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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
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Zwölftes Kapitel

Der Wind wehte und hatte alle Flöten und Pfeifen hervorgesucht, auf denen er blasen konnte; die Pfeifen erklangen an der Westecke bei Pipenwarf und waren alle auf den hohen spitzen Ton gestimmt, den Uwe Nomsen »niederträchtig« nannte.

In der Bodenluke des Giebels bei Nomsen, in der Eike Klähn während der Sommermittage den Puck vermutet, weil dort die Totenuhr schlägt und eine kleine Grille geigt, in der Bodenluke flötete der Wind dagegen auf weichem Holze. Das klang ganz wehmütig und versonnen und kam daher, daß er gedacht hatte: er könne durch die Luke mit tollem Sausen einfahren und unter dem Rohrdach das Heu herumwirbeln.

Und nun hatte ihm Uwe Nomsen das Türlein mit Brettholz verschlagen!

Der Nebel rollte in dicken Ballen über Land und See und rollte in den Windmonat hinein.

Durch den Nebel irrten die Klagen der Wildgänse, schnitt der spitze Ruf des Regenpfeifers.

Die Boote lagen auch schon auf dem Grase, sie lagen wie tot. Aber bis dort hinunter auf das Vorland konnte von der Werft in diesen Tagen kein Auge blicken: das triefende Grau des späten Jahres hing davor.

Nur Ocke Frerksen und seine Sorge stapften ungesehen darin umher.

Und in den Stuben huben die Spinnräder an zu surren. In den Stuben saßen die Männer auf den Schiffskisten und nähten Flicken auf die braunen Segel oder strickten Porrennetze.

In diesen Tagen der Stille, die noch viel tiefer werden sollte, wenn die Hoffnung auf eine letzte Herbstsonne sich erfüllt haben würde, nährte Olk Eike im Lehnstuhl eine heimliche Freude. Darüber verloren sich die scharfen Schatten um den Mund der alten Frau, und in ihre Augen kam ein sanftes Licht – wie von verspäteter Sonne, als sie sprach: »Wenn Jochen im Windmonat auf Schifferschule geht, wird Antje Klähn wieder heimgekommen sein. Wie lange dient Antje schon auf dem Festlande?«

»Es jährt sich im Christmonat, Olk.«

»Und im Christmonat wird Jochen siebzehn. Dann ist seine Schwester jetzt sechzehn Jahre,« sann die alte Frau.

»Ja, Olk.«

»Das Kind hatte seidenweiche Haare, weißt Du noch, Goede Klähn?«

»Ja, Olk.«

»Und diese Haare ringelten sich über der klaren Stirn, und ihre Augen waren blank wie die See im Maimonat. Ich bin froh, daß ich Antje noch sehen darf ... Aber mir ist, als wäre noch eine andere Freude auf dem Wege zu mir, eine große Freude, Goede Klähn. Ich weiß nur nicht, von wannen sie kommt. Auf diese Freude will ich noch warten, wie mein Sohn Ketel auf Habel auf die Erfüllung einer heimlichen frohen Hoffnung wartet. Freue Dich, Goede Klähn, freu Dich; denn von einem Deiner Kinder wird mir meine Freude kommen ...«

Und während Olk Eike so sprach, kam ein erdenfremder Glanz in ihre Augen, und sie hob ihre Hände, als ob sie segne.

Als Ocke Frerksen in diesen Tagen Jochen Klähn einmal auf dem Steindamme der Werft begegnete, winkte er ihn heran: »Jochen, hast Du das Boot vergessen, das im breiten Priele liegt?«

Da wurden die Augen des Jungen noch heller: »Nein, Kapitän, das Boot hat noch Arbeit!«

»Hat – noch – Arbeit?«

»Ja, ich will segeln und Schwester Antje von Lütt-Jens Werft abholen; denn sie kommt heim, eh' ich auf Schifferschule gehe.«

Jochen Klähn schrie dem Kapitän die frohe Botschaft in die Ohren. Da trat der einen Schritt zurück: »Antje Klähn kommt?«

Die Freude war auf dem Weg aus Ocke Frerksens Herzen in die leidmüden Augen. Aber sie fand sich doch nicht hinein.

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