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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

In jener Zeit, in welcher der Winter den Grund der Watte noch freigab, stand Knudt Klähn mit Ocke Frerksen draußen beim Buhnenbau.

Und wenn der Kapitän, den mächtigen Hammer in der Faust, mit gewaltigen Schlägen die Pfähle zum neuen Damm in den zähen Klei des Seegrunds trieb, da stemmte er nicht selten den Hammer an den Grund, und sein dröhnendes Lachen sprang in den Wind über das neblige Watt; er dachte der Geschichte, nach welcher die Kunde, daß er preußisch geworden sei, drei Jahre bis in Ketel Klähns Sommeridyll auf Habel gebraucht hatte. Und wenn der Kapitän auch an einen Sieg seiner Kraft gegen die draußen im Spätwind schäumende See noch nicht glauben mochte, so sagte er doch: »Knudt Klähn, es ist richtig, die See erzieht sich uns Menschen mit wachen Augen und sinnenden Herzen. Aber in Ketel Klähn hat sie einen Fehler gemacht! Knudt Klähn, der Wind bläst die Seelen wach, und das schleichende Elend zwingt auf den Inseln keinen lange zu sich hinter den Ofen. Es hat auch mein Haus wieder im Stich gelassen.«

Knudt Klähn trat dicht vor den Kapitän und schaute suchend auf seine Stirn: »Und die Spinnenfäden, Frerksen, die es gewoben hat, die hat die saubere Hand der Arbeit wieder von hinnen gefegt!«

Aber auch Knudt Klähn hatte sein Teil daran, der Mann mit den blanken Augen und der freien Seele. »Augen und Seele immer so sauber, als bliese der Meerwind durch,« hatte Uwe Nomsen gesagt.

Ocke Frerksen schwang den Hammer mit gewaltiger Kraft: »Ich bin wieder lebendig geworden, Knudt Klähn!«

Im geheimen floß noch manches aus den Speichern des Klähnschen Hauses in die Hände von Krassen Frerksen, wofür kein Dank begehrt wurde. Der Schiffer wußte: es kommt die Zeit, da wird Ocke Frerksen wieder den Beutel gefüllt haben; jetzt weiß der Kapitän, daß diese Arbeit nicht geschieht, um der See in den Dammbauten ein Spielzeug in die Hand zu geben, und er wird einst sehen: der Sieg winkt. –

Wenn sie in den Häusern fragten, seit wann es besser mit Ocke Frerksen geworden sei, da hieß es: seit Antje Klähns Hochzeitstag.

Von jenem Tage ab, an dem Antje Klähn Antje Nomsen wurde und hinter den Fenstern mit den frischgestrichenen hellgrünen Rahmen und den schneeweißen Vorhängen als Hausfrau zu walten begann, geschah auch eine Wandlung mit Ketel Klähn: er ward noch schweigsamer, aber die Feindseligkeit seines Wesens räumte einer versonnenen Zerstreutheit den Platz, und die Härte der Züge in des alten Einsiedlers Gesicht wich einer Milde, die der eines späten Herbsttages glich: manchmal flog ein Blick Sonne seinen erwärmenden Flug hindurch.

Aber Frau Sikkes Seele war Kampf geworden; und seit sie wußte, daß auf Klähns-Hallig auch jene Männer voller Freude waren, die auf nicht minder harter Wacht im Winde standen als Ketel, ward sie ihm noch mehr gram. Sie kannte dies vermühte Herz und konnte in diesem Antlitz lesen, in das Leid, Kampf und harte Sorge geschrieben hatten. Und darum sah sie auch: mit Ketel Klähn ist eine Wandlung geschehen; das macht, er hat ein Geheimnis und er hat eine Hoffnung.

Und zu hoffen hatten die beiden Menschen auf Habel doch schon lange verlernt.

Aber Frau Sikkes Herz überkam der Trotz, und sie verbarg ihre Wahrnehmung, setzte sich öfter denn sonst in den Lehnstuhl an das Fenster ihres Hauses, das nach Klähns-Hallig lag, und schaute geflissentlich sehnsüchtig hinaus, so oft Ketel durch die Stube schritt. Aber sie vergönnte ihm kein Wort.

Er hat eine Hoffnung, er nährt eine heimliche Freude, aber er verbirgt sie, weil er allein daran teilhaben will, dachte Frau Sikke. Und sie sann, Ketel Klähn um sein Geheimnis zu bestehlen.

Je einsamer die Einsamkeit Habels war und je näher der Winter kam, desto rätselhafter ward ihr des Mannes Behaben. Er verschloß alle Kästen, verschloß jedes Schapp, saß die langen rauhen Tage hindurch im Zimmer nebenan und hatte ein altes Eisbärfell um die Beine gewickelt.

Und in ihrem Lehnstuhl hörte Frau Sikke die schlechtgeschnittene Wildgansfeder Ketels scheltend über rauhes Papier laufen, weil sie Zahlen und grobe eckige Buchstaben schreiben mußte. Aber Ketel Klähn verschloß seinen Mund fester als Schapp und Kasten. Da wurden Frau Sikkes Augen noch wachsamer, und manchmal weinte sie in heimlichem Zorn. Allein sie verbarg's Ketel Klähn – die Genugtuung, sie geärgert zu haben, wollte sie ihm versagen.

Seinen siebzigsten Geburtstag hatte er begangen, ohne von Frau Sikke daran erinnert zu werden. Und so sahen sie beide der Einsamkeit in die grauen Augen, die mit ihnen aus dem Eilande wohnte, und verstanden nicht mehr, in diesen Augen zu lesen, die ihnen durch vier Jahrzehnte ein treues Buch geworden, mit dem sie alles beredeten, wie Olk Eike mit der vergilbten Bibel.

Wie im Hornung das Wattenmeer eisfrei wurde, segelte Ketel Klähn. Er steckte die Beine in die Rohre seiner Seestiefel, drehte das Klüwer in die Fahrtrichtung, und der Wind trug das Boot durch die einsame Welt der Inseln. Auf allen Werften kehrte der greise Mann ein und durchblätterte vorhandene Bücher – oft genug war die Bibel das einzige Buch, das die Werft besaß.

Ohne Unterlaß bewegten sich seine Lippen, war er mit sich und der See allein. Aber er sprach nicht hörbar, und nicht die einsame Möwe, nicht die Pfeifente, die in der Dämmerung des Abends mit sausendem Flügelschlag über dem schlürfenden Wimpel seines Bootes dahinfuhr, hat vernommen, was der Vorfrühlingsfahrt Ursache gewesen.

Wenn der Wind ihm zu steif in die Lappen blies, dann wurde das Flüstern seiner Lippen zum Worte, immer zum gleichen. »Laat den Fock dal!« rief er.

Da fuhr das Segel herab, und das Schifflein mäßigte seinen Flug.

Und wenn er da und dort eingekehrt war und nach einem Buche gefragt hatte, war er nicht säumig: »Ick mött afführen. Dat jift slecht Wedder!«

Wenn der Alte dann des Abends unverrichteter Sache heimkehrte, fand er im Lehnstuhl keine Rast, sondern schritt noch lange im kleinen Zimmer hin und her, und sobald der Morgen dämmerte, machte er sein Boot los und segelte wieder in das Grau des Vorfrühlingstages.

Überdem blieb Frau Sikke allein mit ihrer Einsamkeit, und unermüdlich spürte sie auf der Fährte von Ketels Geheimnis.

Einmal legte ein Boot an. Zwei Männer bracht' es, die Stärkung heischten. Der eine kam von langer Seefahrt; Nordmarsch war seine Heimat, war seine Sehnsucht. Frau Sikke hat sie bewirtet. Es war stürmisches Wetter in See. Aber den meerbefahrenen Mann litt's nicht unterwegs im Angesicht seiner Heimatscholle.

»Min Sähn, wat wut Du up Din Hallig?«

»Starben, starben up min Hallig!« sagte der Fremde.

Auch Frau Sikke kannte diese Sehnsucht: auch sie war »ungebeten« zurückgekehrt.

Und dann war wieder die Stille bei ihr heimisch geworden und der Alltag mit seiner Arbeit und der nagenden Neugier, die keine Antwort auf die Frage wußte: Was treibt Ketel?

So hatte sich Frau Sikke in trübseliger Bescheidung mählich und hart mit dem Gedanken abgefunden, daß der schweigsame Tod diesem Rätsel den Mund öffnen müsse.

Aber es kam anders.

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