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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3ad91672
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Noch ein anderer stand in dieser Stunde an seinem Fenster und schaute voll sorgender Gedanken in den Wintertag. Das war Ketel Klähn auf Hallig Habel. Er sah herzlich unzufrieden drein. Seit er auf Klähns-Hallig an einem Herbsttage erfahren hatte, daß Jochen Nomsen schon drei Jahre alt geworden sei, rechnete er: jener Hochzeitstag liegt um vier Jahre zurück, an dem Frerksen das Alter Ketels auf siebzig Jahre festgestellt hat. Die Zeit war geflogen – den Beginn der ersehnten Befestigungsarbeiten hatte sie nicht gebracht.

Was Ketel Klähns einsamer Fleiß in den früheren Jahren zum Schutze gegen die See errichtet hatte, das ging nun schon mählich wieder dem Zerfall entgegen.

Über solchen Gedanken setzte er sich unwirsch an den Tisch, auf dem er eine Menge Zettel ausgebreitet hatte, die alle mit den ungelenken Zügen seiner Schrift bedeckt waren.

In der Nebenstube klapperten Frau Sikkes Nadeln hinter dem Beileger. Es schien, als habe sie längst aufgegeben, nach dem Geheimnis der sorgsam gehüteten Papiere zu forschen. Wenigstens redeten ihre Augen von unwandelbarer Gleichgültigkeit.

Aber wenn sie so mit der Einsamkeit der winterstillen Insel am Fenster saß, suchte sie doch noch manchmal nach einem Wege zu Ketels rätselvollem Treiben.

Schreibt er sein Testament? dachte sie.

An dem Tage, an dem ihr der Einfall kam, erwog sie mit Zähigkeit das Für und Wider. Allein bald behielten die alten Zweifel die Oberhand. Denn sie sagte sich: Was hat Ketel Klähn zu eigen? Und wem hat er etwas zu vermachen?

Dabei lachte sie heimlich in sich hinein: er müßte gerade einen Schatz vergraben haben, den er ihr vorenthalten will, weil sie damals bei Nacht und Nebel von dannen gesegelt ist.

Bet dieser Gelegenheit blätterte sie einmal in ihrem Schuldbuche und sie fand: es ist gar mancher Posten Lieblosigkeit aufgeschrieben, den Ketel Klähn doch am Ende mit ihr verrechnen könnte.

Aber einen Schatz?

Nein, ein solcher Tor ist er nicht; denn er hat ja erst vor einem Jahre das neue Darlehen von sechshundert Mark aufgenommen. Es hat schwer genug gehalten, das Geld zu bekommen, und er ist danach vier Wochen unterwegs gewesen. Mit diesem Darlehen sind Ketels Schulden auf zwölfhundert Mark angewachsen. Zwölfhundert Mark! Ja, wenn sie eine Mauer um Habel bauen wollten, die der Staat bezahlt, dann ist die Hallig auf einmal das Vierfache wert. Aber so? Der Darleiher hat gesagt: acht Prozent müsse er an dem Gelde verdienen, sonst gäb' er's nicht; denn er lege sein Geld in ein führerloses Boot und lasse es davontreiben.

Wenn Ketel Klähn einen Schatz hätte, dann mietete er sich auch eine Magd zu den Arbeiten im Stall und auf dem Graslande. Die Mühen haben im letzten Sommer seinen vierundsiebzig Jahren hart zu schaffen gemacht. Aber er sagt, er könne keiner fremden Person den Lohn zahlen.

Und verkaufen?

Wer kauft Ketel Klähn denn seine schwankenden Weiden ab, die jedes Jahr an Umfang verlieren? Und das morsche Haus auf der brüchigen Werft?

So sann Frau Sikke, aber sie kam nicht mit sich ins Reine. Wenn sie die Leute von Klähns-Hallig einmal auszufragen Gelegenheit hatte, so tat sie das. Allein, die zuckten die Achseln: wenn sie nicht wisse, was Onkel Ketel vorhabe, wem sollte der Alte sonst sein Geheimnis anvertrauen? –

Über solchen Gedanken begab sich Frau Sikke in den Stall, die Kuh und die Schweine zu füttern.

Wie sie vor der Stalltür die gestampften dampfenden Kartoffeln in dem Fasse kühlte und mit Kleie mischte, sah sie, wie über der See gegen den Westhimmel ein dichtes Gewebe von Nebeln spann, in denen das Gold der Sonne zu fließendem Purpur sich wandelte.

Der Wind, der frühmorgens so um die Hausecke gepfiffen hatte, sang ganz weich, und auf den Rohrdächern war der Reif verschwunden. Nicht lange, und die Nebelschwaden dehnten sich aus, stiegen und rollten als gleichmäßig graublaues Gewölk empor.

Frau Sikke schaute darauf hin, wie sie mit ihrer Arbeit im Stalle fertig war und sagte: »Hui, diese Schiffe tragen Schnee!«

Eine Stunde später lief der Wind von Westen über die See; der brachte die Flut und drängte eine Menge schmutziges Eis gegen die Inseln.

Da ging Frau Sikke wieder hinaus und trat von draußen an das Fenster Ketel Klähns. »Es möchte schlecht Wetter werden, Klähn!« rief sie hinein. »Die Schafe sind unten an der Kante! Hörst Du?«

Der Alte antwortete nicht; aber als er seine Augen aufhob und über See schickte, gewahrte er: es ist ein Wetter im Anzuge. Darum zog er die Kniestiefel an und stapfte über den immer noch frostharten Grund, über dem der Schnee lange graue Streifen bekam. Er trieb die Schafe in die Hürde auf der Werft; dann setzte er sich wieder an seine Arbeit, und die Wildgansfeder begann unwillig zu kreischen. Frau Sikke saß nebenan strickend im Stuhle. Nur die Uhren und das Feuer im Ofen redeten mit der Stille, die im Hause auf Habel-Werft lag.

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