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Indische Liebeslyrik

Friedrich Rückert: Indische Liebeslyrik - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorFriedrich Rückert
titleIndische Liebeslyrik
publisherVerlag Hans Bühler jr.
printrun1.-10. Tausend
editorHelmuth von Glasenapp
year1948
firstpub
translatorFriedrich Rückert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081222
projectid1a36efb1
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1. Kâlidâsa

Aja und Indumatî

Eine idyllische Romanze

(Aus Kâlidâsa's »Raghu-vansha«)

König Aja (sprich: Adscha) von Ayodhyâ, Raghu's Sohn, ist glücklich vermählt mit Indumatî, der Königstochter von Vidarbha. Die wunderbare Art, wie er sie verliert and betrauert, schildert die Romanze.

Eines Tags, gedenkend seines Volkes,
Ging lustwandelnd der beglückte Vater
Mit der Gattin in den offnen Gärten,
Wie in seinem Paradies Gott Indra.

Doch, um dem am Südmeer in Gokarna
Eingekehrten Shiva auf der Laute
Vorzuspielen, eilte durch die Lüfte
Nârada im Sonnenpfad von Norden.

Den um's Haupt des Saitenspiels geschlungnen
Kranz, geflochten aus unird'schen Blumen,
Raubte, sagte man, ihm der ungestüme
Wind, der gleichsam sie durchduften wollte.

Alles, was die Jahrszeit an Gewächsen
Bot, mit Seimgeruchfüll' überbietend,
Nahm der Himmelskranz den schönen Platz ein
Auf der Königsliebsten Busenschwellung.

Einen Augenblick den holden Brüsten
Sah sie ihn gesellt nur, und ohnmächtig
Schloß des Edlen Gattin ihre Augen,
Wie bei Mondverfinstrung die Nymphäe.

Mit dem sinnverlassnen Leibe niederfallend,
zog sie mit zum Fall den Gatten.
Nicht so? mit des Tropfen Öls Verschüttung
Kommt zu Boden auch die Lampenflamme.

Vom Gefolg der beiden mit verworrnen
Weherufen aufgescheuchte Vögel,
Nistende in Lotosbüschen, schrieen
Dort nun, wie vom gleichen Schmerz betroffen.

Fächlung und dergleichen hob des Fürsten
Sinnumnachtung, aber sie blieb liegen;
Denn nur da kann Rettungsanstalt frommen,
Wo vom Leben übrig ist ein Funken.

Einer Laute, welche man von neuem
Will beziehn, glich die entseelte Schöne,
Die der ganz von Zärtlichkeit durchdrung'ne
Hielt umfassend im gewohnten Schoße.

Und er klagte laut in Tränen schluchzend,
Angestammte Festigkeit vergessend;
Selbst geglühtes Eisen muß ja schmelzen,
Was soll man von Menschenseelen sagen!

»Ach, wenn Blumen selber durch Berührung
Eines Leibs das Leben rauben können:
Was wird nicht zum Todeswerkzeug werden
In der Hand des feindlichen Geschickes!

»Oder ja, zu fällen sanftes Wesen,
Brauchet Sanftes nur der Lebensender;
Dessen Beispiel sah ich eine Lilie
Jüngst an Reifbeträufelung verscheiden.

»Oder ja, um meines Unglücks willen
Ward von Gott gebildet dieser Blitzstrahl,
Daß von ihm nicht ward der Baum zerschmettert,
Nur die Ranke, die an ihn sich schmiegte.

»Die du, selber wo ich dich gekränket,
Lange Zeit auf mich nicht zürnen mochtest:
Wie auf einmal mich nun, den Unschuld'gen,
Achtest du nicht würdig anzureden?

»Lächelklare! wohl für einen Unhold,
Einen falschen Freund mußt du mich halten,
Daß du auf Niewiederkehr zur andern
Welt von hier gingst, sonder Abschiednahme!

»Hatt' es doch, Geliebte, dich begleitet,
Was ist's ohne dich zurückzukommen?
Tragen mag es nun, mein übles Leben,
All' die Qualen, die es selbst verschuldet!

»Hier auf deiner Wange steht des Schweißes
Perle noch, erzeugt von Liebeslustkampf,
Und du selber bist in dir zergangen;
O Hinfälligkeit der Leibbegabten!

»Deine blumdurchflochtenen, gekrausten,
Bienenschwärme gleichen Locken regend,
Täuscht, o Zartgegliederte, der Windhauch
Mein Gemüt mit deiner Umkehr Hoffnung.

»Liebste! möchtest du durch dein Erwachen
Also meinen Kummer schnell zerstreuen,
Wie durch ihren Glanz bei Nacht die Pflanze
Im Geklüft Himâlayas das Dunkel!

»Aber mich betrübt dein haarumflossnes
Angesicht mit dem verstummten Munde,
Gleich dem nächtlich eingeschlafnen Lotos,
Wenn in ihm nicht mehr die Biene summet.

»Die sogar ein Bett aus frischen Blumen
Mag verletzen, deine zarten Glieder,
Sage, wie sie es ertragen sollen,
Holder Leib, den Holzstoß zu besteigen!

»O, zum Nichterwachen eingeschlafen,
Deines Leibs Vertrautester, dein Gürtel,
Tonlos, weil dein reger Gang nun ruhet,
Dir aus Kummer scheint er nachgestorben.

»Deinen sanften Laut in Kuckucksweibchen,
Deinen trunken matten Gang in Schwanen,
Deinen schwanken Blick in Rehen, deine
Flatterung in windbewegten Ranken.

»Diese Eigenschaften hinterlegtest
Du, beim Himmelsfluge mich bedenkend;
Aber nicht mein Herz, von deiner Trennung
Kummerschwer, vermögen sie zu stützen.

»Wenn von deiner Anmut nun befruchtet,
Der Ashokabaum wird Blüten bringen,
Dir bestimmt zum Lockenschmuck, wie soll ich
Dir zur Grabbekränzung sie verwenden?

»Aus Vakulablumen, welche duften
Wie dein Odem, eine Scherzkett' hast du
Halb mit mir geschlungen, nicht vollendet,
Und nun, Himmelssängerkehle, schläfst du!

»Freundinnen, die Lust und Leiden teilen,
Und ein Sohn, dem Mond im Wachsen ähnlich,
Und ich selbst dir einzig hold, und gleichwohl
Fest beharrest du bei deinem Vorsatz

»Unterging Genuß, dahin Vergnügen,
Der Gesang verstummt, der Lenz ist festlos,
Und des Schmuckes Anlaß ist benommen,
Einsam nun geworden ist mein Lager.

»Weib, geheimer Rat, vertraute Freundin,
Liebe Schülerin in süßer Tonkunst,
Mir geraubt vom mitleidlosen Tode,
Du, o sage, was mir nicht geraubt sei!

»Trunkenaugige, die du einst trankest
Süßen Saft von meinem Munde, wie nun
Sollst du trinken meine tränentrübe
Dir ins Jenseits nachgereichte Spendflut!

»Blieb die Königsmacht auch, da du fehlest,
Nur soweit sei Aja's Lust gerechnet:
Ungereizt von anderen Begierden,
Ist in dir beschlossen mein Verlangen.«

Kosala's Gebieter, also klagend
Leidgefügte Weisen um die Liebste,
Machte rings die Bäume des Gefildes
Von den Zweigen Harzflußtränen regnend.

Endlich die aus seinem Schoß gerissne
Holde Gattin ward von den Begleitern
Angetan mit Totenschmuck, gegeben
Sandelaloegenährtem Feuer.

»Einem Weibe starb er nach aus Kummer,
Er, ein Fürst!« erwägend solchen Leumund,
Deshalb nur nicht opfert' er der Glut sich
Mit der Kön'gin, nicht aus Lust am Leben.

Und so zog er ohne sie zur Stadt ein,
Gleich dem Monde, den die Nacht verlassen,
Seines Kummers Überströmung schauend
In betränter Städterinnen Augen.

Doch sein Lehrer, der in heil'ger Weihe
Hütete die Siedelei, da kund ihm
Durch Eingebung ward der Schmerz des Königs,
Sendet, ihn zu trösten, einen Schüler:

»Weil den Muni fromme Bräuche halten,
Obgleich deines Kummers Anlaß kennend,
Ist er selber nicht zu dir gekommen,
Der Aufrechte, um dich aufzurichten.

»Doch, o Trefflicher, du triffst in meinem
Munde seinen Gruß geschwinden Rates,
Du, des' Ruhm die Welt vernahm, vernimm ihn,
Und im Herzen mögest du ihn wahren.

»Denn in dem Gebiet des unerschaffnen
Höchsten Geistes sieht mit ungehemmtem
Auge der Erkenntnis das Gedritt er,
Das Gewesne, Seiende und Künft'ge.

»Einst, so heißt es, über Trinavindus
Schwere Büßung in Besorgnis schwebend,
Sendete zur Störung seiner Andacht
Hari Harinî'n, die Götterschöne.

»Er mit Zornglut der gehemmten Buße
Das Gestad des Gleichmuts überwogend,
Fluchte der vor seinem Blick liebreizend
Gaukelnden: Zum Menschenweibe werde!«

»Heil'ger Mann! ich diene fremdem Willen:
Die getane Ungebühr verzeihe!«
Die so Fleh'nde bannt' er doch zur Erde,
Bis sie würde Götterblumen schauen.

»Sie nun ward, geboren im Geschlechte
Krathakaishika's, zu deiner Gattin,
Und sie blieb es, bis ihr fiel vom Himmel,
Unverlangt, was jenen Fluch beendigt.

»G'nug des Grames nun um ihr Entschwinden!
Untergehn muß alles Aufgegangne.
Richte deinen Blick auf diese Erde,
Denn die Erde ist des Fürsten Gattin.

»Der du, Übermut im Glück vermeidend,
Weisheit einst mit festem Sinn entfaltet,
Mögest du, da dein Gemüt ein Leid traf,
Mit Unweichlichkeit auch jetzt sie zeigen!

»Kummerfreien Sinns erfreue deine
Hausgenossin mit den Totengaben;
Denn der Angehör'gen stetes Weinen
Brennt den Hingeschiednen, also lehrt man.

»Edler Selbstbeherrscher, nicht in Herrschaft
Der Betrübnis falle, gleich Gemeinen!
Was ist Unterschied von Berg und Bäumen,
Wenn sie beid' im Winde wollen schwanken?« –

»Gut, so sei es!« Also nahm er an das Wort
Seines Lehrers, und ließ ziehn den Boten;
Doch, nicht findend Raum in kummervoller Brust,
Zog auch es zum Meister gleichsam wieder.

Acht Jahre bracht' er hin mit Not getreulich
Und freundlich, um des jungen Sohnes willen,
Mit Schau'n von Ebenbildern seiner Liebsten,
Und flüchtiger Vereinungslust in Träumen.

Der Keil des Kummers aber spaltet' unversehns
Sein Herz, wie eines Hauses Wand ein Feigensproß;
Annahm er dieses, Ärzten unheilbare, Weh
Für Heil, aus Sehnsucht, seiner Gattin nachzugehn.

Als wohlerzogen, waffentragend, seinen Sohn
Zur Hut der Völker brauchgemäß er eingesetzt,
Des kranken Leibes üble Wohnung räumete
Der Fürst, sich unterziehend freiem Hungertod.

Wo am heil'gen Wallfahrtort sich Sarayû und Gangâ
Mischen, ließ er seinen Leib, und trat im Götterchor ein,
Und vereint mit seiner Liebsten, reizender als jemals,
Spielet er in Wonnehäusern, Paradiesesräumen.

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