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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Vierzehntes Kapitel

Der späte Herbst hatte den erhofften Rest goldenen Lichts noch geschenkt; aber er hatte kaum hingereicht, einen Tag mit seinem Glanze zu füllen. Nun lag wieder die graue Stille über der Welt, in der Ocke Frerksen seine Wege suchte.

Manchmal, wenn er mit schwerer Last im Nachmittage nach Hause ging, sahen sie ihn auf der Werft kommen. Dann traf es sich wohl auch, daß ihm einer auf dem Steindamm entgegentrat und ihm ein ermutigendes Wort in die tauben Ohren rief oder ihm von jenseits des Fethings fröhlichen Sinnes ein deutsames Zeichen machte.

Aber das heimliche Mitleid auf den Gesichtern der Nachbarn entging dem Alten nicht. Das sagte ihm: »Ocke Frerksen, es ist so traurig!«

Und so kam's, daß ein wohlgemeintes Wort des Trostes erst recht wie eine Last auf des Kapitäns Seele fiel.

Darum dachte er: ich will von nun an in der Einsamkeit der Nebeltage bleiben, bis die Nacht hereinbricht, damit ich ungesehen meinen Sack voll Armut heimtragen kann.

So hatte sich dies Herz gewandelt, daß ihm die verhüllenden Nebel willkommen waren, die der Seefahrer Frerksen noch vor einem Jahre mit einem herzhaften Fluche verwünscht hatte; denn diese Nebel bargen den Blicken der Menschen die Lasten, die der Mann trug – die auf der Seele: die staubige Sorge, und die auf dem Rücken: die armen Knochen.

Unter dem Hollerbusch im Gärtlein des Kapitäns, ganz unter dem vielverzweigten Astwerke, stand die Kiste, über welcher der Heimkehrende seinen gefüllten Knochensack umstülpte. Wenn sie voll war, wog er ihren Inhalt und schätzte nach dem Gewichte den kargen Erlös, den ihm der Lumpenmann dafür zahlen werde.

Manchmal, wenn harte Regenböen Ocke Frerksen im Hause hielten und der Tag sich neigte, sprachen sie auch in Klähns Stube von der Sorge, die nebenan eingezogen war, und berichteten dem heimgekehrten Mädchen, wie das allmählich gekommen sei.

Wenn dann die Arbeit um das Vieh getan war, ging Antje Klähn mit dem Spinnrade, den stillen Mann zu erheitern; ein lachendes Herz in hellen Augen ist segnend wie Frühlingssonne.

Sobald das fröhliche Licht dieser Augen in die Einsamkeit Ocke Frerksens fiel, da war's, als klopfe die Freude wieder zag an das Herz des Kapitäns. In die blauen Wölklein über der Kalkpfeife kam Leben; seine breite Hand glitt über sein Gesicht, als könne sie die Spinnenfäden abwischen, die graue Gedanken heimlich darübergesponnen hatten, und sein Mund stammelte und die Freude klang hindurch: »Antje Klähn, Antje Klähn!«

Und er hielt die junge Hand in der breiten harten Seemannshand und streichelte sie. Seine Blicke tauchten in die blanken Mädchenaugen, ja – das war der blaue Maienhimmel, den er so lange nicht mehr gesehen hatte! Da stand er in all seiner freudigen Herrlichkeit: der blaue Maienhimmel, unter dem auf See der klingende Wind geht.

Und Antje Klähn vergaß alsbald zu spinnen und erzählte von ihrem jungen Glück und erzählte von dem Jahre, in dem sie dem Eilande fern gewesen war.

Aber wenn sie gesprochen hatte, redete Frerksen von Dingen, die ohne Bezug auf die Worte des Mädchens waren, weil er sie nicht verstanden hatte.

Da gab Antje Klähn ihren Worten einen harten Klang und neigte sich dabei gegen die tauben Ohren.

Und ob sie gleich jedes Wort des Trostes mied, weil ihr Herz ihr sagte, daß für große Wunden Worte ein schlechter Balsam seien, so ward sie es dennoch inne: sie tröstete Ocke Frerksen. Sie tröstete ihn mit dem Reichtum ihrer Jugend, mit der Sonne des Glücks ihrer Frühlingsseele. Sonne weckt schlummernde Keime, und ihre goldene Hand segnet die wintergraue Scholle.

Des Kapitäns Augen, aus denen die Sorge allen Glanz geblasen hatte, fingen in solchen Stunden wieder an zu reden.

Ob Antje nun immer dableibe?

Da lachte Antje Klähn – sie wußte: Ocke Frerksen braucht ihre Freude. »Immer? Ich möchte wohl. O, das wäre schön! Immer? Das weiß ich noch nicht, und es wird wohl nicht sein können. Aber solange Jochen von Hause fort ist. Und das wird lange sein; denn drei Winter geht er nach Flensburg auf die Schifferschule, und während der zwei Sommer, die zwischen diesen Wintern liegen, nimmt er Heuer für kleine Fahrt ...«

»Das weiß ich schon!«

»... und dann fährt er nach Grönland auf den Walfischfang und nach Amerika, und er bleibt auf See, bis Jens erwachsen ist, meint Vater. Nämlich Mutter Goede will nicht beide Jungen zugleich auf dem Wasser wissen.«

»Woll, woll!«

Antje Klähn machte stolze Augen: »Jochen geht übrigens schon morgen. Er ist voll froher Zuversicht und will eine Menge lernen.«

Während sie so sprachen, hatte die Uhr schon wiederholt zur Heimkehr gemahnt. Aber auch Lüdde Lürsen, der manchmal aus dem Nebenzimmer hereintrat, weil ihn Antje Klähns klares Lachen gerufen hatte, brauchte des Mädchens Freude. Und als Antje den beiden die Hand reichte, gab sie das Versprechen, so oft herüberzugehen, als daheim keine Pflicht auf sie warte.

Wie sie nun ins Dunkel der Nacht aus Frerksens Haustür trat, lag da auf den nassen runden Steinen Herlich Nomsens weißer Fox mit den schwarzen Ohren und dem schwarzen Rückenfleck. Seine Zähne gingen hart über einen festen Gegenstand und glitten knirschend daran ab. Der Hund knurrte: er kannte Antje Klähn nicht mehr.

Jochen, der mit der Stalllaterne drüben in der Tür stand, kam herüber und scheuchte den Fox von dem großen Knochen, an dem er nagte. Antje warf ihn mit dem Fuß beiseite.

Aber Jochen Klähn bückte sich danach: »Den bringst Du morgen Ocke Frerksen. Du weißt, er sammelt Knochen, um sie zu verkaufen.«

Dann gingen die beiden und besahen sich im Stalle bei der Lampe noch einmal den Fund. Auch Mutter Goede Klähn kam und wog ihn in ihrer Hand. Er war über eine Elle lang, am einen Ende stärker und trug dort die Kugel, die einst in einer Hüftpfanne geruht hatte. Er hatte bräunliche Farbe und war porös geworden. Jochen deutete darauf, und als er die Lampe an den Nagel hing, fragte er: »Ein Oberschenkelknochen? Wenn's ist, so hat ihn die See drüben herausgescharrt –«

»Wo?«

»Auf dem alten Friedhof, über den sie jetzt bei jeder Flut läuft.«

Jochen Klähn ward stille. Antje wollte den Knochen früh in Ocke Frerksens Kiste werfen.

Als die Kinder in Klähns Hause schlafen gegangen waren und nur noch Jochen mit nachdenklichem Gesicht bei den Eltern am Tisch saß, und weil er des Fundes dachte, während Olk Eike hinter dem Ofen vor sich hindämmerte, fragte Jochen die Alte: »Weiß Urgroßmutter, wo Ocke Frerksens Eltern begraben liegen?«

Die Ahnfrau antwortete nicht.

»Hat mich Olk Eike verstanden?«

Da klang die dünne Stimme aus dem Halbschatten des Winkels hervor: »Ja doch, ja – ich muß mir das nur überlegen ... Draußen ist ein Friedhof gewesen, draußen, noch ein Stück über Pipenwarf an der Westecke: dort haben wir Frerksens Mutter begraben.«

Wie Goede Klähn das hörte, sah sie Jochen mit einem langen Blick an: »Mich überläuft's eiskalt bei dem Gedanken. Wenn das wäre!«

»Was?«

»Die lange Lene ... Ocke Frerksens Mutter ...«

Eike Klähn hatte mittlerweile ihren Gedankenfaden weiter gesponnen und sich besonnen: »Kind, da geht aber schon seit fünfzig Jahren die See. Und die lange Lene – hi,« machte Eike Klähn. »wie lang war sie doch? Einen Kopf größer als Ocke Frerksen. Die mußte gebückt durch alle Türen gehen.« –

Wie dann auch Großmutter Eike zu Bette gegangen war, gingen Goede und Knudt Klähn noch einmal mit der Laterne in den Stall; der Mann nahm den braunen Knochen prüfend in die Hand und zog die Achseln in die Höhe: »Wer kann's wissen?«

»Der Gedanke ist grausig: die See wäscht die Gebeine aus den Gräbern, und Ocke Frerksen verkauft die Knochen seiner Mutter an den Althändler.«

»Wer kann's wissen?«

Man sprach an diesem Abend nicht mehr davon.

Und Antje Klähn warf am nächsten Morgen den Knochen in die Kiste des Kapitäns.

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