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Gutenberg > Friedrich Rückert >

Indische Liebeslyrik

Friedrich Rückert: Indische Liebeslyrik - Kapitel 6
Quellenangabe
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typepoem
authorFriedrich Rückert
titleIndische Liebeslyrik
publisherVerlag Hans Bühler jr.
printrun1.-10. Tausend
editorHelmuth von Glasenapp
year1948
firstpub
translatorFriedrich Rückert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081222
projectid1a36efb1
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3. Amaru

Anrufung Pârvatî's

Der mit Liebesringspiel-Handgriff Händerücken-zeichnenden
Nagelspurenglanz umhersprüht, hüt' er gnädig dein Geschick:
Er, der lustvoll Karnapûren-Blütensproß-umschwärmender
Bienen Schwärmereien anregt, Ambikâ's Streifseitenblick!

Anrufung Shiva's

Der weggeschleudert an die Hand sich hangende,
Zurückgestoßen schmiegende sich ans Gewand,
Haar fassend weggedrängte, Fuß-umfangende,
Nicht mehr gesehen dann, weil die Besinnung schwand;
Der von den Mädchen Tripura's mit Schaudermut
Umarmend abgeschüttelte, mit Tränenflut
Zurückgewiesne Werber, ungedämpfter Glut,
Verbrenn er eure Sünden, Shiva's Rohrpfeilbrand!

Anrufung der Geliebten

Das seine Locken wirr bewegt,
Sein Ohrgehänge schütternd regt,
Mit feinen Tropfen Schweiß verwischt Shrî-Mal an Stirn
und Wange,
Es, dessen Auge schmachtend bricht
Im Wonnenrausch, das Angesicht
Der Liebsten hüte dich, wozu bedarfs der Götter lange?

Mit den schmachtend liebefeuchten Blüten, die sich knospig schließen,
Bald anblickend auf sich tun, sich schamschwank wenden ab mit Nicken,
Mit den Augen, die der herzverwahrten Regung Sinn ergießen,
Sprich, o Mädchen, welchen Sel'gen du damit heut an wirst blicken?

Die Zwischenträgerin spricht:

Bewerbung wandtest du an sie, und lange Zeit war sie von dir geehret;
Wie bist nun du's, der durchs Geschick die Jugend ihr in Traurigkeit verkehret?
Nicht auszuhalten ist das Leid, kein tröstend Wort kann ihr zu Herzen dringen;
Soll, Unbedachter, weinend laut die Freundin sich ins Leutgerede bringen?

Zurede

Draußen sitzt, und schreibt am Boden, dein Geliebter hingeneigt,
Deine Mägde mit verweintem Aug' enthalten sich der Speise,
Selbst der Papagei im Käfig stellt sein Plaudern ein und schweigt;
Und dich selbst verstört der Unmut; Spröde, laß nun diese Weise!

Sie nehmen mit Gewalt den Mann, die Weiber, lassen sich's nicht wehren.
Was zagst du dumpf und klagst du dann? Tu ihnen nicht was sie begehren!
Ein hold, jung, herz'ger Lustgesell, der wird sich dir zum Freunde schicken,
Vielleicht ist er noch feil; geh schnell, und fang ihn ein mit hundert Stricken!

Die Hinrichtung

Mit Armgerankes schwanker Kett' m Zorne fest geschnüret,
Im Lustgemach am Abende den Mägden vorgeführet,
»Tust du mirs wieder?« angelallt, Verbrechens überführet,
Von der Geliebten, welche weint, wird wie es sich gebühret
Gerichtet hin der Glückliche, den es zum Lachen rühret.

Kindische Zeitberechnung

In zwei Stündchen, oder bis zu Mittag oder Nachmittag,
Oder wann der Tag ist um, wirst, Liebster, du zurück doch kommen?
So ihn, der zur Reise, die wohl hundert Tage währen mag,
Eben geht, hält sie mit Worten, die von Tränen sind umschwommen.

Der Abschiednehmende

»Kommen doch wieder, die gehn! Mach, Schönste, dir keine Gedanken!
Sieh mich so bleich nicht an!« – Da ich mit Weinen es sprach:
Ach, von ihrem betränten, vor Scham mattsternigen Auge
An mit Lächeln geblickt, ging ich, dem Tode geweiht.

Hörend in schweigender Nacht dumpfrauschenden Regengewölkes Ton,
Langaufseufzend ans Weib, das verlassene, denkend in Zähren
Weinte ein Wandrer so laut aus offener Kehle die Nacht durch,
Daß die Bewohner des Dorfes im Dorfe die Rast ihm verwehren.

Da ich nur einmal im Schmerzzorn »geh doch!« sprach mit barschem Ton,
Ging er gleich, das Felsenherz, vom Bette mit Gewalt davon.
Solches hastig treubundbrechend unbarmherz'gen Mannes nun
Denkt die Seele schamlos wieder! Freundin, o, was soll ich tun?

Der bestrafte Plauderer

Da was das liebende Paar in der Nacht sprach, immer am Morgen
Plaudert der Hauspapagei, wirft die sich schämende Braut
Einen Rubin, als sei es ein rötlicher Kern der Limone
Ihm in den Schnabel und stopft also dem Schwätzer den Mund.

Die Gekränkte weiset den Untreuen auf die ihr nicht entgangenen frischen Zeichen seiner Untreue hin

Mich verachtlich abgewandte, schwergekränkte zu umfangen
Wirst du unverständig, Frecher, ja so weit hast du's getrieben!
Sieh hier deine Brust gerötet von – es ist mir nicht entgangen –
Von des Schätzchens dicker Schmink, und fett von Salben eingerieben.

Das Zusammensitzen wehrt sie durch Entgegengehn geschwind,
Und durch Betelbringensvorwand hemmt sie der Umarmung Brunst;
Anred' überhört sie durch Befehlegeben ans Gesind:
So befriedigt sie am Liebsten ihren Groll mit aller Kunst.

Doppelliebschaft

Scheuer Begier, da er sah zwei Schätzchen zusammen auf einem
Sitze, von hinten herbei schlich er, verhält wie zum Scherz
Einer die Augen, und leise, der Schelm, mit gebogenem Halse
Auf die errötende Wang' hat er die andre geküßt.

Da verschmäht den Fußfall sehend,
(Weg, Verworfner! schalt sie ihn)
Ab vom Gnadeflehen stehend,
Der Geliebte wollte fliehn;
Gab sie, auf den Busen stemmend
Ihre Händ' und Seufzer hemmend,
Aus dem Auge, dem betauten,
Einen Blick an die Vertrauten,
Welcher sagte: haltet ihn!

So den Gewandsaum gürtelgefestigt, wieder warum, nur
Schläft die blinzenden Augs? fragte der Freund ihr Gesind. –
»Schützt mich sogar nicht der Schlummer?« sie zürnt'
es und warf sich herum zum
Schlafen mit List, und es ward jenem ein Platz auf dem Bett.

Zweier auf demselben Lager abwärts redlos schmollender,
Gegenseitig herzergebner, aber ernsttun wollender
Gatten, wie die Blicke leise sich durch Augenwinkelstreifung
Mischten, schwand ihr Groll in Lachen unter fester Halsergreifung.

Der Sieger

»Was sie mir anhat, wollen wir sehn!« so faßt ich ein Herz mir.
»Redet er etwa mich an, der Verwegne?« trotzte mir jene.
Wie wir einer des andern Verlegenheit also erlauern,
Lacht ich mit List, da floß ihr die haltungraubende Träne.

Wie sie halbverlegnen Stolzes mit der Hand den Antlitzmond stützt,
Wie der Fußfall mir Ratlosem blieb zum einzigen Hort,
Ward von ihr mir unter wimpersaumgekräuselspaltendem,
Sich am Busenrande brechendem Tränenstrom das Gnadenwort.

»Ja trägst du nicht von eines Weibs Umarmung auf der Brust die frischen
Salbkrusten, suche sie nur nicht mit Kunst durch Fußfall zu verstecken!«
So da sie sprach; »Wie so?« rief ich, schnell die Spuren zu verwischen,
Umarmt' ich sie mit Ungestüm, daß sie's vergaß im frohen Schrecken.

»Du Frohaugige hast herzraubende Reize genug auch
Ohne Korsett« – da der Freund also die Schleifen ergriff,
Jetzt von der lächelnd am Bette gesessenen freundlich gegrüßt ging
Leise die dienende Schar, Listiges flüsternd, hinaus.

Ob Brauenfurchung sei beschickt,
Das Auge dennoch schmachtend blickt;
Und ob das Herz sich streng ummauert,
Die Haut des Leibes dennoch schauert.

Ist's Wort gehemmt, doch lächelvoll
Wird dieser Mund, der brennen soll!
Wie ist es möglich, sich zu fassen,
Wo sich die Männer sehen lassen!

»Liebste, bring mit Blickespielen hin die wen'gen Tage nur!« –
»Schön! Mit Blicken mag ich spielen, wo nicht öde steht die Flur.« –
»Sieh, auch kommen werd ich.« – »Kommen wirst du, Freunden bringend frohen Mut.«
»Und was soll ich dir mitbringen?« – »Eine Handvoll Gangesflut.«

Bei des Gatten erstem Fehltritt, keinen Rat der Freundin hörend,
Weiß sie nichts von leidenschaftlichen Gebärden oder Zanken.
Nur allein mit reinen Tränen Augen-lotose verstörend
Weint die junge Unschuld eben, daß die feuchten Locken schwanken.

Laß, Bester, es gesagt dir sein! Genug der Reden! Gehe!
Nicht die geringste Schuld ist dein, doch mein Geschick ist Wehe.
Wenn deine Lieb', einst also groß, ein solches Ziel nun findet,
Was kümmert mich das nichtige Scheinleben, ob es schwindet!

Hell klingt das Halsband auf der Brust, die Hüft' umhüpft der Gürtel
Mit Glockenspiel, der Knöchel tönt von Edelsteingespange.
Wenn du zum Liebsten gehend schlägst das Tamburin, o Mädchen,
Warum doch blickst du her um dich so bebend scheu und bange?

»Morgens morgens immer kommst du, nur im Schlummer mich zu stören,
Besserung geworden ist mir Armen nun nach schwerem Weh.« –
»Was verbrach ich Unbedachter?« – »Freundestreue brachst du, geh!«
»Du bist krank.« – »Und was ich tu', um zu genesen, wirst du hören.«

Vergleichung

Ein Mädchen sie, wir gramgebückt.
Ein frohes Weib sie, wir gedrückt.
Sie üppig schwellebrustig.
Wir kummerschwer unlustig.
Sie trägt der Lenden Fülle kaum,
Uns trägt der Fuß nicht mehr im Raum.
Nie wird an uns gerochen,
Was andere verbrochen!

Auf sind gebrochen die Spangen, und stets gehn liebende Tränen,
Fassung bleibet nicht mehr; Geist ist zu wandern gesinnt.
Alle sie ziehn mit dem scheidenden Freund; und, mußt du doch auch gehn,
Mußt es gegangen denn sein, Leben, was gehst du nicht mit?

Spröde die Lipp' einkneifend, erschreckt vorstreckend die Finger,
»Laß mich, Wicht!« so mit Zorn höher die Brauen gespannt,
Schaudernden Auges die Stolze; wer also sie küßt mit Hast, hat
Amrit, es rührten umsonst törichte Götter das Meer.

»Er schläft; geht schlafen!« sprach ich, und hinaus ging Dirn um Dirne.
Da drückt' ich liebewallend noch den Mund auf seine Stirne;
Bis ich des Schelms erlognen Schlaf am Schaur der Haut bemerkte;
Da kam mir Scham, die nahm er dann durch zeitgemäßeWerke.

Worin der Zorn ein Brauenfurchen, die Weigerung ein Schweigen,
Worin die Huld ein Wechsellächeln, der Blick ein Gunstbezeugen;–
Die Lieb', in der so lind war alles, wie ward sie so uneben!
O sieh, du windest dich zu Füßen, und ich kann nicht vergeben!

»Laß doch, Schönste, den Zorn, o sieh mich zum Fuß dir geneiget;
Nicht doch so grausamer Art sonst ist gewesen dein Zorn.«
Also da sprach der Gebieter, von ihr schrägblinzenden Auges
Wurde nicht wenig geweint, aber erwidert kein Wort.

Mit von Umarmungsdruck ausbrechendem Schauer der Brüste,
Mit von Wonnegewalt wogendem Lendengewand ;
»Laß mich, laß mich, genug!« so Töne gebrochene stammelnd,
Schläft oder stirbt sie,« vergeht oder vergehet in mir?

Wie er ans Gewand sich schmieget, neigt sie willig ihr Genick;
Wie er zur Umarmung drängt, enthüllt bescheiden sie den Leib,
Schweigend auf die Mägde, welche lachen, wendet sie den Blick.
Hold vor Scham verstummt beim ersten Minnescherz das junge Weib.

Nach zerbrochnem Freundschaftsbande, nach zerstobner Hochbewerbungsehre,
Nach hinweggegangnem lieben Mann, als ob ein fremder Mann es wäre;
So betrachtend, so betrachtend, liebe Freundin, jene Tag' im Glücke,
Sagen kann ich nicht, warum das Herz mir nicht zerspringt in hundert Stücke.

Zwei Langgetrennte, sehnsuchtsweh-gewelkte Glieder habend;
Sich nun begrüßend, wie an neu gewordner Welt sich labend,
Antretend endlich ihre Nacht an langen Tages Ziele;
So süß wie ihr Gespräch vergehn kaum ihre Minnespiele.

Festlicher Empfang

Blicke, nicht Nymphäen, sind es,
Die sie schlingt statt Kranzgewindes;
Und ihr Lächeln, nicht Jasminen,
Soll zum Blumenstrauße dienen.
Ein schweißentbindend Brüstepaar,
Kein Opferkrug, bringt Weihflut dar.
Bei läßt sie nur die eignen Glieder steuern,
Zur Willkommspende dem erharrten Teuern.

Der Freund, im Magdgewand hereingekommen,
Und sich im Winkel schmiegend, schuldbewußt,
Ward von mir ungekannt in Arm genommen;
Ein Laut verriet ihm das Geheimnis meiner Brust,
Die nach Zusammenkunft mit ihm entstandne Lust.
»O Mädchen, das wird schwer sich fügen!«
Rief er, der fest im Arm mich nahm.
Leicht konnte mich der Schelm betrügen,
Heut, eben als der Abend kam.

Fußfall fürchtend, birgt sie sittig mit dem Kleid des Fußes Ort,
Unterdrückt mit Kunst ein Lachen, lasset ihren Blick nicht frei;
Red' ich an, so spricht zur Magd sie nebenaus ein letztes Wort.
Ei, daß ihre Sprödigkeit, die reizende, gesegnet sei!

Wieviel Spruch' ihr eingelehrt von klügeren Vertrauten waren,
Soviel sagt sie eilig her vorm Freunde, der sich schwer vergangen;
Dann sofort beginnt sie, wie es ihr ums Herz ist, zu gebaren;
O Natürlichkeit der Liebe, hold von Mädchentand umfangen!

Sehnsuchtsvoll, da von fern er nahete – staunend betroffen,
Als er den Gruß ihr bot, – rötlich vor Zorn, da den Arm
Er um sie schlang, – als ihr Kleid er umklammerte, wolkig von Braue, –
Als er zu Fuß ihr verstört stürzte, von Tränen gefüllt
Ward es, das Auge der Stolzen, o Wunder, das scharfblickreiche,
Weil es am Liebsten entdeckt eine verborgene Schuld.

»Woher der Glieder Schmächtigkeit? Das Zittern, wie?
Von wannen, O, Mädchen, diese bleiche Wang?« als so der Herr sie fragte,
»Das ist gekommen von ihm selbst«, antwortet die Verzagte
Und räumt die Tränen seufzend weg, die von den Wimpern rannen.

Vor ihr stand ich betreten, verwirrt durch Namensverwechslung,
Und aus Verlegenheit schrieb etwas am Boden ich hin.
Unglücklich lenkte der Züge Verschlingung, ach, zu Vorschein
Kam nun der Nam' auch dort, der mein Geheimnis verriet.

Hartherz'ge, laß den Irrtum, laß das ehrenrührige Schmähen,
Zu kränken einen Mann wie mich, ist, Teure, dir nicht beschieden.
Doch hältst du es für Rache, mein Kind, und meinst,es muß geschehen,
So tu mir, Liebste, was du willst, und sei mir nur zufrieden.

Lind den Staub der Flur besiegelnd, Eingang findend in die Ritzen
Des von Sturmwindskrach gebrochnen Hüttleins, die nicht sind zu stopfen,
Wo der arbeitsamen Bäurin sie den Schweiß der Brustbespritzen,
Fallen jetzt des Herbstes Candalblüt' erweckende Regentropfen.

Der Mond, zugleich getrunken mit dem Wein,
Wie er im Becher schwebt' im Widerschein,
Brach wohl die Stolzverfinstrung spröder Frauen,
Denn diese da läßt plötzlich Huld mich schauen.

Erinnerung an den Abschied

Heil dir, siehst du am Himmel die drängende Fülle der Wolken,
Freund, und eilest! – so weit sprach sie mit Mühe das Wort,
Lehnte sich hin dann auf mein Gewand, und schrieb an dem Boden;
Das nur konnte sie tun, da ihr die Stimme versagt.

Diese weitgeaugt-blicklüstige,
Vollgewölbet-schwellebrüstige,
Breitgelendet träge Gängerin,
Meine liebste Herzbedrängerin.

Ein mit Lack belegter, frühlingssprossenlinder,
Ein bespangter Fuß, ein schwer wollüstig träger;
Wo ein Tritt von ihm trifft einen Liebessünder,
Der ist dein, o sel'ger Delphinfahnenträger!

»Kind!« »Herr!« »Laß, o Gekränkte, den Groll!« »Was tu ich mit Groll dann?«
»Mir ist's leid.« »Nicht mein Herr kränkt mich, die Schuld ist an mir.«
»Nun was weinst du schluchzend?« »Vor wem denn wein ich?« »Vor mir nicht?«
»Wer bin ich dir?« »Mein Lieb!« »Nein! und ich weine darum!«

Winterbild

Die ringsum in des Himmels Antlitz streuen
Den hochentführten schneegeflockgepaarten
Jasminenblütenstaub, den zarten
Wohlduftigen, dessen sich die Bienen freuen;
Die gleichsam aus dem Liebespochen
Safrangesalbter Busen-Auen
Hervorgebrochen,
Frosteswonneschauer von dem Munde
Eintrinken rehgeaugter Frauen,
Die winterlichen Winde wehn zur Stunde.

Sie hört in stiller Nacht der ersten Wolke Dröhnen,
Und mit erschlafften Gliedern fällt
Aufs Bett sie, an den Boden hin mit Stöhnen,
Wo stützend sie die Hand betrübter Mägde hält.
Aus voller Kehle, wehgeschwellt,
Zuletzt ein Tränenstrom zerschellt
Am harten Busenpochen,
So weinet süß gebrochen,
Gedenkend an den holden Leib
Des fernen Freundes, das verlassne Wandrerweib.

»Warum hab' ich Törin nicht umhalst den Herzgebieter nun?
Seinem Kuß den Mund entzogen? Warum ihn nicht angelacht?
Angesprochen?« Also denkend an ihr jungfräuliches Tun,
Fühlt das junge Weib nun Nachreu, da ihr Herzchen aufgewacht.

Dessen Namen nur vernehmend, wolkenschaurig stehn die Glieder,
Dessen Antlitzmond erblickend, wird der Leib mondperlenfarb,
Wann doch wird von dem genahten halserfassungsungestümen
Lebensherrn der Stolz gebrochen meiner, die an Blitzen starb!

Der Morgenwind nach einer Lustnacht

Feucht von schöner schweißbeperlter Antlitzmonde Tropfenraub,
Schwanke Lockenfülle schüttelnd, rüttelnd Lendenhülle lind,
Früh im Frühling mit erblühter Wasserlilien Düftestaub,
Fächelnd, nächtger Lust Erschöpfung nehmend, weht der Morgenwind.

Glieder sandelstaubbleich, laubweich Lippen braun von Betelkaun,
Von Besprengungswassern trübe Augen, die von Salben taun,
Blumenwerkduftend-feuchtes Haarnetz, blaue Duftgewänder weit:
Solches gibt am Sommerabend lieben Frauen Lieblichkeit.

Etwas besser ist der Tag noch als die Nacht,
Besser doch die Nacht noch als der Tag verbracht;
Besser daß nur beides schwinde,
Wo ich nicht den Liebsten finde!

Zitternde Wasser im Auge, Beschwörungen, lieblicher Fußfall –
Zärtliche halten damit auf den Geliebten, der reist.
Hell sei, o gehe du nur, und heiter der Morgen zur Ausfahrt!
Was mir die Liebe gebeut, hörest du einst wann du kehrst.

Sie hängt sich nicht ans Kleid, die Tür
Nicht sperret sie mit Armerankenstemmung;
Die Kniee nicht umklammert sie;
Nicht: »bleibe, bleibe!« ruft sie mit Beklemmung.
Den Harten, der, wie regnerisch
Das Wetter sei, doch fort will ohne Hemmung,
Hält auf nur die vom Tränenguß
Der Schmächtgen eingetretne Überschwemmung.

Ich weiß nicht, wann der Freund erscheint
Und bringet Freundesrede vor,
Ob alle Glieder mir vereint
Im Aug' sind oder ob im Ohr.

Den Leib in Liebeswehn verzehrt der ungeschickte Kâma,
Und Tag' und Stunden zählt geschickt der mitleidlose Yama.
Du selber, doch ein Mann, erliegst der Krankheit im Gemüte,
Bedenke, wie soll leben erst ich zarte Frauenblüte!

Liebe, gegen den zu Fuß geschmiegten
Welche Härte! Gegen den besiegten
Treu ergebnen, Grausame, welch ein Verfahren!

So begütiget von Mägdesprüchen;
Ward von ihres Zornes Tränausbrüchen
Plötzlich stillgestanden nicht, noch fortgefahren.

Mein Leib ist einst gewesen vollkommen ungekränkt,
Dann wardst du Herzgeliebter, dem ich mein Herz geschenkt.
Nun bist du Herr, Gebieter, und was bin ich? Das Weib!
Doch halten diese Glieder, und nicht zerspringt der eisenfeste Leib.

»Törin, was willst du verbringen in törichter Trauer die Tage?
Fasse nur Mut! Tu ab Treu, und Beständigkeit laß!«
So von der Freundin ermuntert, erwidert die Schüchterne leis': »O
Wird mich nicht hören der Freund, welcher im Herzen mir wohnt?«

Je mehr ich trinke liebetrinkbegierlich,
Von der Geliebten reichem Lippensaft
Wird immer mehr mein Durst gereizt, natürlich,
Es ist darin Gewürzes Kraft.

»Wo in der wolkigen Nacht, Rehfüßige, trägt dich dein Weg hin?« –
»Wo der Geliebteste wohnt, welcher mein Leben beherrscht.« –
»Sprich, so einsam allein, wie fürchtest du nicht dich, o Mädchen?« –
»Ist mein Geleitsmann doch Kâma gefiederten Pfeils.«

Den sie mit dem Lotosfächer schlug,
Weil fremder Küsse Spur er trug,
Stand blinzelnd mit den Augen, daß sie glaube,
Die Sehe sei versehrt vom Blütenstaube.

Wie sie vor ihm nun stehet itzt
Und bläst, und ihren Mund wie eine Knospe spitzt,
Küßt er in einem fort, halb aus Verlegenheit?
Die Bebende, halb aus Verwegenheit?

Mag nur zerspringen das Herz! Mag Kâma nach Lust nur den Leib mir
Magern, o Freundin, nichts, nichts von dem Flatternden mehr!
Also rufend in Zornaufwallungen, blickte das Rehaug
Seitwärts aus auf den Pfad, ob der Ersehnte nicht naht.

»Siehe, das Bett von der Last in Umarmung zerriebenen Sandels
Ward hier, Zarte, zu hart«. Also empor an der Brust
Hob er mich rasch, die vom Schmerz eng pressenden Kusses verwirrt,
Und aufschürzend den Saum, tat was ihm ziemte der Schalk.

Als er zurück kam endlich, der lang mich Gekränkte vermieden,
Zeigt' ich, gemagert vor Weh, doch ihm die Träne des Zorns.
Aber, besorgt vor dem Hörvorwitz unduldsamer Mägde,
Erst mich allein im Gemach sehende, weint' ich mich aus.

Sie blickt, so weit die Blicke tragen, dort hinaus,
Von wo er kommen soll, bis zum Ermatten;
Doch ach, die Pfade sind geteilt, sich neigt der Tag,
Und immer finstrer dehnen sich die Schatten.

Da gibt sie ihre Hoffnung auf, und heimwärts tut
Sie einen Schritt, der kaum ihr geht von statten;
Da denkt sie »Kommen wird er jetzt!« Und noch einmal
Gereckten Halses blickt sie nach dem Gatten.

Angekommen war der Freund, der Tag in lauter Wünschen schwand,
Doch ein täppisch Fraungesinde dehnte das Gespräch der Nacht.
»Jemand sieht uns!« rief sie plötzlich, schüttelte das Florgewand;
Von der Lustbewegten ward die Lampe so zur Ruh gebracht.

Ohne daß du Sinneswandlung am geprüften Freunde spürtest,
Treuer Mägde Rat verachtend, warum hast du ihm getrutzt?
Da mit eignen Händen du um dich den Brand der Kohlen schürtest,
Der dich peinigt; Törin sieh, was nun dein Waldgewinsel nutzt?

Stille war alles im Hause, vom Lager erhob sie sich leise,
Schlich, und betrachtete lang' ihn, der den Schlummer nur log;
Küßt' ihn vertraut; da bemerkt sie die schauernde Haut auf der Wange;
Schnell das sich schämende Kind küßte der wachende Freund.

Ward nicht Sehnen reg im Herzen, schwollen weich die Brüste nicht?
Überzog den Leib nicht Schauder, Perlenschweiß das Angesicht?
Da ich schon beim Blick des argen trauten Fassungräubers schmolz,
O wie soll sich aufrecht halten der erkünstelt kluge Stolz?

Angeblickt ins trübe Auge, händefaltend angefleht,
Am Gewand zurückgehalten, unverstellt ans Herz gepreßt;
Da der Harte, von sich alles stoßend, unbarmherzig geht,
Sinkt sie hin, die erst ihr Leben und alsdann den Liebsten läßt.

Was mit Spitzen der Finger die rinnende Träne zerstreuend
Weinst du, Grollende, still? Lauter noch weinest du bald,
Deren erbittertes Wort ausschweifenden Stolzes durch Kränkung
Zum Gleichgiltigen wird wandeln den zärtlichen Freund.

Seinem Antlitz wend' ich ab das Antlitz, und den Blick zu Fuß;
Seiner Rede schließ' ich Ohren, schmachtend er nach einem Gruß.
Schauerschweiß mit Händen deck' ich, der aus beiden Wangen dringt.
Freundin, was tu ich, wenn am Mieder jede Naht mir springt?

Von ferne kamst du lächelnd mir mit Herzlichkeit entgegen,
Verneigend hörtest du mein Wort, antwortend unverdrossen;
Kein stumpfer Blick ward mein Empfang; was seh ich nun dagegen!
Hartherzige, ein stiller Groll hält dein Gemüt verschlossen.

Teilend das Lager mit ihm, den gebrochener Treue sie zeihet,
Ab sich wendend im Groll, wie er begütigen mag,
So hartnäckig verschmäht den Geliebten sie; bis er nun still wird;
»Schläft er wohl?« also den Hals recket sie und blicket nach ihm.

Hinging der Frühlingslüfte Chor, der Mallikâ-Blütenduft-.
Belad'ne Sommer schwand hin; o könntest du, Wolke, dies?
Mir treiben ein den harten Mann, der draußen in Berg und Kluft
Vorsteht den Kühn, Hirte würd' er leicht Arjuna's im Paradies.

Sie sah des eignen Nagels Mal auf meiner Wang' und ging berauscht
Von Eifersucht. »Wo gehst du hin?« so am Gewandsaum hielt ich sie.
Doch abgewandten Angesichts, betränten Auges: »Laß mich, laß!«
So zorngeschwellter Lippe was sie sprach, vergessen kann ich's nie.

Der lackbelegte, dem an Reiz kein Lotos sich vergleichen darf,
Der von Juwelenfersenglanz rotschimmerig bespangte,
Den die nymphäenaugige mit Heftigkeit die Zorn'ge warf,
Der Fuß auf meinem Scheitel als ein Glückes Zeichen prangte.

Die Wangen Lotosblätter, vom Schlag der Hand zerknittert ;
Des Lippensaftes Nektar, der Seufzer trinkt ihn leer.
Die Trän', am Halse hängend, den zarten Busen schüttert:
Der Zorn ist nun dein Liebster, Unhuld'ge, wir nicht mehr.

Lackspur über der Stirn, und am Hals Handspangenbesieglung,
Augschminkenschwärzen am Mund, Augen von Betel gefärbt; –
Wie sie den zornaufregenden Schmuck sah morgens am Freunde,
Haucht' ihr seufzendes Weh hinter dem Fächer sich aus.

Aus dem Aug auf des vor Brand vergehenden
Trennungswehverglühten Herzens Klopfen
Fallen der dem Freund Entgegenspähenden
Zischend wie auf heißen Stein die Tropfen.

Ihn, der unterdrückten Stolzes schweigend lag zu ihren Füßen,
Und verschmäht sich sehend, weg sich wendet jetzt und gehn will eben,
Hält ihr Auge, das beschämt sich unter steten Tränengüssen
Auf die Brust, bewegt von Seufzern, senkt, zurück aus Lust am Leben.

Wasser im Aug, das die Zarte gedämmt vorm Blick des Gebieters,
Einwärts gärend hat des Manmatha's Flamme bespritzt;
Siehe, von dieser im Sprühen gehemmten zieht aus dem Mund nun
Atmender Wohlduftsrauch, welcher die Bienen berückt.

Beschickt ist Brauenfurchung nun, befohlen ist dem Aug' ein Zwinken,
Gelernt ist Schmollen, eingeübt mit Sittigkeit das Lachenhalten.
Dem Herzen bracht ich endlich bei, in fester Fassung nicht zu sinken;
Die Anstalt ist zum Kampf gemacht; des Sieges mag dasGlück nun walten!

Manches Gebirg und Wälder mit erdebewässernden Strömen
Wehrt zu des Wanderers Blick dem, was er liebet, den Weg.
Ob er es weiß, doch reckt er den Hals, und tritt auf die Zehen;
Heimwärts blickend im Geist, schwindet in Tränen er hin.

Wenn du den Groll ins Herz, Flutlilienaugige, schlossest,
Sei er dein Liebster nunmehr, was zu bedenken ist noch?
Jene von mir dir offen gegebnen Umarmungen gib mir
Wieder, o gib nur zurück jeden gegebenen Kuß!

Ihr Schenkelpaar zwei Stämme der Kadalen,
Ihr Wuchs ein Strom, die Brüste lustgeschwellt,
Mit Anmutstau gefüllt zwei goldne Schalen,
Zu König Kâma's Krönungsfest bestellt.

Leichtsinnige, was ward von dir dein flehend hergekommener
Fußfäll'ger, wimmerweicher Freund mutwillig abgewiesen?
So magst du, Zuflucht suchend nun beim Weinen, mit verglommener
Lusthoffnung lebenslang die Frucht des bittern Grolls genießen.

So kläglich sang, erschüttert von flutschwerer Wolken dumpfem Ton,
Mit Tränen stiller Sehnsucht Weh der Wandrer in der Nacht.
Es lasse nur der Freund, der mit das Leben nimmt, sein Reisedrohn;
Da mir des Trotzes Grabeflut schon ein fremder Mann gebracht.

Dem ein frischer Kranz, ein feuchtes Kleid, ein Wasserlilienstrauß
Und Frosttropfen sprühnde Mondenstrahlen allenthalben
Nur zum Brennstoff dienen und die kühlen Sandelsalben;
Kâma's Feuer, kann es jemals in dem Herzen gehen aus?

Sie ist wie Gangâ, wenn im Herbste voll
Der Strom noch ist, doch nicht mehr überschwoll.
Als wie zwei Inseln tauchen auf die Wangen,
Darüber falterschimmrig Bachstelzen, lose Augen.
Und Kâma, der Candâle, spannt den langen
Braubogen, doch will er die Vögel fangen?
Zu Schlingen mögen ihm die zwei gewundnen Ohren taugen.

Um rehgeaugter Schönen Busen dehnen
Sich des Geschmeids geschmeidige Geflechte.
Fühllose Perlen selber fühlen Sehnen;
Was wir denn, Kâma's willenlose Knechte!

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