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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Sechzehntes Kapitel

Als Jochen Klähn hinausgezogen war und Uwe Nomsen den Seherspruch von Olk Eike erfuhr, ward er still. Sie teilten ihm die Worte mit, wie man etwas Eigenartiges weiterberichtet, das mehr um des Zweifels als um des Glaubens willen nicht vergessen wird, den man ihm entgegenbringt.

Lüdde Lürsen hatte Uwe Nomsen den Scheidegruß Eikes erzählt, als ihn Uwe am Krankenlager besuchte.

»Was meinst Du dazu, Uwe Nomsen?«

Uwe Nomsen zuckte mit den Achseln: »Die Alte sieht weit – ich weiß nicht, sie ist doch nicht schwach am Geiste ...«

»Nein, klar, als wär' sie siebzig Jahr jünger.«

»Sie sieht weit, sag' ich,« fuhr Nomsen fort. »Aber wie war's denn mit dem Totenhemd, von dem sie sprach, daß sie ein Gesicht gehabt habe? Hatte sie das nicht an sich selbst erlebt?«

Lüdde Lürsen lächelte: »Gewiß. Aber das Totenhemd muß lange warten.«

»Wo viel Glaube wohnt, wohnt viel Aberglaube, Lürsen; weißt Du noch, als Tate Sönksens Kind von dem hohen Stock in das Priel stürzte und ertrank. Da hat Eike Klähn aber doch recht behalten.«

»Damals?«

»Ja. Da riß sie Jens Klähn und Binne Bonken, die in der Stube waren, ans Fenster. ›Seht hinaus, Kinder,‹ sagte sie. ›Könnt Ihr den Sarg auch sehen?‹ – ›Welchen Sarg, Olk?‹ – ›Nun, es geht doch ein Leichenzug vor dem Fenster vorüber. Sie tragen ein Licht vorauf, und der Sarg ist ganz in Blumen. Es ist ein Kindersarg.‹ – Weil die Kinder nichts sahen, schauten sie sich verwundert an, dann blickten sie scheu nach Olk Eike und stürzten aus dem Zimmer. ›Goede Klähn, geh hinein!‹ riefen sie in den Stall, ›Olk Eike hat dat Likschünen.‹ Und Wochen darauf ertrank Tate Sönksens Kind. Das war damals, als der Pastor Tate Sönksen in das Herz redete und ihn zu dem hohen Stege führte, dem schmalen Brette, das so hoch und klitschig über das tiefe Priel läuft: ›Tate Sönksen, Ihr müßt den Steg verbreitern.‹ – ›Nein, Pastor,‹ sagte Tate, ›Olk Eike hett's sehn.‹ Er meinte: das sei so bestimmt gewesen, sonst hätte Eike Klähn das ›zweite Gesicht‹ nicht haben können.«

Uwe Nomsen sann eine Weile vor sich hin: »Das ist die Geschichte: Wie Tate Sönksen sein Gewissen in Schlaf sang. Und das Schlummerlied hieß: Eike Klähn hett's sehn.« –

Nun war die Sonne des Sommers dagewesen, auf die Lüdde Lürsen gewartet hatte, ehe Jochen Klähn zur langen Fahrt die Heimat verließ.

»Er ist so rasch vorübergegangen, der Sommer,« sagte Lüdde Lürsen, während er von dem Schrankbett aus in den grauen Tag schaute, der gegen die Scheiben gehaucht hatte: »Uwe Nomsen, ich wollte dies Jahr mit Euch auf dem Graslande stehen und mähen, ich wollte –«

Lürsens Mund schloß sich. Dann sagte er: »Warum soll man immer von verlorenem Hoffen reden: das verbittert das Herz. Aber das kommt daher, daß mich der Doktor in das Bett gesperrt hat. Ich will heraus, Nomsen, komm, hilf mir!«

Da war Uwe Nomsen Lüdde Lürsen behilflich beim Verlassen des Bettes. Seit die Nebel gingen und seit der Sturm so wild auf die Werft sprang und oft mit beiden Fäusten an die Scheiben schlug, daß sie klirrten, kamen die Anfälle häufiger.

Nach einer Weile saß Lürsen im Rohrstuhl am Fenster. Da ging Antje Klähn draußen vorbei, lehnte die Stirn an die Scheibe und dämmte mit beiden Händen über den Schläfen das Licht ab. So konnte sie den Kranken sehen, und weil sie fühlte, daß ihr Anblick Lüdde Lürsen froh mache, trat sie zu ihm in die Stube.

Die dumpfe Luft der Nacht lag noch darin, die Wärme des Ofens, das Summen letzter Fliegen – und draußen blies der Seewind jeden Zweig mit seinem erfrischenden Salzhauch an.

Antje Klähn zögerte betroffen an der Tür, weil ihr die Schwere dieser Luft entgegenschlug. Und die weiße schmale Hand, die Lüdde Lürsen hob, erzählte ihr die traurige Geschichte weiter, die die Dumpfheit der Krankenstube begonnen hatte – erzählte sie kurz und grausam zu Ende.

Darum faßte sie mitleidig die ihr gebotene Hand. Antje Klähn wollte froh sein, wollte reden, aber sie mußte sich schweigsam bescheiden bei dem Bewußtsein, daß sie durch ihr Kommen schon so viel Freude bringe, als der Kranke erwarte. Sie suchte nach einem Worte des Trostes, aber sie fand's nicht; sie suchte nach einer Hoffnung, aber es war keine da.

Wie Uwe Nomsen die Betroffenheit des Mädchens und die Hilflosigkeit dieses freudigen Herzens erkannte, das immer zum Schenken seiner reichen Schätze bereit war, sah er die Größe des Leids in diesem Hause klarer denn je. Und er wußte: Ocke Frerksen läuft durch Sturm und sprühenden Spätherbstregen in die graue Einsamkeit des Watts, weil er dort das starke Brausen des Seewinds empfindet, weil er dort den wilden Wogen der Flut gegenübersteht. Dort draußen ist Siegen und reizendes Leben; in seinem Hause ist Siechen und schleichender Tod.

Und Lüdde Lürsen, der sich das weiße Halstuch umgelegt hatte, reichte dem Mädchen seine Hand wieder über die knisternde Seitenlehne des Rohrstuhls. Da dachte Uwe Nomsen: er greift nach dem Leben und drängt sich aus dem Reiche der grauen Schatten in die Sonne der Freude, die aus Antje Klähns Augen geht.

Er saß abseits und schwieg, während Antje leise von etwas Frohem mit dem Kranken sprach. Und er dachte: Lüdde Lürsens Seele ist voller Sehnsucht nach Antjes sonnigem Lachen; seine Seele ist wie die Blume, die nach dem Frühling dürstet. Was ihm das Leben schuldig geblieben ist an Glanz und Freuden: Antje Klähn kann ihm alles geben.

»Komm,« sagte der Kranke zu ihr, »komm, setz Dich dorthin, an das andere Fenster, da bist Du besser im Licht. Mach ihr Platz, Uwe! So. Und nun sieh mich an! Eh' Du wieder zurück auf die Hallig kamst, wie ich anfing krank zu werden, war ich unwirsch und höhnte die Menschen, höhnte vor allem Jochen Klähn. Und heute weiß ich auch, warum. Damals wußt' ich's noch nicht: ich neidete dem Jungen seine trutzige Kraft, die sich der See entgegenstellen wollte. O, wie hab' ich ihn heimlich verlacht! Aber das war nichts als blasser Neid, weil ich wußte: mich wirbelt der Wind herum, wenn er mich an dem Rockzipfel packt. Damals – ja, da wollt' ich noch etwas von dem Leben haben und hatte ihm doch gar nichts dafür zu geben. Aber das erkannte ich damals noch nicht.«

Lüdde Lürsen sprach langsam und stockend. Darum fragte Antje Klähn: »Willst Du Dir nicht lieber von uns etwas erzählen lassen?«

Lürsen nahm die Hand des Mädchens: »Das sollt Ihr hernach auch; aber ich habe schon seit langem daran gedacht, daß ich Dir das noch sagen möchte, ehe ich hingehe ...«

Antje Klähn zuckte bei diesem Worte zusammen und ihre erschreckten Augen suchten Hilfe bei Uwe Nomsen. »Du bist heute so traurig, Lüdde Lürsen,« sagte sie.

»Nein, Antje, aber ich weiß, ich bin Deinem Bruder viel schuldig geworden, und nur weil er mitleidig war, hat er zu meiner Gehässigkeit geschwiegen. Heute bin ich nicht mehr voll Neid wie damals, und ich weiß: wenn ich Jochen Klähns Kraft in mir verspürt hätte, dann hätt' ich in jenen Tagen zu ihm gesagt: Komm, Jochen, wir zweie, wir wollen mit der See kämpfen! Und wenn wir schwächer sind an ungefüger Kraft, so sind wir stärker an List, und es muß uns gelingen. Aber ich bin krank. Was will ich noch vom Leben? Und was sollt' ich damit? Heute bin ich froh, wenn ich Dich sehen kann, Antje Klähn.«

Er streckte dem Mädchen wieder seine Hand entgegen.

»So will ich häufiger zu Dir herüberkommen, Lüdde Lürsen – jeden Tag.«

Uwe Nomsen horchte auf diese Worte, er horchte hinein, wie er hinein horcht in die Rede der ganz leisen silbernen Wellen, die die weichen Lieder wissen. Er wußte: Antje Klähns Herz spricht. Und er dachte: ich wollte Mutter Nomsen sagen, sie solle Antje Klähn an jedem Tage zu sich in unser Haus rufen. Wenn sie aber der Kranke haben will, so wird sie zu ihm gehen. Und weil Nomsen Antje Klähns Mitleid nicht sah, fragte er verwundert: »Jeden Tag, Antje Klähn?«

Und das Mädchen freute sich, daß sie dem Kranken etwas zu geben hatte: »Ja, jeden Tag, bis die Aprilsonne scheint; und dann wollen wir Dich hinausführen in das junge Licht und wollen hören, wie die Lerchen klingen und wollen miteinander in den Segen der Pfingsten gehen und in den weichen Duft der Blumen ...«

Da stützte Lüdde Lürsen den Kopf gegen die Rückenlehne des Stuhles und schaute an die Decke der Stube: »Ach, Antje, ich möchte die Pfingsten nicht hier auf Erden verleben!«

Uwe Nomsen sprang auf und faßte Antje Klähn scharf ins Auge. So hart hatte er sie noch nie angesehen. Und die Sorge schloß ihr den Mund, aber ihre Augen sprachen: Kann ich dafür, daß er so redet? Hab' ich ihm nicht die Sonne zeigen wollen?

Und Uwe Nomsen verstand den stillen Blick und sagte: »Wir wollen von anderem reden, was wir wissen, von etwas Frohem!«

Da wandte Lüdde Lürsen das Gesicht langsam zu Uwe Nomsen und in seinen Augen brannte fieberiger Glanz: »Das ist etwas Frohes, Uwe, wenn ich sage: ich möchte durch das Land der Pfingsten anderswo wandern. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Tode, Uwe Nomsen. Das meinst Du! Das ist vorbei. Damals – da hatt' ich Angst vor dem Sterben. O, wie fürchtete ich mich! Aber jetzt – Antje Klähn, Uwe Nomsen, setzt Euch her zu mir; ganz dicht heran. Ich muß sonst so laut sprechen. So. Gib mir Deine Hand. Antje. Und gib mir die Sonne Deiner Augen. Seht,« sagte er. »jetzt fürcht' ich mich nicht mehr; denn ich bin schon einmal gestorben. Warum erschrickst Du denn, Antje Klähn? Willst Du mir Deine warme Hand nicht mehr gönnen? Ich bin schon einmal gestorben. Das war damals, wie der Arzt meine Hand hielt und wie seine Uhr so leise ging. Wißt Ihr nicht mehr – an jenem Apriltage, durch den der wilde Wind lief? O, ich weiß es noch gut: dort lehnte Krassen Frerksen, und ihr Schluchzen drang zu mir in den Bettkasten; dort saß Frerksen im Stuhl und murmelte trutzig vor sich hin; draußen stand Ipke Tamen, lauschte an der halbgeöffneten Tür und sagte: ›Jetzt ist Lüdde Lürsen gestorben.‹ Und der Arzt stand an meinem Bette und fühlte an mein Herz und legte die Finger auf meine Lider. ›Es ist vorbei.‹ sagte er, und ich hörte doch seine Uhr und hörte, wie Krassens Stricknadeln auf den Tisch niedergelegt wurden. Dann weiß ich nichts mehr. Und wie ich über dem Mitternachtsschlage der Uhr nebenan erwachte, da blies der harte Wind durch die geöffneten Fenster, und ich nahm mir mein Bett, das sie über die Lehne des Stuhles gehängt hatten; denn ich fror. Aber am Morgen wollte man mir verschweigen, was am Abend zuvor gewesen war. Bis ich's ihnen selber erzählte. Darum möcht' ich Euch das gern noch sagen, weil ich Euch weiter gar nichts geben kann für die Liebe, die ich von Euch genossen habe: Fürchtet Euch nicht vor dem Tode! Ihr erlebt ihn nicht – keiner erlebt ihn an sich, und seine Schrecken sehen nur die Umstehenden. Es war ein Einschlafen, mild und erlösend – und wenn sich mein Herz in jener Nacht nicht noch einmal besonnen hätte, und wenn meine Seele den Weg fortgefunden hätte – es war so gar nicht furchtbar. Antje, willst Du nicht den Vorhang ein wenig höher ziehen? Mir ist, die Sonne kommt durch die Wolken, die letzte Spätherbstsonne.« Lürsen sprach immer leiser, und über sein Antlitz kam eine sanfte Verklärung: »Siehst Du, da spannt sie den goldenen Weg über das Watt. Mir ist, als sollt' ich diesen Weg wandern. Er geht gerade in die rote warme Sonne hinein. Gerade hinein – in – den – Himmel – –«

Lüdde Lürsens Kinn sank auf die Brust und seine Augen schlossen sich.

Es war still im Zimmer. Die Uhr ging. Der Vorhang wehte leis im Winde, der durch die Fensterritze blies. Und als Uwe Nomsen die Hand an Lürsens Stirn legte, um ihm das Haupt zu stützen, denn er dachte: Lürsen ist müde vom langen Sprechen, da fühlte er – Lürsen ist gestorben.

Und Antje Klähn und Uwe Nomsen schauten sich mit einem langen Blick an und wandten die Augen gegen das Fenster.

Auf dem Watt war die goldene Brücke schon wieder abgebrochen.

Die Seele Lüdde Lürsens war hinübergegangen.

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