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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einunddreißigstes Kapitel

Die Flut, die der Kalender auf die frühen Nachmittagsstunden verlegte, schob eine gewaltige Menge Treibeis in das Wattenmeer. So weit das Fernrohr reichte, kreisten stolpernde Schollen, die an der Flutkante sich zu Mauern türmten. Die See kroch darunter, stürzte die Mauern und begann einen Sprung weiter von neuem zu bauen. Der Wind hatte die langen spitzen Pfeifen, fand jede Ritze in Tür und Fenster und spann einen silbernen Faden Reifkälte hindurch. Da mußte das Postschiff auch am Nachmittag ausbleiben.

Einmal ging die Haustür bei Ocke Frerksen, und Jochen Klähn trat in die Stube.

Frau Krassen spann; Frerksen stand am Fenster und hatte den Kalkstummel hart in den linken Mundwinkel geklemmt. Wenn er auch das höhnische Pfeifen des Ostwindes nicht hörte, so sah er doch: so blanke Lichter und so harte Farben setzt keiner auf als der Ostwind, und so scharfe Linien zieht keiner in den Tag als der.

Frerksen, der seine mächtigen Fäuste auf die Fensterbank gestützt hatte, hörte Klähn nicht eintreten. Ipke Tamen saß auf der Kiste und strickte an einem Porrennetze.

Da klopfte Jochen Klähn dem Kapitän auf die Schulter: »Was meint Frerksen – bleibt das Wetter?«

»Guten Tag, Klähn! Das Wetter, meinst Du? Hm. Der Ost steht mir gar zu steif; ich denke, er macht's nicht lange, dann schlägt er um.«

Und ehe Klähn zu Ipke Tamen sich wenden konnte, fuhr der Kapitän fort: »Wie wollt Ihr's denn mit der Eingabe halten? Knudt Klähn meinte wir dürfen keinen Tag verlieren. Wenn aber der Postschiffer nicht mehr fahren kann?«

»So muß einer den Wattenweg gehen, Frerksen.«

Und Jochen Klähn schaute fragend zu Tamen. Der legte Netz und Nadel beiseite und langte der Kalender vom Brett: »Um acht Uhr des Morgen: und um zwei Uhr des Nachmittags ist Hochwasser. Wenn ich morgen früh um zehn ginge, so wär' ich im zeitigen Nachmittag von Ockholm wieder zurück zu Niß Nissen, und die Ebbe vor Abend gibt mir den Weg übers Watt zur Heimkehr frei.«

Frerksen ließ sich Ipke Tamens Bereitwilligkeit ins Ohr schreien. Er hatte in jedem Ohrläppchen einen silbernen Ring. Den Ringen hielt er's zugute, daß seine alten Augen mit dem Winde besser Bescheid wissen als die Ohren und Augen der anderen. Er brummte vor sich hin und wandte sich noch einmal prüfend mit den Augen gegen die See: »Klähn, heute hättet Ihr den Brief besorgen lassen müssen, heute. Denkst Du denn, daß das Eis morgen den Weg noch freigibt?«

»Es wird vielleicht mehr Eis geben, Kapitän, wohl, wohl. Aber wenn der Frost bleibt, so denk ich, ist keine Gefahr.«

Frerksen fragte mit den Augen Frau Krassen und Ipke Tamen. Dann sagte er: »Wenn der Frost bleibt, meinetwegen.« –

Am Morgen des andern Tages rüstete sich Ipke Tamen zum Gang über das winterliche Watt. Die Luft war reifkalt und klar. Das Eis trieb wie Silber auf der sonnegoldenen Flut.

Schon zog Ipke Tamen die Schäfte der Seestiefel über die Knie, und Pickstock und Eissporen nahm er als Ausrüstung neben seiner rotwangigen Jugend mit auf den Weg. Als er nach der Tür schritt, rief ihm Frerksen noch nach: »Du solltest heut nacht bei Niß Nissen bleiben!«

»Ich sagte das schon,« entgegnete Tamen. »wenn das Wetter schlecht wird, komm ich nicht.«

»Woll, woll!« nickte der Kapitän.

Dann ging Ipke Tamen. –

Am Fenster seiner Stube stand Knudt Klähn mit dem Fernrohr, während Tamen drunten über das frostharte Vorland schritt, der Stelle entgegen, an der sich der Wattenweg nach Lütt-Jens-Werft ansetzt.

»Tamen trägt die Hoffnung der Inselleute,« sagte der Schiffer zu Jochen, der gerade durch die Tür trat.

Und Jochen Klähn schritt gegen das Fenster und blickte ihm nach. »Und die Hoffnung geht mit ihm einen gefährlichen Gang.«

Auch in den anderen Häusern der Werft richteten sie die Gläser nach dem Schlickläufer ... Jetzt ist er draußen auf dem Watt ... Jetzt umgeht er einen Haufen Schollen ... Jetzt klettert er über einen Berg Eis ... Nun sieht ihn keiner mehr...

Komm gut heim, Ipke Tamen!

Aber bald tauchte er doch noch einmal in den Fernrohren auf, wie er, mit dem Pickstock tastend, eine schimmernde Eismauer überkletterte. Endlich lief er ihnen aus den Gläsern.

Und draußen stand nur noch der frostkalte Wintertag mit dem strahlenden Sonnenschilde. Im Dreieckfluge flogen die Scharen der Krickenten den Binnenwässern zu. Und die Möwen schlugen das funkelnde Licht des Morgens mit ihren silbernen Schwingen.

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