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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3ad91672
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Dreißigstes Kapitel

Wie die drei noch redeten, ging die Tür auf und Knudt Klähn trat ins Zimmer. Er warf ein Schreiben mit einem großen bereits erbrochenen Siegel auf den Tisch.

»Der Postschiffer hat's gebracht,« sagte er, und über seine Stirn lief eine tiefe Falte des Unmuts.

Jochen griff hastig danach und faltete das Papier auseinander. Auch seine Stirn verdüsterte sich, als er mit dem Bogen aus dem dämmerigen Licht ans Fenster getreten war. Dann schob er den Brief in die Rocktasche und lachte bitter auf.

»Nun?« fragte Uwe Nomsen.

»Weißt Du, was sie sagen?«

»Nun?«

»Aber ich hab' auf diese erste Eingabe an die Wasserbauinspektion nicht viel mehr erwartet.« Jochen zog das Schreiben wieder aus dem Rock. »Sie sagen: die Halligen zu halten, läge nicht in ihrem Interesse, weil die Inseln, die die See frißt, das Material für die Anschlickungen an der Festlandgrenze der Wattenbucht lieferten.«

Überdem nahm Knudt Klähn die Lampe vom Wandbrett und zündete sie an; Jochen überflog das Blatt noch einmal mit den Augen und warf's auf den Tisch. Dann durchmaß er mit großen Schritten die Stube. Er blies dichte Rauchwolken aus der kurzen Pfeife.

»Ich habe die Männer der Werft bestellt, es soll beraten werden, wie man sich zu dem Bescheide stellen will,« unterbrach Knudt Klähn die lastende Stille, die im Zimmer lag.

Und nicht lange, so ging die Haustür und der Pastor kam; nicht lange, so kam Melf Lorensen, der Vorsteher, kam Ocke Frerksen mit Schiffer Hannes Paulsen, vor dessen Hause der »große Birnbaum« steht. Ipke Tamen trug Stühle herzu, und als die Männer sich gesetzt hatten, suchte er seinen Platz auf Knudt Klähns Schiffskiste in der Zimmerecke, nach welcher kaum ein Schein der Lampe durch den roten Schirm rann. Ein Stuhl am Tische war unbesetzt.

Da winkte der Pastor Ipke Tamen und deutete auf den leeren Sitz. Aber Tamen lehnte bescheiden ab – es ist nicht Brauch, daß einer unter zwanzig Jahren sich keck in den Kreis gereifter Männer drängt.

»Für Jürgen Bonken, den Toten!« Uwe Nomsen sprach's laut und klar.

Da nickten die Männer: »Das war ein gutes Wort, Nomsen.«

Und alsbald begann der Pastor mit wenigen Worten den Stand der Dinge klarzulegen: Schiffer Paulsen ist noch nicht von Seefahrt zurückgewesen, als die Eingabe der Halligmänner erfolgte. Man hat um Mittel zur Fortsetzung der Buhnenbauten gebeten. Nun hat die Antwort nicht lange auf sich warten lassen.

Der Pastor verlas das Schreiben, das mit den Worten schloß, daß die geplanten Reisigbuhnen ein ungeeignetes Befestigungswerk seien, da sie von See und Winter zerbrochen würden wie Glas.

In Jochen Klähns Augen flog flammendes Feuer, als er sich von seinem Stuhle erhob. »Männer,« rief er, »wenn das das Ende wäre, so wär' es ein Keulenschlag, der unsere Arbeit und unsere Hoffnung, ja uns selber vernichten müßte. Das heißt nichts anderes, als: das Volk der Inselfriesen wird zu den Toten geworfen! Sie schlagen uns die Hilfe ab und führen Gründe an, über die wir lachen, weil wir's besser verstehen.«

»Noch mehr,« nahm der Pastor das Wort. »Sie sitzen drüben am Festlande, wissen, wie die See unsern Grund und Boden raubt, Euer Besitztum, das Euch nährt, und sie sagen: das brauchen wir gerade; denn es bewirkt für uns die Aufschlickungen längs des Festlandes.«

Die Männer überlegten, redeten durcheinander, und Hannes Paulsen kniff die Augen ein wenig zu und kraute sich mit den Fingern im Schifferbarte, der ihm unter dem Kinn von einem Ohr zum anderen lief. Das Wort ging ihm schwer vom Munde, und wenn er die Augen zusammenkniff, war das ein Zeichen: Hannes Paulsen will auch was sagen.

»Nun, Paulsen?«

»Die See stiehlt, was unser ist – drüben, so sagen sie, verwenden sie das gestohlene Gut. Wißt Ihr, wie man das nennt? Das ist Hehlerei!«

Sie nickten zustimmend und redeten wieder halblaut miteinander, bis der Pastor begann: »Und vergeßt auch nicht, welch eine Herzlosigkeit darin liegt, Euer Land, Euern ererbten Besitz vergehen zu lassen! Hat man in Preußen kein Interesse daran, wenn ein ganzes Inselvolk von seiner Scholle fliehen muß? Wenn ein starker Stamm einfach zersplittert wird? Sollen wir zusehen, wie unser Glück und unser Eigen als herrenloses Gut der See preisgegeben wird? Sie wollen uns wohl sagen: Kümmert euch selber! Haben doch vor euch Geschlechter zugesehen, ohne eine Hand für die bedrohte Heimat zu rühren, warum fordert ihr nun auf einmal Hilfe?«

Paulsen meinte: das sei damals etwas ganz anderes gewesen. Damals hätten sie noch übrig gehabt, heute wär' aber zu wenig, und man könne der See umsonst nichts abgeben.

Da rief Knudt Klähn: »Nein, Paulsen – sie sind eben damals säumig gewesen, wie etliche von uns auch, und sie hätten sich schon vor hundert Jahren rühren müssen. Wenn das geschehen wäre, dann säße heute hier ein blühendes Inselvolk. Und sie meinen: früher, wie die Inseln noch nicht so ganz armselig gewesen sind, da hätte man der Frage der Befestigung nähertreten können. Aber heute? Wegen der Handvoll Land? Heut ist's zu spät. Und ich frag' Euch: haben unter uns manche nicht auch so gedacht? Darum müssen wir die drüben überzeugen, wie wir uns selbst erst überzeugen mußten.«

Nun redeten sie wieder durcheinander.

»Unsere Mittel sind erschöpft!«

»Unsere Kraft ist nicht so groß wie unser Wille!«

»Unsere Kraft entspricht nicht mehr den Verwüstungen der See, denen das Reich nun drei Jahrzehnte untätig zugesehen hat!«

»Man darf uns nicht untergehen lassen!«

»Die Regierung muß helfen; denn der Staat kann den Vorwurf der mutwilligen Verwahrlosung nicht auf sich sitzen lassen!«

»Welcher Weg ist zu gehen?«

»Immer der an die Regierung,« riet der Pastor.

»So wollen wir eine neue Eingabe machen und wollen sagen: Seht, da ist ein Eiland, das heißt Hamburger Hallig. Dort hat vor Jahren ein kluger Baurat mit der Befestigung begonnen, um dem Reiche an dieser vergehenden Scholle zu zeigen: so baut die See! Und heute sind drüben bei Hamburger Hallig hinter den Dämmen weite grüne Weideflächen erstanden. Die hat die See in zwanzig Jahren erbaut. Ob das die Augen derer nicht öffnet, die nicht sehen mögen? Es wird eine neue Eingabe gemacht, und zwar an den Minister, und darin muß stehen: Wir lassen uns der See nicht zum Fraße vorwerfen! Wenn ihr dem Reiche die schleswig-holsteinische Wattenbucht wiedergewinnen wollt, so müßt ihr die Halligen halten; denn die Inseln im Winde sind die natürlichen Wellenbrecher, die weit draußen im Ringe gegen die See vorgeschoben sind, und an denen sie ihre Kraft zerbricht.«

Spät gingen die Männer der Werft auseinander.

Lange nach Mitternacht brannte im Hause Knudt Klähns die Lampe noch; denn Vater und Sohn saßen über der Arbeit. Sie mühten sich redlich. Und als der Pastor am nächsten Morgen einige Änderungen an dem Schriftstücke vorgenommen hatte, schrieb's Jochen Klähn sauber ab und barg es in dem Briefumschlage.

Allein, an diesem Vormittag erwarteten sie den Postschiffer vergeblich. Über den Watten trieben zischende Schollen Eis. Der harte Ostwind hatte die Nacht über geblasen; der Himmel war klar, und es war bitter kalt.

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