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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Siebzehntes Kapitel

Danach ging Uwe Nomsen in sein Haus, in dem er Krassen Frerksen bei seiner Mutter wußte.

»Lüdde Lürsen ist gestorben,« sagte er.

Seine Worte waren halblaut; denn er hatte neben dem Tode gestanden.

Und als die Pflegemutter Lürsens die Kunde vernahm, sank sie in den Stuhl von Herlich Nomsen und bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. Die Tränen fanden einen Weg zwischen ihren Fingern hindurch; dann trocknete sie sich die verhärmten Wangen mit der blauen Schürze: »Jetzt bricht es herein, Herlich Nomsen – jetzt ist alles aus! Ich habe den Tod lange und langsam kommen sehen, ganz langsam; aber nun, da er eingetreten ist, weiß ich's erst recht: das Schlimmste bleibt mir noch zu bestehen.«

Überdem war die Tür fast geräuschlos aufgegangen und der Schiffer Knudt Klähn war ins Zimmer getreten. Er war gerade von der Buhne heraufgekommen, als ihm Antje Klähn die Botschaft vom Sterben Lürsens brachte. Seine Seestiefel trugen bis oben die Spuren der grauen Kleierde. Er stand aufrecht und stolz.

Weil er die letzten Worte der Frau noch gehört hatte, die mit klangloser Stimme in das Grau dieser Stunde gesprochen waren, und weil er hörte: Krassen Frerksen ist ohne Mut und ist ohne Hoffnung, so trat er an den Stuhl der weinenden Frau, legte die Rechte dicht neben ihren Kopf auf die Lehne und legte seine Linke auf ihre Hände: »Nein, Krassen Frerksen, das Schlimmste ist überstanden.«

Uwe Nomsen und seine Mutter, die stumm zur Seite getreten waren, sahen einander an. Es war eine herrliche Kraft in diesem Mann, in dessen Auge der nahe vorbeischreitende Tod keinen Schatten zu werfen vermochte, in dessen Stimme kein zager Klang aus der angstvollen Stunde hinüberklang.

Aber sie verstanden Knudt Klähn nicht.

Und Krassen Frerksen hob ihre Augen zu ihm auf: »Knudt Klähn, weißt Du auch, was geschehen ist?«

»Ich weiß, Krassen Frerksen, ich weiß alles, und darum sage ich: das Schlimmste ist überstanden. Und ich weiß auch, daß Du Dich fürchtest, Deinen Mann vor das Angesicht des Todes zu stellen, weil Du denkst: das geht über eines Menschen Kraft, geht über die Kraft Frerksens, der schon Lasten trägt. Nein, Frau! So geh hinüber, Krassen, und nimm Dir Herlich Nomsen mit und verrichtet um den Toten, was sein muß. Ich aber will hinaus aufs Watt und will mit Ocke Frerksen reden und will ihn heimgeleiten.«

Da fühlte Krassen Frerksen: der starke Mann nimmt Schweres von ihr und will es für sie tragen.

Und sie stand auf und ging mit Herlich Nomsen. Die beiden gingen über den Steindamm und gingen in das Haus. Da saß Lüdde Lürsen auf dem Stuhl. Und er war tot.

*

Gegen Mittag schritten die Männer die Werft herauf. Und als Krassen Frerksen ihre Schritte auf der Vordiele des Hauses hörte, ging sie dem Kapitän entgegen. Aus ihrem Herzen, ihrem zitternden verstürmten Herzen fand sich kein Wort auf ihre Lippen. Darum nahm sie Ocke Frerksens Hand und führte ihn vor Lüdde Lürsens letztes Lager, das die Frauen während des Vormittags dem Toten im Pesel aufgeschlagen hatten.

Der Kapitän wußte, was in seinem Hause geschehen war; und nun, da er über die Schwelle schritt, um an den Sarg zu treten, nun prallte er zurück und hatte dem Tode doch hundertmal in die Augen gesehen und ihm, wenn er sein schwarzes Schiff an das des Kapitäns legte, das Kommando schweigend überlassen.

Die Frauen waren bemüht gewesen, seine Schrecken zu mildern; sie hatten Blumen von den Fenstern der Hallighäuser herzugetragen und hatten Lüdde Lürsen zwischen diese letzten Blumen des Jahres gebettet. Es war alles geschehen, was um den Toten geschehen mußte, wie Knudt Klähn gesagt hatte.

Den Sarg, in dem er nun lag, hatte Lürsen bei Lebzeiten oft gesehen, er hatte in Herlich Nomsens Haus gestanden; denn wo der Tod allenthalben anlegen kann, und wo er so oft vorübersegelt in Sturm und Wetter, ist man gewöhnt, sich für ihn zu rüsten.

Ocke Frerksen trat an den Sarg und legte seine Hand auf die des Toten.

Und wie sie schweigend eine Weile gestanden hatten, wandte er sich ab. Sie gingen in das Zimmer nebenan, und Ocke Frerksen sank auf seine Schiffskiste, stützte die Ellbogen auf die Knie und sann mit finsterer Stirn ...

»Knudt Klähn,« sagte er und sah scheu über die Frauen und über den Schiffer hinweg, »Knudt Klähn – ich habe seit drei Jahren ein Gespenst geflohen, das habt Ihr damals auch vorüberhuschen sehen. Aber Ihr habt es vergessen.«

Die Stimme Ocke Frerksens klang dumpf und war ohne Hoffnung. Da erfaßte der Schiffer seine Hand: »Kapitän, wir haben die Stunden her miteinander stille geredet und sind dem Tode begegnet, aber er hat uns nicht zag gesehen. Komm, Kapitän, wir gehen hinunter an die Buhne. Der Winter steht vor der Tür, und die Stürme wollen wehen, und wir müssen gerüstet sein. Es ist noch viel Arbeit an den Buhnen. Die wartet auf uns. Komm, Kapitän! Du sollst mir helfen, und ich will Dir Geld dafür geben.«

Ocke Frerksen sah Knudt Klähn ungläubig an: »Du willst mir Geld für meine Arbeit geben? Knudt Klähn, das ist zu spät! Und doch – wir reden noch einmal davon, Knudt Klähn. Aber jetzt hör zu!«

In den Augen Ocke Frerksens brannte ein flackerndes Licht, das wehte, als wenn ein Wind hineinblase.

»Ihr habt's vergessen. Du – und Du – und Du! Aber ich hab's manchmal wiedergesehen –«

»Wovon redest Du denn, Kapitän?« fragte der Schiffer voll banger Ahnung.

Ocke Frerksen sprang auf und faßte Knudt Klähn mit beiden Händen an den Flügeln seiner Joppe: »Das Gespenst mein' ich! Das ist zum erstenmal gekommen, wie der Knochen draußen auf dem Damme gelegen hat. Wißt Ihr sie noch – die Geschichte von dem braunen Knochen? Es ist nicht möglich. Hab' ich damals gesagt, nicht möglich!«

Ocke Frerksen lief mit dröhnenden Schritten durch die Stube. Er riß die Fenster auf, er drang auf sein Weib ein und faßte sie hart am Arme.

»Krassen!« schrie er.

»Mein Gott, Frerksen, was ist Dir?«

Knudt Klähn suchte ihn zurückzuhalten.

Aber der Kapitän trotzte ihm: »Krassen, rede die Wahrheit und sieh mich an!«

Da schaute ihm die leidmüde Frau zitternd in die irrenden Augen: »Faß mich nicht so hart an. Du tust mir weh!«

»Weib, hab' ich die Knochen meiner Mutter verhandelt für einen Dreier? Für einen armen Dreier verkauft an den Lumpenhändler? Hab' ich, he? – Weißt Du's auch schon?« Mit einem irren Lachen wandte er sich an Knudt Klähn: »Weißt Du's schon? Ich habe meiner Mutter Beine verkauft, für einen Dreier, Knudt Klähn, für – einen – Dreier!«

Da sank der starke Mann schweißtriefend in den Stuhl, in dem vor zwei Stunden Lüdde Lürsen das Herz gebrochen war: »Die Knochen der langen Lene für einen Dreier, Knudt Klähn – für einen Dreier!«

Der Schiffer wischte ihm den Schweiß von der Stirn und führte ihn aus dem Sterbehause. Er nahm ihn wieder mit hinab an das Priel und berichtete ihm: das Boot fordere noch einen Anker, es möchte Sturm kommen, das Vorland könnte untergehen, vielleicht wäre schon schlecht Wetter in See.

Er schickte seine Augen weit hinaus, diese blauen stillen Augen, und er sprach, als ginge er freudig zu einer Arbeit: »Der Wind sett en beten mehr an, Frerksen!«

Knudt Klähn war geschäftig; er verankerte das Boot, hob die Hand prüfend gegen den Wind und veranlaßte den Kapitän, mit ihm rührig zu sein: »Komm, Frerksen, wir gehen zu der Buhne und sehen, wie sie das Wetter ertragen will, das draußen in der See schon lebendig geworden ist!«

Überdem vergaß der Kapitän die schwere Stunde, die hinter ihm lag. Und Klähn, der sonst nur deutete und mit den Augen sprach, wenn er neben Frerksen ging, neigte sich zu dem Ohre des Alten und berichtete unausgesetzt Neues: »Die Brettwand zu dem Pesel hätte gezittert, meint Olk Eike. Und wenn die Brettwand zittert, so will sie sagen: paßt auf, Ihr Leute, es ist ein Wetter auf dem Wege!«

Endlich hob auch Ocke Frerksen die Blicke wieder von den triefenden Gründen, hob die Hand in den Wind und machte deutsame Augen: »Knudt Klähn, ich glaube, wir können auf das Hochwasser warten – ich meine: das kommt noch vor Abend. Wir haben Südwest.«

Wie er so sprach, richtete er sich plötzlich hoch auf und spähte in See.

Klähns Augen waren längst draußen, und er war froh, daß der Kapitän die Dinge wieder sah. die um ihn waren.

Ein Boot trieb führerlos auf dem überfluteten Watt.

»Wo ist das hergekommen?« fragte der Kapitän.

»Das Boot des Postschiffers!« antwortete Klähn. »Es ist um Mittag in Langeneß weggetrieben.«

Die Wolken flogen tief und eilig. Es war, als läge schon die blaue Dämmerung des Abends über der Insel. Frerksen hielt die Hand prüfend in den Sturm: »Der Wind will von Nordwesten laufen. Weißt Du's, Klähn?«

Die Flut über den Watten ward lebendig. Die Wellen rollten vor dem immer stärker wehenden Winde und trugen Kämme von weißem Schaum. Sie sprangen gegen den Felsblock und sprangen um die ragenden Stämme von Pipenwarf. Die Möwen schlugen kreischend ihren Flug im Sturm, und immer drohender stiegen die Wolken aus der See.

Knudt Klähn mühte sich nicht mehr, dem Alten durch Worte sich verständlich zu machen, der Wind riß sie ihm von den Lippen.

Wenn alles lebendig wird ringsum, und wenn Sturm und See durcheinanderschreien, gilt keines anderen Wort und Wille. Und auch Ocke Frerksens Sorge hat zu schweigen.

Da kochte zischend die erste Sturzsee über die Kante des Eilands, und Knudt Klähn deutete nach der Werft.

Um die Häuser waren schon alle Hände in fieberhafter Tätigkeit. Die Nacht legte sich auf ihr geschäftiges Mühen. Lichter wurden herausgetan.

Alles Holz fort!

Fort alles, was treiben kann!

Eine Stunde vergeht, eine hastige zitternde Stunde.

Von der See her kommt ein Zischen, und schäumend stürzen Berge von Wasser über die Halligkante.

Der Sturm springt wie toll in den zerschellten Wassern umher. Triefend rennt er die Werft hinan. Er brüllt vor wilder Lust, rennt gegen den Giebel von Herlich Nomsens Haus, prallt zurück, schlägt mit den Fäusten gegen die Türen, stürzt sich in den Fething, schüttelt sich und spritzt das Wasser gegen die Scheiben.

»Alle Luken dicht!«

Das ist die dröhnende Stimme des Kapitäns.

Hui! Da ist der Wind wieder unten an der Kante, zerstampft die See mit rasendem Fuß, bläst den grauen Schaum weit über das Land. Nun klirren Eisnadeln gegen die geschlossenen Läden. Wild rennt er an den Läden vorüber, und wo ein goldener Schimmer durch eine Spalte rinnt, legt er den Mund an und schreit hindurch.

Knudt Klähn drängt ihn in der Finsternis zur Seite und ringt sich vor das Haus des Kapitäns: »Ocke Frerksen, herüber zu mir!« Er klopft hart mit den Stiefeln gegen die Tür: »Auf! Auf!«

Frau Krassen öffnet: »Was rufst Du, Klähn?«

»Herüber zu mir! Bring Du den Jungen! – Komm, Kapitän!«

Knudt faßt den Mann unter und zieht ihn barhaupt in sein Haus.

Ipke Tamen vergräbt das Gesicht in Krassen Frerksens Rock. Sie zieht die Tür hinter sich zu. Der Wind reißt sie ihr wieder aus der Hand und drängt sich in das Haus ... »Es ist ja ein Toter drin!«

In Nacht und Sturm geht nun auch Goede Klähn vor Frerksens Tür: »Goede Klähn, hilf! Da, nimm Ipke!«

So ringen sie sich durch den Wind und ringen sich heim. Knudt Klähn macht von innen die Tür dicht.

Lüdde Lürsen blieb allein in dem einsamen Hause.

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