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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Die letzten Nebel, die den Dächern und Zäunen silbernen Anreif brachten, waren verweht. Da rief der März die Leute von der Werft hinunter auf den Rasen des Vorlands. Und sie ließen nicht auf sich warten: Antje und Jens Klähn, Ipke Tamen, von drüben Uwe und Hertje Nomsen und Binne Bonken gingen mit den eisernen Harken über den Schultern, um von der Grasnarbe die Muscheln und rundgerollten Backsteine abzuharken und wieder hinaus aufs Watt zu tragen. Das waren die gleichen Backsteine, die einst die Menschenwohnungen weit draußen auf jenen Werften bilden halfen, über die nun die graue See ging.

So bahnte die Jugend dem Frühling die Steige.

Uwe Nomsen harkte an der Grenze seines Graslandes, an der das schmale Priel entlang lief, das sie schon als Kinder mit jauchzenden Rufen übersprungen hatten. Antje Klähn stand jenseits an dem Graben; die anderen waren über das Vorland verstreut und zogen eifrig ihre Harken über das wintergraue Gras. Die Muschelscherben knirschten unter den eisernen Zähnen. Da stemmte Uwe Nomsen den Rechen an den Grund: »Antje Klähn, diese Arbeit ruft alljährlich von neuem, und man weiß nicht, wer zäher ist: die See, die die armen Brocken jedes Jahr wieder herauswühlt, oder die Menschen, die sie ihr geduldig immer von neuem zum Fraße vorwerfen.«

Da schaute Antje Klähn mit kecken Augen herüber: »Die Menschen, Uwe Nomsen!«

»Die Menschen?«

»Natürlich; denn die See wird einst doch erkennen müssen, daß ihr Siegeslauf gegen heiligen Heimatboden vermessen ist und daß Menschenweisheit höher ist als ihre stumpfsinnige Stärke.«

Antje Klähns Worte liefen so freudig in den klingenden Wind und riefen so hell in Uwe Nomsens Herz. Da ging er bis hart an den Rand des Priels, stützte sich auf den Harkenstiel und sah mit einem langen Blick in das Antlitz, in dem die Lippen so rot und die Augen so blank waren und um dessen Stirn die Haare in goldenen Ringlein klangen: »Antje Klähn, das ist die Stimme Jochens!«

Da lachte das Mädchen noch froher, wendete die Harke um und stieß das Ende des Stiels kräftig in den lockeren Grund: »Freilich ist sie's! Denkst Du, solche Ideen hab' ich aus mir, Uwe Nomsen? Aber nicht die Stimme ist's, sondern die Worte Jochens sind. O, ich hab' sie mir genau gemerkt und will nicht eins von allen vergessen, bis er wiederkommt!« –

So liefen die Gedanken, die das Geheimnis der Nächte Klähns gewesen waren, durch die Häuser.

Der Schiffer fand jeden Tag seinen Weg zu Ocke Frerksen und ergänzte in mühsamer Unterhaltung, wovon zuvor die Rede zwischen ihnen gewesen war. Bald wußten sie alle, was die Männer erwogen und wie tapfer Knudt Klähn zu einem Streite rief, den die See schon so lange kämpfte und über dem doch noch gar keinem im Ernste eingefallen war, an Gegenwehr zu denken.

Die Pläne der Klähns fanden ihren Weg in die Herzen der Jugend und waren wie der Same, der auf gut Land fällt.

Und Uwe Nomsen? Der lobte den Mut der Klähns und stand auf der Seite derer, die keinen Glauben hatten.

Antje Klähn war längst wieder bei der Arbeit – immer das Priel entlang; es war, als sei just dort die Harke am nötigsten. Sie fühlte, wie ihr die stillen Augen Nomsens folgten; sie fühlte: Uwe Nomsen sinnt noch immer über die vorigen Worte.

Da schritt er langsam am Graben daher und sagte: »Du meintest, Du wollest nichts vergessen von dem, was Dir Jochen gesagt hat? Jochen wird aber lange ausbleiben, und wer weiß, wie dann sein Eiland aussieht. Am Ende ist's ihm gar davongelaufen!«

Da hielt Antje Klähn einen Augenblick bei der Arbeit inne, und ihre Stimme war nicht mehr so glockenklar wie vorhin, als sie fragte: »Ist das Dein Ernst, Uwe Nomsen? Und tut Dir das nicht weh?«

»Mein Ernst und mein Scherz, Antje! Denkst Du, ein einziger leidet so um diese vergehende Scholle als ich?«

Darüber war Antje Klähns Auge wieder froh wie erst: »Und möchtest Du nicht mithelfen, das Haus Deiner Mutter, Dein eigen Haus, Uwe Nomsen, der See aus dem Rachen zu reißen?«

Da dachte Uwe Nomsen: warum dringt Antje Klähn so in mich? Will sie mir sagen: sieh, Nomsen – Jochen, das ist einer, wie die Inseln ihn brauchen! Aber du, was kannst du uns nützen? –

»Nun, Uwe Nomsen? Du hast immer noch die Antwort vergessen!« mahnte sie.

Nomsen, der mit über der Brust gekreuzten Armen gestanden und vor sich hingesonnen hatte, strich sich die Haare aus der Stirn, mit denen der Abendwind zu spielen begann: »... der See aus dem Rachen reißen ... Das ist wieder Jochen, der so zu Dir geredet hat. Immer denkst Du an ihn, immer sprichst Du von ihm ...«

»Nun, Uwe Nomsen?«

Es war, als raffe der sich auf: »Ich möchte wohl, Antje Klähn! Ich kenne das Ziel der Träume Jürgen Bonkens, die nicht mit ihm gestorben sind. Ha, welcher Hohn: die hat die See uns gelassen, aber das Werkzeug hat sie uns aus der Hand gerissen! Ich kenne das Ziel – o, Antje, ich weiß nicht, ob einer von uns so klar die weiten grünen Gefilde sieht wie ich; die Pflugschar sieht, die die Scholle bricht, ob einer die Rinder und Schafe sieht, die auf den deichgeschützten blütenreichen Koogen gehen sollen, welche uns Jürgen Bonken aus unsern Halligen zu schaffen gedachte. Alles seh' ich, Antje Klähn, aber den Weg weiß ich nicht zu diesem Ziele. Wohl seh' ich ihn anheben und seh' ihn hinauslaufen – aber er verdämmert im unermeßlichen Blau. Und deshalb mein' ich: es ist kein Weg für uns, Antje Klähn!«

Da lehnte sich das Mädchen gegen den aufgestemmten Harkenstiel: »Ich wußte, daß Du so denkst, Uwe Nomsen. Und wenn Du mit mir darüber sprichst, wenn ich Deine stillen klaren Worte höre so mein' ich wohl auch: Du müßtest recht haben. Aber Vater und Jochen haben lange darüber gesonnen. Vater und Jochen haben schon manches Werk in Angriff genommen und alles zu Ende geführt; sie werden auch jetzt wissen, was gut ist. Ich glaub' an sie!«

»Das ist tapfer von Dir, Antje Klähn. Aber Du solltest auch ein wenig an mich glauben können ...«

»Wir müssen alle tapfer sein, Nomsen, nicht bloß die Klähns!«

Dafür wollte Nomsen dem Mädchen ein eifersüchtiges Wort über das Priel werfen. Darum war es gut, daß in diesem Augenblicke Jens Klähn vom benachbarten Graslande herüberrief: »Gehen wir heim, Antje?«

Der frühe Abend spann schon heimlich über der See. Auf dem Graslande waren da und dort weiße Muschelhäuflein geschichtet, lagen da und dort Haufen rundgerollter Backsteine. Und Jens Klähn schaute mit den drei andern von der Kante herauf, um Antjes Antwort abzuwarten.

Die legte die Hände rund um den Mund: »Geht voran; wir kommen bald nach!«

Der Wind wehte den Mädchen die Röcke breit, wirbelte ihnen die Schürzen in die Höhe, so daß sie unablässig gegen ihn ankämpfen mußten. Er spielte grob. Wenn wenigstens die Jungen nicht dabei wären! Sie mußten sich drehen und wenden, um den Vorwitzigen zu überlisten. Ipke Tamen bot Hertje Nomsen lächelnd seine Hilfe an. »Wart nur, ich zwing ihn schon!« gab die lustig zurück.

Für Binne Bonken hatte der laute Junge selten ein Wort. »Binne Bonken versteht keinen Spaß,« meinte er.

Aber Jens Klähn schützte das stille Kind und sagte unwillig zu dem Jungen: »Wohl versteht sie Scherz, – o, Binne kann lachen wie ein Maitag; aber man darf nicht grob mit ihr sein wie Du! Du tust immer, als wärst Du ein Held; aber wenn die See einmal kommt, dann bist Du zag, Tamen! Weißt Du noch?«

Ipke Tamen ward schamrot und warf einen Blick auf Hertje Nomsen – die hätte nicht hören sollen, das Jens ihn feig nannte. Und Hertje Nomsen lauschte: Was meint denn Jens Klähn?

»Ach so.« sagte Ipke Tamen, »Du redest von dem Tag, an dem Lüdde Lürsen gestorben war? Und wie das Wasser kam? Damals hab' ich mich freilich gefürchtet. Aber das ist nun vorbei. Übrigens, ich hätte Dich einmal sehen mögen, wenn Du an dem Tage in meiner Haut gesteckt hättest! Heut fürcht' ich mich nicht mehr. Und wenn ich ein Mann bin, so will ich neben Deinem Vater und Jochen stehen so gut wie einer, vielleicht noch besser!«

So gingen sie zwei und zwei, die Harken über den Schultern, der Werft entgegen; Ipke und Hertje ein Stück voraus, Binne Bonken und Jens Klähn folgten gemächlich; es war, als sollten die zwei anderen nicht hören, was sie heimlich miteinander redeten.

Manchmal schaute Jens nach der Schwester sich um und sah: Antje hat nun auch die Harke über die Schulter gelegt, und jetzt springt sie über das Priel.

Die Kinder blieben einen Augenblick stehen und Binne Bonken meinte: »Antje wird Uwe Nomsen noch helfen wollen. Nomsens Land ist größer, und er ist noch nicht fertig.«

Da mußte Jens lächeln: »... oder er hat sich über der Arbeit wieder einmal versonnen; vielleicht hat er mit dem Winde reden müssen.«

Aber Uwe Nomsen hatte das letzte Häuflein Muscheln längst zusammengeharkt; und nun deutete er nach den vieren, von denen das erste Paar gerade hinter den Häusern verschwand: »Sieh, wie die Kinder Leute werden, Antje Klähn!«

»Warum auch nicht? Auf dem Festlande gehen sie schon mit vierzehn Jahren aus der Schule, und so könnten auch diese vier schon in fremden Häusern sein. Warum sie auf den Inseln nur bis sechzehn gehen?«

»Möchtest Du wieder dienen?« fragte Uwe Nomsen fast zag. Es war, als bange ihm vor der Antwort dieses lachenden Mundes.

»Wenn ich daheim keine Pflichten hätte, ja!«

»Und hättest Du dann gar keine Sehnsucht nach Hause?«

Antje Klähn besann sich: »O doch! Aber wenn Jochen heimkehrt, dann bin ich im Hause wieder übrig, Jochen ist hier besser am Platze. Für ihn gibt's Arbeit, Arbeit, die sonst keiner wird tun können. Und weil sie ihn hier brauchen, darum werde ich wohl wieder fortgehen müssen.« –

»Ich bin froh, daß es bis dahin noch weit ist, Antje!«

Das Mädchen hörte, daß Uwe Nomsens Stimme zitterte, und daß der weiche Klang darin war, den sie schon so oft vernommen hatte. Sie hörte gern in diese warme volle Stimme und dachte: Uwe Nomsens Herz klingt hinein.

Überdem sah Antje Klähn, daß die Kinder schon auf der Werft waren. Die Häuser versanken in das Grau der Dämmerung.

»Die Nacht kommt, Uwe Nomsen!«

Da legte der seine Harke auch über die Schulter. Aber sie gingen langsamen Schrittes und gingen nicht quer über die Fenne, sondern in weitem Bogen sinnend die Kante entlang.

Der Wind lief von der See her, und die Wellen brachen sich am Rande des Geländes. Da sah Uwe Nomsen dem Mädchen ins Gesicht: »Hab' ich Dir vorhin weh getan, Antje?«

»Nicht weh. aber Du solltest Glauben an Jochen haben, Uwe! O, Jochen, das ist ein Junge! Ihr ahnt es nicht, Ihr alle nicht, und Du auch nicht, Uwe! Aber ich sage Dir, Du wirst an ihn glauben wie –«

»Sag: an Gott!« fiel ihr Uwe Nomsen eifersüchtig ins Wort.

Antje Klähn mußte lachen: »Beinahe hätt' ich's gesagt!«

Nun gingen sie wieder eine Weile stumm nebeneinander, immer die Kante entlang. Da kamen sie in den Schutz der Werft, hinter der das Singen des Windes schwieg. Das Mädchen zog das leinene Kopftuch ein wenig zurück, so daß ihre Stirn frei ward: »So ist's hinter den Deichen des Festlands wie da hinter der Werft: ordentlich warm. Der Wind reißt einem nicht jedes Wort vom Munde und schlägt einem die nassen Nebel und die Dämmerung nicht so ums Gesicht.«

»Hm,« machte Uwe Nomsen, »und jetzt geht der Wind erst recht sanft. Weißt Du warum?«

»Nun?«

»Er wagt sich nicht herüber zu Antje Klähn; er fürchtet sich vor ihr, weil sie so hart reden kann. Er fürchtet sich ...«

»Wie Uwe Nomsen!«

Hätte doch der Wind dies Wort fortgeschlagen, fortgetragen – weit, rasch, ehe es an Uwe Nomsens Ohr geklungen war! Antje Klähn zog sich das Kopftuch tiefer in die Stirn, damit Uwes waches Auge wenigstens die Flamme nicht sehe, die hineinschlug. Aber der merkt ja doch alles! Der horcht ihr ins Herz und liest in ihrer Seele wie in einem offenen Buche. Das kann er, weil er immer so vor sich hinträumt und alles Kleine immer so lieb ansieht, alles Tote lebendig dichtet. Darum sieht er auch den Weg nicht, auf dem wir zu dem großen Ziel gelangen können.

So dachte Antje Klähn.

Der Wind schaukelte sich auf den Wellen, die heute immer in kurzem Gleichklange gegen Knudt Klähns Buhnen schlugen.

Nun standen die beiden und schauten den Damm entlang, der grau in die graue See lief. Von fern riefen die Wildgänse; wie silberne Tupfen lagen die Möwen schlafend auf dem Grase.

Uwe Nomsen stand so dicht neben dem Mädchen, daß er fühlte, wie ihr Arm seine Joppe streifte. Und die Nacht fiel auf das Land und wehrte den Blicken, die Antje Klähn gern hinausschicken wollte, weit hinaus über das Watt, oder wenigstens einen langen Weg an der Kante der Insel hin. Wenn es nicht schon so finster wäre, könnte sie Uwe Nomsen jetzt sagen, wo die neuen Buhnen errichtet werden sollten – könnte sie ihm sagen ...

Wenn ihr doch nur etwas einfiele, daß sie reden könnte!

Da deutete sie auf den Damm: »Wenn noch ein paar Tage hin sind, will Vater die Buhne wieder fest ins Land nageln. Ocke Frerksen wird ihm dabei helfen. Siehst Du, Uwe, der Winter hat der Lahnung gar nichts getan; nur hier, wo sie sich an die Kante legt, hat die See ein wenig gewühlt. Das ist nicht der Rede wert; übrigens hat das Jochen genau so gesagt. ›Ihr werdet sie wieder einnageln müssen,‹ hat er gemeint, das sollte heißen: nach der Insel herein verlängern, weil sich die See dahinter durchbeißen würde. So ist's auch gekommen.«

Uwe Nomsen legte ganz leise seinen Arm in den Antje Klähns.

Die wandte den Blick nach der Werft: in den Häusern waren schon die Lichter angetan. Es schaut um diese Zeit keiner droben aus den Fenstern, und die Augen finden gar keinen Weg mehr durch das Dunkel.

Da ließ sie Uwe Nomsen den Arm. Aber wie sie fühlte, daß er ihn sanft gegen seinen Körper preßte, erschrak sie: »Wir wollen heimgehen, Uwe!«

Dieser Wunsch klang wie aus dem Traumland herüber, und sie vergaß, ihre Schritte gegen die Werft zu lenken.

Ringsum ging die Nacht auf Samtschuhen über das Gras, das in der Dämmerung gegen den Horizont hin schon wieder die frühlingsweichen Linien gezeigt hatte. Die Luft legte sich im Schutze der Werft ganz warm an ihre Stirnen und hatte wieder die milden Hände, die nur streicheln können.

Da band Antje Klähn das Kopftuch ab und zog es hinter dem festgeschlungenen Schürzenbande hindurch. Nun hielt der Abend die Hand zwischen ihr Gesicht und Uwes Augen oder – Uwe hätte ganz nahe kommen müssen.

»Uwe Nomsen sieht das Ziel. Aber er findet den Weg nicht ...« Jetzt durfte Antje so kühn denken – hinter der Hand der Nacht.

Antje Klähns Herz war wie ein Boot, das der Wind aus der sicheren Ruhe abgetrieben: es hatte keinen Anker mehr und sie fühlte: sie kann dies Herz mit eigener Kraft und eigenem Willen nicht wieder in die sichere Stille bringen. Uwe Nomsen etwa? Uwe Nomsens Hand ist weich, und Jochen Klähn hat von ihm gesagt: mit Nomsen ist nicht zu rechnen.

Nun ja, Jochen rechnet anders, und Jochen will etwas anderes ...

Auf einmal wird Antje Klähn, als hätt' ihr Herz schon längst nach Uwe Nomsen gerufen; und ihr ist: da, wo sie ihn brauchen kann, ist er ihr noch viel lieber als Jochen. Der drängt hinaus, der sinnt auf ein Werk, das all sein Denken und seine Kraft erfordert; Uwe Nomsen aber bestellt währenddem in sorgender Treue sein Haus und findet auch einmal ein gutes frohes Wort für die, die in der Enge dieses Hauses schaffen.

So wandelten sie wie im Traume. Ihre Arme legten sich fester ineinander, ihre Wangen neigten sich heimlich einander zu.

Da ragte Nomsens Heudieme schwarz vor ihnen empor, und Uwe Nomsen zögerte, aus der lockenden Stille herauszutreten, die im Schutze der Dieme lag. Sie sahen hier kein Licht aus einem Fenster gehen, das sie mahnte: kommt, wir warten daheim!

Nomsen legte die Harke seitwärts an das Heu. Antje Klähns Herz drängte ihm entgegen, aber ihre Hand bedeutete der seinen: Uwe Nomsen, was denkst du denn, daß du mich so in der Nacht hinter der Dieme birgst?

Endlich fand sie ein Wort, das verstand Nomsen, weil seine Stirn so dicht gegen Antjes Gesicht sich senkte, daß sie der warme Odem ihres Mundes streifte.

»Eure Heudieme ist noch hoch wie ein Haus.« flüsterte das Mädchen.

»Ja, und ich geb' Dir ab, so viel Du brauchst, Antje. Wir hatten eine Kuh weniger dieses Jahr, deshalb ist übrig. Auch die Flut hat damals nur wenig verdorben. – Wie der Sommer aus dem Heu haucht! Fühlst Du? Das ist noch vorjährige Sonne, die den Winter über in der Dieme nicht erfroren ist.«

Nomsen sprach langsam, verträumt.

»Nun redest Du wieder anders als andere Menschen, Uwe.«

»Verstehst Du mich dennoch, Antje?«

»Ja, ich verstehe Dich.«

Das klang so weich, das klang so lieb, und die Hand des Mädchens, die die Uwe Nomsens streichelte, wiederholte ganz leise: ja, ich verstehe dich.

Nomsen lehnte an dem weichen Heu. Weil der Wind, der sonst immer im Kreis um die Dieme stob, als wollt' er sich fangen, den süßen Heuhauch heute nicht fortblies, spann der dicht und schmeichlerisch in die Nacht.

»Man kann ihn greifen,« meinte Uwe Nomsen und faßte Antje Klähns Hand wieder, die ihm das Mädchen in froher Angst entzogen hatte.

Dann nahm er ihr die Harke von der Schulter und lehnte sie neben die seine ans Heu.

Antje wußte kaum, daß sie es geschehen ließ. Und dann fühlte sie Nomsens sanft gleitende Hand an ihrer Wange.

»Warum gehen wir denn nicht? Und meine Hand hältst Du immer noch. Warum tust Du denn das?«

An der nahen Kante plätscherte die See und dichtete ein Lied von der Frühlingsnacht.

Antje Klähns Augen suchten die anderen, die träumenden, von denen sie wußte, daß sie ihr nahe waren. Aber die Finsternis stand davor.

»Nun ist gar nichts mehr zwischen uns, Antje!«

Da fühlte sie: Uwe Nomsens heißer Mund berührt die goldenen Haare an ihren Schläfen, an denen vorhin der Wind gespielt hat.

Gar – nichts mehr – zwischen uns – klang's ihr ins Herz.

»Die Nacht!« flüsterte sie.

Da zog er sie an sich. Und ihre Lippen legten sich weich aufeinander. Ganz leise.

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