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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3ad91672
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

An diesem Abend war Uwe Nomsen daheim in den Stall getreten. Weil aber Herlich Nomsen mit der Besorgung des Viehs fertig war, folgte er ihr in die Küche und schritt hinter ihr drein wie ein fröhlich Kind, das für einen Wunsch einen Weg in das Herz der Mutter sucht, noch ehe dieser Wunsch ausgesprochen wird.

»Was will Uwe?« dachte Mutter Nomsen und sah ihrem Sohn in die Augen. Dann lächelte sie und wirkte schweigend ihr Tagwerk zu Ende.

Wie eine Stunde vergangen war, lag Hertje Nomsen schon schlafen, und der Frau, die im Scheine der Lampe nähte, saß Uwe am Tische gegenüber. Der griff bald einmal nach der Zeitung, bald nach dem Buche, in dem die alten Trachten der Friesen abgebildet und ihre Sitten und Bräuche mit Fleiß und Liebe geschildert sind. Seit die jungen Männer auf den Inseln den Gefahren immerwährender Seefahrt sich häufig nicht mehr aussetzen mögen, auf dem Festland Arbeit suchen, und seit die Inselleute Frauen von draußen heimführen, ist mancherlei Wandlung geschehen, meint Uwe Nomsen. Und: was die Väter nach Art ihrer Väter heilig gehalten haben an Tracht und Wesen, das ist dem neuen Geschlechte fremd, ja wohl gar verächtlich geworden.

Über solchen Gedanken wurden seine Augen an den vorigen Abenden ernst. Und wenn er sonst einmal den blauen Band vom Bord genommen hatte, hörte und sah er nicht, was um ihn war. Aber heut ist sein Blick blank von einer heimlichen Freude, merkt Herlich Nomsen; der Glanz einer Sonne ist darin, den hat der feuchte Vorfrühlingstag nicht hinein gezaubert.

Und jetzt schritt Uwe in hastigen Schritten durch das Zimmer, trat ans Fenster, stützte die Arme auf die Fensterbank und lehnte die Stirn an die Scheibe.

»Es sind keine Sterne da,« sagte er; aber seine Augen hatten noch ein spätes Licht gefunden. Das ging aus dem Hause Klähns und tastete sich mit goldenen Händen durch die pechschwarze Nacht herüber zu Nomsen.

Der sagte halblaut: »Sie ist noch wach ... es ist nur gut, daß sie nun nicht mehr daran denken muß, wieder von Hause fortzugehen.«

Herlich Nomsen zog ruhig ihren Faden durch den Saum: »Antje Klähn? O ja, wenn Jochen heimkommt.«

Da sprang dem frohgemuten Jungen das Herz auf die Zunge: »Aber nicht nach Husum, Mutter, sie wird einziehen in das Haus Uwe Nomsens!«

Herlich Nomsen zog ruhig ihren Faden durch den Saum.

»Mutter!«

Da lächelte Frau Herlich klug: »Du meinst, ich seh und höre nicht. Aber wenn einer eine Freude Schritt für Schritt gegen sein Haus anschreiten sieht, hat er sein Herz bereitet ...«

Da kreuzte Uwe Nomsen die Arme vor der Brust und trat mit verwunderten Augen vor die Frau: »Hab' ich mein heimlich Glück so schlecht geborgen?«

Herlich Nomsen legte das Nähzeug in den Schoß. »Nein,« lächelte sie, »aber den Neid, der scheel auf die kleinen Freuden sah, die Antje Klähn Lüdde Lürsen ans Sterbelager trug.«

Uwe schlug die Augen nieder: »Das war nur ein einziges Mal! Und das hast Du gemerkt?«

Nun nähte Herlich Nomsen ihren Saum lächelnd zu Ende.

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