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Inseln im Winde

Max Geißler: Inseln im Winde - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMax Geißler
titleInseln im Winde
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunNeuntes bis elftes Tausend
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Durch die geöffneten Fenster der kleinen Stube in Ocke Frerksens Hause schwamm der weiche Duft von frischem Heu und legte sich schmeichelnd um die Stirnen der Jünglinge. Draußen auf den Weidefennen, die von den Hürden umsäumt waren, lag das Vieh wiederkäuend im Gras, und nur hin und wieder irrte ein sanftes Brummen des Behagens ein Stück in das Dunkel der Nacht.

In voriger Zeit hatte Ocke Frerksen in dem kleinen Raume gehaust. Der bunte Schmuck, den er von den Südseeinseln heimgetragen hatte und der noch jetzt auf dem Wandbrett aufgestellt war, sowie das zierlich geschnitzte Schiffsmodell, das an zwei Fäden von der Decke hing, gaben Zeugnis davon. Auch des Kapitäns niedere blaubemalte Schiffskiste stand noch an dem Pfeiler zwischen den Fenstern. Manchmal sägte der Wurm in dem alten Holze.

Das ist die gleiche Schiffskiste, auf der Ocke Frerksen als Jüngling gesessen und Segel genäht hat, wie Jochen Klähn im Nachbarhause auf der seines Vaters sitzt und auch Segel näht. Die des Kapitäns hat den Mann auf allen Fahrten begleitet und trägt auf der Innenseite des Deckels das Bild eines Eilands inmitten hochgehender See – einer Insel im Winde. Darunter steht mit knorrigen, fast hilflosen Buchstaben geschrieben: »So sah meine Hallig aus, wie ich ein Kind war 1841.«

Die Buchstaben waren eckig und grob wie Ocke Frerksen, und Ocke Frerksen war's auch, der sie einst mit schwarzer Farbe unter das Bild gestrichen, das er mit harten Farben und harten Zügen vor vielen Jahren auf ferner hoher See gemalt hatte. Keiner sah beim Anschauen dieses Bildes, daß es von weicher, heimlicher Heimatsehnsucht eingegeben war. Und keiner erkannte, daß der, der es in die Schiffskiste gestrichen, damals alle Herrlichkeit und allen Reichtum der südlichen Meere um dies arme Eiland hingegeben haben würde.

Uwe Nomsen hat einmal gesagt: »Vor mehr denn fünfzig Jahren mag Klähns-Hallig diesem Bild in der Schiffskiste ähnlich gewesen sein; heute hat die Flut das Eiland zur Hälfte gefressen.«

Seit Lüdde Lürsen vom Husten geplagt war, mied der immer tabakrauchende Kapitän die Stube, in welcher die drei jetzt beim Tee saßen und in deren Wänden die Bettschränke Lüdde Lürsens und seines jüngeren Pflegebruders sich befanden. In dem einen lag Ipke Tamen in tiefem Schlummer, den auch die Unterhaltung der drei nicht verscheuchen konnte. Lüdde Lürsen schob die Tür ein wenig weiter zu, so daß nur noch ein handbreiter Spalt das gedämpfte Licht der Lampe in das Schrankbett fallen ließ.

Und die Sommernacht ging ins Zimmer und hauchte ihren Frieden ringsum.

Draußen vor den Fenstern flüsterten die Blätter des schwarzen Flieders, jenes niederen Strauches, der vielästig und wild von Wuchs war, dem der Seewind aber nicht gestattete, auf das Dach zu schauen. Und nun drängte er sich gegen die Hauswand und drängte sich gegen die Fenster, als wolle er sich mit den Händen an der Kante des Rohrdachs halten, um sich hinaufzuziehen.

Aber der Seewind litt's nicht. Da mußte der Busch sich bescheiden, wie die anderen Sträucher und Bäume auf der Hallig sich beschicken. Auch wie der große Birnbaum drunten bei Hannes Paulsen, der seine Äste so trutzig und sparrig breit dem Meerwind entgegenstemmt und doch nicht vermocht hat, bis an den Dachfirst zu langen. Das ist der gleiche Birnbaum, den Paulsens Vorweser, Großvater Bonken, mit all seinem Hausrat vor der großen Flut 1824 auf den Dachboden gerettet hat, weiß Uwe Nomsen zu erzählen; dort hat er die Flut überdauert.

Seit jenem Jahre ist die See den Leuten nicht wieder zu den Fenstern hineingestiegen. Über das Vorland, auf dem sie die Tage her Gras gehauen haben, springt sie im Jahre hundertmal. Und an der Werftböschung hat sie seit der großen Flut schon oft wieder genagt, aber in die Häuser hat sie den Weg doch nicht noch einmal gefunden.

Und nun versucht der Birnbaum bei Hannes Paulsen in jedem Frühling, versucht er mit jedem Johannestriebe noch ein Stück höher zu dringen, um endlich doch einen Blick über den Dachfirst zu tun; wie die Welt drüben aussieht, möchte er gern wissen. Aber immer wieder läuft der Wind über ihn hinweg und tritt ihn zusammen.

Und die Sommernacht trug den Duft trocknender Blumen und gedörrten Grases auf den Händen herbei und in den Falten ihres Kleides. Nun lag er auf dem Tische zwischen den Teetassen und auf den Bänken, die an der Wand von blauweißen holländischen Kacheln hinliefen. Und er legte sich schlafen im Gärtlein auf der Werft, auf den Fenstersteinen und in dem dichten flüsternden Laubwerk des Fliederbusches. Da vergaßen auch die Blätter ihren lispelnden Zwiespruch und schliefen ein.

Jochen Klähn lehnte am Fenster.

Lüdde Lürsen saß im Lehnstuhl aus Rohr und ließ sich von Uwe Nomsen den Tee reichen. Er hustete.

»Die Luft war nie so weich wie heute, mein' ich,« sagte Lürsen, »in den zwölf Jahren nicht, da ich in Ocke Frerksens Hause bin. Der Wind macht mir immer so zu schaffen; er bläst mir den Atem in die Brust zurück.«

Jochen Klähn war von der Fensterbank unter das an der Decke hängende Schiffsmodell getreten. »Die Nixe« stand am Galion mit feiner Goldschrift geschrieben; ein kunstfertiger Bootsmann hatte das Modell auf langer Fahrt für Lürsens Vater geschnitzt. Jochen Klähn deutete auf das zierliche Werk. »Höre, Lürsen, ist Deine Mutter damals auch mit auf der Nixe gewesen, wie die auf Hörnumsand Schiffbruch hatte?«

Lüdde Lürsen setzte das Teeglas auf den Tisch: »Nein doch! Die war schon drei Jahre tot. Ich stand im vierten.«

Nun sann Lüdde Lürsen mit toten Augen in den roten Schein der Lampe: »Mein Vater hätte das Haus nicht auf die ›Pipe‹ bauen sollen. Die Werft, die er damals aufwarf, war nicht zu halten. Frerk Lürsen grub sich sein Grab, als er den Grund schaufelte. Nun ja – er wollte gesund werden! Er wußte nicht, daß der Tod in ihm fraß. O, er hatte einen klugen Kopf und er hatte einen festen Mut –«

Jochen Klähn fiel dem Sinnenden in die Rede: »... und er hätte die ›Pipe‹ gehalten, hätt' er zu Mut und Verstand auch noch Kraft und Gesundheit besessen.«

Aber Lüdde Lürsen wehrte ärgerlich ab: »Niemals! Wie kann einer dies vergehende Land überhaupt zur Heimat sich wählen! Wie mag einer einen Schein von Liebe, von Treue zu dieser Scholle haben, zu dieser erbärmlichen Scholle, die ihm unter den Füßen fortbricht!«

Da legte sich Uwe Nomsen ins Zeug: »Du solltest nicht so reden, Lüdde Lürsen! Die Hallig ist nicht Deine Heimat, und Dir hat sie wohl nicht viel gegeben, ja – sie hat Dir vielleicht sogar geraubt. was Du besessen hast.« Um seinen Mund zuckte der Mißmut, als er fortfuhr: »Und das nicht einmal! Dein Vater trug den Stachel des Todes in der Brust, als er kam. Übrigens – das Haus, welches er auf Pipenwarf gesetzt hat, stünde vielleicht heute noch. Aber Ihr wißt ja: allabendlich um die gleiche Zeit, in der damals die ›Nixe‹ auf Hörnumsand zerschellte, und just um die gleiche Stunde, in welcher später Dein Vater in der Dämmerung die Augen für immer schloß, da ging ein Klopfen im Haus auf Pipenwarf. Das ist noch Jahre hernach gehört worden, ist gehört worden, bis das Haus endlich mit der Werft in die See gespült wurde. Deshalb hat ja keiner auf Pipenwarf wohnen mögen. Wäre das nicht gewesen und hätte sich einer hineingesetzt, der die Werft flickte, wenn die See daran herumgefressen hatte, dann wär's anders gekommen.«

Jochen Klähn lachte: »Eike Klähn sagt das auch, das mit dem geheimnisvollen Klopfen.«

»Sie wissen das alle und viele haben's gehört,« behauptete Nomsen.

Lüdde Lürsen dachte noch in stillem Sinnen der vorigen Zeit, als Uwe Nomsen wieder begann: »Es ist ein Geräusch gewesen, wie wenn unsichtbare Hände bemüht wären, einen Schreindeckel mit Brecheisen zu sprengen. Sie meinten deshalb: Frerk Lürsen habe am Ende noch einen Schatz, in Kästen vergraben, im Hause aufbewahrt. Und um den Unterirdischen das Handwerk zu legen, haben sie das Dach endlich abgetragen, da die Werft ja doch unter dem Hause fortbrach.«

Als Lüdde Lürsen das hörte, lachte er bitter auf: »Aber das Gold in den Kästen haben sie nicht gefunden! Und ich mußte froh sein, daß Ocke Frerksen gerade ein Kind brauchen konnte, wenn auch man bloß ein fremdes. Ja ja – er wollte die Werft halten, mein Vater Frerk Lürsen! Aber die Scholle war nicht dankbar dafür, hahaha!«

Wie häßlich dies Lachen klang!

Jochen Klähn lief mit großen Schritten durch die Stube, und auch Uwe Nomsen stand von seinem Stuhl auf: »Du bist verbittert, Lüdde Lürsen!«

»Nein, Uwe Nomsen, nur ein Träumer bin ich nicht, der mit geschlossenen Augen in den Tag hineinduselt! Ein Träumer bin ich nicht, der am Strande steht, jedes Jahr acht Fuß von der Kante in die See stürzen sieht und sagt: ›Es ist nicht wahr, Wellen und Wind fressen unsere Inseln nicht. Dazu haben wir sie viel zu lieb!‹ Ein Träumer bin ich nicht – meine Augen sind offen und sie belügen mich nicht ...«

Lüdde Lürsen hustete heftig; er hatte laut und eifrig geredet.

Nomsen ließ den Anfall vorbeigehen, und er warf, wie er sich auf den Stuhl setzte, einen scheuen, fast versorgten Blick zu Jochen Klähn hinüber, der mit verschränkten Armen abwartend wieder gegen die Fensterbank lehnte. Er dachte: »Wir sind ihrer nur drei und doch steht in diesen dreien das ganze Volk der Inselfriesen widereinander, das sonst so einmütig ist. Die einen, es ist kaum eine Handvoll und sind meist solche, die zugewandert sind, die sagen: laßt diese Scholle vergehen. Für sie spricht Lüdde Lürsen, und sie sind ohne Treue. Die andern – das sind die vielen, das sind die Lauen – die sagen: wir lieben die Inseln im Winde und warten, was Gott mit ihnen vor hat. Für die redet Uwe Nomsen. Und die dritten – es sind wohl nur ihrer drei, seit Jürgen Bonken tot ist, und die tragen den Namen Klähn – die wollen die See in die Schranken fordern.«

Über diesen Gedanken begannen Jochens Augen zu leuchten. Und er trat an den Tisch: »Lüdde Lürsen, was hast Du gesagt? Die See frißt, was unser ist? Ja, so sagt Ihr alle und schaut tatlos zu. Lürsen, so soll man der See Einhalt tun, soll ihr ein Bollwerk setzen! Und wenn sie mit ihren gierigen Armen nach unserem Lande langt, so soll man der See diese Arme zerschmettern. Und wenn sie an unseren Werften frißt, soll man ihr die Zähne einschlagen!«

Da regte sich Ipke Tamen im Bettschrank. Jochen Klähn hatte zur Bekräftigung seiner Worte die Hand hart auf den Tisch geschlagen und hinein in des Jungen Traum. Da lallte Ipke im Schlafe: »... Jawohl – Zähne – einschlagen – zerschmettern!«

Die drei lachten, und Klähns Augen leuchteten; denn er wußte, wenn die Leute der Inseln ihnen erst glauben, und wenn sie glauben, daß die See zu besiegen sei, dann ist diese »verlorene Heimat« gerettet.

Uwe Nomsen deutete auf den Bettschrank des Jungen: »Jawohl, Zähne einschlagen, da wäre der wohl dabei. Aber –« wandte er sich an Jochen Klähn – »woher hast Du nur diese tolle Weisheit?«

Da stellte sich Jung Jochen festen Mutes vor Nomsen: »Das nennst Du tolle Weisheit?«

Uwe Nomsen war schnell zur Antwort bereit: »Natürlich, oder hältst Du's nicht für toll, wenn einer mit Schippe und Besen gegen den ›blanken Hans‹ anwill?«

Jochen Klähn warf sich in die Brust: »Einer? Alle sollten wir gegen die See an, alle!«

Da richtete sich auch Uwe Nomsen hoch auf: »Dann wollten wir eben alle einen verlorenen Kampf kämpfen. Geht, schmiedet die Ketten, legt die Riesin See hinein und wartet darauf, wie sie sich das gefallen läßt! Oder, Jochen Klähn: mit tausend Armen langt sie nach unsern Inseln. Nehmt Keulen von Eisen und zerschlagt ihr diese Arme! Tausend andere werden ihr wachsen. Und dann, wenn sie sieghaft auf Eure Halligkante steigt, wieder einmal auf Eure Dächer springt und graue Fahnen flattern läßt, dann erkennt: wir haben vergeblich gekämpft! Nein, Jochen Klähn. das ist töricht; denn die See redet deutlich und redet seit tausend Jahren: ihr seid mein! Und sie geht langsam, aber sie ist unersättlich in ihrer Gier.«

Wie Lüdde Lürsen des Träumers Nomsen feste Worte hörte, schlug er mit matter Lust in die Hände und höhnte: »Nun, Jochen Klähn, was sagst Du dazu? Wie steht's mit dem Zähneeinschlagen?«

Da zögerte Jochen Klähn einen Augenblick, nicht, weil ihn die Bestimmtheit Nomsens verblüfft hatte, sondern weil er sich bewußt ward: Jetzt standen sie an der Stelle, auf welche sein Lebensplan sich gründete. Er wußte: an das Werk, das von den Klähns gegen die vordringende See aufgerichtet werden soll, fehlt den Inselleuten der Glaube. Und wo kein Glaube ist, ist kein Wille. Darum zögerte er mit seiner Antwort; dann sagte er still: »Die Zeit hätte vielleicht nicht mehr fern gelegen, in der wir den Kampf um die Heimat gegen die See begonnen hätten, wenn –«

»Aha, wenn ...« fiel ihm Lürsen ins Wort.

»... der Beste nicht tot wäre: Jürgen Bonken.«

Klähn schaute in das sanfte Licht der Lampe; dann fuhr er fort: »Das war ein Mann! Jürgen Bonken hat halbe Nächte mit Knudt Klähn zusammengesessen, und halbe Nächte haben sie beraten, wie dem ›blanken Hans‹ beizukommen sei. Ihr alle habt's nicht gewußt, weil Ihr ja doch nicht an uns geglaubt hättet. Und Olk Eike hat den Kopf dazu geschüttelt. Aber denkt an Jürgen Bonken! War der ein Träumer, he? Und Knudt Klähn? Ich weiß – die beiden, wenn sie noch ein paar Jahre Wegs miteinander hätten gehen dürfen, die beiden hätten dem ›blanken Hans‹ den Weg verstellt, hätten ihm den Fuß auf den Nacken gesetzt!« Jochen Klähn schaute trüben Blickes zu Boden: »Dann kam jene Märznacht, aus der Jürgen Bonken nicht heimkehrte. Und nun ist Vater allein, und ist keiner, der ihn versteht –«

»Als Jung Jochen mit seinen siebzehn Jahren!« fiel Lüdde Lürsen ihm ins Wort. Und dann ließ Lürsen seine schlanken durchsichtigen Finger hinter dem weißen Halstuche dahingleiten, als habe er das vorhin zu fest geschlungen: »O, Jochen Klähn, was für Toren seid Ihr! Ich rat' Euch: kämpft den Kampf um diese armselige Heimat nicht! Sie ist nichts wert, diese treulose Scholle! Und was habt Ihr davon, wenn Ihr Euch ein Leben lang um sie abmüht,« fuhr Lürsen, nach Atem ringend, fort, »wenn Ihr vergeblich Eure gute Kraft in die Schanze schlagt? Nehmt diese Kraft und zieht hinüber aufs Festland, baut Euren Grund, und Ihr werdet Scheuern voll Getreide ernten. Oder werdet Seefahrer, bis es der Flut endlich doch einmal einfällt, Euch hinabzuschlingen. Aber nur das eine versucht nicht: eine Handvoll Sand und Klei gegen die Übermacht der See zu schützen. Ich sage: diese Heimat ist treulos, sie verläßt uns – so sollen wir sie auch verlassen.«

Als Lürsen so gesprochen hatte und das heiße brennende Licht des Zornes dabei in seinen Augen angegangen war, sank er erschöpft gegen die Lehne seines Stuhles zurück.

Aber wie sein Herz in Unmut überlief, das war selbst Uwe Nomsen zu hart; und doch war seine Stimme voll Ruhe und sein beredter Blick kündete das Mitleid mit dem Kranken: »Nicht so, Lüdde Lürsen! Du schiltst diese arme Heimat und sie ist doch schön. Sie ist schön in ihrer Einsamkeit und lieblich in ihrer Schönheit und kargt niemals mit ihren kleinen Freuden.«

Da ging in Lüdde Lürsens Augen das Licht zum andern Male an. Es war scharf, es war grell, und es reichte doch nicht einmal, das nahe Herz hell zu machen: »Träumer! Träumer, die Ihr seid! Du, Uwe Nomsen, und nicht minder Du, Jochen Klähn! Seht Ihr denn nicht, daß es diese vergehenden Inseln gewesen sind, die Euch so arm, so still, so bescheiden, so ernst gemacht haben, daß kaum ein helles Lachen sich auf Euer Antlitz wagt? Ihr wirkt, wie keiner auf dem Festlande; Ihr seid jeden Augenblick des Tages und der Nacht gewärtig, daß Euch die brüllende See hinaus in den Wind ruft, und Ihr seid bereit, für Eure kümmerliche Armut und Euer mühseliges Tagewerk Euer Leben einzusetzen. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr ewig die Gebenden seid? Haha, das wär' mir eine Heimat, die eine Handvoll Gras und Blumen gibt für all Euer Mühen. Ist das den Einsatz wert? Laßt sie vergehen, sag' ich!«

Jochen Klähn hub an, mit langen Schritten im Zimmer hin und her zu wandern. Seine Lippen lagen fest geschlossen aufeinander; seine Augen mieden die des Kranken; denn er fürchtete, einen ungleichen Kampf zu beginnen, wenn er Lürsen entgegenträte. Der Junge muß dann den nächsten Tag im Bett liegen, wie schon öfter, wenn sein zäher Kleinmut gegen die rotwangige Kraft Jochen Klähns sich gewendet hatte.

Aber Uwe Nomsens Blicken begegneten die Augen Jochen Klähns und fragten schweigend: Nun, Uwe Nomsen, du denkst anders als Lürsen, und denkst doch nicht so wie ich; was sagst du dazu?

»Lürsen,« hub Uwe Nomsen nach einer Weile an, »meinst Du, daß Du freudiger in die Welt schautest, wenn Du drüben auf dem Festland in harter Fron mit Pflug und Egge den Grund aufreißen müßtest? Glaubst Du, daß Du weniger vergrämt wärst, wenn Dich das Schicksal auf eine glücklichere Erde gestellt hätte? Nein, Lürsen, Du wärst's nicht, denn Du bist krank. Wenn Du erst wieder gesund bist, wirst Du froher an Deinem Eilande werden. Der Segen und die Kraft der Heimaterde wirken Wunder, Lüdde Lürsen!«

»Krank?« lachte Lürsen. »O, das bißchen Husten! Säh' ich ein gutes Ende für die Pläne der Klähns, ich wollte zugreifen wie einer, und wahrlich, ich wollte nicht der Schlechteste sein!«

Und dann sprang wieder das stille Lächeln auf Nomsens Gesicht, das ihm die schmalen Lippen behaglich breit zog und ihm die Stirn glättete, so daß ein sanfter Glanz darüber war: »Ich denke, wir lassen sie so, wie sie ist, diese Heimat!«

Er hoffte, Lürsens Unmut zu besänftigen.

Der aber grollte weiter. »Eine Heimat von des Meeres Gnaden!« sagte er dumpf.

»Von Gottes Gnaden, Lüdde Lürsen! Denn wenn wir's mit unseren Kräften auch niemals vermögen, er kann die See zügeln, wenn er mag. Und uns überleben sie noch, so wie sie sind, die Inseln im Winde. Mir gefallen sie, und ich mag gern draußen am Strande liegen, wenn die Arbeit im Hause getan ist und ...«

»Träumen willst Du,« fiel ihm Jochen Klähn in die Rede, »willst Deine Sonntagsseele spazieren führen und über das Grasland und über die See sehen wie über die Seiten eines Buches, aus dem Feiertag weht. Und Du willst in die Wellen horchen wie in die Klänge der Sonntagsglocken. Und Dein Buch der Heimat, das hat der liebe Gott in einer Sonntagslaune aufgeschrieben, meinst Du, und an einem der drei großen Feiertage des Jahres, Uwe Nomsen, wie er so recht in sonniger Schöpferlaune war, da hat er Dich hineingesetzt in diese Heimat, Dich, mit Deiner Feiertagsseele, die sich im Alltage nicht zurechtfinden mag. Es gibt Menschen, die haben keinen Sonntag im ganzen Jahr. Derer sind viele. Aber es gibt auch Menschen, die haben keinen Alltag. Die gehen zu den Pflichten der Werktage, als schritten sie an der Hand der Glockenklänge in die Sonntagsfrühe hinein, und ihre Herzen läuten immerfort Feiertag. Uwe Nomsen, verstehst Du mich? Uwe Nomsen, Du siehst die Welt im Sonntagskleid, und Deine Feiertagsseele hat Schwingen. Du schwebst zwei Fuß hoch über der Erde und stößt Dich nicht. Du lauschst in die Wogen, die nagend am Strand hinrennen, wie in die Glocken, die durch die Sonntagsmorgen gehen. Du fühlst den Duft von Heu und träumst von den weichen Düften des Weihrauchs. Uwe Nomsen, verstehst Du mich? Du schließt die Augen – nicht, weil Du Deine Heimat nicht vergehen sehen magst, sondern weil Dir diese Wahrheit wie Staub auf die Sonnenseele fällt. Und Deine Seele fürchtet den Staub. – Lüdde Lürsen, verstehst Du mich auch? Weißt Du, daß Du noch nie einen Feiertag gehabt hast? Weißt Du, daß Du Götzendienst treibst mit Deinen kleinen Sorgen? Götzendienst mit Deiner Krankheit? Weißt Du, daß Du Dir über das liebe warme, goldene Licht der Frühsonne den Staub des Alltags legst und Dir die kargen Freuden verbitterst, die Dir das Leben gibt? Lüdde Lürsen, Du hast eine Werktagsseele! Und wenn Du hineingehst in den Sonntagsmorgen, und die Feierglocken gesellen sich zu Dir und locken: Komm mit, komm mit! und der Sonnenschein leiht Dir seine Flügel und der Meerwind geht hindurch durch die goldenen wehenden Schwingen – dann stehst Du da und sagst: ich kann nicht. Nein – dazwischen ist der Weg! Lacht immer! – Was mich betrifft, so geh' ich zwischen Euch beiden. Ich will mir Feiertage machen, weil ich sie liebe. Auch ich geh' am liebsten auf den Sonnenwegen tauiger Feiertagsfrühe, aber ich will auch gehen im Alltag, wenn Alltag ist. Und ich will trotzigen Schrittes schreiten und festen Muts. So hat's mich Jürgen Bonken gelehrt. So hab' ich's Knudt Klähn abgesehen.«

»Schulmeister Jochen Klähn!« sagte Lüdde Lürsen scharf.

»Sag ›Prediger‹!« meinte Uwe Nomsen.

»Und wie denkst Du denn nun den ›blanken Hans‹ zu zwingen, ›Pastor‹ Klähn? Mit schönen Worten läßt der sich nicht beikommen –«

Da sagte Jochen Klähn laut und klar: »Nein, aber mit ein wenig Klugheit! Die See reißt ein, sagt Ihr. Und vor der Zerstörerin beugt Ihr Euch. Aber die See baut auch auf. Sie trägt gewaltige Mengen Sinkstoffe herbei –«

»Und schwemmt sie wieder fort!« fiel ihm Lürsen in die Rede.

»Ja, weil wir ihnen keinen Wall geben, hinter denen sie sich festmachen. Weil wir die Flut immer wieder von neuem darüberbrausen lasten, bis sie allen Schlick wieder fortgetragen hat. So sagt Knudt Klähn: Seht Ihr nicht, wie gegen Osten hin das Land wächst? Seht Ihr nicht, wie der Queller auf der neugewonnenen Scholle verheißungsvoll sich ansiedelt und verkündet, daß in einigen Jahren weites Weideland sich dehnt, wo jetzt noch grauer Schlick liegt? Erkennt Ihr nicht, daß die See nicht nur Zerstörer, sondern auch Baumeister sein kann? Und als Baumeister müssen wir sie in unsere Dienste stellen – das ist der Plan Knudt Klähns. Wir müssen das, was sie uns bringt, vor ihr selbst schützen. Sie muß sich nach und nach selber ein Bollwerk bauen, mit den eigenen gewaltigen Armen. Wißt Ihr's nicht von Siegfried, dem jungen? Der hatte Macht, einen Amboß in den Grund zu schlagen. Aber er hatte auch Kraft, ein gutes Schwert zu schmieden.«

Lüdde Lürsen schaute Klähn verwundert ins Gesicht: »Du sprichst wie ein Buch, Jochen.«

»Ich spreche wie Knudt Klähn, spreche wie Jürgen Bonken, wenn er lebte. In dem hat uns das Schicksal den besten genommen.«

Während sie so redeten und aus Jochen Klähns Herzen Feuer in seine Augen geflogen war, rief die Uhr elf. »Es geht auf Mitternacht.«

Da gingen die zwei in ihre Häuser. –

Als am nächsten Morgen Knudt Klähn. der hochgewachsene blonde Schiffer – dem das Stück Himmel im Auge war und der, wenn er über See blickte, aussah, als schaue er den kommenden Jahren ins Herz –, in Seestiefeln hinab zum Strande ging, folgte ihm Jochen. Jeder hatte eine Axt über der Schulter.

Sie wollten ein Wrackholz zerkleinern; das hatte sich drunten an die von ihnen vor zwei Jahren auf fünfzig Meter ins Watt gebauten Buhnen gelegt, zwischen denen das Land um mehr denn anderthalb Spannen aufgeschlickt war. Sie sprachen davon, im nächsten Frühjahr dies Land aufzukrüppeln, zum erstenmal zu bearbeiten.

Lüdde Lürsen stand am Fenster und sah, wie die beiden über das kurze Gras gegen die Buhnen schritten. Er hatte sein weißes Halstuch um und war blasser als sonst.

»Die gehen der See die Zähne einschlagen,« sagte er halblaut vor sich hin.

»Hurra! Zähne einschlagen!« rief Ipke Tamen und rannte hinterdrein.

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