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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Achtzehntes Kapitel

Schlaft ihr? fragt der Wind und rennt umher.

Schlaft ihr?

Alle Läden sind vor und dicht gemacht.

Herlich Nomsen und Kei Bonken, die Witwen, sitzen in einem Zimmer beisammen und lauschen in den Sturm. Währenddem stopft Uwe Nomsen die Lücke im Dach, die der Wind vorhin getreten hat, als er auf das Rohr sprang. Binne und Hertje schlafen im Bettschrank. Aber Mutter Kei Bonken weckt die Kinder: sie sollen sich ankleiden.

»Kommt die See?« fragen sie verängstigt.

»Vielleicht!«

Kei Bonken hört ihr Vieh im Stalle brüllen. Binne ist ganz still und schaut fragweis auf die Mutter. Wenn der Wind das Stallfenster eingedrückt hätte? Die Kühe sind ja so laut!

Inzwischen kam Uwe Nomsen von oben und löschte die Laterne aus, als er die Stubentür hinter sich geschlossen hatte. Ihre Scheiben waren verräuchert; denn der Wind hatte das Flämmlein von dem Lichte reißen wollen. Hui! Wie hat der Sturm durch die Lücke des Daches gefaucht! Das Rohr brach, rauschte, richtete sich auf: der Wind wühlte mit beiden Händen im Dachstroh und fuhr Uwe Nomsen obendrein in die Haare. Aber Nomsen stopfte Hadern in das Loch, und sein Knie und die Lattenstützen wurden des Windes Herr.

Als der erkannte, daß er hier nichts schaffen konnte, stob er hinüber und rüttelte an den Läden von Knudt Klähns Haus. Ocke Frerksen saß mit wachen Augen und las den Frauen und Knudt von den Lippen, was der Wind sprach und was die Wogen sagten. Da erfuhr er: die Flut geht kochend über das Vorland, steigt wohl auch noch herauf auf die Werft. Der Sturm treibt die Wellen mit der klatschenden Geißel vor sich her und drängt sie schon an die Böschung der Werft, wie verängstigte Schafe gegen die Hürde. Sie müssen hinauf.

»Mutter!« klagte Ipke Tamen und legte Krassen Frerksen den Arm um den Hals. An einem Tage dem Tod ins Auge zu sehen und der verderblichen Wut der Elemente gegenüberzustehen, das machte sein junges Herz verzagt.

Da klatscht wieder die Geißel des Windes in die Wasser. Jetzt springen sie herauf. Huihi! Er rennt über sie weg und stellt sich an die Westecke der Werft. Nun paßt auf! Er bläst in die Muschel. Die klingt heute dumpf wie ein Nebelhorn. Fort mit der Muschel – durch die Finger! So!

Und vor dem schrillen Klange bäumen sich die Wasser hoch auf, suchen einen Weg durch die schwarze Nacht, stürzen gegen die Läden.

Mit einem Sprunge sind die Menschen von ihren Sitzen.

Ocke Frerksen hört's nicht, aber er weiß, was geschehen ist. Die Laterne hängt brennend am Türpfosten. Er nimmt sie und leuchtet hinaus auf die Vordiele.

Goede Klähn hängt die Uhr von der Wand. »Die Bilder herunter! Die Betten heraus, Antje!«

Schon steht die Leiter an der Bodenluke über der Diele. Knudt Klähn hat den linken Fuß auf die untere Sprosse gesetzt und zieht Ocke Frerksen an der Joppe von der Stubentür herüber: »Hinauf, Kapitän! Ich reiche die Laterne nach! Antje, hinauf!«

Ocke Frerksen drückt die Falltür über der Leiter auf und steigt auf den Boden. Da, die Uhr! Die Betten! Was nicht niet- und nagelfest ist, hinauf, hinauf! Und sie leiten auch Urgroßmutter Eike hinan. Die hat die Bibel unter dem Arme. –

Drüben, jenseits des Fethings, bei Herlich Nomsen, geht's nicht anders. Da sitzt Kei Bonken an der Luke und wirft ins Heu, was ihr im Fluge von drunten durch die Hände geht.

An den Fensterstöcken herab ringeln sich im Strahle des Lampenlichts schon in allen Häusern die glitzernden Schlangen der salzigen Flut. Die See wühlt an der Türschwelle, kratzt sich ein Loch, schlängelt sich hindurch und zwängt sich herein auf die Vordiele. Die Schlange gebiert andere, bekommt hundert Köpfe, die kriechen durcheinander, während die Frauen und die Kinder unter dem Dache Zuflucht suchen.

Knudt Klähn und Jens, der Vierzehnjährige, stapfen in Seestiefeln durch Darnsk und Pesel; sie nehmen von den Wänden, was noch vergessen wurde; sie dichten die Spalten in den Rahmen der Fenster mit Werg und Pech.

Von Zeit zu Zeit fliegt's draußen wie Lasten an die Läden. Und um die Tür des Hauses kocht die Flut.

Aber die Menschen sind still; an eine Flucht, höher hinauf – fort – ist nicht zu denken. Auf den Böden ist ihre Sicherheit; und langen die kalten Arme der wild gewordenen See auch durch das Dach hindurch – nein, so gierig war sie noch nie! Sie frißt den Inselleuten heimlich den Boden unter den Füßen weg. sie wühlt die Gräber ihrer Ahnen auf, aber sie springt nicht durch die Dächer ihrer Häuser ... Jetzt noch nicht!

Das Wasser in den Stuben wächst. Knudt Klähn steht schon bis an die Schäfte der hohen Stiefel darin. Da schickt er Jens durch die Luke unter das Dach; zuletzt kommt der Mann mit den stillen Augen, mit dem Herzen vom ewigen Gleichklang selbst. Er hat diese halbe Nacht hindurch nicht eine Minute gehastet. Ruhig sind seine Augen an den Wänden der Zimmer entlanggegangen. Spähend hat er die Türen auf ihre Dichtung geprüft. Nun ist nichts mehr für ihn zu tun; jetzt hat die See alles in Händen. Er klopft die kurze Kalkpfeife am Stiefelschaft aus, ehe er die Stiege emporsteigt: es liegt Heu unterm Dache. Die Glut verglimmt zischend im Wasser, und schweigend tritt der Schiffer droben unter die Seinen.

Der Wind stampft über das Rohrdach.

In der Vordiele und in den Stuben leckt die See plätschernd an den blauen holländischen Kacheln, die von ungelenker Hand mit Bildern aus der jüdischen Geschichte bemalt sind, – steigt und steigt.

Jens Klähn kniet an der Luke über der Treppe und schaut hinunter. Er deutet auf die Kacheln: »Olk Eike, wann sind die doch hergekommen?«

»Dat weer all lang für min Tyt.«

»Jakob geht über den Jordan, Sodom und Gomorrha werden vom Feuer gefressen, Isaak soll geopfert werden – ist die Sintflut auch auf den Kacheln, Olk?«

»Sönken, Sönken, lät mi doch min Faden spinnen!«

Olk Eike blätterte in dem vergilbten Bibelbuche und ihre Lippen bewegten sich. Da lächelte Knudt Klähn.

Weil Ipke Tamen sah, daß Jens Klähn mutig war – warum soll der Sohn nicht mutig sein, wenn der Vater der brüllenden See so still ins Gesicht sieht wie einem Sommertage? – so kroch auch Ipke aus dem Heu und kniete neben Jens an die Luke. Sie sahen, wie Sodom und Gomorrha nun auch noch im Wasser untergingen und wie der junge Jakob, »nichts als diesen Stab« in der Hand, seinen Fuß wirklich in die Fluten setzte. –

Die Mitternacht ging vorüber. Die Kühe brüllten noch in den Ställen, denn die Flut stand ein halbes Meter hoch in den Häusern.

Da ward der Wind draußen müde. Er pfiff immer nur auf einem Ton und lief in gleichmäßigem Schritt über die Firsten.

Im Heu unter den Dächern lauschten die Menschen. Uwe Nomsen im Nachbarhause verstand ihn am besten. »Dort ist gut gehen,« sagte er, wie er ihn droben laufen hörte. Er steckte eine neue Kerze in die Laterne.

»Warum gut gehen?« fragte Binne Bonken ungläubig zurück. »Meinst Du auf dem Grassoden?«

»Eben da. Dort geht er weich, geht er immer, wenn er sich die Füß' ordentlich wund gestampft hat.«

Binne Bonkens Augen staunten und sagten: »Uwe Nomsen, ich versteh' Dich nicht.«

Uwe Nomsen aber hob den Finger und blickte das Kind schelmisch an: »Binne Bonken, hör doch, der Flötenspieler!«

Der Wind hatte wieder eine Ritze gefunden und pfiff darauf.

»Späl mi eenen, min Jong; Du shast ok en Appel hebben!« rief Uwe Nomsen den sausenden Wind an.

Sie lachten: – der Umgang mit der Gefahr macht vertraut mit ihr.

Und weil der Wind nicht mehr mit ihr spielte, und weil der Wind sie nicht mehr schlug, ward auch die See müde. Sie ging langsam zurück: Sodom und Gomorrha tauchten wieder heraus, und Jakob ging trocknen Fußes über den Jordan.

Währenddem war der Flötenspieler eingeschlafen, der so in dunkler Nacht auf dem Dache saß; und das Vieh in den Ställen wurde still; Knudt Klähn zog die Uhr: »Um elf Uhr war Hochwasser? Hier im Sinne der regelmäßig wiederkehrenden Flut. Mit dem Frühlicht ist alles verlaufen.«

»Die Pipe wird vollends weg sein,« sagte Jens Klähn und hob den Blick fragend zu seinem Vater.

»Hm,« machte der.

Und an die Pipe dachten sie auch in Herlich Nomsens Haus und Uwe Nomsen erzählte zur selben Zeit Binne Bonken: »Die Pipe hält kein Mensch, den letzten Fuß Erde muß sie haben.«

»Warum?«

Da setzte sich Uwe Nomsen neben Binne Bonken und seine Schwester Hertje auf das Heu: »Das will ich Euch sagen – so wie es Eike Klähn berichtet.«

»Was weiß denn Eike Klähn?« fragte Binne lächelnd und rückte in der Erwartung einer feinen Geschichte dicht an Nomsen.

Der erzählte: »Dat wier ok all noch för Olk Eikes Tyt, da hat Reimer Sulf Reimer Solaken, der mit dem Ewer draußen lag, einst am hellen Mittag ein wunderschönes Meerweib auf dem Sande gefangen. Die Wasserfrau war weiß wie der Winterschnee und hatte goldene Haare. Der Schiffer hat sie über Pipenwarf geschleppt, um sie diesseits in ein Priel zu setzen. Aber ehe sie untertauchte und dort verschwand, hatte sie mit glockenklarer Stimme gesprochen: ›Ich gelob Euch – so weit mich der Schiffer getragen hat, soll die See Euer Land fressen!‹ – Seit jener Zeit ist Pipenwarf den Nixen verfallen.«

Hertje Nomsen lachte: »Olk Eike ist wie ein Märchenbuch!«

»Läßt aber nicht jeden Tag in sich lesen,« sagte Frau Kei Bonken und zog lächelnd die Brauen hoch.

Überdem schlief der Sturm auf dem Dache vollends ein.

Ringsum klappten die Läden auf; man hörte Faustschläge von innen gegen die Rahmen; die Fenster, die der Seewind über Sommer gedörrt hatte, waren verquollen. Die See spülte immer noch bis hoch an den Rand der Werft. Aber nicht die See wollte man sehen, den Tag, den Tag!

Abgetriebene Boote, Stückholz, Strohbündel wiegten in der Flut. Es war ein schmutziger Morgen: naß, grau, unsauber, mürrisch – darum wollte er nicht kommen.

Die Holunderbüsche, um die des Nachts die graue Flut gesprungen war, trieften vom Nebel und die Dachkanten tropften; die Haare derer, die durch die geöffneten Fenster den Tag suchten, legten sich naß um die Stirnen.

Aber in den Ofen brannten die Feuer und die Schornsteine rauchten – die Ditten waren mit auf die Böden gerettet worden oder auf den Herdplatten von der Flut unversehrt geblieben. Über Wänden und Fußböden lag ein dünner Überzug fettiger Erde.

Der Rauch aus den Schornsteinen wälzte sich über die Dächer und sank über die Kanten schläfrig herunter in die Gärten.

Und noch immer floh die Nacht nicht. – Es war, als wolle sie verdecken, was in ihrem Schutze geschehen.

Die Türen der Häuser taten sich auf, die Stalltüren wurden geöffnet. Das Vieh wurde trocken gestellt; und als das Nötigste verrichtet und die Tiere gefüttert waren, schleppten sie da und dort aus den Ställen die toten Schafe. Manche der Schafe waren blindlings in die andringenden Fluten gestürmt, manche hatten sich zwar in die Ställe gerettet, aber die salzige Flut kletterte zu hoch – und nur die, die auf Futterkästen und in den Krippen vor den mörderischen Wassern Zuflucht gesucht hatten, warteten nun blökend und verschüchtert des Futters.

Alsbald aber waren alle Hände um den mit salziger Flut gefüllten Fething beschäftigt, in dem das Süßwasser für die Ställe ertrunken war.

Und mählich verlief sich die See vor dem langsam herüberschreitenden Tage. Durch das bleierne Frühlicht rieselte lauer Frühlingsregen. Die Gärten, die Werftböschung hinab rauschte das in die Zisternen gedrungene, mit Schöpfern heraufgeholte Salzwasser der zurückgehenden See nach und in den von der bitteren Flut befreiten Fething, in die Sammelbecken des Wassers für den Wirtschaftsgebrauch rann mit feinem Zischen das süße Wasser des Himmels. Alle vorhandenen Gefäße standen draußen, um das kostbare Gut zu fassen, dessen einzige Quelle für die Inseln im Winde nicht der Sand des Grundes, sondern die eilende Wolke ist.

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