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Indische Liebeslyrik

Friedrich Rückert: Indische Liebeslyrik - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/rueckert/indliebe/indliebe.xml
typepoem
authorFriedrich Rückert
titleIndische Liebeslyrik
publisherVerlag Hans Bühler jr.
printrun1.-10. Tausend
editorHelmuth von Glasenapp
year1948
firstpub
translatorFriedrich Rückert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081222
projectid1a36efb1
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4. Bhartrihari

Die Stufen der Liebe

Was ist Edlen gut zu sehen? Liebchens klares Angesicht.
Was zu atmen? dessen Mundhauch. Was zu hören? dessen Wort.

Was zu kosten? dessen Lippe. Was zu fühlen? dessen Leib.
Was zu denken? dessen Anmut. Reizend ist es allerwärts.

Sagen denn nicht unsre Dichter etwas sehr Verkehrtes
Von den Frauen, wenn sie stets von schwachen Frauen reden?

Die, von deren schwanker Augensterne Blitz getroffen
Himmelsgötter selbst erliegen, sind die schwach zu nennen?

Ohne daß die Locken flattern und sich weit das Aug' auftut,
Ohne daß die Lippen aufgehn mit der reinen Zähne Glanz,
Ohne daß die Perlenschnur schwankt auf des Busens Doppelhöhn,
Auch in völl'ger Ruhe setzt in Unruh' uns ein schöner Leib.

Scheine Lampe, glänze Feuer, leuchte Sonne, Mond und Stern;
Fern von euch, Gazellenaugen, ist die Welt mir Finsternis.

Sieht man sie nicht, begehrt man sie zu sehn nur,
Und sieht man sie, wünscht man sie bloß zu küssen,
Und wenn man dann sie küßt, die Großgeaugte,
Verlangt man völlig mit ihr zu verwachsen.

Der an die Brust gesunkenen mit aufgelösten Locken,
Der noch ein wenig blinzenden mit zugeknosptem Auge,
Der von des Liebeskampfes Schweiß am Wangensaum betrieften
Geliebten Frauen Lippenseim, ihn trinken Hochbeglückte.

Wenn der Freund im Regengusse nicht das Haus verlassen kann,
Und des Frostes wegen fester ihn die Schöne drückt ans Herz,
Dann der Wind mit kalten Tropfen ihre Lustermattung kühlt,
Wird das schlechte Wetter gutes für beglückte Liebende.

Ihr wählt euch eure Meister von den frommen Schriftgelehrten,
Doch wir, anmutig redender Poeten Jünger sind wir.
Denn nicht in jenem Leben gibt's ein höhres Glück als Tugend,
Doch keine Lust in dieser Welt als klargeaugte Frauen!

Sich selbst und uns betrügt der Schriftgelehrte,
Der ungebührlich schöne Mädchen schimpft.
Zwar ist das Paradies die Frucht der Buße,
Doch Mädchen sind die Paradiesesfrucht.

Nenne nur das Weib! und weder Gift noch Nektar gibt es sonst;
Abgeneigt ist sie ein Giftbaum, zugeneigt ein Nektarzweig.

Mit dem einen kost sie traulich, nach dem andern blickt sie hold,
Denkt im Stillen an den dritten; wen denn liebt sie eigentlich?

Als uns umgab Unwissenheit verliebter Finsternisse,
War in Gestalt des Weibes uns die ganze Welt erschienen.
Nun unser Aug' erhellet ist von bess'rer Einsicht Salben,
Erkennt der einsgeword'ne Blick die ganze Welt als Brahma.

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