochen Klähn seine Augen auf und langte das Fernrohr vom Bord.

Aber Frerksen schaute ihm nicht lange zu. »Was suchst Du?«

Dabei wendete er und warf einen flüchtigen Blick über See. Und schon lief er die Werftschräge hinab: »Heraus, Klähn! Dies Segel steht von Habel herüber!«

»Der Postschiffer!« erkannte Jochen.

»Und Ketel Klähn!« rief der Kapitän und lief mit trutzigen Schritten in den Wind.

Als das Boot in den breiten Priel trieb, waren auch die Klähns unten.

»Hui, Ketel Klähn, was ist das?« rief ihm Frerksen entgegen.

Ketel Klähn sah in den grauen Tag wie ein Fünfziger und steuerte mit sicherer Hand. Er warf dem Postschiffer ein Wort hin; da tat der einen großen Brief aus der Tasche und hielt ihn schon von ferne hoch. Ehe das Boot festgemacht war, faltete Knudt Klähn das Schreiben auseinander. Die anderen drängten sich um ihn, mitten in den Kreis sprang der Wind und knitterte das Papier. Sie lasen halblaut, die Augen flogen über die Schrift.

»Beantwortung der Frage des geforderten Halligschutzes abhängig von den umgehend vorzunehmenden Vermessungen auf der Hamburger Hallig,« sagte Knudt Klähn. Dann faßte er Frerksen am Zipfel seiner braunen Joppe: »Frerksen, jetzt paß auf: es kommen Männer mit Meßzeug und Stangen nach Hamburger Hallig; die wollen sehen, wie sie vor zwanzig Jahren die Sicherheitsbauten begonnen haben und wie die See sich dazu gestellt hat. Verstehst Du, Frerksen?«

»Woll, woll!«

»Na nu: was die Hamburger Hallig denen erzählt, das wissen wir, und wenn sie dort anfragen, haben wir das Spiel gewonnen. Holla, Frerksen, wir siegen!«

Da versenkte der gewaltige Mann seine Arme bis zu den Ellenbogen in die Taschen, klemmte den Kalkstummel hart in den linken Mundwinkel und spuckte in weitem Bogen vergnügt in die Welt.

»Auf, Klähn! So weit wären wir, und das Rad rollt!«

Damit faßte Frerksen den Einsiedler von Habel unter und begann mit ihm gegen die Werft zu steuern.

Aber Ketel Klähn entwand sich seinem Arm: »Stopp, Frerksen! Stopp!«

Er schob den Postschiffer vor sich her ins Boot und ergriff wortlos den Staken. Und langsam trieb das Schiff aus dem Priel wieder in See.

Die am Ufer konnten sich Ketel Klähns eiliges Drängen nicht deuten, und Frerksen schickte ihm sein dröhnendes Lachen nach. Aber der Alte zog das Segel hoch, und wie eine Möwe auf den Schwingen des Windes flog das Boot hinaus und entschwand.

Als Ketel Klähn ohne Gruß daheim eintrat, schaute Frau Sikke nicht auf. Aber die Stricknadeln klangen geschäftiger als sonst, und ihre Nasenflügel wehten: das Wetterglas ihrer Laune stand auf Trotz und Ärger, weil sie nicht wußte, weshalb der Alte nach Klähns-Hallig gesegelt und weshalb er nun schon wieder da war.

Aber sein Schritt hastete, und als er aus dem Pesel zurück in Frau Sikkes Stube trat und nach einem Tuche suchte, mit dem er alsbald sorgsam über das braune Wachstuch seines Tisches fuhr, an dem er manchen Wintertag in heimlichem Fleiße verbracht hatte, entlud sich Frau Sikkes Zorn in einem giftigen Blick. Was sie sauber gemacht habe, sei auch sauber!

Ketel Klähn reichte ihr das Tuch durch die halbgeöffnete Tür und warf diese dann ins Schloß. Er knöpfte die Joppe vor der Brust auf, weil er den Schlüssel zum Tischkasten an einem Riemen um den Hals trug, und versuchte zu schließen. Aber das Schloß sträubte sich. Der Alte suchte eine Feder und brachte ein Fläschchen mit Öl. Er hatte Frau Sikke stark im Verdacht, das Schloß in seiner Abwesenheit ohne den ordnungsmäßigen Schlüssel bearbeitet zu haben.

Wie Sikke die Niedertracht der Schließvorrichtung bemerkte und Ketel seiner Verwunderung darüber in polternden Worten Ausdruck verlieh, rückte sie unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und bekam einen kurzen, aber heftigen Hustenanfall, der ein flüchtiges Rot auf ihrem Gesicht zurückließ.

Frau Sikke war nicht schuldlos. Sie erklärte jedoch das Versagen des Schlosses mit vorgerücktem Alter; daß sie die Zeit, in der es in Gebrauch gewesen war, auf vierundsiebzig Jahre schätzte, hielt sie für einen glücklichen Einfall –: alt genug, um morsch zu werden!

Ketel Klähn ertrug auch diese Bosheit geduldig.

Endlich schnappte das Schloß, und der Kasten fuhr auf. Nicht lange nachher hörte Sikke den Alten eine neue Wildgansfeder schneiden und den Riegel vor die Tür schieben.

Als er um Mittag mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen wieder heraustrat, war er heiter und gesprächig, rüstete zur Bootfahrt und segelte nicht lange nachher gegen Ockholm. In der Tasche trug er einen Brief, dessen Aufschrift der Postschiffer Frau Sikke und denen auf Klähns-Hallig leicht hätte verraten können. Es sollte ihn keiner um sein Geheimnis bestehlen!

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