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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie die Nacht kam, die weiche Sommernacht, in die auf dem Vorlande das Heu hauchte, ging Binne Bonken von der Werft herab. Sie ging am Priel entlang, in dessen schlummernden Wassern die goldenen Lichter der Sterne standen. Der Wind, der sonst auch durch diese traumstillen Sommernächte lief, war auf dem Weg über dörrendes Heu müde geworden und schlief zwischen den Diemen, die die Frauen gegen Abend aufgeworfen hatten.

Nun gelangte Binne Bonken an die Kante; es war die Zeit der Flut, aber die Wellen kamen und gingen ganz leise; sie trugen goldene Sterne und gaben acht, daß sie die nicht zerbrachen. In einer Bucht, die die See ins Land gefressen hatte, lag das Wasser ganz still, und Binne Bonken dachte: man könnte die blanken Sterne mit einem Porrennetze, das die engen Maschen hat, aus der Flut fischen und fünfzig auf einmal fangen, so viel sind ihrer. Und wenn man dann das Netz über dem sammetweichen Rasen umstülpte, in dem man nicht einmal seinen Schritt hört, so müßte das einen weichen reinen Goldklang geben.

Da lachte das Mädchen. Sie dachte an Uwe Nomsen, der sie solches traumhafte Sinnen gelehrt hatte; nun konnte sie's besser wie der.

Auf der Werft gingen in manchen Häusern schon die Lichter aus.

Da knisterte das Heu einer Dieme in der Nähe, und Jens Klähn richtete sich darin empor.

»Wenn ich nicht wüßte, daß Du heruntergehen und Möweneier suchen wolltest, ich würde Dich nicht erkennen, Jens!« sagte Binne Bonken, »so finster ist die Nacht. Und Möweneier? Haha, es ist ja kein Mond da. Oder willst Du auf ihn warten?« –

»Er ist schon untergegangen, Binne, schon im frühen Abend. Ich brauch' ihn auch nicht – wenn mir zwei Sterne leuchten, will ich schon finden, was ich suche.«

»Zwei Sterne?« fragte das Mädchen langsam. »Ich versteh' Dich nicht.«

Dann gingen die beiden miteinander, immer die Kante entlang, an der die See ein heimliches Nachtlied sang. Weil alles so leise war, dämpften sie den Klang ihrer Worte, und wie Jens Klähn das Mädchen zum Sitzen in der Heudieme neben sich herabzog, flüsterten sie nur noch.

Die Liebe redet vernehmbar, auch wenn sie leise spricht.

Jens Klähn streichelte Binne Bonkens goldenes Haar. »Du,« sagte er, »wenn das nicht alles ein Traum wäre, so reihte ich die blanken Goldstücke der Sterne an zu einer Kette und hinge sie Dir um den Hals. Und ich suchte silberne Muscheln und drückte sie Dir in das Haar. Dann wärst Du eine Königin.«

»Eine Königin ohne Deich und Reich!«

»Dein Reich wär' mein Herz, Binne.«

»Jens!«

Und sie wollte ihre Hand aus der seinen lösen.

»Laß mir doch Deine Hand und laß Dich einmal fragen: warum ich Dich so oft mit einer Krone gedacht habe? Schon wie Du noch ein Kind warst. Binne. Und ich weiß, wenn Ipke Tamen sich über Deine Traumaugen und Dein weiches Wesen ärgerte, droht' ich ihm: ich wollte ihn schlagen. Heut weiß ich alles und heut sag' ich Dir alles: ich hab' Dich schon liebgehabt, wie Du noch ein Kind warst. Und nun ...«

Jens Klähn, der halb liegend gesprochen hatte, ward auf einmal still und richtete sich in der Dieme empor.

»Woran denkst Du, Jens?«

»Ich dachte daran, daß keinem darüber etwas einfällt, wenn wir zwei heimlich in Nacht und Sternenlicht hinauslaufen, weder meinem Vater mit den wachsamen Augen, noch Deiner Mutter, Binne. Weißt Du, ich hätte lieber, man achtete ein wenig mehr auf uns.«

Binne Bonken wendete ihr Gesicht dem jungen Schiffer zu: »Was willst Du denn damit sagen?«

»Ich meine, wenn man nicht so an uns vorbeisähe, wär' ich froher; dann wär' ich zuversichtlicher. Aber sie schauen gar nicht her und lassen uns laufen wie damals, als wir Kinder waren. So sind wir in ihren Augen Kinder geblieben. Sie denken an die lange Zeit, in der ich der Heimat fern sein werde. Wenn Jochen von See heimkommt, Binne! Und ich werde am Ende drei oder vier Jahre nicht daran denken können, Dich wieder zu sehen. Das ist eine halbe Ewigkeit, und wer weiß, was darüber geschieht. Aus den Augen, aus dem Sinn, sagen sie; und Liebe soll nicht weiter von Liebe gehen, als die Möwe nach Futter für die Nestvögel fliegt.«

»Du legst Dir diesen Spruch falsch aus, Jens, und denkst dabei an falsche Treue. Das Sprichwort aber spricht von den Gefahren der See. Weißt Du nicht, daß die Treue der Inselfriesen Stolz ist?«

»Redest Du auch von Deiner Treue, Binne?«

»Ich will nicht schlechter sein als die andern!« sagte sie still.

Da faßte Jens Klähn die Hand des Mädchens fester, und sein Herz zitterte: »So sollst Du nun alles wissen und sollst wissen, wie ich die Tage verzagt gewesen bin. Ich habe gedacht: Wenn ich auf Schiffahrt gehe und Dich daheimlasse, ohne Dir gesagt zu haben, daß ich Dein bin, ganz Dein, so würden mir die Jahre meiner Reise zur Qual, es möcht' einer kommen und Dich zum Weibe begehren, Binne. Und warum, sollst Du ihm ›nein‹ sagen, wenn ich Dir kein Versprechen daheim ließ? Aber jene Geschichte geht mir nicht aus dem Sinn –«

Jens Klähn schwieg lange.

»Vielleicht mach' ich Dir das Herz schwer damit, Binne. Aber es ist doch besser, Du vergißt in wenigen Wochen, als: Du trägst ein Leben lang daran. So will ich Dir die Geschichte erzählen.«

Jens Klähn sprach leise, die Wasser im Priel und an der Kante klangen manchmal wie im Traum herüber. Über der See wob die Sommernacht heimlich an weißen Schleiern: »Uwe Nomsen hat sie mir erzählt, wie ich noch ein Kind war. Es ist einmal eine junge Braut gewesen, deren Liebster blieb auf See, viele Jahre lang. Manchmal schrieb er: es gehe ihm gut und er freue sich des Tages an dem er mit ihr vor dem Altar stehen könne. Und dann kam kein Brief mehr, im nächsten Jahre nicht und in keinem andern. In dem Hause des Mädchens starben Vater und Mutter, und die Einsame wartete und wartete vergebens. Da ließ sie ihre Lampe nicht mehr ausgehen und stellte sie des Nachts vor ihr Fenster, damit der goldene Schein eine Brücke hinausspanne, weit über die See. Und sie wartete Jahre hindurch; die gingen an ihr vorüber – das eine legte ihr die Falten in die Stirne, das andere blies ihren Mund an, daß er verwelkte. Das dritte reifte ihr ins Haar, und ein anderes machte ihr das blanke Auge trübe. Der Bräutigam war längst tot. Und kein Mann kam mehr, die Harrende zur Frau zu nehmen. Aber ihr Licht brannte fort, brannte einst in den Tag hinein. Da war die Braut gestorben: sie hatte ihr Leben verwartet. – Und als Uwe Nomsen mir die Geschichte zum erstenmal erzählte, hab' ich gedacht: Kein Schiffer soll sich eine Braut nehmen, so lange nicht, bis er nur in heimischen Gewässern fährt und die Daheimbleibenden um seinen Tod wissen, wenn ihn die See verschlingt. Diese Geschichte, Binne, das ist meine Sorge. Sieh, ich soll Dich fest an meine achtzehn Jahre fesseln – denn mein Herz mag ohne Dich nicht sein ... Und doch, wenn sie's erfahren, dann werden sie auf diese törichte Jugend schelten und Dir das Leben verleiden, Binne. Dich selbst wird die Reue überkommen, und es wird eine Bitternis ohne Ende sein.« –

»Wenn sie es erfahren! Aber sie erfahren es nicht!« sagte Binne Bonken, legte ganz leise ihre Arme um den Hals Jens Klähns und küßte ihn auf den Mund.

So schlugen ihre Herzen lange in heimlichem Gleichklang aneinander und verstanden, was sie einander sagten: es ist ein Band zwischen uns gewesen von Kind an. Und dieses Band ist in dieser Stunde zu einem Knoten geschlungen, den nur der Tod lösen kann.

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