Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Geißler >

Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160415
projectid3ad91672
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Die Frauen hatten die duftigen Lasten des Heus in weiße Tücher gebunden und auf den Köpfen heimgetragen. Auch wer auf einer der umliegenden Halligen Meedeland besaß, hatte geerntet. Dann segelten die Boote hin und wieder, heimwärts hoch mit dem duftigen Wieswuchs beladen. In dem einen stand Uwe Nomsen schweigsam achter, und Jens Klähn und Binne Bonken hockten im Heu, und der Wind schwellte das braune Segel über ihnen. Das war ein Fahren im Glück. Uwe Nomsen war Steuermann.

Wie das Meedeland kahl war, gingen die roten Kühe darauf. Ein Hütejunge war da, der war von Niebüll herübergekommen; er war in Taglohn. Und der Wind lief über die Fennen und zertrat die Blumen, die noch einmal in die Sonne sehen wollten. Er warf eine Salzflut herauf und blies die Nebel darüber.

In diesen Tagen rüsteten sie in den Hallighäusern zur Segelfahrt nach dem Festlande: In Husum beladen sie die Boote, tauschen ein und kaufen, Küche und Keller mit Vorrat zu füllen für den Winter, der seine trutzigen Eisstücke über das Watt wirft und zu Bergen baut. Dann ist kein Weg zwischen den Inseln – nur der heulende Wind findet einen.

Ocke Frerksen war daheim geblieben – zu den Krämern nach Husum segelt er nicht mit; das besorgt Uwe Nomsen für ihn. Der steuert Frau Krassen Frerksen hinüber. Aber handeln muß sie selber; denn sie meint: Uwe Nomsen bezahlt willig die geforderten Preise und mag nicht feilschen.

In voriger Zeit war sie mit blankeren Augen und froherem Blick ausgezogen, den Wintervorrat heimzubringen. Damals kam der Kapitän noch mit gefülltem Geldbeutel von See. Das ist nun nicht mehr, und in Frerksens Hause haben sie schon den Sommer lang von dem Ersparten gezehrt. Krassen Frerksen sagt zu Uwe Nomsen: Das sollte nicht ihr größter Gram sein, wenn nur Frerksen erst wieder eine Hoffnung haben wollte. Aber der sitzt daheim, und alle Freude hat ihn geflohen. Er hält die Hand um das Ohr und möchte hören, was der Wind spricht. Wenn er den Wind zum erstenmal wieder versteht, dann wird die Sonne auch von neuem aus Ocke Frerksens Auge scheinen.

Aber er versteht den Wind nicht.

Sein Auge jedoch ist noch scharf wie damals, da er den »Amilhujo« steuerte, und dies Auge verrät ihm: Lüdde Lürsen wird mit jedem Tage bleicher. Lüdde Lürsen hat jetzt manchmal die glänzenden Augen von Frerk Lürsen, als der zu schwach war, von Pipenwarf herunterzugehen. Um Lüdde Lürsens Mund hat das Leid tiefe Falten geschlagen – glaubt einer gar nicht, daß es dazu Zeit gehabt hat in so raschen siebzehn Jahren! Daß dies Leid auf Lüdde Lürsens Stimme in den letzten Wochen auch einen Staub geblasen hatte, davon diese Stimme leiser und rauh geworden war, das merkte Ocke Frerksen freilich nicht. Aber er merkte: Krassen Frerksen hatte oft rotgeweinte Augen, und Krassen Frerksen füllte die Schüsseln auf dem Tische nicht mehr bis zum Rande wie in früheren Jahren. Das kommt daher, weil der Kapitän ein armer tauber Mann ist, und Krassen muß rechnen, sorgsam rechnen, seit der Mann wrack geworden ist wie das Schiff, das er geführt hat.

Er hat auf hundert Fahrten das Steuer in der Hand gehalten. Aber jetzt hatte der Tag keine Pflichten mehr für ihn.

Keine Pflichten mehr?

Hatte der Kapitän nicht das Steuer seines Lebensschiffes in der Faust? Und nicht das Steuer von dem Lebensschiffe seiner Leute? Muß ein Mann wie er, dem der Seewind noch nicht lange das Reif, silber in die Haare geblasen hat, diese Schiffe nicht regieren können?

Wenn Ocke Frerksen so dachte, ballte sich ihm die Faust, und er schlug diese Faust unwillig auf den Tisch.

Wenn einer den Gram und die Armut auf dem Schiffe hat, dann ist schlimmes Fahren!

Und diesen beiden schleichenden Gesellen war Ocke Frerksens Kraft nicht gewachsen. Das war sein Schmerz.

Einst hatte ihm der harsche Seewind die Stirn klar und den Blick blank geweht – jetzt suchte der Kapitän in den Winkeln des Hauses nach kleinen Pflichten. Und in den Winkeln des Hauses hockte die Sorge. Aber der kleinen Pflichten war der Mann entwöhnt, der einer Brigg mit vollen Segeln den Weg über die wogende See gewiesen hatte. Die leichte Last dieser Pflichten hatten in der vorigen Zeit Ipke Tamen das Kind und Lürsen der Kranke getragen, und nun sollte der Mann an ihnen froh werden?

Und nun sollte der Mann diesen Tagen zufrieden in die Augen schauen können, die ihm nichts weiter geben wollten? Und er sollte sich dabei bescheiden?

Ein schlechter Mann, der mit geizigen Tagen nicht um ihren Reichtum ringt.

Wie der Kapitän so dachte, kam er über die steile Holzstiege im Vorhaus hinangestiegen, hatte die Falltür aufgeschlagen, die über dieser Treppe ist, und zwängte nun seinen mächtigen Leib mit den immer noch trutzigen Schultern durch das viereckige Loch auf den Boden.

In dem winkligen verdämmerten Raume lag ein Rest Heu, lag Staub, lag alter Hausrat und manche Erinnerung an weit zurückliegende Seefahrt.

Einst waren etliche dieser Dinge des Kapitäns Freude gewesen; heute fraßen Rost und Moder daran.

Durch das Glas im Rohre des Daches fiel ein mißmutiges halbtotes Licht; die Spinnen hatten darum gesponnen. Aber dies Licht war noch lebendig genug, um auf die Dinge deuten und sagen zu können: Verfall, Verfall!

Und mitten darin stand Ocke Frerksen. »Es ist hart,« sagte er und sank schier verzagt auf ein Bund Heu.

Leise kamen wieder die düsteren Gedanken ...: Du mußt dich in dieser kleinen Welt wieder zurechtfinden lernen, Kapitän! Es sind andere Menschen auf den Inseln, die auch nicht mehr fahren können, weil ihnen der Seewind die Gicht in die Glieder geblasen hat. Es sind andere da, die noch nicht fahren können und die doch von ihren Tagen mehr fordern und mehr sich erzwingen als du. Die Priele wimmeln von Porren; auf dem trockenen Watt hocken in der Nacht die Graugänse und die Krickenten in Scharen. Die Inselleute beschleichen sie und schlagen etliche davon mit ihren Netzen. Aber das ist hart, mit dem Schlagnetz in der Faust auf einen armseligen Entvogel zu lauern, wenn diese Faust ihr Lebtag das Steuer eines stolzen Schiffes geführt hat. Und die Klähns – die sind ja auch noch! – Ja, Knudt Klähn mit seiner starken Kraft und mit seinen klaren Augen fährt freilich nicht. Aber Knudt Klähn wirft seine Kraft doch hin für ein verlorenes Ding; die Klähns wollen gegen die See an, die Klähns wollen siegen in einem Kampfe – um eine Handvoll Erde! An diesen Sieg mag aber keiner glauben. Und was ist Ocke Frerksen geholfen, wenn er den Klähns ihre verlorene Schlacht mit schlagen hilft? ...

Die Dämmerung spann dichter durch das verstaubte Glas. Da nahm der Kapitän das Schlagnetz vom Balken und stieg wieder durch die Luke hinab.

Und wie die Nacht vollends auf die Insel gefallen ist, hängt er die Lampe sich vor die Brust und geht hinaus auf das Watt. Unter dem rechten Arme hat er das Schlagnetz, den Südwester hat er fest bis auf die Ohren gezogen. So hat er einst im Wind am Steuer gestanden.

Rufen die Wildgänse nicht?

Er geht gegen den Wind, geht immerfort bis an den Rand der Flut; dort muß er sie in Scharen treffen, und in Scharen die Enten. Aber wie er ihnen nahe kommt, fliegen sie vor ihm auf; sie fliehen vor dem polternden Schritt, seinem Schritt, den er selbst nicht hört, und irren nun kreischend über ihm durch die Nacht.

Und Ocke Frerksen kehrt nach Stunden ohne Beute auf die Werft zurück. Die See schickt ihn heim; sie kriecht wie ein Raubtier auf dem Bauche gegen ihn an. Er hört sie nicht; aber sie hat ein glühendes Auge. Der Schein der Lampe vor des Kapitäns Brust fällt gerade darauf. Mit diesem Auge glotzt sie ihn an, und darunter droht ihm eine Reihe schneeweißer Zähne. Wenn er hören könnte: die See faucht wie eine Bestie, sie zischt wie eine Schlange hinter ihm drein.

Er warf das Netz mißmutig in die Ecke der Vordiele. Krassen Frerksen hatte gewacht und erwartete ihn. Ihr Auge war ohne Hoffnung: Wenn doch nur Lüdde Lürsen mitgehen könnte!

Aber ein Gang über das herbstnächtliche Watt, immer an der Flutkante, immer in dem stiebenden Nebel, der sich wie Silber über die Kleider schlägt und naß in sie hinein – das geht nicht! Der Junge hustete sich die Seele aus dem Leibe.

Krassen sah heimlich zu Frerksen empor, machte sich hinter dem Ofen zu schaffen und wischte sich die verstohlene Träne fort, die die Wange hinab wollte. Dann nimmt die Frau die Laterne vom Türpfosten und will das Licht darin austun. Aber der Taube wehrt es ihr.

Seit das Sausen in seinen Ohren ist, spricht er hohl, als rede er durch eine Muschel.

Seine Stirn ist noch finsterer, weil er nun erfahren hat, er ist noch schlechter als die Halben denen es wenigstens gelingt, mit Hilfe der Nacht eine Graugans zu überlisten.

Die Uhr zeigte schon nach elf.

Aber Ocke Frerksen stieg mit der Laterne doch noch einmal die schmale Leiter auf der Vordiele hinauf und leuchtete unter dem Dach umher; er wollte das alte Gewehr suchen, das seine Seefahrten mitgemacht hat.

Da hängt es am Nagel, es ist ganz mit Rost beschlagen.

Wie er die Hand danach ausgestreckt hat, besinnt er sich: es geht ja gar keiner der Inselleute mit dem Gewehr auf die Gänse und Enten; denn die lassen am Tage keinen Jäger auf Schußnähe herankommen und werden durch den Knall so scheu gemacht, daß sie die Gefahr auf lange Zeit fliehen. Und die Nachbarn werden dem Kapitän grollen, wenn er die Scharen von Vögeln durch sein unsinniges Schießen von den Watten vertreibt; weiß Frerksen denn nicht mehr, daß nur das Schlagnetz reiche Beute sichert? Woll, woll, wenn einer keine tauben Ohren hat! Aber die Kinder wollen essen, und ein Mann mit gesunden Gliedern und Augen kann seine Leute doch nicht hungern lassen!

Über solchem Sinnen ward die Falte des Kummers auf Frerksens Stirn noch tiefer, und die Narben, die ihm der Mißmut um den Mund geschlagen hat, wurden länger.

Da hing er das Gewehr mit einem Seufzer wieder an den alten Platz. »Es ist eine Dummheit!« grollte er.

Und der Mann, der ein Menschenalter aufrecht wie ein Mastbaum gestanden hatte, hielt die Laterne in der Rechten und leuchtete nun tiefgebückt auf dem Dachboden in Staub und altem Hausrat umher.

Er stieß auf einmal unwillig eine Kiste mit dem Fuße vor sich hin. Da stürzte die um und Knochen polterten heraus.

Wie das Geräusch durch das nachtstille Hallighaus rannte, öffnete Frau Krassen drunten die Tür, die auf die Vordiele führte und horchte heraus. Sie schaute durch die Bodenluke und sah: vor den Füßen des alten Mannes liegt der goldene Schein des Lichts auf alten Knochen, an denen die salzige See herumgenagt hat. Die sind braun und rauh. Wer weiß noch, wer die einst gesammelt und für den Verkauf bestimmt hat?

So soll man sie jetzt verkaufen, fällt dem Kapitän ein, jetzt tut es not!

Nun kniete er in den Staub, sammelte die Knochen wieder in die Kiste und trug diese die Leiter hinunter auf die Vordiele. Auf dem Watt und am Strande liegen noch tausend Knochen. Wenn man sie sammelt und dem Althändler verkauft, so ist das doch ein karger Ertrag aus dem Kampf mit diesen verleideten Tagen, bis andere wieder etwas Besseres für Frerksen in den Händen halten.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.