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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Achtunddreißigstes Kapitel

Weil es Antje Nomsen nicht entgangen war, daß die beiden ihr Gespräch abgebrochen hatten, als sie mit ihrer fröhlichen Geschäftigkeit ins Zimmer trat, und weil sie merkte, daß Binne Bonken aus ihren Gedanken nur schwer sich zurückzufinden vermochte, und weil der bescheidene Kerzenglanz sie nicht weniger überraschte als vorhin die Mutter, so verschwieg Antje, daß sie auch gekommen sei, Binne Bonken in das Nachbarhaus zurückzuholen.

Über sanften Gesprächen verging der Abend, und in Binnes Augen machte die Unstete der alten Stille Platz, von der Jochen Klähn gesagt hatte: sie sei wie die Stille eines reifen Sommerabends.

Warum dachte Binne Bonken jetzt gerade an dieses Wort?

Uwe Nomsen führte doch auch allerlei tiefsinnige Reden, die Binne Bonken oft mit in die Einsamkeit ihrer kleinen Stube genommen hatte, um darüber nachzudenken. Das kam, weil Uwe Nomsen in voriger Zeit viele Bücher gelesen hatte; und sein Herz war ja selber ein Märchenbuch. Aber wenn sich Binne Bonken über manches Wort und manche Geschichte wundern mußte, weil sie nicht wußte, wie einer der Inselleute dazu komme, so war das bei Jochen Klähn etwas ganz anderes.

Uwe Nomsen redete zu allen in der gleichen Weise; aber Jochen Klähn sprach nur zu ihr so warm und so sanft, und wenn er seine Augen auf sie richtete, war es ihr, als müsse sie ihm in Demut die Tore ihres Herzens weit auftun, damit er einziehen könne wie ein König. Jochen Klähn redete nur zu ihr, auch wenn andere um sie waren, und sie wußte: er sucht auch die gleichen Wege, auf denen sie gern geht und auf denen er sie allein treffen kann. Und wenn der Frühling wieder da ist und alle Steige mit Blumen bestreut und die Menschen wieder die langen Tage über draußen sind, dann wird für sie kein Entrinnen vor Jochen Klähns suchenden Augen sein.

Wie die Lichter an der kleinen Fichte niederbrannten und zuletzt nur noch vier mit ihren goldenen Fähnlein in den Harzduft und die Stille wehten, deutete Antje Nomsen darauf und sagte: »Ei, vier Flammen, das sind vier Leben! Sie sagen, die Weihnachtslichter leuchten in die Zukunft. Wir wollen sehen, was sie wissen. Wähl Dir eins, Kei Banken!«

Da wählte sich die Frau lächelnd das auf dem unteren Zweige sitzende Licht und auch Binne Bonken und Antje Nomsen erkoren sich je eine Kerze.

»Es sind ihrer aber vier,« sagte Kei Bonken. »Wem gilt das vierte?«

Da schaute Antje Nomsen einen Augenblick fragend auf die beiden: »Jochen Klähn? Uwe Nomsen? – Nein – einem, der der Heimat fern ist, so will es der Brauch. Also: Jens Klähn!«

Nun sprachen sie wieder eine Weile von Jöching Nomsens jungem Glück.

Das Licht an der Spitze des Baumes zischte und verlöschte.

Jens Klähn! ...

Aber Binne Bonken blies über die Flammen; da vergingen sie alle.

»Es ist nicht gut, in die Zukunft sehen zu wollen.« sagte sie; »die Zukunft verrät doch keines ihrer Geheimnisse. Das macht einem nur das Herz schwer und –« setzte sie gleichmütig hinzu – »wenn jetzt Goede Klähn da wäre, würde sie erschrocken sein.«

Da lachte Antje Nomsen: »Es ist ja nur ein Spiel, Binne!«

»Spiele sind heiter, Antje, und Spiele machen froh. Glaubst Du, es mache froh, wenn uns die Lichter sagen: in dieser Reihe werdet ihr sterben, zuerst Du und dann Du?«

»Du hast recht, Binne. Aber, wenn man's glaubte, was die Lichter wissen, würde man sie dann fragen?«

Da setzte sich Binne Bonken in den Armstuhl und faltete die Hände über ihrem Schooße: »Wie Du das Spiel nimmst, Antje, so nimmst Du das Leben!«

Da schaute Antje Nomsen in die ernsten jungen Augen und streichelte Binnes weiße Stirn mit ihrer Hand, die so sanft zu kosen wußte: »Mädchen, wenn wir Inselleute das Leben so ernst nähmen, wie es ist – wir müßten das Lachen verlernen!«

Dabei warf sie sich das schwarze Wolltuch über Kopf und Schultern und sprang hinaus in die Nacht.

Die Flocken fielen noch immer, und nur durch die Ritzen der Läden vor Nomsens Fenstern fanden sich dünne Fäden von goldenem Licht bis aus das feine Silber des Schnees.

»Gute Nacht!«

Als die Tür hinter Antje Nomsen ins Schloß fiel, schob auch Kei Bonken den Riegel vor. Sie trugen den Tisch ab und ließen das feiertägliche weiße Laken darübergebreitet; denn ein Festtag war auf dem Wege. Dann gingen sie zu Bett.

Die Uhren riefen die Mitternacht. Und die Uhren riefen die erste Stunde des Tages.

Da erwachte Kei Bonken, und wie sie auf die Atemzüge Binnes lauschte, wußte sie: Binne schläft noch nicht. Sie wird mit hellen Augen liegen, wie das in den letzten Nächten nicht selten geschehen ist, mit weiten Augen, als wäre sie am Strande und spähe nach einem Segel, das kommen müßte und doch nicht kommt.

Aber sie störte dies sinnende Herz nicht.

Kei Bonken dachte: warum fürchtet sich Binnes Herz vor den Augen Jochen Klähns? Sie hat es an diesem Abend vermieden, Klähn anzusehen, und es meinen doch alle: sie müsse fröhlich sein, weil er sie lieb hat ...

Dann schlugen die Uhren wieder; aber es war, als kämen die Klänge von weit her – von weit her ...

Und bald hörte Kei Bonken nicht mehr, wenn die Flocken an die Scheiben rieselten, die dicht an ihrem Bette waren.

Aber das Mädchen lag noch wach und dachte jenes Sommerabends, an dem die Nacht alle Sterne hatte in die verträumten Wasser des Priels fallen lassen. In jener Nacht war der schwere Heuduft über dem Graslande gewesen, der alles einschläfert; in jener Nacht hatte ihr Jens Klähn im Heu zugeflüstert: »Es wird ein Leid ohne Ende sein.« Damals legte Binne Bonken ihm ihren Arm um den Hals: Wenn niemand davon erfährt, was sich unsere Herzen gelobt haben, so wird sich auch keiner darum kümmern! Ach, in jener Nacht war die Macht der Augen des hochgemuten Mannes noch nicht über sie gekommen, und sie wußte nicht, was es heißt: kämpfen und siegen müssen, wenn die heimliche Treue allein steht gegen stolze Schönheit, starken Mannesmut, umsichtige Klugheit und bittende Liebe. Und nun hatte dieses Ringen begonnen. Wird es ein Leid ohne Ende sein? Oder führt es zum Sieg?

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