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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Nun war die Einsamkeit des Winters Königin.

Noch lag die Decke des Schnees nicht gleichmäßig über dem kurzen Grase; der Wind hatte die Flocken hinter kleinen Erhöhungen und an der Werftböschung zusammengefegt wie ein scharfer Besen. Aber die Flocken wirbelten in immer dichterem Fall, und immer noch ertranken sie in der unsauberen Nässe des Schlicks.

Nur selten geschah es, daß Jochen Klähn noch einmal mit dem Meßzeug nach Pipenwarf hinausschritt.

Drunten auf dem Vorlande lagen die Boote kieloben im Winterschlaf; und die Schafe waren wieder wie graue Steine auf dem flachen Graslande: in Sturm und Wetter hockten sie draußen oder standen dicht gedrängt mit dem Rücken gegen den Wind und steckten die Köpfe zusammen.

Die Weihnacht war auf dem Wege; weil die Frauen in den Stuben geschäftig waren, befanden sich Ipke Tamen und Uwe Nomsen an diesem Nachmittage im Hause Klähns. Sie saßen in der Stube Jochens, und der hatte die Karte der Watte vor sich auf den Tisch gebreitet.

Vorhin hatte Olk Eike wieder einmal mit Worten von ihrer Freude gesprochen, die sich anhörten, als kämen sie aus der Schrift. Auch jetzt wechselte das eintönige Reden der Alten mit dem Surren ihres Spinnrades im Zimmer nebenan. Und manchmal lauschten die drei hinaus.

»Was Eike Klähn wohl noch will und was sie noch erhofft?« fragte Ipke Tamen.

Uwe Nomsen zuckte die Achseln: »Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß die Tage, die in stummer Reihe an der Hundertjährigen vorüberschreiten, ihr noch etwas zu sagen haben. O, sie ist klar am Geist und sie sieht weit und sieht am besten, wenn sie mit geschlossenen Augen in Fernen schaut.«

So standen sie auf dem Eilande vor dem Rätsel der Alten wie vor einem Wunder. Nur Uwe Nomsen fand eine Deutung für das seltsame Wesen Olk Eikes. »Sie hat ihr Lebtag mit der Einsamkeit und den Menschen der Bibel mehr geredet, als mit denen auf der Werft. Und darum findet sie sich auch in der Einsamkeit und in jener Welt, von der die Schrift weiß, besser zurecht. Pastor Reimer hat mir das so gesagt: Nach irgend etwas hungert des Menschen Geist, wenn er wach ist. Draußen in den Städten fliegt er um tausend bunte Dinge; aber die Stille der Inseln fordert ihn auf zur Einkehr in sich selbst. Zu solcher Einkehr hat er in den Städten, die mit hastigem Wechsel aufwarten, keine Zeit. So ist es gekommen, daß Eike Klähns Herz vor Jahren Märchen dichtete –«

»Wie Uwe Nomsen!« lachte Tamen.

»Meinetwegen. Meint Ihr etwa, Ihr anderen belebt Euch die Stille, die um Euch ist, nicht auch? Jeder nach seiner Weise. Die Klähns sehen: die Inselöde fordert ein Bollwerk gegen die See, und darum hören sie dies Verlangen. Ich aber höre aus dem Schluchzen der Wellen am Strande das Singen der Meerfrauen.«

Ipke Tamen lachte hellauf.

Da sah ihn Jochen Klähn scharf an: »Nomsen, merkst Du nicht, daß die Jüngeren anders geworden sind als wir? Mein Bruder Jens ließ sich hinstellen, wo ihn Vater hin haben wollte. Er war brav, er schwang den Hammer, flocht sein Reisig in die Buhnen, krüppelte das Neuland auf. Aber daß ihm einmal selber etwas eingefallen wäre, davon weiß ich nichts. Und es fehlte ihm auch der Glaube, es fehlte ihm die Freude an unserer Meeresscholle, die wir haben.«

»Hm,« machte Nomsen. »Ipke Tamen war ein Zweifler von Jugend an, er möchte wohl lieber am Festlande sitzen und jetzt vor Weihnachten an den mit buntem Flitter aufgeputzten Schaukästen hinlaufen. Lach nur darüber, Ipke Tamen! Ich sage: Dir fehlt die Tiefe, weil Du das Wesen der Welt, die um Dich ist, nie recht erkannt hast. Eike Klähn aber, die ganz in dieser Welt daheim gewesen ist, wundert mich gar nicht – nein, wenn die hundert Jahre eine andere aus ihr gemacht hätten, dann wollt' ich darüber erstaunt sein. Sie redet von sonderbaren fernliegenden Dingen, sagt Ihr. Warum auch nicht? Eike Klähn hat in ihrer Einsamkeit an einem Tage mehr Religion an sich erlebt, als die Menschen draußen in einem Jahre erleben. Ob wir ihre Frömmigkeit für abergläubisch halten, darauf kommt's nicht an und nicht darauf – bei keinem von uns – wie diese Frömmigkeit ist; aber wenn sie einem fehlt, den mag ich nicht. Der ist flach wie eine Pfütze. Unsere Frömmigkeit mögen sie immer altmodisch nennen. Die Hauptsache ist: sie macht uns von Herzen zufrieden. Fragt einmal die drüben in den Städten, die im Getriebe des Alltags hinhasten: was macht denn euch von Herzen zufrieden? Da werden sie Euch schwerlich eine Antwort sagen können.«

» Deine Frömmigkeit ist wunderlich!« warf Ipke Tamen ein.

»Nenn's wie Du willst, Ipke! Die Frömmigkeit Eike Klähns ist wohl auch wunderlich, aber sie ist da und versichert die alte Frau an jedem Tage von neuem: Eike Klähn, es ist noch eine große Freude auf dem Weg zu Dir! Denkt Euch nur einmal: Eike Klähn hätte die Last ihrer hundert Jahre ohne diese Erwartung einer künftigen Freude zu tragen. Das wär' ein Jammer! So aber hat sie noch eine Lebenssache, wie die Lebenssache eines Baumeisters ein Dom zu Köln sein mag oder die eines Glockengießers ein Glockenspiel von nie dagewesenen Klangwirkungen. Sie lebt nur, diese Freude zu erwarten. Solch ein Alter kann keine Last sein, und das möcht' ich mir wohl wünschen.«

Jochen Klähn schlug mit der Faust auf den Tisch: »Bravo, Nomsen, das hast Du fein gedacht!«

Ipke Tamen war nachdenklich geworden.

»Wir Klähns haben auch eine Lebenssache,« sagte Jochen nach einer Weile.

Über diesem Worte schweiften die Blicke des Seefahrers zum Fenster hinaus in das undurchdringliche Grau, das Winterflocken und Reifnebel in den Tag gehängt hatten.

Ipke Tamen folgte den sinnenden Augen, aber in seine Worte klang der Zweifel am Gelingen des Werkes viel zu laut, als daß der, dem sie galten, diesen Zweifel hätte überhören können, als er sagte: »Jochen Klähn sucht den Weg, auf dem seine Träume ihr Ziel finden!«

Da fuhr sich Jochen mit der flachen Hand über das krause Blondhaar und schlug die Beine übereinander. »Tamen, in Dir ist Lüdde Lürsen wieder lebendig geworden!« –

Das war zum erstenmal, daß sie seit Jochens Heimkehr von dem Toten sprachen. Für die, die daheim geblieben waren, lag das Sterben Lürsens schon Jahre zurück, und Jochen Klähn mied es, im Beisein Frerksens oder von Frau Krassen über Lürsen zu reden.

Jetzt waren die drei allein. Und Uwe Nomsen, der Lürsen die Hand an die finkende Stirn gelegt hatte, wie sein Auge brach, dachte jener Morgenstunde. »Nein, Jochen, das war anders geworden. Ich weiß und Antje weiß es auch: Lürsen sah mit Neid auf Dich und Deine junge Kraft, weil ihn der Wind am Rockzipfel herumwirbelte. Es hat ihm bitter leid getan, daß er Dich so oft gekränkt hat. Und ich glaube, er hat uns das noch anvertraut, bevor er hinging, damit wir's Dir wieder sagen.«

Jochen Klähn horchte auf, und mit einem Blick auf Tamen sagte er: »So kann's vielleicht kommen, daß andere auch noch einsichtig werden.«

Jochen Klähns Wort barg eine Spitze; denn er deutete sich die vorige Rede Tamens als ein Mißtrauen in seine Kraft; das ärgerte ihn, wie ihn die Verzagtheit verdroß, die er noch an Ipke Tamen wahrnahm: »Ich erinnere mich, daß Du mit dem Munde vordem immer voraus warst, Tamen. Hat Dein Mut nicht Zeit gefunden, inzwischen dem Munde nachzukommen und ihn einzuholen? Ich denke, Zeit genug hätt' er dazu gehabt. Du bist doch nun nahe an die Zwanzig.«

Da fühlte Tamen beschämt, daß er mit seinem vorlauten Wesen Jochen Klähn verletzt habe; er lenkte ein: »Bei Lürsen war das was anderes, Jochen. Lürsen war neidisch, weil er schwach war.«

»Und Du bist stark und feig; ich denke, das ist das Schlimmere.«

Ipke Tamen errötete. »Feig?« sagte er. »Feig, weil ich Euch nicht glauben kann?«

Da stand auch Jochen Klähn von seinem Sitze auf: »Grad' heraus, Tamen: Leute wie Dich brauchen wir. Und Du mußt mittun! So warte auf den Glauben, er wird Dir noch kommen!«

»Hm,« machte Tamen; »wenn ihn Frerksen gefunden hat, so ist vielleicht auch noch für mich ein Weg zu Euch. Was kann ich aber dafür, wenn ich nicht bin wie Jens? Der glaubt und glaubt nicht, der Flachskopf, und tut einfach mit. Er denkt: ich werde schon sehen, was dabei herauskommt; denken läßt er Euch für sich, übrigens: daß Eure Sache gehen könnte, das bezweifle ich auch nicht mehr. Aber Ihr allein könnt nichts ausrichten.«

»Das wissen wir schon länger als Ipke Tamen. Wart aufs Frühjahr, da wird uns Hilfe werden,« versicherte Jochen Klähn.

Uwe Nomsen mußte bei diesem Gespräch an Eike Klähn denken: »Gott, wie hat die Frau früher gelacht, wenn Ihr sagtet: wir wollen mit der See um die Inseln kämpfen. Heut denkt sie anders; sie hat sich hineingefunden; und gestern, wie wir von Jochens Mut redeten und von seiner Hoffnung, da meinte sie: dem Jochen gelingt das!«

So hatte sich die Zeit die Herzen gewandelt.

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