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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Im Hause Knudt Klähns hielten sie Hochzeit. Es war um die Nachmittagsstunde, in welcher die Feierlichkeit der Herzen dem lachenden Frohsinn zu weichen hatte. Das Brautpaar ging reihum in den Häusern auf der Werft, nahm allenthalben Wünsche und Hoffnungen mit; und wer geladen gewesen war und an der sauber gedeckten Tafel gesessen hatte, war von den Pflichten in Stall und Küche schon wieder heimgerufen worden. Nun saßen Knudt Klähn, Ocke Frerksen und Ketel Klähn, der von Hallig Habel herübergesegelt war, in ernst-launigem Gespräche noch beim Teepunsch, und die blauen Wolken des Tabakrauches umspannen die Männer.

Frau Sikke hatte sich mit den übrigen Frauen hinausbegeben.

Letzte Herbstsonne lachte in die Festfreude des Tages, als Ocke Frerksen den Kalender vom Bord herabholte: »Ketel Klähn kann bei klarer See und klarem Mondlicht jede Stunde der Nacht segeln.«

Es waren viele Jahre vergangen, seit der Kapitän zum letztenmal mit dem Einsiedler von Habel beim Glase gesessen hatte. Diese Jahre hatten aus Frerksen ein Wrack gemacht und Ketel Klähn mit jener feindseligen Schweigsamkeit beschenkt, die Frau Sikke ihre Inseleinsamkeit verleidete. Dafür entschädigte sie sich heute in einem behenden Schwätzchen und hatte wohl acht, daß sie immer eine geräumige Ferne zwischen sich und Ketel Klähn legte.

Der aber fand sich zwischen Frohsinn und helläugiger Jugend herzlich schlecht zurecht. Auch jetzt lehnte er im Stuhle, den mächtigen Kopf mit den langen weißen Haaren unwirsch zwischen die Schultern gezogen, und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch.

Knudt Klähn sann lächelnd in die wehenden Wolken, die den Kalkpfeifen entstiegen, und sah: In Ocke Frerksen, an dem alles breit ist, die Hände, die Achseln, die Stirn, der Mund, sind Mut und Hoffnung wieder eingezogen – ein glücklicher Winter, der seine Kraft nicht beharrlich an den Buhnenbauten erprobt, und – mit Ocke Frerksen haben wir ein gewonnenes Spiel. Mögen seine Ohren dann immer taub sein, wenn nur sein Herz erst wieder in sicherem Gleichtakte schlägt! Und Knudt Klähn sah auch: Wenn der Kapitän neben Onkel Ketel sitzt, dann zeigt sich 's erst, wie Arbeit und Kampf des letzten Sommers den tauben Mann aufgerichtet haben.

Ketel Klähn wußte von keinem neuen Buhnenbau auf Habel zu erzählen; er war müder und versonnener denn je, und sein verschlossener Mund sprach von unbeugsamem Trutz.

Der Kapitän hatte seine heimliche Lust an der feindseligen Verbitterung des Einsiedlers von Habel. Und wie er sich eine Zeitlang still mit dieser vergnügt hatte, hob er sein Glas; das war mit rumreichen Teepunsch bis zum Rande gefüllt: »Sollst leben, Ketel Klähn!«

Aber eh' ihm der Alte Bescheid tat, und ehe Frerksen sein Glas zu gewaltigem Zug an die Lippen führte, hielt er einen Augenblick inne, sann und schlug das Glas mit schallendem Gelächter auf den Tisch.

Das hörte Knudt Klähn gern; und Krassen Frerksen schob das Fenster auf, das in der Wand nach der Küche war, und steckte den Kopf herein: Wahrhaftig, das ist Frerksen! Frerksen lacht wie in alten Tagen, wenn sie auf hoher See beim Grog saßen und sein Lachen das Brausen der Flut zu übertönen hatte!

Da flog ein Sonnenschein über Frau Krassens verhärmtes Gesicht, und über ihr versorgtes Herz kam eine Freudigkeit, die war wie Gebet.

Drinnen aber hub der Kapitän an: »Ketel Klähn, Ketel Klähn« – wie Kommandoruf erklang seine Stimme – »ja, das warst Du! Seht, so kann einer sich selbst fremd werden, daß er in dreißig Jahren nicht ein einziges Mal an die lustigste Geschichte gedacht hat, die je geschehen ist! Ketel Klähn, sollst leben! Komm, Knudt, stoß an: heute feiern wir auf Klähns-Hallig Ketel Klähn als preußischen Untertan!«

Da wußte Knudt Klähn, wohinaus Frerksen wollte. Aber dem alten Ketel verzog die Lustigkeit der beiden Männer kaum den Mund, und er suchte vergebens nach einer Erklärung dafür, daß ein herzhafter Witz, der ihm vor mehr als dreißig Jahren unschuldigerweise gelungen war, noch an diesem Tage so fröhliches Lachen hervorrufen konnte.

»Ketel Klähn, erzähl's! Wie war's doch gleich? ...«

»Na,« brummte Ketel Klähn, »wenn Ocke Frerksen auf Habel säße, könnt' ihm das auch geschehen sein, und leicht, er wüßte heute noch nicht, daß er deutsch sei. So ist's gewesen: Im Jahre 69 wollt' ich an den König von Dänemark einen Brief schreiben, er solle mir meine Hallig abkaufen.«

»An den König von Dänemark?«

»Na ja, Frerksen, weil ich nicht wußte, daß die Halligen im Jahre 66 preußisch Land geworden waren.«

Und der Kapitän schlug mit seinen beiden breiten Fäusten auf den Tisch: »Ketel, alter Eisbär, das hast Du fein gemacht!«

Das dröhnende Lachen Frerksens flog gegen das kleine Schiebefenster in der Wand, daß es klirrte. Zur selben Zeit rieb sich Frau Sikke in der Küche vergnügt die Hände: Ocke Frerksen ist lustig, und Ketel Klähn muß die Kosten bezahlen!

Da trank der Kapitän sein Glas leer. »Schenk ein, Knudt Klähn!« mahnte er. Und die Freude, die über ihn gekommen war, rief auch draußen die Freude wach: die Frauen redeten lebhafter, und selbst Olk Eikes spitzes Lachen fand seinen Weg herüber zu den Männern am Tische.

Ketel Klähn war längst wieder in sein schweigsames Sinnen verfallen, in dem er sich auch nicht stören ließ, als Knudt und Frerksen das Alter des Einsiedlers von Habel berechneten. Mit Kreide auf der Schiefertafel wiesen sie's ihm nach; aber Ketel Klähn schüttelte den Kopf ärgerlich. Wie er auch die Merksteine befragte, die er sich da und dort an seinen einsamen Lebensweg gestellt hatte – die Rechnung Knudt Klähns mußte falsch sein.

Da erhob sich Frerksen aus dem Rohrstuhl, schob das Fenster zurück und fragte in die Küche: »Olk Eike muß wissen, wann ihr Jüngster geboren ward!«

Nun rechnete auch Olk Eike: »Das ist in dem Jahre nach der großen Flut gewesen.«

Der Streit war geschlichtet. So wurde an jenem Tage mit Hilfe der Greisin, die an der Schwelle ihres zweiten Jahrhunderts stand, Onkel Ketels Eintritt in die Freuden des irdischen Daseins auf das Jahr 1825 verlegt; er wollte wollen oder nicht: im Christmonat feierte er seinen siebzigsten Geburtstag.

Und Ketel Klähn schüttelte den Kopf nun erst recht unwillig: der Weg durch die Jahrzehnte war ihm zu rasch zurückgelegt worden. Und was er erreicht hatte, ließ das ersehnte Ziel immer noch nicht nahe sein.

Die Dämmerung des Herbstabends spann draußen, und rasch kam die Nacht.

Da mahnte Ketel zur Heimfahrt. Aber Frerksen wehrte ihm, und auch Frau Sikke gedachte die Gunst der Stunde zu nützen, die sie unter fröhliche Menschen geführt hatte. Ketel Klähn war nicht gewöhnt, mit dem Willen anderer zu rechnen und war von Herzen mißvergnügt. Da suchte er eine Gelegenheit, zu entwischen: er stapfte in den Mondschein und stapfte Pipenwarf entgegen, von wo aus die neuen Buhnen auf das Watt liefen. Auf dem Wege dahin gab ihm die sichere Aussage Olk Eikes zu denken, die ihn um fünf Jahre älter machte, als er sich selbst eingeschätzt hatte. Und nun, wie er so durch die herbstsilberne Inseleinsamkeit wanderte, rang der alte Plan nach neuem Leben; der ihm einst geheißen hatte, einem König seine Hallig zum Kauf anzubieten.

Wechselvolles Leben pflanzt und Einsamkeit reift; auf Hallig Habel wollte Ketel Klähn den Plan seines Lebens, den ihm dieser Tag wiedergeschenkt hatte, in heimlichen Nächten erwägen und einen Weg finden. –

Es ging gegen Mitternacht, als das Ehepaar von Habel im Schifflein über die mondlichtklare See heimwärts segelte. Von Klähns-Hallig waren sie alle mit drunten am Priel, aus dem das Boot hinaustrieb, und gaben dem greisen, wortkargen Steuermann manch herzfrohen Scherz mit auf die Fahrt. Frau Sikke aber leistete nur grollend Gefolge. Sie werden die Nacht hindurch auf Klähns-Hallig noch fröhlich sein; aber Ketel neidet ihr die Sonne, darum segelt er in diese schweigsame, kalte Herbstnacht, dachte sie.

Auf der Fahrt hatte Frau Sikke Zeit zu überlegen, daß sie darüber mit Ketel Klähn während der kommenden Tage noch rechnen werde.

Und der Frohsinn des Hochzeitsfestes war golden genug, auch in die folgende Zeit noch manchen Strahl zu werfen, den das graue Licht der Spätherbsttage nicht auszulöschen vermochte.

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