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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Als der Tag graute und die Lichter in den Häusern angingen, tat sich jenseits des Fethings eine Tür auf und Hertje Nomsen trat in den triefenden Morgen. Ein weicher Südwest wehte unweihnachtlich um des Mädchens Stirn, der war wie nahender Frühling. Da legte Hertje Nomsen ihre Hände in heimlichem Danke ineinander, stieß die obere Halbtür wieder zurück und rief in den Flur.

Alsbald steckte Mutter Nomsen den Kopf heraus: »Bei Gott, Kind! Wenn das dem Wind einen halben Tag früher eingefallen wäre, keiner hätte in dem brüchigen Eise vorwärts gekonnt.«

»Dann wär's wohl auch nicht nötig gewesen, Mutter; denn dann wäre Ipke Tamen auf Lütt-Jens-Werft geblieben und wir hätten ein Boot geschickt.«

Wir? sagte Hertje – wir? dachte Frau Herlich Nomsen. Dann fragte sie: »Wohin willst Du denn zwischen Tag und Grauen, Kind?«

Da legte Hertje Nomsen die Hände auf den Rand der unteren Halbtür, die wieder geschlossen war: »Ich wollte gehen und nach Ipke Tamen fragen. Ich habe keinen Schlaf gefunden in dieser Nacht. Denkst Du nicht, daß ich rasch einmal hinüberlaufe? Das Licht in Tamens Stube ist noch nicht verlöscht und ich habe sogar einmal daran gedacht, für Krassen Frerksen zu wachen. Sie sind nicht schlafen gegangen. Manchmal hab' ich während der Nacht hastige Schatten zwischen Lampe und Fenster gesehen.«

Dann lief Hertje Nomsen den Steindamm entlang um den Fething, schlüpfte an der Türschwelle zu Frerksens Haus aus den klappernden Holzschuhen, die in der Stille des erwachenden Tages noch vorlauter waren als sonst, und trat in die Küche zu Krassen Frerksen. Die war gerade dabei, Tee für den Kranken aufzugießen.

»Nun, Krassen Frerksen, wie steht's?« –

Das neue Leid, das über die Frau gekommen war, hatte wenig Mühe gehabt, die tiefen Furchen um den alternden Mund wieder aufzureißen, die die Sorge der vorigen Zeit gepflügt hatte. Frau Krassen saß vor dem Herd und starrte in die Flamme unter dem summenden Wasser: »Ipke hat die Nacht über im Fieber gelegen. Er ruft oft nach den Klähns und will: sie sollen kommen und ihn retten. Er glaubt, er treibe noch draußen im Eise und in seinen Augen ist ein unstätes Licht.« Da liefen Krassen Frerksen die Augen über. »Hertje Nomsen,« schluchzte sie, »ich hab' keine eigenen Kinder gehabt, damit ich das Herzleid ertragen kann, das mir die beiden fremden gemacht haben. Im Frühling ihres Lebens sterben sie mir dahin.«

»Mein Gott, Krassen Frerksen, steht das so?«

»Und nun, da Tau geworden ist, kann nicht einmal einer nach dem Doktor laufen!« fuhr die Frau weinend fort.

Da war auf der Vordiele der schwere Schritt Frerksens vernehmbar. Der Alte hatte den Schifferhut schon aufgestülpt, den Kalkstummel im breiten Munde und die Seestiefel an, mit denen er gestern Abend durch Eis und schmierigen Klei gestapft war. Sein Schritt war polternd und seine Stimme war laut, so daß Frau Krassen mahnen mußte: »Sei doch leiser, Frerksen!« –

Seit er taub war, kam kein gedämpftes Wort mehr über seine Lippen. Er hatte sich die Pfeife neu gefüllt und griff nach dem Feuerzeug.

»Ipke schläft,« sagte er, »das ist gut; und ich will zu Klähn gehen und ihm Nachricht geben.« Dann glomm er den Tabak an: »Hertje Nomsen, wir danken Dir auch, daß Du gekommen bist. Wir sind nicht schlafen gewesen diese Nacht, und die Stiefel hab' ich nicht von den Beinen gezogen; Tamen sprach im Fieber und hat schlechte Träume gehabt, da dacht' ich: es könnte nötig sein, daß ich Knudt Klähn zu Hilfe hole. Nun schläft er, und ich denke, seine Jugend wird sich nicht unterkriegen lassen. Mußt nicht weinen, Krassen!« – Und der Kapitän wendete sich wieder zu Hertje Nomsen: »Hast Du noch mit Uwe geredet in der Nacht?«

»Ja, Frerksen. Er sah nach der Uhr, als wir daheim das Licht antaten. Wißt Ihr, daß es Schlag eins gewesen ist?«

»Wie sagst Du?«

Frau Krassen wiederholte Hertjes Worte.

»Hm, ein Uhr vorbei – kurz nach Mitternacht trugen wir ihn auf die Werft. So mag er acht Stunden im Eise gelegen haben,« rechnete der Kapitän.

»Acht Stunden mit dem Tode gerungen,« sann Frau Krassen und in ihren Augen malte sich das Entsetzen.

Da legte Hertje Nomsen ihre tröstende Hand auf den Arm Krassens: »Es wird alles wieder gut werden! Aber denkt doch: Mitternacht – zwei Stunden vor Hochwasser und dazu ein West, der die Flut eine Stunde früher bringt! Es ist wie ein Wunder, daß Jochen Klähn ihn gefunden hat!«

Da reichte der Kapitän Hertje Nomsen die Hand und schritt hinaus in den dämmerigen Morgen; er ging zu Knudt Klähn. Hertje Nomsen aber trat mit der Frau an die Tür der Krankenstube. Drinnen vernahmen sie Ipke Tamens hastige Atemzüge; die verrieten den Frauen: er schläft.

Da gingen sie auf den Zehen in die Stube: Frerksen hatte die Bibel aufrecht vor die kleine Lampe gestellt, daß sie den Schein von dem Bette fernhalte. Und aus Hertje Nomsens Augen fielen die Tränen.

Da zog Krassen das Mädchen sanft hinaus und lehnte die Tür hinter sich lautlos an.

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